Schubladen

1.

Es ist alles so einfach, liebe Gemeinde.

Für das, was ich über andere Menschen wissen muss, genügt der Griff in eine meiner Schubladen im Schrank meiner Vorurteile.

Ich denke in Schubladen – also bin ich.

 

Blöd ist das schon, passiert aber trotzdem.

Ich ziehe mal einige auf:

Pastoren arbeiten nur eine Stunde pro Woche, sonntags von 10:00 Uhr bis 11:00 Uhr und halten sich manchmal für den Herrgott persönlich.

 

Lehrerinnen haben immer nur Ferien und bekommen ihre Besserwisserei auch noch gut bezahlt.

 

Und die Bauern, ja, die Bauern erst. Mit dem Trecker die Straßen versauen, Tiere quälen und Subventionen kassieren.

 

Autsch.

 

Wenn Sie nachher zuhause erzählen, was der Pastor heute gesagt hat, dann fallen Ihnen hoffentlich nicht nur diese Sätze ein. Denn es geht mir jetzt um Vorurteile, um sogenannte einfache Wahrheiten.

Einfach, vereinfacht, nur schwarz oder weiß, eindimensional, ungerecht, verletzend.

 

Und diese Vorurteile habe ich mir ja nicht ausgedacht. Die können Sie auch von anderen hören. An vielen Stellen.

 

Und zu Erntedank kann man ja die Schublade mit der Beschriftung „Bauern und Landwirte‘ am Griff gut aufziehen.

Ihren Inhalt lese ich jetzt nicht noch einmal vor.

Einmal ist schon einmal zu viel. Denn solche Vorurteile tun weh.

 

Und auch, wer nicht zu einer der drei eben genannten Berufsgruppen gehört, kann sich bestimmt vorstellen, wie das schmerzt.

 

Oder Sie denken jetzt an diejenigen Vorurteile, die euch und Ihnen um die Ohren gehauen werden, weil Sie im pflegerischen oder im handwerklichen Bereich tätig sind oder sich in der Politik engagieren.

Vorurteile gibt es wohl jeder Gruppe gegenüber.

 

 

2.

Vorurteile fällen wir Menschen aufgrund dessen, was wir schon wissen. Oder zu wissen meinen. Irgendwo habe ich das doch gehört oder gelesen. War vielleicht ein bisschen vereinfacht. Vielleicht habe ich es auch nicht so ganz verstanden.

Aber einen Vertreter dieser Berufsgruppe kenne ich genau und bei dem stimmt das und deswegen auch bei allen anderen.

Noch Fragen? Nee, siehste!

 

Und vielleicht schwingt auch noch ein bisschen Neid mit. Der hat das so viel besser. Die hat bessere Arbeitszeiten und strengt sich dabei noch weniger an als ich. Und hat dann auch noch mehr Geld.

 

Da kann ich ja mal einen raushauen, um meinem Neid und meinem Ärger Luft zu machen.

 

Pastoren arbeiten nur … Lehrer haben immer … und die Bauern erst.

Genau. Is‘ richtig.

 

 

3.

Den freien Fall der Milchpreise hat ja wohl jeder mitbekommen. Das macht betroffen.

Vielleicht aber auch dankbar, wenn man sehr aufs Geld achten möchte und muss.

Und dieser Preissturz bedroht diejenigen in ihrer Existenz, die davon leben.

 

Anderes Beispiel: Die Preise für Schweinefleisch steigen, weil China ohne Ende kauft. Vorher war der Wert lange Zeit unten. Ging nur leicht im Sommer nach oben, zur Europameisterschaft. Genau, Grillzeit.

 

Früher guckten die Bauern den Wetterbericht für ihre Region, um sich auf den nächsten Tag vorzubereiten.

Heute schauen sie die Börsennachrichten, weil die Getreideernte in Kanada unmittelbare Auswirkungen auf den Preis vor Ort hat.

Und dann werden auch jetzt schon mal Preise ausgehandelt für die Ernte des nächsten Jahres.

 

Das Berufsbild und die Anforderungen in der Landwirtschaft haben sich extrem verändert. Sicherlich nicht nur in diesem Bereich – aber da gucken wir ja jetzt gerade hin.

 

Ich möchte das nicht machen.

In der Landwirtschaft arbeiten.

 

Ja, gerne mal einen Tag, ein büschen helfen. Abends schön erschöpft und auf die Couch mit dem guten Gefühl, richtig was getan zu haben.

 

Aber davon leben müssen?

 

Mit immer neuen Vorschriften und Verordnungen?

Dokumentationspflicht und Zusatzausbildung?

Nachwuchssorgen?

Auseinandersetzungen mit Lohnunternehmern?

Und nicht zu vergessen – die Vorurteile!

