Eine Herzensangelegenheit…. (Phil 1, 3-11)

Es war ein tränenreicher Abschied. Denn wie soll man einem Kind erklären, dass seine Spielkameraden der letzten Tage und Verwandten, die Cousins und Cousinen natürlich wieder nach Hause müssen, man sich in den nächsten Sommerferien aber bestimmt hier oder dort wiedersehen würde. Im Augenblick war es nur unendlich traurig und in seinem Herzen war nur Platz für dieses(!) Gefühl…

Es war ein ebenso tränenreicher Abschied, als sich das frisch verliebte Paar noch einmal am Bahnhof in den Arm nahm und gar nicht wieder loslassen wollte, bis der letzte Aufruf kam, doch einzusteigen, weil sich die Türen gleich schließen. Es waren nur wenige Tage bis sie sich wieder sehen wollten, aber im Augenblick des Abschiedes ziehen sich bekanntermaßen Tage für Verliebte wie eine Ewigkeit in die Länge. Das Herz war voller Sehnsucht und alles erinnerte auf Schritt und Tritt an den Geliebten/ die Geliebte.

Tränenreich war der Abschied für die Eltern, weil es ihnen schwer fiel ihr Kind in die weite Welt ziehen zu lassen. Ein Jahr Südamerika: was für die Tochter Abenteuer war und Aufbruch in die spannende Welt des Erwachsenwerdens und Erwachsenseins, war für die Eltern eine mühsame und schmerzhafte Übung, nicht mehr immer und überall für das eigene Kind sorgen und aufpassen zu können. Wie gut, dass heute alle diese Menschen nicht mehr nur auf das Bild auf der Anrichte und den zaghaften Telefonanruf am Sonntagabend angewiesen sind ( wenn denn ein Telefongespräch möglich war), sondern Handy, Whatsap, Facebook und Skype Menschen ganz nah zusammen bringt rund um den Globus.

Nur beim letzten Abschied am Grab ist das kein Trost mehr. Der Tod entreißt endgültig, zerstört alle Nähe und Vertrautheit, lässt Menschen hilflos und verloren zurück. Ohne auf irgendwen oder irgendwas Rücksicht zu nehmen.

Gespenstisch, für manchen vielleicht auch tröstlich, wenn die vertraute Stimme auf dem Anrufbeantworter noch sagt: ich bin im Moment nicht zu erreichen, aber hinterlassen sie eine Nachricht, ich melde mich zurück. Wie denn aber und von wo?

Das Bild in der Hand macht den Schmerz so konkret und greifbar.

In diese Augen kann ich nicht mehr schauen, dieser Mund wird nicht mehr sprechen, über das Gesicht oder die Hände kann ich nicht mehr zart streichen. Es bleibt nur die Erinnerung, es bleibt nur die gemeinsame Zeit, es bleiben nur die Bilder, die abgespeichert sind aus alter Zeit im Fotoalbum, oder auf der Festplatte, vor allem aber: die Bilder, die ich im Herzen trage.

Trauer ist ein langer und anstrengender Weg und am Ende des Weges, wenn er gelingt, hat der Verstorbene, Betrauerte, eben noch an meiner Seite, seinen Platz in mir , in meinem Herzen gefunden, von wo ihn in meinem Leben kein Tod mehr vertreiben kann, mit dem ich in meinem Herzen einmal in den Tod gehen werde. Es bleibt tränenreich, aber ein Herz erfüllt mit all den Vertrauten, ist etwas sehr wertvolles.

Ob der Apostel Paulus Tränen vergossen hat?

Er schreibt aus dem Schmerz der Trennung heraus.
Er schreibt aus dem Gefängnis, vielleicht schon in Rom, vielleicht auch in Ephesus , wir wissen es nicht mit Sicherheit. Aber wir wissen, wie eng Paulus mit den Christen in Philippi verbunden war. Es war seine erste Gemeindegründung auf europäischem Boden, eine Gemeinde, die sich aus Christen unterschiedlichster Herkunft zusammensetzte, wir sagen dann: eine heidenchristliche Gemeinde. Als einzige durfte sie den Apostel materiell unterstützen. Bei ihr bestand er nicht darauf, wirtschaftlich unabhängig zu bleiben und nur von dem zu leben, was er mit seiner Hände Arbeit erwirtschaftete. Bis ins Gefängnis erreichten ihn die Gaben der Philipper. Sie waren ihm ans Herz gewachsen, ihre Zuneigung berührte ihn, tröstete ihn und stärkte ihn, half in den Augenblicken der Einsamkeit, weil sein Herz ihm sagte: ich bin nur dem Anschein nach auf mich allein gestellt. Mein Gott und meine Freunde und Glaubensgeschwister in Phillipi sind mir ganz nah.

