Einlassen… aufeinander? Aber wie?

Liebe Gemeinde, hören wir den Predigttext im Philipper 1, 3-11.

Liebe Gemeinde,
ich besuchte eine alte Dame. Vor wenigen Wochen haben wir ihren Mann zu Grabe getragen, nach über fünfzig Jahren Ehe. Bei allem Auf und Ab, das nun einmal zu einer Ehe gehört, waren es wohl überaus glückliche Jahre. Jetzt erzählt die Dame immer wieder, sie fühle sich wie ein halber Mensch.

Sie öffnete mir die Tür und lächelte. Aber nach wenigen Minuten standen ihr die Tränen in den Augen. Sie tat mir so von Herzen leid, in ihrer Trauer. Ich suchte vergeblich nach guten Worten. Weiß aber wohl, dass es kein richtiges Wort gibt, das Trauer nimmt. Wie sollen Worte Einsamkeit füllen und dem Tod den Schmerz nehmen?

Als ich ging, nahm ich sie in den Arm. „Ich werde an Sie denken“, sagte ich und meinte das auch aus tiefstem Herzen. Die alte Dame nickte und bedankte sich aufrichtig. Sie bedankte sich dafür, dass ich an sie denke. Während ich das Haus verließ, forschte ich in meiner eigenen Seele. Suchte nach den Gefühlen, die dieser Besuch bei mir ausgelöst hatte.

Ich spürte Hilflosigkeit und Ratlosigkeit. Jeder spürt so etwas, wenn er Menschen begegnet, wo alle praktische Hilfe versagt. Für die „Krankheit“ Trauer gibt es kein Medikament. Aber dann spürte ich noch etwas anderes. Es ist eine Beziehung zwischen dieser alten Dame und mir entstanden. Wenige Begegnungen nur, aber Momente mit hoher Intensität. Ich werde wirklich an sie denken. Mich um gute, kraftvolle Gedanken bemühen, in meinem Gebet zu Gott.

Ich kenne das auch aus meinem Leben, das Gefühl, wenn die Seele sich gefangen fühlt. Dann hilft es, in Gesellschaft zu sein. Es hilft, auf die Kraft guter Gedanken zu setzen. Und es hilft, wenn man im Gebet denselben Horizont des Glaubens teilt. Glauben an den einen Gott, mit dem ich über Mauern springen kann.

Mit den Gedanken an den Besuch bei der alten Dame machen wir uns auf den Weg zu einem Besuch beim Apostel Paulus. Auch ihn finden wir in Gefangenschaft. Allerdings, im buchstäblichen Sinne. Wo sich das Gefängnis befindet und warum er inhaftiert war, ist unbekannt. Wann er seinen Brief an die Gemeinde in Philippi schrieb, unbekannt. Die Forscher rätseln noch.

Für unseren Besuch beim Apostel spielt es keine Rolle. Ob er in Rom oder Ephesus stattfindet. Jedes Gefängnis ist ein unangenehmer Ort. Und Gefangenschaft ist nicht nur ein körperlicher Zustand. Wer hinter Mauern weggeschlossen wird, wird das mit Leib und Seele. So auch der Apostel.

In Freiheit reiste er durch die Lande. Predigte von der Freiheit der Seele, wie Gott sie in Jesus Christus schenkt. In Freiheit fand er Menschen, die diesen Glauben teilen wollten. Philippi war damals eine wirtschaftlich blühende Stadt. Paulus gründete hier die erste, christliche Gemeinde auf europäischem Boden. Sicher erlebte er auch in Philippi Widerworte und Gegnerschaft. Doch die Beziehungen, die er damals knüpfte, trugen ihn über die Zeit. Die trugen ihn auch im Gefängnis. Zu dieser Gemeinde hatte er eine ganz intensive Beziehung. Jede Zeile des Predigttextes spricht davon.

Jede Zeile, aus der Zelle, wäre eine eigene Predigt wert. Heute, bei unserem Besuch im Gefängnis, geht es um diesen Brief an sich. Um den Geist, den er atmet. Die Kraft guter Gedanken, den Wert gelingender Beziehung. Er schlägt eine Brücke über die Zeit und über den Horizont des Glaubens. In so vielen Situationen von Gefangenschaft ist er eine befreiende Perspektive. Dadurch ist dieser Brief ein Lehrstück, ein Mutmachstück für alle. Für jeden, der sich nach Freiheit sehnt und an den Mauern dieser Welt und des Lebens verzweifelt.

