Gutmensch?!

Predigt 1. Thessalonicher 4,1-8, 20. Sonntag nach Trinitatis, von Pfarrer Johannes Taig

1 Weiter, liebe Brüder, bitten und ermahnen wir euch in dem Herrn Jesus – da ihr von uns empfangen habt, wie ihr leben sollt, um Gott zu gefallen, was ihr ja auch tut –, dass ihr darin immer vollkommener werdet.
2 Denn ihr wisst, welche Gebote wir euch gegeben haben durch den Herrn Jesus.
3 Denn das ist der Wille Gottes, eure Heiligung, dass ihr meidet die Unzucht
4 und ein jeder von euch seine eigene Frau zu gewinnen suche in Heiligkeit und Ehrerbietung,
5 nicht in gieriger Lust wie die Heiden, die von Gott nichts wissen.
6 Niemand gehe zu weit und übervorteile seinen Bruder im Handel; denn der Herr ist ein Richter über das alles, wie wir euch schon früher gesagt und bezeugt haben.
7 Denn Gott hat uns nicht berufen zur Unreinheit, sondern zur Heiligung.
8 Wer das nun verachtet, der verachtet nicht Menschen, sondern Gott, der seinen Heiligen Geist in euch gibt.


Liebe Gemeinde,

die sogenannte Epistelreihe, mit Predigttexten aus den Briefen des Neuen Testaments hält für den Prediger in diesem Jahr manch undankbare Aufgabe bereit. Und auch unser heutiger Predigttext scheint auf den ersten Blick eine solch undankbare Aufgabe zu sein.

Liebe Brüder, so geht das schon los, als ob die Frauen Luft wären. Und dann vom ersten bis zum letzten Wort der erhobene Zeigefinger. Nein, gerade von der Kirche lässt man sich solche Ermahnung moralischer Art nicht mehr gefallen. Die Kirche, der erhobene Zeigefinger Gottes. Muffig, spießig und auf jeden Fall realitätsfremd. Und nicht zuletzt, schreibt eine Auslegerin zu unserem Text ist der durchschnittliche Predigthörer nicht übermäßig gefährdet, von geschlechtlicher Begierde überwältigt zu werden. Ihm und ihr ist wohl eher ein Stück Lebenslust und Lebensfreude zu wünschen, ein Stück gelebter und dankbarer Kreatürlichkeit.

Wohl wahr, solche Wünsche hatte Paulus wohl kaum im Blick. Ledig ist er sein Leben lang geblieben. Und deshalb klingt das, was er zum Verhältnis von Mann und Frau sagt, seltsam theoretisch und blutleer. Deshalb schöpft er bei diesem Thema nicht aus eigener Erfahrung, sondern nimmt aus dem Reichtum seiner theologischen Gedankengebäude, was ihm zutreffend erscheint. Aber so geht es den Theologen. Wer im Himmel das Denken anfängt, kommt oft leider nicht bis ganz hinunter auf die Erde.

Schade, dass Paulus mit dem, was er zum Verhältnis von Mann und Frau sagt, nicht ganz hinunter auf den Erdboden gekommen ist. So muss der große Meister das Feld in diesem Punkt anderen überlassen, die sich dort im Laufe der Kirchengeschichte bis auf den heutigen Tag munter getummelt haben. Es ist noch gar nicht so lange her, da hatte man den Eindruck, die Ethik der Kirche bestehe vor allem aus Sexualethik und die Heiligung des Christenmenschen in der Einhaltung derselben. Weshalb in der Kirche immer wieder viele Heilige werden, wenn auch erst spät und aus Altersgründen.

Scherz beiseite. In der Tat geht es bei dem, was der Apostel die Heiligung eines Christenmenschen nennt, um mehr als um sein Gutwerden vor Gott. Wo Heiligung auf das Gutwerden des Menschen reduziert wird, bringt christlicher Glaube genau den Typ Pharisäer hervor, mit dem Jesus sich im Evangelium kritisch auseinandersetzt.

„Gutmensch“ wird er in der aktuellen gesellschaftlichen Diskussion genannt. Edel sei der Mensch, hilfreich und gut, sagt Goethe. Das geht aber nur solange gut, wie der Gutmensch sein moralisches Verhalten nicht so als vorbildlich zur Schau stellt, dass alle anderen um ihn her sich schlecht vorkommen müssen. Solange der Gutmensch kein Mensch ist, der um keinen Preis mit denen auf einer Stufe stehen will, die noch in den Irrtümern und Sünden seiner eigenen Vergangenheit befangen sind. Das geht nur gut, solange der Gutmensch kein Tugendbold ist, der andere mit seinen Tugenden terrorisiert und sie aufgrund seiner Tugenden von Herzen verachtet. Weshalb die in und um Hof ja bekanntlich sagen: Je heilicher, desto greilicher!

Mag schon sein, dass mit diesem Spruch diejenigen die Verachtung erwidern, die sie selbst erfahren haben. Aber dadurch wird nur umso deutlicher, dass die Heiligkeit des Gutmenschen etwas anderes ist als die Heiligung des Christenmenschen, die Paulus einfordert.

