Wes Geistes Kind wir sind

Römer 8, (12-13)14-17
28.8.2016 Berlin-Baumschulenweg – 14.Stg.n.Trin.

Angenommen, einer handelt in einer uns völlig unverständlichen Weise, dann fragen wir uns schon, wes‘ Geistes Kind er denn sei.
Oder anders gesprochen: Die Art und Weise, wie einer handelt, ist nicht zufällig, sondern hat mit dem zu tun, was ihn innerlich antreibt. Was ihn da antreibt, ist auch wieder nicht zufällig, sondern hat mit seiner Erziehung und mit seiner Biographie und auch mit seinen Erbanlagen zu tun. Daraus bilden sich die Werte, die jemand vertritt, auch jene Werte, von denen es jetzt so oft heißt, dass wir sie uns nicht nehmen lassen wollen.

Aber wie ist das eigentlich mit den Werten, die wir für wichtig erachten? Halten wir an ihnen fest, weil wir sie eben für unumstößlich halten? So war es immer, und damit basta! Oder gelten sie uns deswegen als unumstößlich, weil wir sie zuvor als unbedingt richtig erkannt haben? Wenn das so ist, dann wäre es ja auch denkbar, dass wir auf Grund neuer Erkenntnisse und neuer Einsichten etwas bislang scheinbar Unumstößliches plötzlich als falsch, als gar nicht mehr wertvoll, ja sogar als verachtenswert betrachten. Wertewandel also, aus welchem Grund auch immer.

Der Apostel Paulus ist ein Mensch, bei dem wir einen solchen Vorgang beobachten können, denn mit Nachdruck vertrat er zunächst das jüdische Gesetz, dann aber begegnete ihm Christus, und fortan ließ er sich vom Geist Christi leiten. Wie sich das auswirkt, davon spricht er ausführlich im Römerbrief. Die heutige Epistel aus dem 8. Kapitel, unser Predigttext, ist ein Ausschnitt davon. Ich beginne schon bei Vers 11.

11 Wenn nun der Geist dessen, der Jesus von den Toten auferweckt hat, in euch wohnt, so wird er, der Christus von den Toten auferweckt hat, auch eure sterblichen Leiber lebendig machen durch seinen Geist, der in euch wohnt. 12 So sind wir nun, liebe Brüder, nicht dem Fleisch schuldig, dass wir nach dem Fleisch leben. 13 Denn wenn ihr nach dem Fleisch lebt, so werdet ihr sterben müssen; wenn ihr aber durch den Geist die Taten des Fleisches tötet, so werdet ihr leben. 14 Denn welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder. 15 Denn ihr habt nicht einen knechtischen Geist empfangen, dass ihr euch abermals fürchten müsstet; sondern ihr habt einen kindlichen Geist empfangen, durch den wir rufen: Abba, lieber Vater! 16 Der Geist selbst gibt Zeugnis unserm Geist, dass wir Gottes Kinder sind. 17 Sind wir aber Kinder, so sind wir auch Erben, nämlich Gottes Erben und Miterben Christi, wenn wir denn mit ihm leiden, damit wir auch mit zur Herrlichkeit erhoben werden.

Stück für Stück wollen wir uns diesen Text erschließen.

Tot und lebendig – größere Gegensätze sind eigentlich nicht vorstellbar. Von diesen Gegensätzen geht Paulus aus, um die Lebensweise von Christen zu beschreiben. Tot, das heißt für ihn soviel wie: ohne Ziel, also letzten Endes sinnlos. Lebendig: das ist voller Kraft, das bringt demzufolge Erfreuliches hervor.
Lebendig soll also das Leben von Christen sein. Nein, falsch: Lebendig ist es, sagt Paulus. Leute, ihr habt doch mit der Taufe Gottes Lebensgeist bekommen. Nun seht doch richtig hin und entdeckt die Gaben, die in euch stecken! Ihr seid dem Fleisch nichts schuldig, um es mit Paulus‘ Worten zu sagen. Ihr habt es nicht nötig, traurig nach unten zu sehen, miesepetrig zu sein, euch nichts zuzutrauen. In euch steckt der Geist dessen, der Jesus von den Toten erweckt hat. Der wird doch wohl auch euch Zaudernde auf Trab bringen können! Lasst ihn nur machen. Lasst doch zu, dass er in euch wirkt.

