Auf dem Weg zum Heil-Sein

Auf dem Weg zum Heil-Sein  20. So n Trinitatis 1. Thess 4, 1-9

Liebe Gemeinde!

Sie besuchen öfter den Gottesdienst und nehmen an den kirchlichen Festen teil. Wenn ich Sie heute fragen würde: aus welchem Grund kommen Sie in den Gottesdienst? Welche Antwort geben Sie sich selbst? – Pause –

Vermutlich gibt es so viel Beweggründe wie Menschen heute hier sind. Wahrscheinlich sind die Gründe sogar vielfältig. Mitunter auch von dem Alter oder der jeweiligen Lebensphase abhängig in der man sich gerade befindet.

In früheren Zeiten wurden die christlichen Gemeinden zugerüstet durch Missionare oder ihre Prediger oder durch Briefe eines anerkannten Glaubensmenschen. Ich lese Ihnen einmal ein paar Verse aus einem solchen Sendschreiben vor:

„Diese meine treue Vermahnung, liebe Freunde, wollet freundlich annehmen und dazu tun, so viel euch möglich ist, dass ihr Folge geschiehet. Das ist euch nütz und not, und Gott, der euch zu seinem Licht berufen hat, ehrlich und löblich. Aber unser lieber Herr Jesus Christus, der sein Werk bei euch angefangen hat, wolle dasselbe mit Gnaden mehren und auf den Tag seiner herrlichen Zukunft vollführen, dass ihr samt uns ihm mit Freuden entgegenlaufen und ewiglich bei ihm bleiben möget, Amen. Bittet für uns.“

  1. Luther, Zu Wittenberg am Sonnabend nach Trinitatis 1525

Nun dürfen Sie Vermutungen anstellen, wer dies geschrieben hat?…

Es war Martin Luther an die evang. Kirche in Livland (heute Lettland) im Jahr 1525. 1500 Jahr nach Paulus sah sich Dr. Luther bemüßigt den Christen einige mahnende Worte mit auf den Weg zu geben…

Als ich dies las, fragte ich mich, ob und vor allem: warum wir Christen diese Mahnungen nötig haben. Könnte es sein, dass sich bei aller Glaubenstreue im Laufe der Zeit der Schlendrian einschleicht und uns die guten Vorsätze vergessen läßt? Es ist leicht zu sagen: ich bin Christ. Ich bin in der Kirche engagiert. Ich gehe relativ regelmäßig in den Gottesdienst. Im Alltag vor den Kirchentüren sieht es dann oft anders aus. Wir werden am laufenden Band konfrontiert mit tausenden Verlockungen – alles ist möglich. Warum sollte man die Chance nicht nutzen?

Auch der Apostel Paulus kannte die Versuchung. In vielen seiner Briefe hat er die Gemeinden immer wieder zu sorgsamen Umgang mit den Lastern geraten. Sogar im VaterUnser bitten wir Gott, dass er uns durch die Versuchungen sicher führt. Wir Menschen haben die ständige Erinnerung an ein angemessenes Verhalten als Christen dringend nötig. So erfüllt der Gottesdienst seine Aufgabe als Ort des Feierns und des Trostes – aber auch als Ort des mahnenden Wortes. Keiner kann sich davon ausnehmen. Kein zufälliger Besucher, kein Gemeindemitglied, kein Ehrenamtlicher, kein Pfarrer. Jeder benötigt die freundliche und liebevolle Ermahnung, das Beste zu tun und seiner Verantwortung gerecht zu werden. Wie das dann im Einzelfall aussieht – das ist eine schwierige Frage und entzieht sich jeder Bewertung. Luther wusste, dass jeder Mensch – auch wenn er getauft ist und als Christ lebt, immer noch ein Mensch ist, der schuldfähig und fehlerhaft ist. Darum braucht es die ständige Vergebung und Hilfe, das Leben rechtschaffen zu gestalten.

Was bedeutet das? Wie kann das aussehen? Paulus schrieb dazu einmal an seine Freunde in Thesslonich diese Zeilen:

Das richtige Verhalten eines Christen        1. Thess 4, 1-9

Jetzt noch etwas anderes, Geschwister. Wir haben euch gelehrt, wie ihr leben sollt, um Gott zu gefallen, und bisher ihr handelt auch danach, soweit wir es von euch gehört haben. Doch nun bitten wir euch im Namen des Herrn Jesus mit allem Nachdruck: Macht darin auch weiterhin Fortschritte! 2 Ihr kennt ja die Anweisungen, die wir euch im Auftrag des Herrn Jesus gegeben haben. 3 Gott will, dass ihr ein geheiligtes Leben führt…  4 Jeder von euch muss lernen, Herr über seine vielen Wünsche zu sein; achtet eure Frauen in heiliger und ehrfürchtiger Weise. Denn euer Leben gehört Gott, und die Menschen sollen Achtung vor euch haben. 5 Lasst euch nicht von Begierden und Leidenschaften beherrschen wie Menschen, die Gott nicht kennen. 6 Keiner darf … die von Gott gesetzten Grenzen überschreiten und seinen Bruder betrügen. Denn für solche Vergehen wird der Herr die Schuldigen zur Rechenschaft ziehen. Im Übrigen wiederholen wir mit dieser Warnung nur, was wir euch schon früher gesagt haben. 7 Gott  hat uns dazu berufen, ein geheiligtes Leben zu führen und nicht ein Leben, das von Gottesferne geprägt ist. 8 Wer diese Anweisungen missachtet, missachtet daher nicht einen Menschen, sondern den, der euch seinen Heiligen Geist schenkt – Gott selbst. (Neue Genfer Übersetzung)