Wie gelingt es dem Apostel Paulus mit seinem Gott über die Mauern des Gefängnisses zu springen? Das ist einen genaueren Blick wert. Was ist das Geheimnis hinter der Kraft guter Gedanken? Warum trägt und hält Beziehung selbst dann, wenn die halbe Welt zwischen den Freunden liegt? Wie kann ich mit meinem Gott über Mauern springen? Wie durch die Gitter meiner Seele den Horizont der Freiheit erahnen?

Vor allen Dingen dadurch, dass ich Gottes Wirken zulasse. Das hat der Apostel Paulus getan. Er hat sich auf die Menschen in Philippi eingelassen und sie sich auf ihn. „Weil ich euch in meinem Herzen habe“, schrieb Paulus. Und dass er in den Herzen der Gemeinde in Philippi war, wissen wir auch aus diesem Brief. Sie schickten sogar ein Gemeindeglied, auf den weiten Weg zu ihrem Freund und Meister. Im Reisegepäck hatte er alle möglichen guten Gaben. Hilfe für den Apostel, in seiner misslichen Lage.

Vermutlich wird das Gemeindeglied berichtet haben von den Bewohnern in Philippi, die sich Sorgen machten. Nicht um sich, sondern um jenen, der ihnen von Freiheit gepredigte und selbst in Gefangenschaft war. Er war ihnen wichtig.

Wie wächst man jemandem ans Herz? Wir wissen, so eine Nähe kann in Sekundenbruchteilen entstehen. Ein Blick in die Augen kann genügen. Beziehungen können etwas dauerhaftes sein, oder nur über einen kurzen Moment bestehen. Wie lange Paulus sich in Philippi aufgehalten hat, ist unbekannt. Letztendlich war er dort nur auf der Durchreise. Der Auftrag seiner Mission war, vom Glauben erzählen. Er hatte hier offene Ohren gefunden. Was gewiss noch wichtiger war, bedürftige Herzen und verwandte Seelen.

In Windeseile waren in Philippi Beziehungen gewachsen, Gemeinden entstanden, Gemeinschaft gelungen. Dabei steht der Mensch im Mitteilpunkt. Allerdings, der Apostel weiß, Gott hat immer seine Hand im Spiel. Er stiftet Gemeinschaft, er ist Grund und Ziel von Gemeinde. Er ist der Anker, der Beziehung trägt und hält. Das Band, das Menschen miteinander verbindet. Der Horizont der Freiheit, an dem wir uns alle orientieren dürfen und sollen.

„Ich danke meinem Gott, sooft ich eurer gedenke, für eure Gemeinschaft am Evangelium vom ersten Tage an bis heute“, schrieb Paulus. Er sieht nicht sich und seine Predigt als verantwortlichen Drahtzieher. Es erkennt, dass Gott es ist. Gott beeinflusst die Glaubenschemie. Sie lässt Menschen, mit all ihren Verschiedenheiten in Beziehung zueinander treten. So war es damals, so ist es auch heute.

Schauen Sie sich einmal um: Sind Sie hier, weil Sie im selben Fußballverein sind oder dieselben Filme schön finden? Weil Sie dieselbe Musik oder dieselbe Garderobenmarke mögen? Außerhalb dieser Kirchenmauern haben Sie vielleicht nicht das Geringste miteinander zu tun. Allerdings, heute Morgen, in diesem Gottesdienst, in dieser Kirche sind wir eine Gemeinschaft, eine Gemeinde. Eine Gemeinschaft am Evangelium, beisammen wegen der frohen und befreienden Botschaft.

Ich erlaube mir die Unterstellung, dass Sie aus gutem Grund hier sind. Sie wollen etwas von Gott hören. Ihre Seele will sich öffnen, Sie sehnt sich nach Beziehung. Keine Beziehung, in der man Bett und Tisch miteinander teilt. Trotzdem teilen wir, was uns im Innersten bewegt: Hoffnung, Liebe, Sehnsucht, Zweifel, Trauer, Angst, Neugier, Orientierung. Diese Befindlichkeiten bringen wir in den Gottesdienst, in unsere Gemeinschaft, mit.

Manch einer fühlt sich gefangen mit dem, was seine Seele plagt. Manch eine fühlt sich müde, wegen der Mauern, in denen sie ihr Leben eingekerkert fühlt. Manche unter uns sind gerade in der glücklichen Situation, dass sie etwas zu geben haben. Zum Beispiel: die Kraft guter Gedanken, den Horizont gemeinsamen Betens.

Einige unter uns saugen jeden guten Gedanken auf wie ein Schwamm. Sie sind gerade außerordentlich bedürftig. Und andere entdecken im gemeinsamen Gebet die Weite des Glaubens. Alle Lasten, alle Liebe sollen in Gott geteilt werden. Jede und Jeder soll beglückt oder getröstet nach Hause gehen können.

