Pastor pastorum

Predigt Matthäus 18/15-20, 22. Sonntag nach Trinitatis, von Pfarrer Johannes Taig

15 Sündigt aber dein Bruder an dir, so geh hin und weise ihn zurecht zwischen dir und ihm allein. Hört er auf dich, so hast du deinen Bruder gewonnen.
16 Hört er nicht auf dich, so nimm noch einen oder zwei zu dir, damit jede Sache durch den Mund von zwei oder drei Zeugen bestätigt werde.
17 Hört er auf die nicht, so sage es der Gemeinde. Hört er auch auf die Gemeinde nicht, so sei er für dich wie ein Heide und Zöllner.
18 Wahrlich, ich sage euch: Was ihr auf Erden binden werdet, soll auch im Himmel gebunden sein, und was ihr auf Erden lösen werdet, soll auch im Himmel gelöst sein.
19 Wahrlich, ich sage euch auch: Wenn zwei unter euch eins werden auf Erden, worum sie bitten wollen, so soll es ihnen widerfahren von meinem Vater im Himmel.
20 Denn wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen.


Liebe Gemeinde,

es ist schon eine Weile her. Ein trüber Tag im November. Ich saß am Schreibtisch und mir der Schalk im Nacken. Und so entstanden – meine Kirche und mich selbst im Blick – 24 goldene Regeln für eine evangelische Kirchenkarriere. Sie erschienen sogar im Deutschen Pfarrerblatt. Hier eine kleine Auswahl.

Regel 1: Jesus hat Dich lieb, so wie Du bist. Lebenslang wird woanders gelernt, aber nicht in der Kirche. Merke: Um ein überzeugender Botschafter der Guten Nachricht zu sein, darfst, ja sollst Du ein Leben lang so bleiben wie Du bist.

Regel 2: Da nur Gott die letzte Wahrheit kennt, gibt es in der Kirche auch nicht gut oder schlecht, richtig oder falsch. Merke: Es gibt nur glücklich oder unglücklich, gelungen und weniger gelungen, einladend und weniger einladend, zielführend oder weniger zielführend. Knapp daneben ist in der Kirche so gut wie getroffen. Entscheidend ist, wie Du etwas sagst. Vermeide jeden Streit, der unnötig ist und das ist fast jeder. Bereue sofort jede Kritik, die jemand als lieblos empfindet. Denn Empfindungen sind in der Kirche fast alles.

Regel 3: Stehe zu Deinen Fehlern und Unzulänglichkeiten und geißele die Lieblosigkeit derer, die sie Dir vorhalten. Suche Erklärungen, warum sich gerade dahinter Deine größten Stärken verstecken: Nur wer überzeugend sündigt, kann sich überzeugend bekehren. Du wirst jede Menge Gleichgesinnte finden. Lerne von der Ökumene: Keiner ist so schön unfehlbar wie der Papst.

Regel 23: Bedenke das Ende! Sei in den Jahren des Dienstes ein Anwalt der Elenden und genieße im Ruhestand die guten Kontakte, die Du Dir nebenbei zu den Unternehmern und anderen karitativ organisierten Besserverdienern aufgebaut hast. Kultur stinkt nicht.

Regel 24: Sorge dafür, dass Du Deiner Nachwelt in Erinnerung bleibst. Denke an ein Forsthaus. In Erinnerung bleiben an der Wand nur die kapitalsten Böcke, die geschossen wurden. Darum kümmere Dich zu Lebzeiten um ein schönes Geweih.

Ich hatte schon befürchtet, für eine solche Eulenspiegelei in der Luft zerrissen zu werden. Stattdessen bedankten sich einige Leser dafür, dass sie sich schlapp gelacht hätten. Eine Reaktion habe ich nicht vergessen. Eine Pfarrerin schrieb, sie hätte erst ab Regel 16 gemerkt, dass das Ganze nicht ernst, sondern Spaß gewesen sei und sie wisse jetzt, warum sie in dieser Kirche keine Karriere machen wolle.

Aber ist das meine Evangelische Kirche? Eine Kirche, in der der Schein mehr zählt als das Sein? In der jeder schaut, wo er bleibt und wie er sich nach oben wurschteln kann? Eine Kirche, die in sich selbst verkrümmt bleibt; immer erfreut über jede Schlagzeile und jeden Hingucker, aber hinter der Fassade oft voller Kultur des Wegsehens und der Gleichgültigkeit? Vor einigen Jahren erließ die bayerische Landessynode eine Bestimmung, nach der ein Pfarrer oder eine Pfarrerin nach zehnjähriger Tätigkeit aufgefordert werden kann, die Gemeinde zu wechseln. Viele sahen darin die ersehnte Chance, Geistliche bei Nichtgefallen auch ohne Angabe von Gründen endlich wieder los zu werden. Ist das meine evangelische Kirche? Ist das meine evangelische Kirche, in der Lobbyarbeit, die Kunst sich bei wichtigen Leuten schön und wichtig zu reden, die Seelsorge zurückdrängt, bei der nun einmal zweckfrei zugehört wird und bei der es nicht um mich, sondern um einen anderen geht: Kultur des Hinschauens und Hinhörens eben.