Damit setzt Paulus ein. Es ist ein ganz starker Zuspruch, den er da formuliert. Er wäre aber nicht der gründliche Paulus, wenn er seinen Standpunkt nicht noch etwas genauer begründen würde. Seine Begründung unterscheidet ihn nachdrücklich vom Baron Münchausen. Beide sind sie ja Optimisten und deswegen ganz hoffnungsvoll, dass sie aus dem Sumpf, in den sie geraten sind, auch wieder herauskommen werden, nur mit dem Unterschied, dass Münchhausen sich auf seinen Zopf, also auf sich selber verlässt, weil er auch nichts anderes hat; Paulus hingegen verlässt sich auf Gott und darauf, was dieser für ihn und uns alle getan hat.

Das, was Gott getan hat, lässt sich mit Paulus in dem einfachen Satz zusammenfassen: Er hat uns zu seinen Kindern gemacht.

Wenn wir allerdings heute das Wort „Kinder“ hören, so sind wir schnell geneigt, an Begriffe und Vorstellungen wie „ach, schön“ oder „niedlich“ zu denken. Das ist natürlich nicht falsch, trifft aber nur zum Teil das, worum es dem Paulus geht.

Wo Paulus von der Gotteskindschaft spricht, hat er zweierlei im Blick: ein Rechtsverhältnis und ein Vertrauensverhältnis, wobei das Zweite aus dem Ersten folgt. Das Vertrauensverhältnis ist eine Folge des Rechtsverhältnisses und nicht umgekehrt, auch wenn wir heute vielfach geneigt sind, das Vertrauensverhältnis stärker zu betonen.

Die antike Welt des Paulus kennt hauptsächlich zwei Personengruppen: Sklaven und Freie. Und entsprechend beschreibt er den Geist, der einen Menschen treibt, als sklavisch oder als frei. Ein sklavischer oder knechtischer Geist steht euch nicht an, sagt Paulus, denn der Geist Gottes, der in euch wohnt, hat euch zu Kindern Gottes gemacht. Ihr seid darum frei, zweifelt nicht daran und lasst es auch nicht ausreden.

Wie revolutionär dieser Gedanke des Paulus ist, können wir heute kaum noch ermessen, denn er galt ohne Einschränkung jedem, ganz egal, welche Stellung er sonst im Leben hatte. Dem reichen Kaufmann wie dem einfachen Soldaten, dem hochgebildeten Sklaven, der als Lehrer wirkte, wie dem einfachen Arbeitssklaven auf dem Feld, den Gladiatoren wie den Markthändlern. Ihnen allen, Männern wie Frauen, wurde gesagt: Du bist frei, weil Gott dich zu seinem Kind angenommen hat.

Was uns heute so selbstverständlich ist, dass allen Menschen gleiche Grundrechte zustehen, findet hier eine starke Begründung, ja, hat an dieser Stelle einen wesentlichen Ausgangspunkt.

Das wäre also das Rechtsverhältnis. Recht haben ist allerdings nicht gleichbedeutend mit Recht bekommen. Mancher erfährt dies schmerzvoll. Und darum begründet ein Rechtsverhältnis auch noch nicht unbedingt ein Vertrauensverhältnis. So ist das unter Menschen. Paulus aber spricht von Gott, und deswegen kann es für ihn gar nicht anders sein, als dass Gott hier auch ein Vertrauensverhältnis begründen möchte. Das liegt in Gott selber begründet, denn er ist der, der grundsätzlich für die Menschen da ist, wie sein Name Jahwe zum Ausdruck bringt: Ich bin der Daseiende. Das meint vom hebräischen Wortsinn her eben nicht den im philosophischen Sinne ewig und unwandelbar Da-seienden, der sich selbst genügt. Der Gott der Bibel ist nicht der so Seiende, sondern der pro Seiende, der für seine Schöpfung und also für uns Menschen da Seiende, zu dem wir „Abba“, „lieber Vater“ oder im heutigen Sinne einfach „Papa“ sagen dürfen. „Lieber Gott“ ist darum sicher nicht die einzig sinnvolle, aber auf jeden Fall keine unangemessene Anrede Gottes.

Alles nur graue Theorie? O, mitnichten! Wir haben viele behinderte Menschen unter uns, wir haben zahllose Geflüchtete vor der Tür, und wir haben weltweit Millionen von Menschen, die hungern und wirtschaftlich auf keinen grünen Zweig kommen. Auch nur einem Teil von ihnen allen zu helfen, kostet viel Anstrengung und Unsummen an Geld. Warum sollten wir uns das eigentlich leisten? – Eben, um zu zeigen, wes‘ Geistes Kinder wir sind; nämlich Kinder des Gottes, der für uns da ist und für alle da sein will. Das verleiht auch immer wieder Kraft für den täglichen Kleinkram. Amen.

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