Die mündige Gemeinde

Predigt Römer 14,17-19, 18. Sonntag nach Trinitatis, von Pfarrer Johannes Taig

Paulus schreibt:

17 Denn das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken, sondern Gerechtigkeit und Friede und Freude in dem Heiligen Geist.
18 Wer darin Christus dient, der ist Gott wohlgefällig und bei den Menschen geachtet.
19 Darum lasst uns dem nachstreben, was zum Frieden dient und zur Erbauung untereinander.


Liebe Gemeinde,

nichts ist problematischer auf Konfirmandenfreizeiten als das Essen und Trinken. Finden Sie einmal ein Mittagessen, das 30 Jugendlichen schmeckt. Man kann schon zufrieden sein, wenn die Hälfte es als ungiftig und genießbar einstuft und die andere Hälfte wenigstens Teile des Menüs. Kochen in einer Jugendtagesstätte ist eine ziemlich unlösbare Aufgabe und da hilft es auch nicht, wenn der Pfarrer darauf hinweist, dass auch im Himmelreich gegessen wird, was auf den Tisch kommt. Das könnte auf manche Jugendlichen eine eher abschreckende Wirkung haben. Gott sei Dank ist das Reich Gottes nicht Essen und Trinken.

Andererseits greift Paulus mit der Rede vom Reich Gottes, die Rede des Jesus von Nazareth auf, der nicht müde wurde, in wunderbaren Gleichnissen vom Himmelreich zu erzählen. Darunter ist auch das Gleichnis vom großen Festmahl (Lukas 12,15ff), zu dem ein Mann seine Freunde einlädt. Als die nicht kommen wollen, weil sie angeblich Wichtigeres zu tun haben, schickt er seine Knechte, um jeden einzuladen, den sie finden können, einschließlich der Bettler und Landstreicher und aller, die am Rande der guten Gesellschaft leben. Dabei würde ich meinen Konfirmanden auch erzählen, dass es bei diesem Festmahl so viel und so viele verschiedenen Dinge zu essen und zu trinken gibt, dass wirklich für jeden und jede etwas himmlisch Gutes dabei ist. Deshalb wird im Himmelreich wirklich gegessen, was auf den Tisch kommt.

Der Hinweis des Paulus ist deshalb kein Aufruf zur allgemeinen Mäßigung oder gar zur Geringschätzung von Essen und Trinken, sondern hat einen völlig anderen Hintergrund. In Rom gab es eine christliche Gemeinde die aus Juden bestand, die Christen geworden waren und nichts dabei fanden, weiterhin zu essen und zu trinken, was sie gewohnt waren und was den jüdischen Speisegeboten entsprach. Manche waren da sehr streng und verzichteten auch weiterhin auf Fleisch und Wein. Und dann gab es die, die keine Juden waren, bevor sie Christen wurden und eben auch weiterhin essen und trinken wollten, was sie gewohnt waren, z.B. ihren Schoppen Wein und das Schweineschnitzel. Und da waren dann auch schon die religiösen Gefühle im Spiel und die Konflikte vorprogrammiert.

Stehen wir auch heute nicht erschrocken vor dem, was die „Verletzung religiöser Gefühle“ und deren Konsequenzen sein sollen? Besonders, wenn Menschen angeblich aus diesem Grund feindselig werden, irgendetwas anzünden, in die Luft sprengen, kaputt machen oder anderen den Kopf abschlagen und sie umbringen?

Gibt’s bei uns nicht? Kennen Sie das Gefühl mit dem ein frisch bekehrter Nichtraucher einen Raucher anschaut? Oder ein überzeugter Vegetarier einen Schnitzelesser? Sie sehen in seinem Blick oft dieses feine Mitleid und die vornehme Verachtung. Sie spüren, wie froh er ist, dass er nicht so ein haltloser Schwächling ist, wie Sie, sondern ein besserer Mensch mit Profil und den richtigen Überzeugungen. Er wird sich auch im Freien noch in drei Meter Entfernung Frischluft zufächeln oder den Tisch wechseln. Und er wird sich entsprechende Bemerkungen nicht verkneifen können, die sicherstellen, dass Ihnen das, was Sie gerade tun, auf keinen Fall auch noch schmeckt. Das wäre ja noch schöner!

Neulich habe ich gelesen, dass das mit der Infantilisierung unserer Gesellschaft zu tun hat. „Bohr nicht in der Nase, nimm die Hände aus den Hosentaschen, wasch dir die Hände, lass dir die Haare schneiden.“ Wir werden behandelt wie kleine Kinder und behandeln andere ebenso. Es kann aber auch schlimmer sein, immer dort, wo sich sinnvolle Pädagogik und Beratung zum Terror der Tugend auswächst. Dann geht es scheinbar um die Verletzung religiöser Gefühle. Denn nur ich lebe richtig und ich habe recht. Und wenn jemand anders lebt, dann bin ich darin bedroht und muss zurückschlagen.

