Liebe, Laune, Lust

Liebe Schwestern und Brüder!

 

“ Die Welt vergeht mit ihrer Lust; wer aber den Willen Gottes tut, der bleibt in Ewigkeit.“

 

Vielleicht geht es Ihnen wie mir: irgendwie ist der Predigttext für den heutigen Sonntag etwas komisch und weltfremd.

Der Welt soll man sich fern halten, denn alles, was in der Welt ist, ist Fleisches Lust, hoffärtiges Leben und der Augen Lust.

Alles: LIEBE, TRIEBE, LAUNE, LUST???!!!!

UND: Keine Lust, keine Hoffart und schon ist alles bestens, wenn man den Willen Gottes tut.

Ich denke, wenn man diese Worte liest und hört, dann scheinen sie in der heutigen Zeit so vergeblich und in der Realität unangebracht wie der andauernde Hinweis an Kinder, dass Süßigkeiten Teufelszeug seien. Die Kinder  -und auch viele Erwachsene-  essen sie trotzdem. Ebenso könnte man Wölfen erklären, dass sie ab sofort Vegetarier werden sollten.

Denn auch der Mensch und seine triebhafte Lust, mehr oder wenige angeborene Eitelkeit und Hoffart lassen sich nicht durch fromme und warnende Worte wegpredigen.

Der Mensch soll gegen seine eigene Natur, gegen seinen angeborenen Trieb und gegen seine genetische Veranlagung ankämpfen. Erklären Sie das einmal den Zuhörern im Radio, den Zuschauern im Fernsehen oder im Internet, im Zeitalter von Pornofilmen, parship-Kontaktbörsen und im Zeitalter der Selfies und Schönheitsreklame. Und der persönlichen Selbstoptimierung.

Keine Lust, keine neue Affäre und keine Hoffart und Eitelkeiten  -in einer Zeit, in der Selfie-Models wie Gina-Lisa so sexy oder Kim Kardeshian so schön in den sozialen Medien gepostet  sind.

Auch wenn nicht alles gerade läuft in deren Leben.

Also: Keine Lust der Augen mehr und keine Fleisches Lust mehr, wo es doch jede Menge soziale Medien  gibt, die uns tagtäglich vornehmlich nackte Frauen zeigen, an denen sich unsere Augen weiden sollen.

Keine Hoffart und Schönheit mehr, wo doch ganze Industrie-zweige von der Schönheit und Schönheitsprodukten leben.

Keine Haarspray, keine Lippenstifte oder sexy Unterwäsche, keine Falten- oder Schönheitscremes, keine Diätprodukte oder Fitnessgeräte mehr, keine tollen Kleider oder modischen Anzüge, keine schnellen Autos oder angeberischen Nobelkarrossen mehr. Ewige Gleichmacherei, Kommunismus oder Askese als Alternative. Keine Friseure, Kosmetiker und Schönheitschirurgen. Aber dafür ein Leben nach Gottes Willen in Enthaltsamkeit und mit Gebet.

 

 

Liebe Schwestern und Brüder!

Vielleicht sollte man den Predigttext und seine Anweisungen nicht als ausschließliche Alternative zu unserem jetzigen Leben ansehen.

Vielleicht kann er ein Impuls zum Nachdenken sein. Zum Nachdenken über unsere Welt, unsere Zeit , unser Leben.

Schauen wir uns unsere heutige Welt und Zeit einmal etwas genauer an.

Da gibt es tagtäglich eine Überflutung von Bildern, die uns immer wieder suggerieren und einhämmern, dass nur die Schönen, Gesunden und Erfolgreichen im Leben zählen. Die, die Geld und Macht haben. Junge Menschen werden durch die Schönheitsindustrie und Werbung dazu gebracht, dass sie magersüchtig werden. In einem Land, wo niemand Hunger leiden muss. Und obwohl diese Mädchen teilweise weit unter 50 KG wiegen, denken sie, sie seien dick und unansehnlich! Das ist doch verrückt, oder?

Und jede Frau, die nicht Konfektionsgröße 38 oder Zero hat, bekommt von den Illustrierten eingeredet, dass sie diese haben müsste oder womöglich zu dick sei.

In den Zeitschriften gibt es Nachweihnachts-, Frühjahrs-, Sommer – und Herbst- Diäten, die die überflüssigen Pfunde reduzieren sollen.

Und es gibt noch eine andere Lust, die durch die Medien mit angeheizt wird. Das ist die Selbstsucht. jeder denkt nur noch an sich selbst und sein persönliches oder familiäres Fortkommen. Für mich und meine Familie das Beste, ohne Rücksicht auf Verluste. Nur die Jungen und Dynamischen zählen. Erfolgreich und Karriere bewusst. Kein Erbarmen für Verlierer, Arbeitslose, Hartz 4- Bezieher, Ausländer, Flüchtlinge Alte und Behinderte. Jeder ist seines Glückes Schmied und jeder soll sehen, wo er bleibt.