Mir geht das Bild von den Menschen in meinem Herzen ganz nah. Natürlich haben da ihren Ehrenplatz, die ich liebe und meinem Herzen gelingt es am ehesten jenseits der digitalen Welt der sozialen Netzwerke den Kontakt, die Beziehung aufrecht zu erhalten. In meinem Herzen haben meine Partner, meine Kinder und Enkelkindern, meine besten Freunden, meine Kindheitserinnerer und lauter andere liebe Menschen ihren Platz. Es kann sehr groß werden und vielen Heimat bieten– dieses Herz. Aber es kann auch nachtragend und zutiefst verletzt sein, da wo Kritik oder Enttäuschung, wo geplatzte, erkaltete Liebe oder zurückgewiesene Sorge und Fürsorge nicht an der Oberfläche abperlen, sondern unter die Haut und bis ins Herz hineingehen.

Ich habe euch in meinem Herzen….euch, die ich liebe und euch, die ihr mir böse seid, mich verletzt und enttäuscht habt. Der Schmerz hält an, die Wunde will nicht heilen. Furchtbar, wenn mein Herz mit solchem Schmerz voll ist und keinen Raum, keine Wärme, keine Energie mehr für die Liebe bieten kann. Versöhnung kann da womöglich nicht mehr reifen, sondern wird immer und immer im Keim erstickt.

Auch davon kann der Apostel erzählen, nicht den Philippern, aber anderen seiner Gemeinden, denen er eigentlich wie ein Vater oder wie ein Bruder sein möchte, in denen er aber Opfer von Intrigen und Verleumdungen, Graben- und Konkurrenzkämpfen wird.

Was die Erinnerung an bestimmte Menschen in meinem Herzen alles auslösen kann…

Warum bin ich eigentlich verbittert?

Warum ist mir der eine ein rotes Tuch und der andere vom ersten Augenblick an sympathisch?

Wo pflege ich(!) meine Kränkungen und Enttäuschungen, damit sie nicht erkalten oder absterben, weil sie mir so lieb und selbstverständlich geworden sind?

Und wo braucht meine Seele und mein Herz eine Entschuldigung, eine Geste der Versöhnung, um ins Reine, also in den Frieden zu kommen?

Da muss ich mich prüfen: schonungslos, nüchtern und ehrlich und mir eingestehen: nicht immer und überall will ich meinen Frieden finden.

Es gibt eben nicht nur BegleiterInnen auf dem Weg, für die wir Gott danken, sondern auch solche, die uns als Last aufs Herz gelegt sind: auch, einmal ganz ehrlich, in der Gemeinde.

Es ist nicht anders als in der Familie. Nur weil man miteinander verwandt ist, muss man noch lange nicht miteinander klar kommen.

Nur weil man den Glauben teilt, muss einem der Banknachbar im Gottesdienst noch lange nicht zum guten Freunde werden.

Nicht immer entlockt er mir ein Dankgebet, manchmal auch einen Seufzer, ein Stoßgebet. Von all dem redet Paulus nicht, ich weiß.

Er spricht ganz und gar die Sprache des Gebetes, die vielleicht als einzige etwas nachhaltig verändern kann: In der Haltung des Gebetes entdecke ich Gott in meinem Gegenüber am Werk: er wird das Gute Werk, das er angefangen hat, vollenden. Das gute Werk des Glaubens, den wir als Suchende, Fragende, Wachsende teilen, aber auch die gute Gabe des Lebens, in jeden Menschen eingepflanzt…

Er betet um Liebe und damit um eine Kraft, die stärker ist als Verletzungen, Wunden, Enttäuschungen und Beleidigungen, er bittet um eine Haltung, nicht um ein Gefühl für das Gegenüber.

Er traut dem anderen ( und heißt das nicht auch sich selbst?) mit seinem Gebet Erkenntnis und Erfahrung, also auch: Veränderung, zu !

Er sieht Chancen im Ringen um Aufrichtigkeit, Ehrlichkeit und Gerechtigkeit als einer gemeinsamen Basis.

Er betet. Er dankt. Er hofft. Er glaubt.

Das macht den Unterschied aus zu all dem, was ansonsten an negativen Energien Motor und Antrieb im großen und kleinen Weltgeschehen ist.

Wahrscheinlich wird man nicht ab heute so miteinander im Weltsicherheitsrat, an den Kabinettstischen, bei den Krisengipfeln und Konsultationsrunden um den Bürgerkrieg in Syrien und in der Ukraine, oder auf den Flüchtlingskonferenzen umgehen, vielleicht noch nicht einmal immer in unseren Leitungs- und Kollegenkreisen. Aber unsere vornehmste Aufgabe ist es schon, uns betend und den Menschen zugewandt in die Angelegenheit dieser Welt mit Dankbarkeit und Erwartung einzumischen. Und ausschließen kann man es ja nun wahrlich nicht, dass auch auf den Krisengipfeln oder den Parlamenten dieser Welt ein Gebet die Haltung von Grund auf verändert. Mir wäre das eine Herzensangelegenheit, weil ich auch die Welt und ihre Sorgen mit Freude und mit Sorge im Herzen habe. Amen

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