Von den Schwachen und den Starken schreibt Paulus zu diesem Konflikt an die Gemeinde in Rom. Und er meint mit den Schwachen überraschenderweise nicht die, die einem weltlichen Genuss nicht widerstehen können, sondern die, die sich über so etwas vor Gott ein schlechtes Gewissen machen und sich das verbieten. Die erinnert Paulus, daran, dass das Reich Gottes nicht in Essen und Trinken besteht und schon gar nicht in entsprechenden Vorschriften und Gesetzen darüber. Hier geht es nicht um unser Heil und um den Platz im Himmelreich. Und deshalb haben religiöse Gefühle und deren Verletzung hier gar nichts verloren.

Paulus bleibt seiner Unterscheidung von Gesetz und Evangelium treu: Ob wir einen Platz im Himmelreich bekommen, entscheidet sich nicht an unserem moralischen Verhalten, sondern an dem, was Jesus Christus uns geschenkt hat. „Wer das Reich Gottes nicht empfängt wie ein Kind, der wird nicht hineinkommen“, sagt Jesus im Kinderevangelium (Markus 10/15). Und wie empfängt ein Kind alles? Eben! Als Geschenk. Es kann sich noch gar nichts verdienen! Das ist der entscheidende Vergleichspunkt, wenn es um das Himmelreich geht.

Hier wird eben nicht einer Infantilisierung der christlichen Gemeinde das Wort geredet. Man hat heute den Eindruck, dass auf mancher Kanzel gepredigt wird, als säßen lauter Dreijährige in den Kirchenbänken, als sei die Kirchengemeinde unter elterlicher Betreuung einer Kirchenleitung, die immer weiß, was für sie – und sogar für die ganze Gesellschaft – das Beste ist. Die ihr jährlich ein Taschengeld überweist, das nur einen Teil der Kirchensteuer ausmacht, die die Gemeindeglieder an die Kirche zahlen. Paulus dagegen tut nicht so, als wäre er der geistliche Übervater, der seinen Kindern in Rom sagt, wo es im Einzelnen lang geht. Er zeigt ihnen die Grundlagen auf. Er redet sie als mündige Gemeinde an, die ihren eigenen Weg finden wird. „Einer ist euer Meister, ihr aber seid Geschwister“, sagt Jesus (Matthäus 23,8) Und da passt zwischen diesen Meister Christus und die Gemeinde kein Papst und kein Landesbischof und kein Dekan. Auch die haben nicht zu herrschen, sondern zu dienen. So hat es Martin Luther gesehen und so haben auch wir das zu sehen, wenn wir uns evangelisch nennen wollen.

Das bedingt den mündigen Christen und die mündige Gemeinde, die allein ihrem Herrn verantwortlich und dienstbar ist und den Gaben, die er uns schenkt: Gerechtigkeit und Friede und Freude in dem Heiligen Geist. Keine Frage, es ist auch für den Christenmenschen leichter, irgendjemandes Hofschranze und Untertan zu sein, der ängstlich jeden Fehler zu vermeiden sucht und sich penibel an die Vorschriften hält, die auch in der Kirche immer umfänglicher werden, und jedem Streit aus dem Weg geht. Das ist immer leichter, als dem Geist der Liebe zu folgen, der den anderen mit den Augen Gottes in den Blick nimmt. Der Heilige Geist weht nun einmal, wo er will. Er ist ein Geist der Freiheit.

Deshalb gilt: Als Gemeinde Jesu Christi haben wir von Paulus heute zu hören, „was es für unsere Gemeinsamkeit bedeutet, dass das Reich Gottes nicht in unseren Maximen, Prinzipien, Methoden, Lebensstilen (usw.) besteht, sondern in dem, was wir haben, weil Gott es uns in Christus geschenkt hat und immer wieder schenkt. (…) Und das ist zu bewähren an den halbchristlichen Teilwahrheiten, die Menschen in der Gemeinde bitter gegeneinander aufbringen können.“ (Dr. Johannes Hempel, GPM 3/1992, Heft 4, S. 389)

Die, die manches eng sehen, haben die nicht zu terrorisieren, die manches weiter sehen. Die, die manches weiter sehen, haben aber auch die nicht zu verachten, die manches eng sehen. Die Gemeinde ist eine Gemeinde von Geschwistern, die nur einen Herrn hat: Jesus Christus. So bleibt die Gemeinde eine Lebens- und Lerngemeinschaft, die nicht exklusiv, sondern inklusiv wird und bleibt, nicht ausschließend sondern einschließend. Was die Welt immer und vor allem braucht, ist nicht der erhobene Zeigefinger, sondern der liebevolle Blick. Den schenke Gott uns allen.

Die Predigt zum Hören

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