Die Zeit heilt Wunden ? (Römer 8, 18-23)

„Die Zeit heilt alle Wunden“ – wie oft hatte sie diesen Satz schon gehört, wollte ihn so gerne glauben und konnte es doch nicht. Es tat immer noch weh, schlimmer: es tat immer wieder neu weh. … Immer wenn ihre Gedanken kreisten und in die Vergangenheit zurückkehrten. Alles, was ihr im Leben etwas bedeutete, hatte der Krieg und der Tod genommen:

  • den Mann, die große Liebe ihres Lebens,

  • zwei Söhne, die doch erst am Anfang ihres Lebens standen, das blühende Leben, voller Pläne, voller Hoffnung, ungeschriebene Zukunft, ein großes Versprechen, das nun gebrochen schien. Ums Leben gekommen, eigentlich ums Leben gebracht, das sie erst noch führen wollten.

Sie hat die Spuren des Krieges nie wirklich abstreifen können.

Sie hatte nur gelernt mit dem Schmerz zu leben.

Sie hatte verlernt, in ihrem Schmerz zu weinen.

Sie erwartete nicht mehr viel vom Leben, so konnte sie auch nicht groß enttäuscht werden. Aber heil wurde ihre Seele nicht mehr wirklich.

Dieser Schmerz ist mittlerweile hundert Jahre und fünfundsiebzig Jahre alt und sie ist mit ihm wohl längst begraben. Nur wenige erinnern sich noch an sie und die Leiden ihrer Zeit.

Die Kriegsspuren – es ist kein Zufall, dass die diesjährige ökumenische Friedensdekade dieses Motto gewählt hat – waren in ihrer Seele ebenso sichtbar, wie noch lange Jahre in vielen Städten und Landstrichen.

180 Blindgänger wurde in Oranienburg, der größten Stadt unseres Kirchenkreises, seit 1990 entschärft und keiner weiß, wie viele noch im Boden liegen, unentdeckt, eine ständige potentielle Gefahr, Spuren des Krieges bis auf den heutigen Tag. Tausende müssen jedesmal ihre Wohnungen verlassen, wenn wieder ein Blindgänger entschärft wird, und immer ist die Angst groß, ob man am Abend in die eigenen vier Wände wird zurückkehren können. Da fließen oft Tränen. Die Zeit heilt nicht alle Wunden oder alte Wunden werden wieder aufgerissen, werden Teil des Lebens all derer, die doch so viel später zur Welt gekommen sind.

Diese Spuren lassen sich nicht entsorgen auf dem Müllberg der Geschichte. Die Namenstafeln mit den Gefallenen des ersten und zweiten Weltkrieges hatte man in den östlichen Bundesländern an vielen Stellen entfernt, zusammen mit dem Heldengedenken, aber die Erinnerung an den Schmerz der Familien ist geblieben und nach der Wende in so vielen Kirchen wieder hervorgeholt worden, damit er mit den Namen auf den Tafeln und den Familiengeschichten der Dörfer auch einen Ort bekommt, dem Vergessen durch Verschweigen entrissen wird. In dem kleinen Dorf Petersdorf bei Templin haben vor zehn Jahren Schüler und Schülerinnen aus der Förderschule und dem Gymnasium in einem Projekt der Schulen und des Religionsunterrichtes aus den Kriegertafeln ein „Denk mal Frieden“ mitten im Dorf werden lassen. Sie waren so mutig, den alten Tafeln einen neuen Kontext, den überkommenen Wegen der Erinnerung ein neues Gesicht zu geben: Sie wurden in ein Friedensdenkmal integriert. In ein von den Schülern ausgehobenen Rondell wurde eine Europakarte als Mosaik eingelassen. Darin stechen weit verteilt 16 schwarze Steine in Frankreich und der ehemaligen Sowjetunion hervor – die Orte, an denen die Petersdorfer Männer in den beiden Weltkriegen gefallen sind. Die Platte des alten Kriegerdenkmals wurde in eine der vier neuen Metallstelen, die um den Mosaikkreis stehen werden, eingebaut, allerdings kommentiert durch Friedenssprüche aus der Bibel und von bekannten Persönlichkeiten.

Die Zeit heilt alle Wunden?

Vielleicht ist er ja doch wahr, wenn nicht geschwiegen werden muss, sondern geklagt und beklagt werden kann, wenn keiner sich abwendet , weil doch endlich die Vergangenheit einmal ruhen müsse.

Ungeweinte Tränen, unerhörte Schreie, Klagen aus tiefem Herzen, Leiden bis zum Vergehen dürfen nicht einfach beiseite geschoben werden in der Hoffnung, das Gras darüber wachse. Dann wird der Schmerz nie wirklich aufhören.

