Die Hoffnung bleibt

Wir erleben manchmal Leid, mit dem wir nicht umgehen können. Wir hören Nachrichten vom Tod im Krieg und durch Folter genauso wie von Todesfällen bei Unfällen im Straßenverkehr, beim Sport auf der Arbeit. Wir bekommen mit, dass ein Mensch keinen Ausweg mehr darin sieht, weiter zu leben. Der Tod – er gehört zum Leben dazu, gerade auch der Tod, den wir als ungerecht empfinden. Und manchmal kommt dieser Tod ganz nahe. Ein naher Angehöriger, ein guter Freund, eine Nachbarin stirbt überraschend und viel zu jung. Manchmal auch ein Kind. Und wir sind erschüttert, weil das so gar nicht in unsere Erwartungshaltung passt. Manchmal fragen wir dann nach Schuld und Verantwortlichkeit, weil wir das nicht in Ordnung finden. Und es ist nicht in Ordnung, dass es Leiden gibt, Schmerz und Tod.

Und trotzdem gehört es zum Leben dazu.

18 Ich bin überzeugt, dass dieser Zeit Leiden nicht ins Gewicht fallen gegenüber der Herrlichkeit, die an uns offenbart werden soll. 19 Denn das ängstliche Harren der Kreatur wartet darauf, dass die Kinder Gottes offenbar werden. 20 Die Schöpfung ist ja unterworfen der Vergänglichkeit – ohne ihren Willen, sondern durch den, der sie unterworfen hat –, doch auf Hoffnung; 21 denn auch die Schöpfung wird frei werden von der Knechtschaft der Vergänglichkeit zu der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes. 22 Denn wir wissen, dass die ganze Schöpfung bis zu diesem Augenblick seufzt und in Wehen liegt. 23 Nicht allein aber sie, sondern auch wir selbst, die wir den Geist als Erstlingsgabe haben, seufzen in uns selbst und sehnen uns nach der Kindschaft, der Erlösung unseres Leibes. 24 Denn wir sind gerettet auf Hoffnung hin. Die Hoffnung aber, die man sieht, ist nicht Hoffnung; denn wie kann man auf das hoffen, was man sieht? 25 Wenn wir aber auf das hoffen, was wir nicht sehen, so warten wir darauf in Geduld.

Nicht nur Menschen leiden, die ganze Natur, die Kreatur, alles, was Gott geschaffen hat, leidet. Wir sind in einer Art Notgemeinschaft mit der Natur, mit den Tieren, mit der Schöpfung Gottes. Paulus sieht nicht nur das Leiden der Menschen, er sieht auch, wie die Natur sich nach Erlösung sehnt. Und er erkennt, dass die Natur mit den Menschen durch eine Sache verbunden ist: die Hoffnung. Die Hoffnung, dass Gott eines Tages alle befreien wird von Schmerz, Tod und Ausbeutung. Hoffnung allerdings ist keine Sache, die ich beweisen kann. Hoffnung ist lebendig. Oder sie ist nichts. Hoffnung will leben in mir und Hoffnung will geteilt sein mit Schwestern und Brüdern.

Glaube Liebe, Hoffnung, sie gehören zusammen bei Paulus – untrennbar. Kreuz und Herz und Anker sind alte Symbole christlichen Glaubens für genau diesen Zusammenhang. Sie stehen für Glaube und Liebe und Hoffnung. Die Hoffnung ist der Anker, an dem ich mich festmachen kann, wenn die Strudel der Geschichte und der Gegenwart mich runterziehen wollen. Alle drei haben etwas mit Vertrauen zu tun, Vertrauen auf Gott, auf Menschen und auf die Zukunft. Und diese drei zusammen sind das Lebensmittel, das wir brauchen.

