Zeit abzurüsten (Epheser 6, 10-17)

Eigentlich war es höchste Zeit verbal abzurüsten.

Immer wenn der Streit eskalierte, wenn sie sich in Zorn und Wut redete, wurde er ganz klein, zog die Schultern hoch und den Kopf ein, als könnte er in Deckung gehen und ließ den Schwall der Beschimpfungen über sich ergehen: „Versager“, „Dummkopf“, „größter Fehler meines Lebens“ waren noch die harmloseren Beschimpfungen, die er sich anhören musste und gegen die er sich noch nie wehren konnte. Streiten hatte er nicht wirklich gelernt. Aber gelernt hatte er, dass tiefe Wunden auch durch Worte gerissen werden konnten und wie schwer es war aus der  Spirale von Vorwurf, Schweigen und Beschimpfungen, manchmal aber auch von Vorwurf und Gegenvorwurf – wenn er sich denn doch einmal wehrte – herauszufinden. Worte können unendlich scharfe und brutale Waffen sein.

Es ist höchste Zeit endlich abzurüsten, geht mir durch den Kopf, wenn mir die Medien in ihrer täglichen Berichterstattung wieder einmal die Weltlage mitteilen: neue Bombenangriffe auf Aleppo mit unzähligen auch zivilen Opfern im sogenannten Kampf gegen den Terrorismus, Tote bei einem Selbstmordanschlag in Pakistan oder in der Türkei, ein Amoklauf an einer Schule, da wird wieder ein Schwarzer von Polizisten, die sich vorsorglich bedroht fühlen, erschossen, neue Kämpfe im Osten der Ukraine, Bürgerkrieg im Sudan und im Jemen. Die Rüstungsindustrie und die Waffenschmieden können sich die Hände reiben: Waffen werden verkauft und ganz offiziell eingesetzt gegen den Waffenmissbrauch, auch wenn keiner recht weiß, wo sie denn recht gebraucht oder zu Unrecht missbraucht werden. Zaghaft höre ich mich denken und sagen: Krieg darf um Gottes Willen nicht sein…

Aber wem fällt denn noch etwas ein gegen die Spirale von Gewalt und Gegengewalt, bei der Eskalation der Konflikte und den unklaren Interessenlagen, die auch in Zeiten der medialen Globalisierung nicht wirklich nüchtern analysiert werden können. Wir leben in einem postfaktischem Zeitalter, sagen mir die Gelehrten, und immerfort schreit der eine „Lügenpresse“ und der andere „Propaganda“. Kaum wird eine Meldung diskutiert, ist sie schon wieder überholt, ohne dass sie überprüft werden könnte.

Sollten Christen die Botschafter der Deeskalation sein: verbal und politisch und ökologisch ?

Da rüstet aber dem Anschein nach auch der Apostel schon auf, rüstet die Christen aus für den Heiligen Krieg: zieht die Waffenrüstung Gottes an, fest umgürtet, gepanzert, gestiefelt, den Schild in der einen, das Schwert in der anderen Hand und den Helm auf dem Kopf…

Sicher eine archaische Waffenrüstung, für moderne Kriegsführung nicht mehr geeignet, wo Kämpfe von Satelliten gesteuert, aus den Kommandozentrale überwacht, mit Knopfdruck ausgelöst werden, so steril daherkommen, wie ein Computerspiel am Laptop, wenn da nicht die verzweifelten Gesichter, hilflosen Schreie und unschuldigen Toten in der nackten Realität wären, die nicht so schön steril sind wie die Kampfstation. Da stehen sich nicht mehr Kämpfer in voller Rüstung von Angesicht zu Angesicht gegenüber…, aber Opfer sind dafür um so mehr zu beklagen.

Es ist höchste Zeit abzurüsten, verbal, politisch, militärisch, und auch das muss betont werden: auch im Glaubensstreit und Glaubenskonflikt.