 

Dieses unbarmherzige Prinzip Schönheits- und Leistungsprinzip des Kapitalismus kriegen wir anerzogen und geben wir an unsere Kinder weiter.

Lerne, so wirst du was! Am besten Akademiker. Wir trimmen unsere Kinder dazu auf die weiterbildenden Schulen zu gehen, obwohl sie manchmal gar nicht dazu veranlagt sind. Und dann wundern wir uns, wenn unsere Kinder lauter kleine Egoisten werden, die von Mama und Papa jeden Wunsch erfüllt bekommen. Selbstsucht, Egoismus und Rücksichtslosigkeit werden immer mehr zu Grundtugenden unserer Gesellschaft.

Und da gibt es noch eine Lust, die uns tagtäglich vor Augen geführt wird. Die Lust der Augen, der Voyeurismus des Menschen an Katastrophen und Untergang, an Leid und Elend, das über den Bildschirm flimmert. Da gibt es reißerische Zeitungen und Fernsehsendungen, die uns stets vor Augen halten wie brutal, pervers und rücksichtslos unsere Mitmenschen sind. Die Menschen entblöden sich nicht, sich nachmittags für Geld zu einer Fernsehsendung einladen zu lassen, wo sie öffentlich über ihr Verhältnis zu ihren Katzen und Hunden oder ihrer Nachbarin erzählen. „Hilfe, ich lieb meinen Hund! Achtung meine Frau ist pervers! usw.“ Manche Zeitgenossen werden dann so von solchen Sendungen geblendet und verführt, dass sie einen Realitätsverlust bekommen. Oder Angst, dass ihnen dieses oder jenes Unglück am nächsten Tag auch passieren kann. Meinungen und Unsinn werden dann  massenhaft – ohne Prüfung und Nutzung des gesunden Menschenverstandes- gepostet und dies ist dann die „Wahrheit“. Alles andere ist Lügenpresse, denn wir sind ja im postfaktischen Zeitalter angelangt. Fakten und Wahrheiten zählen nicht mehr.

Wahrheit und Lüge stehen im Netz.  Und gewählte und demokratisch legitimierte Politiker sind für manchen Zeitgenossen dann nur „Volksverräter“.

 

Liebe Schwestern und Brüder, so oder so ähnlich sieht unsere Realität leider von Zeit zu Zeit aus.

Also Augen-Lust, Hoffart und Fleisches Lust gibt es genug in der heutigen Zeit.

Und manchmal bekommt man auch den Eindruck, dass die Welt mit dieser Lust vergeht.

Aber das ist nicht alles, was uns der Johannesbrief sagen will. Da ist noch mehr. Da ist die Aufforderung den Willen Gottes zu tun. Dafür bekommen wir die Ewigkeit Gottes versprochen.

 

Was ist aber die Ewigkeit Gottes, im hier und jetzt?

Weiter vorne im Predigttext heißt es, dass es ums Miteinander um wahre Liebe und Hingabe geht, um Vergebung und menschliche Größe. Also um Lebenshaltungen und moralisch-religiöse Einstellungen, um ethische Prinzipien, die das Miteinander fördern ohne Selbstsucht, Selfie-Wahn, eine Ausrichtung des Lebens jenseits  des Lust- und Laune-Prinzips.

 

Das ist möglich und das macht frei von den Zwängen der Welt, es macht frei für das Engagement für andere. Es macht frei zur Nächstenliebe

 

Doch als Christen, die wir in der Welt leben, müssen wir auch mit dieser Welt leben.  Das ist realistisch. Aber wir müssen uns nicht mit allem in dieser Welt gemein machen.

Wenn alle für Fleisches Lust, Schönheit und Egoismus sind, dann müssen wir nicht zwangsläufig diesen Trieben, Lustfaktoren und Angeboten nacheifern.

Schönheit z.B. ist vergänglich und zeitlich bedingt, das sagt schon das Sprichwort.

Aber und das möchte ich mit der christlichen Botschaft auch gegen den Text sagen dürfen:

wir müssen uns auch nicht moralinsauer, verklemmt und asketisch von allen irdischen Freuden, Lüsten  und Schönheiten entfernt halten, denn zu Gottes Ewigkeit gehört auch seine Schöpfung und unsere Geschöpflichkeit, die uns zur Freude, als Glücks- und Lustempfindung mitgegeben wurde.

 

Und im Sinne eines Paulus Wortes, das besagt:

„Alles ist mir erlaubt, aber nicht alles dient zum Guten. Alles ist mir erlaubt, aber nichts soll mich gefangen-nehmen.“

Alles ist erlaubt, aber nicht alles dient zum Guten. Alles ist erlaubt, aber nicht alles baut auf.

(1 Kor 6,12)

 

Daran versuchen wir uns zu halten. Amen.

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