Sorge-Kultur

‚Sorget nicht‘, dieser Satz, den wir in der Lesung gehört haben, trifft uns tief in unserer ‚Sorge‘–Kultur. Wer nicht sorgt, ist selber schuld, heißt das dann. Vorsorge gehört zum Lebenselixier eines jeden Menschen. Allerdings gilt manchmal auch: je mehr Vorsorge, umso mehr Sorgen. Da kann es erst einmal entlastend sein zu hören, dass ich all meine Sorgen in Gottes Hand legen darf. Er will für mich sorgen und er will für die Armen, Hilflosen sorgen. Das war übrigens die große Sorge der ersten ChristInnen, dass es Menschen unter ihnen gibt, die große Not leiden. Das könnte auch heute unsere größere Sorge sein, die Not in Aleppo, das Leiden der jesidischen Schwestern und Brüder, die Gewalt und der Hunger in der Welt. In allen unseren Sorgen will uns der Petrusbrief begleiten, aber nicht einfach die Sorgen wegschieben:

5c Alle aber miteinander haltet fest an der Demut; denn Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade. 6 So demütigt euch nun unter die gewaltige Hand Gottes, damit er euch erhöhe zu seiner Zeit. 7 Alle eure Sorge werft auf ihn; denn er sorgt für euch. 8 Seid nüchtern und wacht; denn euer Widersacher, der Teufel, geht umher wie ein brüllender Löwe und sucht, wen er verschlinge. 9 Dem widersteht, fest im Glauben, und wisst, dass ebendieselben Leiden über eure Brüder in der Welt gehen. 10 Der Gott aller Gnade aber, der euch berufen hat zu seiner ewigen Herrlichkeit in Christus Jesus, der wird euch, die ihr eine kleine Zeit leidet, aufrichten, stärken, kräftigen, gründen. 11 Ihm sei die Macht von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.

Ein unbekannter Schreiber schreibt am Ende des 1. Christlichen Jahrhunderts an heidenchristliche Gemeinden in Kleinasien. Das Leben der Gemeinde ist nicht frei von Gefahren und nicht frei von Konflikten. In dieser Situation möchte der Schreiber Begleitung anbieten, Stärke und Standhaftigkeit vermitteln und trösten.

Es geht ihm um die Kirche, die sich zu ihrem Herrn bekennt, auch wenn sie deswegen leidet. Und damit sind nicht nur Verfolgungen gemeint, die zu dieser Zeit wohl noch nicht so stark waren, damit sind alltägliche Anfeindungen gemeint, aber auch Konflikte innerhalb der Gemeinde. Das ist das Problem in der jungen Kirche, dass Konflikte aufbrechen. Der erste Schwung ist hin und plötzlich entstehen Differenzen – zum Teil um Nebensächliches. Da rät der Schreiber zur Demut.

In der antiken Welt ist Demut die Haltung des Sklaven der sein Haupt beugt, sich willig in sein Schicksal fügt. Ich glaube dieses Bewusstsein von Abhängigkeit will der Schreiber betonen. Demut bedeutet in diesem Zusammenhang vielleicht auch sich einreihen in das Gebet der Schwestern und Brüder, erst mal lieben und hinhören, bevor man kritisiert. Dazu gehört auch, dass ich dem Anderen zutraue das gute und richtig zu tun und mir selber zutraue, dass ich daneben liege.

Demut ist der Mut, sich selbst klein erscheinen zu lassen. Demut ist nicht einfach der Mut zur Bescheidenheit, sondern der Mut zuzugeben, dass es wirklich Dinge gibt, die ich nicht kann, Situationen, in denen ich mich falsch verhalten habe. Dass es Schuld gibt, die ich auf mich geladen habe.

Demut ist keine Forderung, die andere mir gegenüber haben dürfen. Demut ist eine Einstellung, die ich lernen kann, wenn ich das will. Es gibt keine christliche Pflicht zur Demut, aber die Einladung, die mich menschlicher werden lässt, zuzugeben, dass ich nicht der bin, der ich sein könnte, oft auch nicht der, der ich sein möchte.

Demut könnte mir helfen, einzusehen, dass auch meine sorgfältige Sorge nicht für alles ausreichend ist. Demut heißt nicht dauernd zu behaupten, dass ich nichts bin und nichts kann. Aber Demut heißt, stolz zu sein auf alles, was ich bin und kann (positiv) – und dann die Grenzen zu sehen und offen zu ihnen zu stehen.

Demut rechnet damit, dass auch das eigene Tun und das eigene Sein von Gott in Frage gestellt werden können. Hochmut dagegen sagt: Ich bin wie ich bin – und das ist in jedem Fall auch gut so.

Das kann mich entlasten, wenn ich mir selber zugebe, dass ich noch nicht der bin, der ich sein möchte, sondern auf einem Weg, der erst dann zum Ziel führt, wenn Gott das will. Aber ich bin auf einem Weg, der mit der Taufe begonnen hat und Gott lädt mich immer neu ein, weiter zu gehen. Ich kann mich weiterentwickeln und das sollte das Hauptziel all meiner Sorgen sein, dass ich auf diesem Wege weitergehe und versuche mit Gottes Hilfe aus dieser Welt eine bessere werden zu lassen. Dass ich hinschaue wo Menschen Not leiden und wo Menschen bedrückt werden.

Dieser seltsame Vers 8, der so gar nicht in unsere Zeit zu passen scheint gewinnt daher seinen Wert: Seid nüchtern und wacht; denn euer Widersacher, der Teufel, geht umher wie ein brüllender Löwe und sucht, wen er verschlinge.

Der Teufel bleibt ein gutes Bild für alles, was uns kaputt machen will, für Strukturen genauso wie für Menschen oder Organisationen, die uns in Versuchung führen vom Wege Gottes abzuweichen. Wir kennen den Willen Gottes, lassen uns aber so gerne verführen, weil andere Wege so viel mehr Erfolg versprechen. Dieses Bild vom Teufel, der umhergeht, will mich dazu bringen, dass ich wachsam bleibe, dass ich aufpasse, was aus mir wird und dass ich aufpasse, was aus meinen Sachwestern und Brüdern wird. Nicht wie früher in der Schule die Streber aufpassten, wen sie verpetzen könnten. Sondern so wie erwachsenen Menschen einander helfen und sich gegenseitig unterstützen, wenn es darum geht, das Leben zu meistern, wenn es darum geht, gut zu Leben – im Namen Gottes.

Wachsamkeit heißt, dass ich nicht nur wachsam bin, was mit mir passiert, sondern auch wachsam, wie es den Menschen um mich herum geht, wachsam auch auf die Politik, dass Entscheidungen für Menschen getroffen werden, besonders für die, die es nötig haben. Wachsam heißt, dass ich immer wieder versuche für die Menschen da zu sein, wie Jesus Christus für mich da ist: Voller Liebe und Zuwendung – und im Zweifelsfall für die Schwachen.

Amen

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