Dankbarkeit

Weshalb gibt es eigentlich immer Kollekten, wenn man mal in der Kirche ist?

Und das sogar am Erntedanktag, wo doch der Dank im Mittelpunkt steht und nicht die Abgabe. Da kann es dann auch wenig trösten, dass diese Gaben nicht verwendet werden für Protzbauten oder Gehälter, sondern für einen guten Zweck, der auch eigens angekündigt und erklärt wird.

Für Paulus ist die Sammlung einer Kollekte eine wichtige Sache. Es geht ihm dabei allerdings um eine konkrete Sache, die Kollekte für die Urgemeinde in Jerusalem, die Hilfe braucht.

6 Ich meine aber dies: Wer da kärglich sät, der wird auch kärglich ernten; und wer da sät im Segen, der wird auch ernten im Segen. 7 Ein jeder, wie er’s sich im Herzen vorgenommen hat, nicht mit Unwillen oder aus Zwang; denn einen fröhlichen Geber hat Gott lieb. 8 Gott aber kann machen, dass alle Gnade unter euch reichlich sei, damit ihr in allen Dingen allezeit volle Genüge habt und noch reich seid zu jedem guten Werk; 9 wie geschrieben steht (Psalm 112,9): »Er hat ausgestreut und den Armen gegeben; seine Gerechtigkeit bleibt in Ewigkeit.« 10 Der aber Samen gibt dem Sämann und Brot zur Speise, der wird auch euch Samen geben und ihn mehren und wachsen lassen die Früchte eurer Gerechtigkeit. 11 So werdet ihr reich sein in allen Dingen, zu geben in aller Einfalt, die durch uns wirkt Danksagung an Gott. 12 Denn der Dienst dieser Sammlung hilft nicht allein dem Mangel der Heiligen ab, sondern wirkt auch überschwänglich darin, dass viele Gott danken. 13 Denn für diesen treuen Dienst preisen sie Gott über eurem Gehorsam im Bekenntnis zum Evangelium Christi und über der Einfalt eurer Gemeinschaft mit ihnen und allen. 14 Und in ihrem Gebet für euch sehnen sie sich nach euch wegen der überschwänglichen Gnade Gottes bei euch. 15 Gott aber sei Dank für seine unaussprechliche Gabe!

Schon der Sprache spürt man an, wie wichtig diese Kollekte für Paulus war: Ein ganzes ‚Bettelkapitel‘ widmet er dieser Sammlung. Im Kern geht dabei um ein Ziel: die Armen in Jerusalem dürfen nicht Not leiden.

Jerusalem, das war die Keimzelle der christlichen Gemeinden. Und Jerusalem ging es wirtschaftlich besonders schlecht. Da gab es besonders viele Witwen und Waisen, die Hilfe brauchten. Hinter der Geldsammlung steht der Schrei nach Solidarität mit den armen Schwestern und Brüdern.

Es war ja nicht so, dass es den Menschen in der Hafenstadt Korinth zu gut ging. Wir wissen, dass es in der Gemeinde Sklaven gab, aber auch Händler und große soziale Spannungen. Arme gab es wahrlich genug in Korinth.

Aber es gab auch Grund zur Dankbarkeit. Die Gemeinde wuchs und blühte. Bei aller Not, es gab Grund zur Dankbarkeit. Wie bei uns. Es gibt Arme in unserer Gemeinde, in unserer Region, Denen dürfen wir helfen. Und es gibt Andere, die brauchen auch unsere Hilfe. Wer Erntedank wirklich feiern kann, der sieht in seine Speicher, der schaut auf sein Konto und merkt auf: So schlecht geht es mir ja eigentlich nicht. Ich habe genug zu essen und zu trinken. Ich habe Menschen, die mir wohlgesonnen sind. Ich lebe in Gemeinschaften, in denen ich mich wohlfühle.

Das Danken ist zuallererst etwas ganz Persönliches. Ich danke für das, was ich empfangen habe. Und wenn ich hinschaue, ist das nicht wenig.

Genießen kann ich meinen Besitz doch nur, wenn es mir umfassend gut geht. Wenn ich Freundinnen und Freunde habe, die sich freuen, wenn sie mich sehen. Wenn ich eine Nachbarschaft habe, vor der mir nicht graut und wenn ich auch relativ gerne zur Arbeit gehe. Und wenn ich dazu noch gesund bin, das wäre ja auch nicht zu verachten.

Es gibt Geld und es gibt wahren Reichtum. Diesen Reichtum, der um der Gemeinschaft willen auch auf eigene Ansprüche verzichtet. Der um der Menschen willen auf manches verzichtet. Und darum appelliert Paulus an die Gemeinde in Korinth, dass sie verzichtet, auch zugunsten der Armen in Jerusalem und dass sie verzichtet zu Gunsten der Armen in ihrem eigenem Umfeld.

Gemeinde lebt ja letztendlich davon, dass Gaben gesammelt werden für Menschen, denen es schlechter geht. Vielleicht braucht es auch manchmal die gleiche Verschwendungsbereitschaft wie in der Landwirtschaft. Nur wer beim Säen bereit ist kräftig Saatgut zu verschwenden, hat die Chance gut zu ernten, die Gewissheit sicher nicht. Wer aber beim Saatgut knauserig ist, wird mit Sicherheit nicht so reich ernten. Wer beim Spenden knausert, darf sich auch nicht beschweren, wenn er menschlich immer ärmer wird.

Geld ist ja oft nur ein Symbol – dafür was mir wichtig ist. Es sei nicht genug da für Flüchtlinge heißt es, aber für eine neue Autobahn, einen neue Brücke oder einen neuen Flughafen schon. Man kann immer wieder versuchen, das Eine gegen das Andere auszuspielen oder dabei verharren. Es gibt Prioritäten. Dann muss ich mich fragen: Wo setze ich Prioritäten aus welchen Gründen? Geld ist Symbol für Macht, Potenz und Einfluss. Geld steht in Jesus Beispiel von den anvertrauten Talenten für alle Gaben, die wir empfangen haben, auch für die Begabungen unter den Gaben.

Und Erntedank heißt, ich bin dankbar für die Gaben, für die Erträge aus dem Garten genauso wie für die Erträge meiner Kollekten, mit denen ich geholfen habe, dass Menschen überleben konnten in Amitrice oder den Flüchtlingslagern, in Ruanda oder auf den Philippinen oder in meiner Nachbarschaft.

Der wahre Reichtum einer Gemeinde besteht darin, dass sie Not erkennt, dass sie hilft und dankbar bleibt, dass sie helfen kann. Der Traum der Menschen, dass niemand Not leidet, mag eine Utopie sein, aber ein Traum, dem nachzugehen sich lohnt. Ich werde nicht alles Elend beseitigen, aber wenn einem Menschen in existenzieller Not geholfen wird – das ist doch auch schon was.

Martin Luther-King hat seine berühmteste Rede begonnen: Ich habe einen Traum. Dann hat er formuliert, was alles anders werden könnte und ich glaube er hatte auch einen Traum von der Dankbarkeit, aus der heraus Menschen für Menschen menschlich werden.

Eine innere Einstellung, die mir hilft das Gute zu tun, das ich tun kann, die könnte entspringen aus dem Gefühl der Dankbarkeit

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