Ein Jahr vor dem Reformationsjubiläum muss festgehalten werden, dass sich die christlichen Konfessionen nicht mit Gewalt bekämpfen durften und dürfen. Und wir Christen können es nicht zulassen, dass es zu neuen Religionskriegen kommt, sondern haben dafür zu werben und alle dazu einzuladen, dass Menschen des Glaubens immer und überall Botschafter der Versöhung sind, da sie sich auf einen Gott, auf ihren Gott und den einzgen Gott der Wahrheit und des Lebens berufen.

Es ist höchste Zeit, dass der Bann gegen Luther aufgehoben, dass die Abendmahlsgemeinschaft bei allen Unterschieden gelebt und der Dialog auch zwischen Konfessionen und Religionen verschiedenen Glaubens öffentlich geführt wird. Ja es ist Zeit für ein „House of one“, wie in Berlin geplant, wo in einem Haus Juden, Christen und Muslime Räume für den Gottesdienst und das Gebet haben, am selben Ort , auch zur selben Zeit, wenn sie dies schon nicht zusammen tun können.

Es ist Zeit abzurüsten, nicht aufzurüsten.

Und wer die geistliche Waffenrüstung des Epheserbriefes einmal genau prüft, wird feststellen, dass sie bereits ein großes Abrüstungsprojekt ist:

Stärke und Macht, auch im Kampf gegen das reale und konkrete Böse, die Menschenverachtung und Lebensfeindlichkeit, verleihen am Ende nicht Waffen und modernste Technologie, oder Droh-, Abschreckungs- und Tötungspotentiale in immer größeren Waffenlagern. Nein, Stärke finden Menschen bei Gott und in seiner Macht, von der wir ja nicht ohne Grund sagen, dass sie eine Macht der Liebe sei.

Konflikte löse ich nicht, wenn ich mit starken Worten mein Gegenüber überrolle, oder meine, Gottes Wahrheit auf dem Schlachtfeld demonstrieren zu können.

Es ist die paradoxe, manchmal aberwitzig erscheinende Wahrheit des Glaubens, dass sich Gottes Macht und seine Stärke am Kreuz, in der Ohnmacht des Gequälten, Gefolterten und Getöteten gezeigt hat. Er hat nicht darauf bestanden, die eigene Ehre mit Gewalt zu retten und zu verteidigen, sondern hat durch Ohnmacht die anderen bloßgestellt und in den Augen der Betrachter entlarvt. Haben Martin Luther King, Mahatma Gandhi und andere Vertreter des gewaltlosen Protestes denn am Ende Unrecht gehabt mit ihrer Verpflichtung zur Gewaltlosigkeit oder eher wie die Menschen der Friedensgebete im Herbst 1989 gezeigt, wie der Glaube und die Hoffnung sich durchsetzen können?

Wenn Christen ihre Stärke und ihre Macht bei Gott suchen und finden, ist das keine Resignation oder gar Kapitulation vor der Wirklichkeit, sondern Zeichen ihres Einsatzes – ich scheue jetzt ein wenig das Wort: ihres Kampfes- , wenn sie zu den Mitteln der Hoffnung und des Gebetes greifen und so einsetzen, was Gott ihnen an die Hand gibt:

Da ist die Wahrheit. Sie ist oft nicht schnell zu finden und liegt nicht in einfachen Antworten. Sie will überprüft werden,  sie hat oft viele verschiedene Aspekte, deswegen gehört sie keinem allein, sie liegt auch nicht mehr in dem, was ich sehen oder höre, weil Bilder und Kommentare manipulieren und verfälschen können. Um die Wahrheit muss miteinander gerungen werden, sie zeigt sich oft nicht sofort, sie kann nicht mit verletzenden, beleidigenden, aggressiven Parolen in die Welt posaunt werden. Pilatus hat er recht, wenn er zu aller erst einmal fragt, was Wahrheit ist und Jesus sagt, so, dass es uns in den Ohren klingt, dass er die Wahrheit sei. Er, sein Leben, seine Botschaft, sein Leiden und Sterben und Auferstehen sind gewissermaßen die Messlatte, an der sich all die Botschaften messen lassen müssen, die behaupten, dass sie die Wahrheit kennen oder sogar die Wahrheit seien. Wer sich so das Leben Jesu einmal anschaut, wird feststellen, wie politisch das Evangelium in Wahrheit ist, wie sehr es uns Menschen in unseren Urteilen und Vorurteilen entlarvt: wie beschämt müssten wir angesichts des Flüchtlingsdramas, der Fremdenfeindlichkeit, der Unversöhnlichkeit von Konfliktparteien, der sozialen Ungerechtigkeit und der Streitkultur sein, wenn wir die Wahrheit Jesu zum Maßstab unseren Lebens, Handelns und Denkens machen würden. Die Wahrheit und die Stärke und Macht Gottes gehören eben nicht in die Privatsphäre eines jeden einzelnen, sondern in die Kämpfe der Wirklichkeit.

