Mit Herz und Mund

Liebe Gemeinde,

„Das hat Hand und Fuß“ – so sagt eine anschauliche Redensart. Viel zu selten kommt sie mir zu Ohren. „Das hat Hand und Fuß“ stellt anerkennend fest, daß etwas lebensnah ist und vernünftig und funktioniert.
Um Hand und Fuß geht es in unserm Predigttext nicht. Sondern um zwei andere Körperteile, ohne die wir nicht leben können: Herz und Mund.
Der Apostel Paulus schreibt an die Gemeinde in Rom: (8) „Das Wort ist dir nahe, in deinem Mund und in deinem Herzen.“. Dies ist das Wort vom Glauben, das wir predigen.
(9) Wenn du mit deinem Munde bekennst, dass Jesus der Herr ist, und in deinem Herzen glaubst, dass ihn Gott von den Toten auferweckt hat, so wirst du gerettet.
(10) Denn wenn man von Herzen glaubt, so wird man gerecht; und wenn man mit dem Munde bekennt, so wird man gerettet.
(11) Denn die Schrift spricht (Jes 28,16): »Wer an ihn glaubt, wird nicht zuschanden werden.«
Alles nimmt seinen Ausgang im Herzen.
Das Herz ist hier nicht nur ein Organ, das sich 50 bis 80 mal in der Minute zusammen zieht und wieder ausdehnt und so innerhalb einer Minute das gesamte Blut des Körpers in Bewegung hält. Das Herz ist mehr als eine Pumpe – wie es für uns alle mehr als ein Organ ist. Das Herz ist der Sitz des Gefühls. Deshalb können wir Herzschmerz haben, selbst wenn organisch alles in Ordnung ist. Deshalb kann uns schwer oder leicht ums Herz sein – je nachdem. Deshalb hat der eine ein Hasenherz und ist ängstlich. Und der andere ist mutig und hat ein Löwenherz.
Das Herz als Sitz der Gefühle also.
In der Zeit des Paulus wird das Herz darüber hinaus auch als Ort des Gewissens, der Verstandes, der Planungen und Entscheidungen angesehen.
Und so ist es eben mehr als eine Befindlichkeit, von Herzen zu glauben, wie Paulus es anmahnt. Wenn du in deinem Herzen glaubst, dass Gott Jesus von den Toten auferweckt hat, so wirst du gerettet.
Gott hat Jesus von den Toten auferweckt. Glauben Sie das? Tief in Ihrem Innern? Von ganzem Herzen?
Oder würden Sie diesen Satz anders formulieren? Vielleicht: Jesus lebt und begleitet mich durch Hohes und Tiefes bis in den Tod – und darüber hinaus.
Oder: Gott schafft Leben, wo ich nur Tod und das Ende sehe. Gott schafft Leben – aus dem, was für mich das Ende ist.
Oder: Gottes Liebe ist stärker als der Tod – das hat er an Jesus gezeigt.
Oder würden Sie etwas anderes sagen???
Gott hat Jesus von den Toten auferweckt.
Welche Auswirkungen hat diese Aussage – oder Ihre Übersetzung dafür – für Sie – für Ihren Glauben, für Ihr Leben, für Ihren Alltag?

Für Paulus hat es die Auswirkung, daß er es ausspricht. Daß er ausspricht, was er glaubt. Er kann gar nicht anders. Wie Jesus sagt „Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über.“ (Mt 12, 34b).
So auch Paulus: Wenn du mit deinem Munde bekennst, dass Jesus der Herr ist, und in deinem Herzen glaubst, dass ihn Gott von den Toten auferweckt hat, so wirst du gerettet. Denn wenn man von Herzen glaubt, so wird man gerecht; und wenn man mit dem Munde bekennt, so wird man gerettet.
Lippenbekenntnisse allein tun es nicht. Ja, man kann Pathos in die Rede legen und Begeisterung vorspielen, – doch damit ist es nicht getan.
Jeder und jede, die aufmerksam zuhören, merken, ob ein Vortrag ernsthaft und von Herzen kommt oder nur daher geredet wird.

