Erntedank in sieben Lagen

Liebe Gemeinde,

auf dem Gottesdienstblatt ist eine Zwiebel abgebildet. Ich wollte keine rohen Zwiebeln verteilen, damit es ein fröhlicher Gottesdienst bleibt! Es wird ja gleich nach dem Gottesdienst draußen genug verarbeitete Zwiebeln zu Essen geben.

Der Zwiebel wird nachgesagt, dass sie sieben Schalen hat. Eigentlich sind es ja mehr sieben Lagen, von denen die meisten gut zum Verzehr geeignet sind. Ich möchte an diesem Erntedanktag die Zwiebel als Bild für unseren Glauben nehmen. Das sprichwörtliche Buch mit sieben Siegeln aus der Offenbarung des Johannes ist ja vielen im Ohr.

Die äußerste Schale ist meist braun und verwelkt. So wie viele Bibeln in den Bücherregalen stehen. Voller Staub der Jahre, in denen sie keiner mehr zur Hand genommen hat. Schälen wir diese Lage ab und öffnen den für heute vorgesehenen Bibeltext aus dem 2. Brief des Paulus an die Gemeinde in Korinth:

„Ich meine aber dies: Wer da kärglich sät, der wird auch kärglich ernten; und wer da sät im Segen, der wird auch ernten im Segen. Ein jeder, wie er’s sich im Herzen vorgenommen hat, nicht mit Unwillen oder aus Zwang; denn einen fröhlichen Geber hat Gott lieb. Gott aber kann machen, dass alle Gnade unter euch reichlich sei, damit ihr in allen Dingen allezeit volle Genüge habt und noch reich seid zu jedem guten Werk; wie geschrieben steht „Er hat ausgestreut und den Armen gegeben; seine Gerechtigkeit bleibt in Ewigkeit.“ Der aber Samen gibt dem Sämann und Brot zur Speise, der wird auch euch Samen geben und ihn mehren und wachsen lassen die Früchte eurer Gerechtigkeit. So werdet ihr reich sein in allen Dingen, zu geben in aller Einfalt, die durch uns wirkt Danksagung an Gott. Denn der Dienst dieser Sammlung hilft nicht allein dem Mangel der Heiligen ab, sondern wirkt auch überschwänglich darin, dass viele Gott danken. Denn für diesen treuen Dienst preisen sie Gott über eurem Gehorsam im Bekenntnis zum Evangelium Christi und über der Einfalt eurer Gemeinschaft mit ihnen und allen. Und in ihrem Gebet für euch sehnen sie sich nach euch wegen der überschwänglichen Gnade Gottes bei euch. Gott aber sei Dank für seine unaussprechliche Gabe!“

Zum Erntedank geht es in der zweiten Lage der Zwiebel um das Säen. Glauben entsteht aus den alten Geschichten. Glaube will gesät werden. In den Familien, im Kindergarten, im Konfirmandenunterricht und das ganze Erwachsenenleben lang. Gottes Umgang mit den Menschen will von Generation zu Genration weiter erzählt werden. Darum ist es gut, dass ihr Kindergartenkinder heute hier seid. Auch euch Konfirmandinnen und Konfirmanden habe ich in den ersten Wochen als neugierig und aufgeschlossen erlebt. Es ist gut, wenn wir die Erfahrungen unserer Vorfahren im Glauben erst einmal kennen. Wer wenig von diesen Geschichten weitergibt, muss sich nicht wundern, wenn folgende Generationen den Bezug zu Kirche und Glaube verlieren. Oder mit den Worten des Paulus: Wer da kärglich sät, wir kärglich ernten. Übrigens: Sein Brief ist nicht an die Gemeindeleiter und Erzieher adressiert. Paulus schreibt dies der ganzen Gemeinde.

Ich öffne die dritte Schale der Zwiebel. Da geht es um das Einhalten von Geboten und Regeln. Für viele ist dies das Wichtigste. Kirche sorgt für Moral im Land. Herr Pastor, bringen Sie den Jugendlichen mal ordentlich die Gebote bei, so bekomme ich da zu hören. Und klar, Christinnen und Christen, die ihren Glauben ernst nehmen, fallen durch ihr Handeln auf. Trotzdem ist es wichtig, diese Schale ganz schnell zu entfernen. Spätestens seit Martins Luthers Versuch, wirklich alle Gebote einzuhalten, wissen wir: Das wird nichts. Die Gebote überführen uns in unserer Menschlichkeit. Sie weisen hin auf die nächste Schale:

Gottes Gnade. Gott sei Dank für diese unermessliche Gabe! Erst wenn ich lerne, Gottes Gnade zum Mittelpunkt meines Lebens zu machen, gewinne ich die Freiheit des Glaubens. Gott vergibt meine Schuld. Mein Scheitern wird von ihm getragen und in Vollkommenheit verwandelt. In dieser Lage begegnet mir die Kraft der Zwiebel.

Darunter liegt die 5. Schale. Sie steht für Jesus Christus. Er ist aus freien Stücken in den Tod gegangen. auch dieser tiefste Punkt menschlichen Lebens ist nicht von Gott verlassen. Kein Wunder, dass die meisten Menschen spätestens beim Erreichen dieser Schale weinen müssen. Auch Kinder, die das erste Mal vor dem großen Kreuz in der Kirche stehen sind entsetzt über die Brutalität dieses Todes.

Auch hinter dieser Schale geht es weiter. Jesus ist nicht im Tod geblieben. Er ist auferstanden. So muss auch uns der Tod nicht mehr schrecken. Die Grenze ist durchlässig geworden und wir dürfen auf eine Zukunft bei Gott hoffen. So ist für uns Christen das Folterwerkzeug der Römer zu einem Bild der Hoffnung auf Gottes Nähe geworden.

Und damit bin ich beim Kern der Zwiebel angekommen. Ein kleiner Trieb, der fast schon süßlich schmeckt, wenn ich hineinbeiße. Aber auch der Ausgangspunkt für eine neue Pflanze, die mit ihrem grünen Spross neue Frucht hervorbringt. Das Leben bei Gott verändert diese Welt. Er überschüttet uns mit Gaben. Mit Fähigkeiten genauso wie mit dem was wir zum Leben brauchen. Das feiern wir an diesem Erntedanktag. Und so wie Paulus im Predigttext die Gemeinde in Korinth für ihren Beitrag zu seiner Sammlung für die verarmte Gemeinde in Jerusalem lobt, so hat Dankbarkeit in allen Jahrhunderten sichtbare Folgen gehabt. Gottes Reich hat schon begonnen. Aus dem Glauben an Gott wächst eine Welt, in der Rücksicht und Solidarität keine Fremdworte mehr sind. Nächsten- und Feindesliebe sind nicht Voraussetzung wohl aber Folge des Glaubens. Dafür steht das Abendmahl im Gottesdienst wie nachher auch der geteilte Zwiebelkuchen vor der Kirche. Gott macht, dass die Gnade unter euch reichlich sei! Amen.

P. Thomas Gleitz, Wunstorf

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