„German Angst“ oder von der christlichen Hoffnung (Römer 8, 14-17)

In unserem Land geht ein Gespenst um: die „German Angst“. Auf der ganzen Welt erzählt man sich davon. „Wie kann man nur so wohlhabend sein“, fragen unsere Nachbarn, „und zugleich so unglücklich und ängstlich?“ Sie nehmen eine Gefühlsregung wahr, die über bloße Furcht hinausgeht, ohne in Panik auszuarten, ein Grundgefühl, das generationsübergreifend tief ins allgemeine Bewusstsein eingeschrieben scheint:

wir haben eben kollektiv nicht vergessen, wie schnell man alles, was man sich im Leben erarbeitet und zusammengespart hat, verlieren kann. Die letzte Wirtschafts- und Bankenkrise hat die schlimmsten Erinnerung an die große Inflation in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts wieder aufleben lassen, auch wenn unsere Wirtschaft stabil wie lange nicht mehr daherkommt.

Wir möchten kollektiv gern gehabt werden und fürchten nichts mehr als Misstrauen und falsche Verdächtigungen, weil uns bewusst ist, welchen Schrecken Deutschland in der Zeit des Nationalsozialismus über die Welt gebracht hat.

Diese eigenen Gefühle lassen sich also erklären und vielleicht sogar widerlegen: anders als die Angst vor Krieg und Terror, die wieder einmal wie vielleicht zuletzt in den siebziger Jahren sehr real geworden ist und uns nahe kommt.

Und dann sind da ja auch noch die Ängste, mit denen wieder einmal Populisten und schlimmere Gesellen Schindluder treiben, wie die Angst vor  Überfremdung, auch die Angst vor anderen Religionen, insbesondere pauschal vor dem Islam, und die Angst vor sozialem Abstieg.

Stimmt die Rede von der German Angst oder stimmt es stattdessen vielmehr, was auch macnhe behaupten, dass doch längst die Stimmung viel besser sei als die Lage, also eben gar keine Angstzustände herrschen, aber eigentlich aller Grund dafür bestehe?

Es bringt nichts, über Ängste zu spotten. Sie sind real. Evolutionsbedingt ist Angst lebens-, ja überlebensnotwendig. Denn sie macht uns Menschen wachsam, sorgt also dafür, dass wir uns absichern. Wer angstfrei und zu sorglos in den Tag lebt, kann kräftig auf die Nase fallen. Allerdings lässt sich mit der Angst auch gut Geld verdienen…

Pfefferspray im Drogeriediscount, Waffen für jedermann zur Selbstverteidigung, teure Wellness- und Fitnessprogramme für längere Jugend, um Tod und Vergehen auszutricksen oder einfach nur: hoffentlich Allianzversichert, Herrn Sommer von der Hamburg Mannheimer als Freund/Nachbarn oder gleich „Keine Sorge Volksfürsorge“… Ich kann mich so für alles und gegen alles versichern – als ob ich damit alle Gefahren abwehren könnte. Wobei weder Arbeitslosen-, Kranken- oder Lebensversicherungen wirklich vor Arbeitslosigkeit, Krankheit oder Tod schützen, sie helfen nur die Folgen abzumildern und für die Betroffenen oder Hinterbliebenen zu sorgen.

Ängste vor Krankheit, vor Schicksalsschlägen, vor Tod lassen sich nicht ausschalten, ich kann sie eine Zeit lang erfolgreich verdrängen, tue mir damit aber keinen Gefallen, weil Leben auch Umgang mit Gefahren und Bedrohungen heißt und Ängste mich dafür sensibilisieren…

Spüren wir doch mal einen Augenblick unseren Ängsten nach:

Sie geht an einem Freitag, dem 13. nicht gern aus dem Haus, nicht dass sie abergläubisch wäre, aber dreimal auf Holz geklopft, das ist ihr lieber; gut dass Flugzeuge keine 13.Sitzreihe haben, besser keine schwarze Katze, die von links nach rechts den Weg kreuzt…

Angst kann ganz schöne Blüten treiben.

In seiner Familie haben sich in den letzten Generationen die Fälle von Krebserkrankungen gehäuft. Er hat daraus gelernt, nicht vor lauter Angst alle Beschwerden zu verdrängen, sondern Vorsorgeangebote wahrzunehmen. So kann er mit seiner begründeten Sorge verantwortlich umgehen.