Alles beginnt im Herzen.
Zunächst vielleicht still und zögernd. Doch dann spricht man es aus. Im Sprechen eigne ich mir die Einsichten und Gedanken an. Indem ich jemand anderem etwas erkläre, wird es mir selbst klarer. Und wenn mich etwas wirklich begeistert, mir wirklich wichtig ist, dann kann und mag ich damit nicht hinter dem Berge halten.
Alles beginnt im Herzen. Der Glaube. Das Vertrauen auf Gott. Die Liebe.
Doch es bleibt nicht im Herzen. Es bricht sich Bahn. Es will geäußert, gesagt werden.
„Ich singe dir mit Herz und Mund“, heißt es in dem Kirchenlied. Da werden nicht nur Töne produziert. Da wird von Herzen, mit Leidenschaft und Inbrunst gesungen. Was im Herzen ist, kommt über die Lippen, wird ausgesprochen.

„Das kann ich nicht.“, mag man dagegen einwenden. „Dazu fehlt mir die Übung. Dazu fehlt mir der Mut. Und außerdem: man soll andere Menschen nicht mit so etwas Persönlichem wie dem eigenen Glauben belästigen.“
Ja, es bedarf des Mutes, von dem zu sprechen, was einem wichtig ist. Und es bedarf der Übung.
Am Anfang mag es ungeschickt sein und stolpernd, mit Stammeln und Stottern. Doch mit Übung wird es leichter. Wichtig ist, denke ich, daß man so von dem, spricht, was einem wichtig ist, daß es nicht vorwurfsvoll oder abgrenzend wirkt, sondern das Gespräch eröffnet. Daß der Gesprächspartner Lust bekommt, in den Dialog einzusteigen.
Nur, wenn wir davon sprechen, was uns wirklich wichtig ist im Leben – und über unser Leben hinaus – machen wir uns kenntlich. Dann zeigen wir, wer wir sind und wofür wir stehen.
„Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über.“. So zitiert Jesus ein Sprichwort. Mt 12, 34.

Beim Nachdenken über Herz und Mund habe ich mich an eine Kantate von J.S. Bach erinnert, die ich vor einigen Jahren mal mitgesungen habe. Sie beginnt mit dem Chorsatz: Herz und Mund und Tat und Leben
Muß von Christo Zeugnis geben
Ohne Furcht und Heuchelei,
Daß er Gott und Heiland sei.
Herz und Mund und Tat und Leben – das geht über das hinaus, was Paulus geschrieben hat. Das führt es noch weiter.
Herz. Wie konzentrische Kreise ist das: das Herz ist in der Mitte. Von ihm nimmt alles seinen Ausgang: Jesus lebt. Gottes Liebe ist stärker als der Tod. Nichts kann mich trennen von Gott.
Und Mund. Der Mund ist wie der nächste Kreis, um das Herz herum. Ich spreche aus, was mich im Innersten bewegt.
Und Tat. Aus dem Wort werden Taten. Ich handele nach dem, was ich sage. Manchmal sprechen Taten noch lauter als Worte. Ein weiterer Kreis.
Und Leben – der äußerste Kreis. Mein Leben besteht aus meinen Taten, meinen Worten, meinen Überzeugungen und Gefühlen.
(Und wenn Sie gleich Bachs Eingangschor hören, dann werden Sie bemerken, wie bewegt dieses Leben ist, mit welchen Höhen und Tiefen).

„Das Wort ist dir nahe, in deinem Mund und in deinem Herzen.“ (V 8 vgl. Dtn 30, 14)
Das Wort Gottes, Jesus Christus, ist ganz nahe. Das ist Verheißung für uns und Aufgabe zugleich.

Amen

Kanzelsegen

Anmerkungen:
J.S. Bach: Herz und Mund und Tat und Leben – Eingangschor (etwa 4 Minuten).

Als Predigtlied eignet sich Ins Wasser fällt ein Stein (z.B. EG 603, Hannover). Es greift das Bild von den konzentrischen Kreisen auf, in deren Mitte das Herz ist.

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