Ein Traum und eine Vision von Gerechtigkeit gehören für uns Christen zum Leben wie die Luft zum Atmen und das tägliche Brot zum Alltag.

Gerechtigkeit, die nicht nach Herkunft, Geschlecht, Religion, Hautfarbe, Sprache, Alter, sexueller Orientierung, Bildung Gesundheit oder Leistungsfähigkeit fragt, sondern in jedem die Würde entdeckt, die er als Ebenbild Gottes von Geburt an hat.

Gerechtigkeit ist der einzige Mutterboden, auf dem wirklich Frieden gedeihen kann: Frieden zwischen Völkern und Generationen, zwischen Religionen und in den Familien. Und Gerechtigkeit und Frieden sind die Gesichter des Evangeliums, oder es ist nicht Evangelium!

Manchmal haben wir Christen nicht mehr als unseren Glauben, das da ein guter Gott ist, dem alle Macht im Himmel und auf Erden gehört, in dessen Namen wir Gottesdienst am Sonntag morgen feiern und dem wir auch im Alltag gehören wollen.

Manchmal ist da nicht mehr als die Sehnsucht nach Heil, dass die den Menschen, den Völkern, der geplagten Schöpfung geschlagenen Wunden geheilt werden, dass Gott uns und diese Welt, seine Kreatur, unsere Geschwister in der Schöpfung, nicht aufgibt und verloren gehen lässt.

Aber diese Hoffnung ist ebenso stark und lebendig wie die Sehnsucht nach Heil und nach Heilung: Ich habe einen Traum, I have a dream …

Es mag sein, dass alles um uns herum ins Wanken kommt, aber nicht Gott und seine Verheißung und seine Zusage, diese Welt in seiner Hand zu halten und zu bewahren und ein Reich des Friedens und der Gerechtigkeit zu bauen.

Während die einen vielleicht sagen: du bist halt ein Träumer und die anderen vielleicht rücksichtsloser spotten: du bist ein Spinner, weltfremd und ein Fantast, würde ich sagen: nein, es ist Gottes Geist, ein Brennen und Sehnen in uns, dass diesen Wunsch lebendig erhält.

Und Nahrung erhält dieser Traum aus den Bildern und den Liedern und Gebeten, aus den Geschichten und den Worten der Väter und Mütter in der Bibel und im Gesangbuch. Darin zeigt sich nämlich, was Menschenworte und was Gottesworte sind: wo Hoffnung, Mut, Entschlossenheit, Liebe, Sehnsucht nach Heil und Gerechtigkeit, Bereitschaft zum Frieden und zur Versöhnung im Kleinen und im Großen angestoßen und geweckt werden, da hat Gott sich unter den Menschen gezeigt, ist nicht stumm geblieben, sondern hat gesprochen, hat sich zu vernehmbar zu Wort gemeldet. Hören wir es, heute,jetzt und hier?

Wahrheit, Gerechtigkeit, Sehnsucht nach Frieden und Heil, Gottes Geist und Gottes Wort, das sind unsere Stärke und damit will ich mich gerne kleiden. Es ist Zeit abzurüsten und sich neu einzukleiden.

Amen

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