Schuldenfalle und Schuldenerlaß (der „Schalksknecht“)

Alle haben sie Schulden. Von denen, die mit ihrem Konto im Minus sind oder ihren Hauskredit abstottern, über die Kommunen bis hin zu ganzen Ländern. Kleine Leute haben oft bei Versandhäusern Schulden. Mit Null-Prozent-Finanzierung und 36 bequemen Monatsraten wird geworben. Aber die müssen ja auch zurückgezahlt werden. Da wird es oft eng. Wenn dann die Waschmaschine kaputtgeht, ist der Weg in die Überschuldung nicht weit.  Oder Trennung. Oder eine Krankheit. 14.784 Erwachsene im Landkreis Mansfeld-Südharz betrifft das – also mehr als jede*n Zehnte*n. (11,81 % im Jahr 2015, Zahl: mz-web.de; 23. 12. 2015) Auch viele Kommunen halten sich nur mit Kassenkrediten über Wasser. Da bleibt für den Spielplatz, die Sozialarbeit und das Museum wenig übrig. Kommunen, die schuldenfrei sind, gibt es zumindest  im Osten kaum noch. Die Schuldenuhr der Bundesrepublik zeigt 2265 Milliarden an (Zahl: staatsschuldenuhr.de; 15.10.2016). Da zahlen noch Generationen ab. Zum Vergleich: Der gesamte Landeshaushalt von Sachsen-Anhalt hat ein Volumen von knapp 11 Milliarden Euro, der Bundeshaushalt 317 Milliarden.

Alle haben Schulden. Nicht ganz. Da sind die, die von diesen Schulden profitieren, die das Geld verleihen und die Zinsen einkassieren. Banken und Aktiengesellschaften leben davon, daß andere Schulden machen, und zwar im großen Stil. Falls dann mal ein Kredit platzt und ein Unternehmen pleite geht, sind es tatsächlich Peanuts für die Bank, Erdnüsse. Wenn die Verluste größer sind, werden Bankenrettungsschirme aufgespannt.  In dieses Schuldensystem sind alle verwickelt, selbst wenn Sie selbst vielleicht nie einen Kredit aufgenommen haben. Wenn wir ein Brötchen kaufen oder die Miete überweisen, bezahlen wir die Betriebskredite der Bäckerei oder der Wohnungsgesellschaft mit. Und pro Kopf wir mit 27.281 € in der Kreide (staatsschuldenuhr.de).

Die Geschichte, die Jesus erzählt, ist aktuell. 10 000 Talente Silber, das ist eine schwindelerregende Summe. König Herodes hatte ein Jahreseinkommen von 900 Talenten; Palästina hatte im Jahr 4 v. Chr. eine Steuerkraft von 200 Talenten*.
In dieser Geschichte geht es nicht um private Zahlungsunfähigkeit, sondern um eine gigantische Forderung von Steuern und Abgaben eines ganzen Herrschaftsgebietes. Der Sklave als höchster Finanzbeamter war beauftragt, die Forderungen des Regenten einzutreiben. Wie brutal das zuging, beschreibt der antike Autor Philon von Alexandria: „So hat jüngst ein bei uns zum Steuereinnehmer bestellter Mann, als Leute, die wohl aus Armut im Rückstand waren, aus Furcht vor den unerträglichen Strafen das Weite gesucht hatten, deren Frauen, Kinder, Eltern und alle übrigen Verwandten gewaltsam fortgeschleppt, sie geschlagen, misshandelt und schändliche Gewalttaten aller Art an ihnen verübt, damit sie entweder den Flüchtling verrieten oder dessen Rückstände bezahlten, wiewohl sie beides nicht vermochten, jenes (nicht), weil sie (seinen Aufenthalt) nicht wussten, dieses (nicht), da sie nicht minder arm waren als der Entflohene. (Der Steuereinnehmer) gab sie aber nicht eher frei, als bis er mit Folter- und Marterwerkzeugen ihre Körper gepeinigt und sie durch unerhörte Tötungsarten ums Leben gebracht hatte … Manche … haben zuvor durch das Schwert oder durch Gift oder durch den Strang ihrem Leben ein Ende bereitet …  Die aber, die nicht zuvor Hand an sich gelegt hatten, wurden der Reihe nach, wie bei Erbschaftsprozessen, herangeholt, zuerst die Nächstverwandten und nach ihnen die Verwandten zweiten und dritten Grades bis zu den entferntesten; und als von den Verwandten keiner mehr übrig war, da schritt das Unheil noch weiter zu den Nachbarn, gelegentlich auch in (ganze) Dörfer oder Städte, die bald ihre Einwohner verloren und einbüßten, weil sie fortzogen und sich dahin zerstreuten, wo sie erwarteten unentdeckt zu bleiben.“ **