‚Ich bin vergnügt, erlöst, befreit.’ – das Motto des Reformationsjubiläums bei uns im Rheinland. Es kommt aus einer Psalmdichtung von Hans-Dieter Hüsch. Aber es beschreibt auch das Wesen von ChristInnen, die aus der Reformation und aus dem Glauben leben. Sie erleben dasselbe Leid und erleiden dieselben Schmerzen wie andere Menschen, aber sie vertrauen darauf, dass auch in unerträglichen Situationen Gott mit ihnen geht, bei ihnen ist, sie begleitet. Man sagt den Evangelischen ja gerne nach, dass sie zu nüchtern seien. Da ist etwas dran. Das Hoffen auf Gott hilft, dass ich mich nicht total runterziehen lasse und in Depression verfalle. Es bewahrt mich auch vor Euphorie und Übermut. Und es macht mir Mut, mich einzusetzen dafür, dass die Menschheit in Solidarität mit der ganzen Schöpfung lebt. Auch weil die ganze Schöpfung mit den Menschen in der gemeinsamen Hoffnung verbunden ist.

Paulus kämpft hier allerdings mit Menschen, die ihm zu begeistert sind von der Freiheit eines Christenmenschen, die enthusiastisch nur ihre eigene Befreiung feiern, die nur sich selbst sehen als Geschöpfe, denen Gott begegnet. Ihnen hält er das Seufzen der Kreatur entgegen, um deutlich zu machen, dass auch Befreite Verantwortung tragen. Wer nur noch seine eigene Befreiung feiert, der ist egoistisch, wer sich an der Befreiung freut und seine Aufgaben annimmt, der kann aus der Tiefe seines Herzens vergnügt, erlöst, befreit sein.

Das ist für ihn der entscheidende Unterschied. Ich bin Christ nicht nur für mich und nicht nur für meine Mitmenschen. Ich bin Christ in Gottes guter Schöpfung. Ich darf diese Schöpfung und ihre Gaben genießen und trage Verantwortung für sie. Es ist wie mit einer guten Familie, die ich genießen kann, für die ich aber auch Verantwortung trage. Wie in allen guten Gemeinschaften.

Ich will das Leiden der Jetzt-Zeit ernst nehmen. Ich will wahrnehmen, was Bomben und Erdbeben, was Massentierhaltung und die massiven Fluchtbewegungen aus unserer Welt machen. Ich muss darüber nicht verzweifeln, weil ich weiß, dass Gott lebt – auch in dieser ramponierten Welt. Ich darf das Meine tun, dass diese Welt eine bessere wird. Die Leiden dieser Zeit Leiden: Paulus weiß, wovon er redet. Er muss viel erleiden um des Evangeliums willen. Und er erträgt viel, auch weil er weiß, dass auch andere leiden mit ihm.

Was wir heute erleben, ist die Schöpfung, die ist vergänglich. Was wir auch erleben ist, diese abhängige Schöpfung wartet doppelt: Auf die Erlösung und auf die Menschen, die zu Gott gehören und die Schöpfung auch in ihrer Vergänglichkeit respektieren. Die sich selbst genauso respektieren wie die Natur, als Geschöpf Gottes, dessen irdisches Leben begrenzt ist wie seine irdischen Fähigkeiten.

Immer wieder verfallen wir in das Jammern, das alles so aussichtslos und so sinnlos ist. So sieht es aus, aber die Hoffnung bleibt das Geschenk, das wir haben. Die Hoffnung bleibt – und wer wirklich hofft, entwickelt Geduld.

Menschen dürfen Gott anklagen, mit ihm streiten, er hält das aus, aber das Leben ist für manche Menschen nicht auszuhalten. Und es ist für viele Geschöpfe nicht auszuhalten. Da sind Christenmenschen gefragt mit Hoffnung und mit Zuversicht. Da sind Menschen gefragt, die schauen und hoffen und das Ihre tun, dass diese Welt besser wird.

Die Freiheit der Kinder Gottes besteht doch auch darin, dass sie niemanden verloren geben müssen, auch sich selber nicht und dass sie immer noch Hoffnung haben, immer noch Glauben und immer noch Liebe, auch wenn alles so hoffnungslos, so lieblos aussieht.

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