Das ängstliche Harren aller braucht Orte und Zeiten.

Das Seufzen der ganzen Schöpfung, die Angst angesichts der zerstörenden Macht von Hass, Gewalt, Menschenverachtung und das Leiden einer geknechteten und ausgebeuteten Natur, der uns anvertrauten Kreatur, müssen gehört werden, also bei uns ankommen, auch wenn die Bilder oft schwer auszuhalten sind!

Die Friedensdekade benennt Kriegsspuren heute. Und die Erinnerung führt dann nicht nur nach Aleppo, nach Mossul oder in den Sudan. Da tauchen die Bilder der Bombenattentate aus Afghanistan oder Pakistan oder der Türkei auf, aber auch die Zerstörungen der Beben in Italien, die Verwüstungen der Flutkatastrophen nach dem letzten Hurrikan in Amerika oder der Waldbrände in Kanada und Australien.

Die ganze Schöpfung seufzt und ängstigt sich und wir, vermeintlich in Sicherheit, ängsten uns mit und fürchten um die Zukunft. Das Leid und das Elend der ganzen Schöpfung holt uns ein. Dabei ist es schon mitten unter uns, wo Kohlebagger Mondlandschaften hinterlassen haben, undichte Fässer mit radioaktivem Müll aus Kernkraftwerken das Grundwasser bedrohen und Städte unter Feinstaub oder Smog leiden. Menschen werden atemlos, während die Tier- und Pflanzenwelt ausgebeutet und ausgeschlachtet wird. Es seufzt und ängstet sich die ganze Kreatur.

Aber Wunden heilen. Die Jugendlichen aus Templin und Umgebung haben den Opfern von Krieg und Gewalt, Freund und Feind, einen Erinnerungsort gegeben, dem Vergessen entrissen. Sie haben die Orte ihres Leidens gleichermaßen benannt und gezeigt, dass Versöhnung und Heilung möglich ist, wenn Menschen miteinander und nicht gegeneinander leben, handeln und Verantwortung tragen.

Trauer, die offene Ohren und Herzen findet, kann sich wandeln, ihre zerstörerische Kraft verlieren, Wege in eine neue, andere Zukunft zeigen, Versöhnung mit der unwiederbringlichen Vergangenheit, Teil meines Lebens, ermöglichen.

Gelingende Trauer macht menschlich.

Und sie macht sensibel für Hoffnungszeichen.

„Krieg darf um Gottes Willen nicht sein“. Hinter diesen Satz möchte ich grundsätzlich nicht zurück. Denn selig sind die Friedensstifter – auch wenn mir manchmal nichts anderes einfällt als der blinden Gewalt mit Gewalt zu begegnen.

Versöhnung wird für jeden eine Möglichkeit, der Trauer und Erinnerung für sich zulässt und bei anderen wahrnimmt.

Wenn ich mich als Teil eines Ganzen wahrnehme und nicht als Herr über alles, verändert das meine Wahrnehmung der Schöpfung. Ich sehe und höre das Leiden und Seufzen der Kreatur .

Die Kostbarkeit der Zeit und die Verwundbarkeit alles Lebendigen, alles Geschöpflichen, alles blühenden, anvertrauten und damit nur geliehenen Lebens, macht mich demütig – anders als Hochmut der Besitzenden und Herrschenden.

Die Ohnmacht Gottes am Kreuz fängt mich auf, wenn meine Hände leer, meine Tränen vergossen, mein Herz erschöpft und meine Seele noch immer wund ist.

Noch warte ich mit allen, die seufzen, noch hoffe ich mit allen Trauernden, noch bete ich mit allen, die an Gewalt und Krieg zu zerbrechen drohen, noch fliehen so viele in der Hoffnung auf eine bisschen Leben in Frieden und Sicherheit auch zu uns.

Noch wird viel zu viel geredet, statt entschieden gehandelt, auch bei der Weltklimakonferenz, um die Wunden der geschlagenen Schöpfung zu verbinden.

Aber die herrliche Freiheit der Kinder Gottes ist die Freiheit der Glaubenden, der Hoffenden: auf Gottes guten Ausgang, auf die Wirklichkeit und Mächtigkeit des wahrhaft Lebendigen, auf den Ostermorgen nach dem Karfreitag. Denn die Herrlichkeit Gottes soll an uns offenbar werden. Was für eine Gewissheit, die der Apostel wagt!

Was für ein Kleinmut, wenn wir es ihm nicht gleich tun würden.

Und dann sage ich meiner verzagten Seele, damit sie heil und getröstet werde: Denn ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch irgendeine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn. Amen

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