Die Außenstände des zweiten Sklaven, der vielleicht auf diese Weise in die Schuldsklaverei geraten ist, scheinen demgegenüber geringer: 100 Denare, ein Drittel des Jahreseinkommens einer armen Familie. Dennoch wird er sie niemals abstottern können, genausowenig wie das Land seinen astronomischen Schuldenberg jemals loswird. Ob ein armer Schlucker  oder ein ganzes Land, für beide gibt es keinen Ausweg. Wenn Staaten nur noch Schuldendienst leisten, müssen sie die Staatsausgaben auf null fahren. Sie sparen bei Krankenhäusern, Schulen, Prävention, Infrastruktur. Sie sparen die Leute kaputt und die Zukunft dazu. Und genau wie damals geraten auch heute verarmte Menschen in die Sklaverei. Oftmals sind es kleine Summen, die Kinder oder Erwachsene in dauernde Abhängigkeit von  Zuhältern, skrupellosen Arbeitsvermittlern oder Menschenhändlern bringen. Soviel sie auch arbeiten, der Berg wird immer größer. Die Spirale zieht sie weiter abwärts, sie geraten immer tiefer in Abhängigkeit.

Jesus erzählt von einem Schuldenschnitt. Der König erläßt die Schulden, jedenfalls zunächst. 10 000 Talente – ein Land, das ausgeblutet ist und auf keinen grünen Zweig mehr kommt, kann von vorn anfangen. Griechenland. Portugal. Irland. Italien. Mali. Niger. Äthiopien.
In der Geschichte hat es immer wieder Schuldenerlässe gegeben. 1953 hat Deutschland davon profitiert. Beim Londoner Schuldenvertrag 1953 wurde ein Großteil der Schulden, die teilweise noch aus dem 1. Weltkrieg, vor allem aber aus dem 2. Weltkrieg rührten, gestrichen. Dieser Schnitt hat das deutsche Wirtschaftswunder erst möglich gemacht. In der Geschichte von Jesus bleiben alle in dem System gefangen. Der verarmte Sklave muß bezahlen, der Herrscher besteht auf seinen Forderungen, 10 000 Talente werden dem Land abgepreßt.

Die Bibel ordnet einen regelmäßigen Schuldenerlaß an. Aller sieben Jahre sollten alle Verbindlichkeiten gestrichen werden. Die Kluft zwischen Reich und Arm konnte so nicht weiter wachsen. Das Erlaßjahr aller sieben Jahre machte einen Neuanfang möglich.
Lange wurden diese Abschnitte in der Bibel nicht ernst genommen und überlesen. Leute, die sich damit beschäftigt haben, wurden belächelt. Es wurde bestritten, daß Erlaßjahre überhaupt praktiziert wurden.  Seit der Finanzkrise 2008 dämmert es auch in Wirtschafts-Kreisen, daß die Verschuldung von Staaten ein ernstes und weltweites Problem ist. Inzwischen leuchten die Anweisungen zum Erlaßjahr in ganz anderem Licht. Schuldenerlass ist nicht so weltfremd, wie es erschien, sondern ein Weg, wie wir die Zukunft wieder gestalten können. Im Privatbereich haben wir ihn ja längst im Insolvenzrecht; übrigens dauert das Verfahren auch sieben Jahre lang.
Seitdem dringt ebenfalls ins Bewußtsein, daß auch im Vaterunser von Schulden die Rede ist – von Schulden in der Mehrzahl.  Vergib uns unsere Schulden, wie wir vergeben unsern Schuldnern, so heißt es korrekt übersetzt (Mt 6,12).

Jesus hat mit seiner Geschichte einer Welt, die im Schulden-System gefangen ist, den Spiegel vorgehalten. Das kennen wir von heute gut. Schulden machen abhängig. Wer Schulden hat, wird oft abgewertet: Es ist seine, ihre Schuld, wird mit erhobenem Zeigefinger gesagt. Und aus der Schuld, der Schuldenfalle herauskommen, wird zur Leistung erklärt: Die sollen sich gefälligst einmal etwas anstrengen, die Griechen … Wenn es um Schulden geht, wird besonders gern nach Schuld und nach Schuldigen gesucht.
Jesus sagt stattdessen: Ihr sollt vergeben. Siebenmal. Siebzigmal. Siebenundsiebzigmal. Und ihr sollt beten: Vergib uns unsere Schulden, wie wir vergeben unsern Schuldnern.

