Gemeinsam das Leben finden

Manches erlebe ich, dass meinem Glauben, meinem christlichen Bewusstsein an die Substanz geht. Ich erlebe Kälte und Hass. Nicht nur das, was in Aleppo geschieht tut mir weh, auch der unbeschreibliche Hass, der durch die sozialen Medien wabert. Die Art und Weise mit der Menschen sich gegenseitig fertig machen. Ganz normale Menschen, die sich plötzlich austoben – und wer nicht genauso denkt wie sie, ist ein Idiot, ist unfähig, muss weg.

Es muss doch möglich sein, dass Leben auf andere Weise gelingt. Dass Leben aus Glauben und Liebe ein Modell wird für unser Zusammenleben in den Familien, in den Nachbarschaften in unserer Gesellschaft.

Der Epheserbrief argumentiert da mit Bildern, die erst einmal kriegerisch anmuten und verwirren:

10 Zuletzt: Seid stark in dem Herrn und in der Macht seiner Stärke.
11 Zieht an die Waffenrüstung Gottes, damit ihr bestehen könnt gegen die listigen Anschläge des Teufels.
12 Denn wir haben nicht mit Fleisch und Blut zu kämpfen, sondern mit Mächtigen und Gewaltigen, nämlich mit den Herren der Welt, die in dieser Finsternis herrschen, mit den bösen Geistern unter dem Himmel.
13 Deshalb ergreift die Waffenrüstung Gottes, damit ihr an dem bösen Tag Widerstand leisten und alles überwinden und das Feld behalten könnt.
14 So steht nun fest, umgürtet an euren Lenden mit Wahrheit und angetan mit dem Panzer der Gerechtigkeit
15 und an den Beinen gestiefelt, bereit einzutreten für das Evangelium des Friedens.
16 Vor allen Dingen aber ergreift den Schild des Glaubens, mit dem ihr auslöschen könnt alle feurigen Pfeile des Bösen,
17 und nehmt den Helm des Heils und das Schwert des Geistes, welches ist das Wort Gottes.

Es entspricht der Erfahrung, dass christliches Leben auch immer bedrohtes Leben ist. Darum wird hier die Aufgabe von Christinnen und Christen beschrieben: Verteidigung des Glaubens und der Gemeinde von Schwestern und Brüdern.
Es irritiert ein wenig, dass bei einer Friedensbotschaft kriegerische Waffen als Vorbild dienen. Es erinnert ein wenig an Jesu Aufforderung auch von den Kindern der Finsternis zu lernen. Aber ich muss wohl auch genauer hinschauen, was für Waffen des Glaubens hier beschrieben werden.

Es gehört Kraft, Ausdauer und Selbstschutz dazu, die Existenz eines Christenmenschen zu leben. Ich brauche Schutz vor allen Dingen: Die Stiefel, den Schild und den Helm. Es geht nicht so sehr um Angriff, als vielmehr um Verteidigung – letztlich um den Krieg, der mir aufgedrückt wird. Um die Menschen, die meinem Glauben an die Substanz wollen und vor denen ich mich schützen will.

Und da höre ich: Ich habe Gaben erhalten. Schild und Schwert, Helm und Stiefel sind nicht Dinge, die ich mir anschaffen muss, sie sind Gaben Gottes. Ich darf sie einsetzen. Ich bin nicht wehrlos. Ihr darf meine Gaben annehmen und leben. Ich bin nicht allein. Mit mir geht der Geist Gottes und die Gemeinschaft von Schwestern und Brüdern.

Ob die Helferinnen und Helfer in der Flüchtlingskrise standhalten, ob die Friedensstifter irgendwann Erfolg haben – all das werden wir sehen. Aber wir dürfen darauf vertrauen, dass der Herr mit uns geht, wenn wir in seiner Liebe leben. Wir dürfen unseren Glauben leben im Gottvertrauen und in der Hoffnung darauf, dass er auch dann noch Wege zeigt, wenn wir alles für ausweglos halten.

Dass es für Viele so aussieht, als sei das Christentum auf dem Rückzug und als müsste das christliche Europa verteidigt werden gegen die Islamisierung, ist nicht Ergebnis der Flüchtlinge oder einer aggressiven islamischen Mission. Es ist Ergebnis von ChristInnen, die nicht reden von ihrem Glauben, die zwar wollen, dass die Kirche im Dorf bleibt, denen es aber herzlich egal ist, wenn sie leer bleibt.

Wenn ChristInnen nicht kämpfen im Bewusstsein, dass der Herr selber es ist, der sie ausstattet mit allem, was sie brauchen, welchen Sinn soll es dann haben, sich für ein christliches Abendland einzusetzen? Wenn ChristInnen nicht von ihrem Glauben erzählen und ihn leben, dann brauchen wir auch keine Kirche im Dorf, kein Kreuz an der Wand. Dann leben wir nicht mehr, weil unser Glaube nicht mehr lebt.

Unser Kampf könnte bedeuten, dass wir unseren Glauben bekennen, dass wir deutlich machen, dass es uns nicht nur irgendwo gibt, sondern dass wir im Hier und Jetzt leben, erfüllt vom Geist und ausgestattet mit dem Wort Gottes, versehen mit vielen Gaben und erfüllt von der Liebe Christi.

Das Leid, das ich sehe wird nicht automatisch weniger, nur weil ich bete und von Gott erzähle. Aber wenn in den christliche Gemeinden gemeinsam gebetet wird und die Menschen dann tun, was sie können, dann beginnt das Reich Gottes, dann kann Leid gelindert werden, dann kann Menschen geholfen werden, dann werden wir gemeinsam das Leben finden, das wir suchen.

Wir haben, was wir brauchen, eine Ausrüstung, mit der wir vielen Angriffen auf unseren Glauben, vielen Attacken auf unser Selbstbewusstsein trotzen können. Aber anlegen müssen wir diese Rüstung selber und den Willen, uns zu verteidigen müssen wir schon selber aufbringen.

Wir haben die Gaben des Geistes, aber zum Klingen müssen wir sie schon selber bringen. Wir haben es in der Hand und im Kopf, dass Europa christlich ist. Das wird aber nicht gelingen, indem wir Andere bekämpfen, sondern nur indem wir selber den Gaben Gottes erlauben in uns zu wirken.

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