Womit wir mitten in unserem heutigen Predigttext wären. Diese Jesusworte sind ja keine Ermunterung für den gemeinen Tugendbold. Der möchte möglichst öffentlich das Licht seiner Tugend zum Strahlen bringen, indem er andere an den Pranger stellt. Nichts von alledem finden wir bei Jesus. Wenn er Menschen auf ihr kaputtes Leben und kaputte Verhältnisse anspricht, tut er das unter vier Augen, wie gegenüber der Ehebrecherin in Johannes, Kapitel acht: Gehe hin und sündige hinfort nicht mehr. Ein solcher Satz hat für den Christus in der Öffentlichkeit nichts verloren.

Deshalb tun wir gut daran, die Worte Jesu von hinten zu lesen. Denn wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen. Das ist die Überschrift. Zur Seelsorge gehören immer mindestens zwei und der einzige und wahre Seelsorger Jesus Christus. Ohne ihn können wir wohl den Finger in die Wunde legen. Aber können wir sie auch heilen? Nur der Christus kann beides. Ohne ihn können wir Schuld aufdecken und benennen. Aber können wir sie auch vergeben und vergehen lassen? Nur der Christus kann beides. Ohne ihn können wir die Öde und Irre sehen, in die ein Mensch geraten kann. Aber wissen wir den Weg nach Hause? Nur der Christus weiß beides. Und deshalb ist jede Seelsorge ohne ihn ein wirklich trostloses und hoffnungsloses Unterfangen.

Nur wenn er mitten unter uns ist, kann gelten, dass dort, wo unter vier, sechs oder acht Augen geredet wird, nicht nur auf Erden, sondern auch im Himmel etwas geschieht. Die Schlüsselgewalt ist eben keine Eigenschaft oder Kompetenz der Kirche, sondern Folge der unbedingten Verheißung Jesu, mitten unter uns zu sein. Was er spricht – durch das Wort der Bibel und auch durch das Wort seiner Jünger – das geschieht wie auf Erden, also auch im Himmel. Was für eine Ermutigung für eine Kultur des Hinsehens und Hinhörens! Was für eine Ermutigung zur Seelsorge!

Ermutigung durch den „pastor pastorum“, den Hirten der Hirten. In der Kirchengeschichte wurde dieser Begriff auch geprägt, um das Amt des Bischofs zu beschreiben. Leitung in der Kirche hat am Christus als „pastor pastorum“ Maß zu nehmen. Dass das auf etwas anderes hinausläuft als das Amt des Beraters, des Managers oder des Personalentwicklers, muss man nicht erklären. Ist es nicht fast zynisch, dass auch in unserer Kirche die Leitungsämter fast nur noch aufs Planen und Personalentwickeln fixiert sind und die Seelsorge anderen überlassen bleibt? Das läuft auf eine Kirche hinaus, in der die Personalentwickler, die Planer und Berater alles und die Seelsorger nichts mehr zu sagen und zu entscheiden haben.

Wie kann man nur vergessen, dass der Macht besonders in der Kirche eine gehörige Portion Vollmacht nun wirklich nicht schaden kann? Ja kommt denn Macht in der Kirche überhaupt ohne Vollmacht aus? Und wohin werden die sogenannten Führungskräfte die Gemeinden führen, wenn sie nicht mehr Seelsorger, Hirten für die Hirten, sein wollen und können? Ist der Eindruck wirklich falsch, dass wir schon heute in der Kirche jede Menge Planer und Personalentwickler haben und immer weniger Seelsorger und Hirten? Ist der Eindruck falsch, dass man in der Kirche so oft statt der Gegenwart des Herrn einen wohlgemeinten Rat bekommt? Unterhaltung und Lifestyletipps statt Verkündigung und Seelsorge? Und was nicht mehr entwickelt werden kann, wird dann irgendwann abgeschrieben. Das ist der Zeitgeist mit seinem großen Geweih, aber nicht der Geist Jesu Christi.

Der Geist des Herrn führt ins Gespräch. Unter vier Augen zuerst. Und dort geht es unter Glaubensgeschwistern nicht um Stilfragen, sondern um die Wahrheit. Die Wahrheit schreibt keinen ab. Sie will uns für sich gewinnen. Sie bittet um Einverständnis. Sie ist auf das Leben in guten Verhältnissen aus. Und natürlich hat auch sie Manieren. Sie ist nicht geschwätzig. Sie teilt sich in Liebe mit. Sie unterscheidet, was nicht immer ohne Schmerz und Trennung geht. Sie schafft klare Verhältnisse. Kann schon sein, dass man sich trennen muss. Aber wer jemand für einen Heiden und Zöllner hält, bedenke, dass eben diese zu den Leuten gehören, um die sich Jesus in besonderer Weise gekümmert hat. Dass es die ganze Gemeinde sein muss, die einen solchen Schritt der Trennung vollziehen muss, verhindert gerade das Mobbing von Einzelnen oder von bestimmten Gruppen und Kreisen.

Vergessen wir nicht den, der solche Regeln für die Gemeinde aufstellt: Es ist der gute Hirte, der hundert Schafe hat und die neunundneunzig zurücklässt um das eine verlorene zu suchen. Wie sagt er zur Einleitung dieses Gleichnisses: Seht zu, dass ihr nicht einen von diesen Kleinen verachtet. Denn der Menschensohn ist gekommen, selig zu machen, was verloren ist. (Mt 18/10a,11)

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