*Walter Grundmann: Das Evangelium nach Matthäus. Berlin 1986 6 , 423
** ´Luise Schottroff: Die Gleichnisse Jesu. Gütersloh 2007 2, 259 f. Die Predigt greift den Gleichnisdeutung von Luise Schottroff auf.

Predigt zu Matthäus 18, 21- 35 („Der Schalksknecht“)

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Mehr Predigten zu Gerechtigkeit: hier

Lesungen:

Wenn du Geld verleihst an einen aus meinem Volk, an einen Armen neben dir, dann treibe keinen Wucher, gib es zinslos. Nimmst du das Obergewand deines Mitmenschen zum Pfand, gib es ihm vor Sonnenuntergang zurück. Es ist doch nachts seine einzige Decke, mit der er sich zudecken kann. Worin soll er sonst schlafen? Wenn er mich in der Not anruft, erhöre ich ihn; ich jedenfalls habe Mitleid mit ihm.                        (aus 2. Mose 22, 24-26, gekürzt, nach BigS)

Wenn dein Bruder neben dir verarmt, so sollst du dich seiner annehmen. Du sollst von ihm weder Zins noch Zuschlag nehmen. Du sollst Gott ehren, so dass dein Mitmensch mit dir leben kann.  Dein Geld sollst du ihm nicht gegen Zins leihen, noch deine Nahrung gegen Aufschlag geben. Ich habe euch aus Ägypten geführt. (aus 3. Mose 25, 35 – 38, gekürzt, Luther / BigS)

Das Erlaßjahr: 5.Mose 15,1–11
1 Alle sieben Jahre sollt ihr einen Schuldenerlass durchführen.
2 Mit dem Schuldenerlass verhält es sich so: Alle, die einen Schuldschein in der Hand haben, sollen erlassen, was sie ihren Nächsten geliehen haben. Sie sollen es von ihren Nächsten, Bruder oder Schwester, nicht zurück fordern; es ist ja ein Schuldenerlass für die LEBENDIGE ausgerufen. 3 Von Fremden darfst du es zurückfordern. Was du deinem Bruder oder deiner Schwester geliehen hast, soll deine Hand loslassen.
4 Dass es nur ja keine Armen bei dir gibt! Die LEBENDIGE wird dich nämlich reichlich segnen in dem Land, das die LEBENDIGE, dein Gott, dir als Erbteil und Besitz gibt, 5 wenn du auf die Stimme der LEBENDIGEN, deines Gottes hörst, auf dieses ganze Gebot achtest, das ich dir heute gebe, und es befolgst. 6 Ja, die LEBENDIGE, Gott für dich, hat dich gesegnet, wie sie dir versprochen hat. So wirst du vielen Menschen aus den Völkern Darlehen geben, du selbst wirst aber keines nehmen müssen. So wirst du viele Menschen aus den Völkern verpflichten, aber sie werden dich nicht verpflichten können.
7 Wenn es aber doch Arme bei dir gibt, Bruder oder Schwester, in einer deiner Städte, in deinem Land, das die LEBENDIGE, dein Gott, dir gibt, dann sollst du dein Herz nicht verhärten und deine Hand vor dem armen Bruder und der armen Schwester nicht verschließen. 8 Vielmehr sollst du ihnen deine Hand weit öffnen und leihen, so viel sie brauchen. 9 Hüte dich davor, dass in deinem Herzen der unwürdige Gedanke entsteht: ‚Das siebte Jahr, das Jahr des Schuldenerlasses, ist nahe’ und dein Auge berechnend auf deinen armen Bruder und deine arme Schwester blickt und du ihnen nichts gibst. Sonst werden sie die LEBENDIGE gegen dich anrufen, und dann liegt die Schuld bei dir! 10 Du sollst ihnen reichlich geben und dein Herz sei nicht berechnend, wenn du ihnen gibst: Das ist der Grund dafür, dass die LEBENDIGE, dein Gott, dich segnen wird in allem, was du unternimmst und was deine Hand anfasst.
11 Die Armen werden nicht einfach aus der Mitte des Landes verschwinden. Deshalb fordere ich von dir: Öffne ihnen deine Hand weit – deinem Bruder, deiner Schwester, den Elenden und Armen bei dir, in deinem Land.
Kirchentagsübersetzung Hamburg 2013, Kirchentagsliederbuch S. 144

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