Paulus ist ein einfühlsamer Seelsorger. Er kennt seine Pappenheimer ziemlich genau. Er weiß, dass jeder Christ der Hilfe Gottes bedarf. Der Mensch soll sich über sich selbst erheben und Gott allein die Ehre geben. Das sagt sich leicht, ist aber im Lebensalltagsgrau eine gewaltige Herausforderung. Jeder hat mit vielen Aufgaben, mit manchen schweren Belastungen, mit kleinen und großen Anfechtungen zu kämpfen. Manchmal ahnen wir diesen Ballast mehr als wir ihn wirklich kennen. Oftmals merken wir es erst, wenn der Arzt bei einer Routineuntersuchung plötzlich feststellt: da stimmt etwas nicht bei Ihnen. Das müssen wir abklären lassen. Der Schreck sitzt tief – und mitunter verändert er unser Leben. Für immer. Hoffentlich kommt die Diagnose rechtzeitig und hilft uns, eine 180° Kehrtwende einzuleiten. Sind es körperliche Symptome, erkennt man meist schneller die Gefahr. Schwierig wird es, wenn sich krankmachende Veränderungsprozesse in der Seele vollziehen. Das erkennt man nicht so einfach. Oft nimmt man es erst Jahre später wahr – und dann ist schon viel verloren.

Wie kann man aber bei den vielfältigen Stressfaktoren unserer Zeit einigermaßen im Gleichgewicht bleiben? Paulus gibt den Rat bei den Anweisungen zu bleiben, die wir von Gott erhalten haben. Nicht umsonst setzt sich Paulus leidenschaftlich dafür ein, dass Christen einander beistehen und einander zuraten und lernen sich auch beraten zu lassen. Wenn alles gelingt, kann man von einem geheiligten Leben sprechen, meint Paulus. Jeder von uns trägt das göttliche Licht in sich. Moderne Psychotherapie spricht gern von dem inneren Kind, das sich ganz vertrauensvoll den täglichen Aufgaben stellt. Unbeschwert, vergebungsbereit, hoffnungsfroh, bescheiden, zuversichtlich, Gottvertrauend. Kleine Schritte zu Heilwerden kann man üben. Bei einem spirituellen Lehrer habe ich gelesen:

Die Menschheit leidet an dem Mangel an Vorstellungskraft. … Diese Welt ist eine Welt in der Krise, ist eine Welt voller Schmerz und Leid.

Wir müssen wieder lernen den Bezug zu unserem inneren Kern zu finden. Heilung ist möglich. Die Rückkehr in das Leben ist immer möglich. Die Freude, die Unbeschwertheit – wir können diese Gefühle reaktivieren und glücklich werden. Immer gibt es in unserem Leben magische Augenblicke, in denen eine Tür aufgeht, die uns ins Freie führt.

Die Worte des Paulus und Luthers knüpfen genau an diesem Punkt an, in dem sie uns bitten, doch Gott und seinen Verheißungen das Vertrauen zu schenken. Das geht nicht mit dem einmaligen Lesen eines Briefes. Das geht nur mit dem ständigen Sich-Hinein-Begeben in die Liebe Gottes. Es kann nie ‚Zuviel Gott geben!‘ Was ist denn sonst in unserem Leben außer Gott?

Genau aus diesem Grund bitte Paulus seine geliebten Freunde: beliebt dran an dem der euch alle Kraft zu Leben gibt. Vielleicht formuliert er es manchmal ein wenig übertrieben streng; das klingt in unseren Ohren nicht so angenehm. Wenn wir aber wissen, dass Paulus danach brennt einem jeden Christen Gottes Heilung angedeihen zu lassen, dann können wir ihm seine mitunter harten Warnungen vergeben und uns darauf einlassen.

Aus welchem Grund kommen Sie in den Gottesdienst? Fragte ich eingangs. Vermutlich müsste die Antwort lauten: um Heil zu werden an meiner Seele. Dazu braucht es die ständige Erinnerung an Gottes liebevolle Zuwendung, an sein Wort der Liebe. Es gibt nur dies Eine, das in unserem Leben zählt, das uns wirklich heil werden lässt an Leib und Seele.

Im Großen Katechismus (1529) betont Luther, dass unsere Heiligung das ausschließliche Werk des Heiligen Geistes, und damit nicht unser eigenes Werk oder das der Kirche ist: »Ein Christenmensch ist heilig an Leib und Seele, er sei Laie oder Priester, Mann oder Frau. Wer anders sagt, der lästert die heilige Taufe, Christi Blut und des Heiligen Geistes Gnade.« Gegen alle Zweifel um die eigene Unvollkommenheit ermutigt Luther daher die Christen: »Du musst ernster nehmen, dass du ein Heiliger bist, als dass du Hans oder Kunz heißt.«

Ich beende meine Predigt mit Worten aus dem Brief Luthers an die Gemeinde in Livland:

‚Diese meine treue Vermahnung, liebe Freunde in Livland, wollet freundlich annehmen und dazu tun, so viel euch möglich ist, dass ihr Folge geschiehet. Das ist euch nütz und not, und Gott, der euch zu seinem Licht berufen hat, ehrlich und löblich. Aber unser lieber Herr Jesus Christus, der sein Werk bei euch angefangen hat, wolle dasselbe mit Gnaden mehren und auf den Tag seiner herrlichen Zukunft vollführen, dass ihr samt uns ihm mit Freuden entgegenlaufen und ewiglich bei ihm bleiben möget, Amen. Bittet für uns.‘    Zu Wittenberg am Sonnabend nach Trinitatis 1525

 

Damit ist alles gesagt.

Gott heilige Euch! Amen!

 

©  Matthias Stahlmann, Hilzingen 2016

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