 

Herzlichen Dank.

Und zwar im Sinne von ‚Nein, danke!‘

 

 

4.

Ich denke, jetzt ist ein guter Moment, um in den Predigttext zu gucken.

Ein Auszug aus dem 2. Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde in Korinth.

Matthias Schiller hat die Worte vorhin für uns gelesen.

 

Stehen auch schöne Sätze drin. Klingen nach Bauernweisheiten.

Einer dieser Sätze heißt so: Wer da kärglich sät, der wird auch kärglich ernten; und wer da sät im Segen, der wird auch ernten im Segen.

Stimmt erstmal, würde ich sagen. Zumindest in der Regel. Wenig Aussaat, geringe Ernte – reichlich Saatgut drillen, große Ernte.

 

Liebe Gemeinde, nun ist das mit unserem Predigttext aber folgendermaßen: Paulus geht es um die Kollekte. Er wirbt sehr eindringlich – um nicht ‚betteln‘ zu sagen – um finanzielle Unterstützung für die Gemeinde in Jerusalem.

Und vor diesem Hintergrund bekommt der Satz mit dem kärglichen und reichen Säen und Ernten ein ‚Geschmäckle‘. Denn wenn ich das einmal übersetze – also ‚Paulus‘ – ‚Deutsch‘ – dann heißt das: Wer wenig spendet, wird auch nur wenig gesegnet sein. Wer aber viel spendet, wird reich gesegnet sein.

 

Und wem das noch nicht reicht – Paulus kann noch nachlegen. Einen fröhlichen Geber hat Gott lieb., schreibt er zwei Zeilen später.

 

Dazu fallen mir einige Ansagen von Berufskollegen zur Kollekte ein: „Heute muss es nicht klimpern, es darf ruhig knistern!“ oder auch „Ich bitte um eine stille Kollekte!“

Oder, wer in diesem Jahr das pastorale Theaterstück der Stakendorfer gesehen hat, erinnert sich in diesem Zusammenhang vielleicht an die Bezeichnung „Scheinwerfer“.

 

Könnte man ja glatt noch eine neue Schublade aufmachen, oder?

Alle Geistlichen wollen immer nur Geld …

 

 

5.

Warum solch ein Kollekten-Werbe-Predigttext zu Erntedank?

 

Weil der Grundgedanke von Paulus die Dankbarkeit ist. Weil er von der Dankbarkeit herkommt, kann er andere Menschen, die auch Gutes erfahren haben, um Hilfe bitten.

Ihr könnt etwas abgeben, schreibt Paulus, weil Gott euch gegeben hat. Weil ihr versorgt seid, weil ihr Gutes empfangen habt, denn – Zitat des letzten Verses – Gott aber sei Dank für seine unaussprechliche Güte!

 

Und damit sind wir dann tatsächlich wieder bei Erntedank.

Bei dem so schön geschmückten Altarraum, für den diesmal die Schönberger gesorgt haben.

Bei der prachtvollen Erntekrone aus Bendfeld.

Bei dem eindringlichen Bild von Erhard Rimek zum täglichen Brot.

Bei unserem Dank an alle diejenigen, die in der Landwirtschaft tätig sind.

Bei unserem Dank an Gott.

 

Das ist eigentlich ganz einfach.

 

 

6.

Und so komme ich zum Schluss noch einmal auf den Schrank mit den vielen Vorurteilen.

Die Beschriftungen außen auf den einzelnen Schubladen können ja ruhig bleiben. Lehrerinnen und Pastoren, Handwerker, Politikerinnen, Bauern und Landwirte.

 

Aber wir könnten drinnen mal aufräumen. Vorurteile rausschmeißen. Ab in die graue Tonne, wird alle 14 Tage geleert.

Und – das ist ganz wichtig – in die Schublade kommen stattdessen große Portionen von ‚Dank‘, ‚Anerkennung‘ und ‚Wertschätzung‘ hinein.

 

Und im passenden Moment können wir die Schublade dann aufziehen.

 

Dann können wir dem Treckerfahrer mit zwei Anhängern, hinter dem sich eine lange Schlange von Autos gebildet hat, beim Überholen vielleicht freundlich zuwinken.

 

Oder dem, der sich in der Kneipe am Nachbartisch über die verdreckten Straßen empört, sagen, dass es ja Gott sei Dank bald wieder Regen gibt, der die Straßen säubert.

 

Oder wir könnten – dank unserer neu gefüllten Schubladen – wenn wir einen unserer Bauern im Dorf sehen, ihm einfach mal ‚Danke!‘ sagen. „Danke, dass du dafür sorgst, dass ich zu essen habe!“

 

Probieren Sie es mal aus.

Tut gut.

Amen.

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