Die Heiligung des Christenmenschen geschieht nicht, damit er etwas Besseres wird. Sie geschieht um der Gebote willen, die wir euch gegeben haben, nicht durch Mose, sondern – wie Paulus ausdrücklich betont – durch den Herrn Jesus. Durch den Herrn Jesus, der alle Gebote der Bibel zusammenfasst im Doppelgebot der Gottesliebe und der Nächstenliebe. Durch den Herrn Jesus, der im Johannesevangelium zu seinen Jüngern sagt: Ein neues Gebot gebe ich euch, dass ihr euch untereinander liebt, wie ich euch geliebt habe (Joh 13/34).

Um Gottes Willen und um der Würde des Menschen willen. Oder wir können auch sagen: Um Gottes Willen, der die Würde des Menschen im Blick hat. Paulus erhebt hier das Wort für die Würde des Menschen. Für die Würde des Menschen, der Achtung gebührt, denn wer die Würde des Menschen verachtet, der verachtet die Würde Gottes.

Die Würde des Menschen ist unantastbar. So steht es in Artikel 1 des Grundgesetzes. Sie zu achten und zu schützen ist die Aufgabe aller staatlichen Gewalt. Paulus würde sagen: Aller göttlichen Gewalt, aller christlichen Ethik, aller brüder- und schwesterlichen Ermahnung. Und von dort her ist sie schließlich in unser Grundgesetz gekommen. Und wir Christen werden uns dafür einsetzen, dass die Würde des Menschen dort stehen bleibt und in den Sachzwängen der Politik nicht untergeht. Und wir werben dafür, dass ihr Schutz zum Grundkonsens aller Menschen dieser Erde wird.

Gerade weil nicht nur wir Christen wissen, dass die Würde des Menschen etwas sehr Zerbrechliches ist. Und sie wird immer dort zerbrochen, wo ein Mensch zum Objekt und zum Zweck herabgewürdigt wird. Und das geschieht auf vielen Gebieten.

Paulus spricht die Sexualität an. Porneia, Unzucht, das, was ohne Liebe geschieht, mit oder ohne Trauschein, ohne Rücksicht auf die Würde von Frau oder Mann. Ohne Rücksicht auf die Würde der Kinder im Fernen Osten Asiens und mitten unter uns in scheinbar intakten Familien.

Paulus spricht unser wirtschaftliches Handeln an. Niemand übervorteile seinen Bruder im Handel. Wirtschaftliche und soziale Gerechtigkeit sind eine Grundbedingung zum Schutz der Menschenwürde. Die Achtung vor ihr fordert einen Staat, der dem in Not geratenen Menschen gibt, was er braucht, um nicht in die Achtungslosigkeit und Würdelosigkeit zu fallen. Wer an den Leistungen für die Schwächsten unserer Gesellschaft spart, spart am Schutz der Würde des Menschen.

Gar nicht so weltfremd, was Paulus da denkt. Er denkt das Evangelium in unser Leben hinein. Das ist die Aufgabe christlicher Ethik. Die Aufgabe der Heiligung ist es, das Evangelium in unsere Welt hinein zu leben.

Und so haben wir mit den mahnenden Worten des Paulus, heute nicht das Gesetz, sondern vielmehr das Evangelium bedacht. Die Würde des Menschen kommt aus dem Evangelium vom menschenfreundlichen Gott. Wer sie geringschätzt, der verachtet nicht Menschen, sondern Gott. Wer sie hochschätzt, schätzt das Evangelium hoch. Wer sie verteidigt für andere, predigt ihnen das Evangelium. Und diese Predigt haben wir nicht nur in der Kirche, sondern auch draußen im Alltag und in der Politik nötig. Heilige braucht die Kirche und die Welt noch viel mehr.

Mit meinen Konfirmanden lese ich immer mal wieder die fiktive Geschichte von einer Gemeinde, die zum Reformationstag Beispiele für vorbildliche Christenmenschen sucht. Alle möglichen erfundenen Leute bewerben sich von Andy Angermeyer bis Helmut Hartmann. Die meisten Punkte bekommt immer Bartholomäus Bauer, von dem es heißt: Sohn eines Handwerkers, studierte Rechtswissenschaften, bracht das Studium ab, um Mönch zu werden und um nur noch für Gott zu leben und zu arbeiten. Er betet viel, kennt sehr gut die Bibel und sammelt für die Armen. Tja, sag ich dann zu meinen Konfirmanden, da habt ihr euch offensichtlich schon damit abgefunden, dass ihr alles Mögliche werden könnt, aber ein guter Christ oder ein Heiliger sicher nicht.

Ja, das könnte dem Teufel so passen, dass es Heilige nur hinter Klostermauern gibt und die Welt ihm überlassen bleibt. Damit findet sich der Christus nicht ab. Salz der Erde und Licht der Welt sollen wir sein (Mt 5/13f). Gutmenschen in diesem Sinne. Heilige in dem Sinn, dass wir das Evangelium, dass wir empfangen, hineinleben in die Verhältnisse, in denen wir leben. Zu nichts anderem ermahnt uns Paulus heute. Nicht, dass wir mit der Bergpredigt die Welt regieren, aber damit wir nicht nur mit dem Mund, sondern auch mit unserem Leben das Evangelium so verkündigen, dass die Elenden es hören und sich freuen.

Die Predigt zum Hören

drucken

Leave a Reply

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.