Unser protestantischer Glaube hält die individuelle Beziehung zwischen Gott und Mensch sehr hoch. Es braucht keinen Vermittler, keinen Beziehungsmakler zwischen Himmel und Erde. Egal wo, im Wald, auf der Straße oder im Wohnzimmer kann ich Gott begegnen. Und immer werde ich in guter Gesellschaft sein. Jeder begegnet Gott auf seine Weise. Und auf diese Weise haben wir Gemeinschaft mit allen Gläubigen. Von Gott gestiftet, von Gott genährt, von Gott miteinander in Beziehung gesetzt. Die Kraft der guten Gedanken bewirkt sein guter Geist. Begegnungen und Beziehungen werden so erst möglich. Beziehung, die nicht an Raum und Zeit gebunden ist, sondern sich am Horizont Gottes orientiert.

Der Apostel nennt das „Gemeinschaft am Evangelium“ oder „Teilhabe an der Gnade Gottes“. Die frohe Botschaft, die die Mauern des Todes sprengt. Die Gnade Gottes, die letztendlich allen Menschen Raum öffnen will. In ihm sollen sich Freiheit, Gerechtigkeit, Liebe und Leben finden. Hierin liegt die Kraft guter Gedanken, das Fundament unserer Gemeinschaft. Unsere Gebete lassen wir Sonntag für Sonntag und vermutlich auch Werktag für Werktag zum Himmel aufsteigen. Wir teilen unsere Gefangenschaften und unsere Begrenzungen. Auf den einen Gott setzen wir. Er macht uns frei. Er lässt uns über Mauern springen, immer und immer wieder.

Aufeinander einlassen, das bleibt unsere Aufgabe. Die alte Dame, vom Anfang dieser Predigt, hat sich auf mich eingelassen. Und ich mich auf sie. Der Apostel Paulus hatte sich auf die Gemeinde in Philippi eingelassen. Und sie sich auf ihn. Wir lassen uns heute Morgen auf Gott und aufeinander ein. Dadurch werden Mauern durchlässig, der Himmel Gottes scheint durch die Ritzen unserer Gefängnisse.

Wir geben der Liebe und der Hoffnung eine Chance. Mit all dem, was wir einander zu geben haben. Die guten Gedanken, die gelingende Beziehung, den gemeinsamem Glaubenshorizont. Wir werden reicher an Erkenntnis und Erfahrungen und stärken damit unsere Beziehung zu Gott. Spiralförmig bewegen wir uns zu dem hin, vor dem keine Mauer Bestand hat. In der Liebe kann dies passieren, sagt der Apostel Paulus. Aus dem Gefängnis heraus, sagt er das. In unsere Gefängnisse hinein, sagt er das.

Geht es um Gefangenschaft und Glaube, um Gemeinschaft und Gottvertrauen, führt kein Weg an diesen zweitausend Jahre alten Versen vorbei. Paulus formulierte sie und seit Generationen sind sie eine unglaubliche Kraft guter Gedanken.

Auch ein Gefangener aus unserer Zeit fand wundervoll tragende Worte, Dietrich Bonhoeffer im Konzentrationslager Flossenbürg. Er war Gefangener eines Regimes, das ihn letztendlich ermordete. In seiner Zelle suchte er nach Trost für sich und die, die aus der Ferne mit ihm litten. Deren Seele an einer dunklen Zeit zu verzweifeln drohte. Und seither sind sie Trost für alle Menschen, die aus Liebe leiden und mit dunklen Zeiten kämpfen. Deren gefangene Seelen sich nach einem Sprung über Mauern sehnen.

Es sind Worte unglaublicher Horizonterweiterung:
„Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist mit uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag.

Noch will das Alte unsere Herzen quälen, noch drückt uns böser Tage schwere Last. Ach, Herr, gib unsern aufgeschreckten Seelen das Heil, für das du uns geschaffen hast.

Lass warm und hell die Kerzen heute flammen, die du in unsere Dunkelheit gebracht. Führ, wenn es sein kann, wieder uns zusammen. Wir wissen es, dein Licht scheint in der Nacht.

Wenn sich die Stille nun tief um uns breitet, so lass uns hören jenen vollen Klang der Welt, die unsichtbar sich um uns weitet, all deiner Kinder hohen Lobgesang.“

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft möge gute und liebevolle Gedanken kräftigen. Beziehungen tragfähig und haltbar machen. Den Glauben stärken, dass wir dann mit Gott über Mauern springen können. Dieser Friede bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus in der Freiheit eines Lebens, das keine Mauern kennt. Amen.

(Danke, Anregungen zu Teilen meiner Predigt habe ich erhalten von Dorothee Wüst.)

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