Gemeinsam machen sich beide Gedanken um ihre Kinder, reden manchmal über die Zukunftsängste, die sie haben. Sie betreffen weniger die eigene, gemeinsame Zukunft als vielmehr die Unruhe, ob die Kinder mit all den Herausforderungen des Lebens alleine fertig werden. Aber eigentlich fällt es ihnen vor allem schwer, loszulassen, die Kinder ziehen zu lassen, jetzt wo sie erwachsen sind, eigene Entscheidungen treffen und eigene Wege gehen. Sie müssen als Eltern lernen, ihre Ängste nicht so wichtig zu nehmen, sondern sich an der Selbstständigkeit und der Experimentierfreudigkeit der Kinder zu freuen.

Sie merken, nicht die Ängste an sich sind das Problem: sie haben ihre Gründe, sie lassen sich aus der Vergangenheit ebenso wie aus der Gegenwart erklären und wir Menschen sind nicht ohne Grund mit einem Grundgefühl Angst und also auch dem Modus „Hab Acht!“ ausgestattet.

Christen sind da keine Ausnahme und wer behauptet: „er hätte keine Angst und alles wäre gut und man dürfe doch immer Vertrauen haben“ hat zwar irgendwie recht, aber eben nur irgendwie.

Problematisch ist nicht der sorgenvolle Blick an und für sich…problematisch können die Macht sein, die Ängste und Sorgen über mich gewinnen.

Wer vor Angst nicht mehr aufstehen mag, wer vor Angst nicht aus dem Haus geht, wer nicht mehr in der Lage ist, vernünftige Entscheidungen zu treffen, wer vor lauter Angst, einen Fehler zu begehen, lieber, gar nichts tut, wer vor Angst wie aus dem Wasser gezogen ist, wer vor Angst nicht mehr schlafen kann, der hat ein Problem: er lässt sich nicht mehr von Vertrauen und Lebenszuversicht, sondern von Angst und Verzagtheit leiten oder besser, weil es oft ja keine Frage der eigenen Entscheidung ist: der wird nicht mehr von Zuversicht und Hoffnung, von Grundvertrauen und Lebensoptimismus, ich kann auch sagen: von Glauben, beherrscht, sondern von seiner Angst versklavt.

Wes Geistes Kind einer ist, kann man also an der Art, zu leben, zu lieben, zu leiden, zu hoffen und zu sterben, erkennen.

Paulus hat auch mit seiner drastischen Sprache völlig recht: es gibt einen Sklavengeist, der abhängig hält, unterdrückt, klein macht, alle Kraft und Energie raubt und es gibt einen kindlichen Geist, der mit Liebe erfüllt, das nötige Selbstvertrauen vermittelt, und so hilft, auch mit Herausforderungen umgehen zu können oder sich nicht gleich aus der Bahn werfen zu lassen. Eltern machen mit ihrer Liebe Kinder stark für das Leben. Auch Gott will uns mit seiner Liebe stark und selbstbewusst für das Leben machen. Alles andere kann nicht wirklich Liebe sein, bestenfalls ein Missverständnis davon.

Glaube ist daher das ganze Gegenteil von Aberglaube, weil er nicht angstbesetzt, sondern hoffnungsgesteuert ist.

Glaube ist das ganze Gegenteil von Abhängigkeit, weil er nichts als Freiheit ist und in die Freiheit und die Eigenverantwortung führt.

Glaube ist das ganze Gegenteil von Resignation und Passivität, weil er die Gewissheit des guten Ausgangs für sich beansprucht und damit zur Entscheidung und Tat ermutigt..

Wenn uns der Geist der Kindschaft erfüllt, ein Geist der Liebe und des Selbstwertgefühls, ein Geist der Zuversicht und der Gewissheit, dann sind in der Tat nicht Angst und Kleinmut, Verzweiflung und Resignation die alles bestimmenden Wirklichkeiten unseres Lebens.

Irgendwie ist die Stimmung dann, in Abwandlung eines Peer Steinbrück Zitates, wirklich besser als die Lage. Dabei machen der Glaube, die Kindschaft, das Vertrauen auf Gott, das christliche Selbstbewusstsein oder Selbstverständnis kein leichteres Leben. Es wird genauso gelitten, falsch entschieden, gestolpert, gezweifelt, getrauert, geweint, gestorben oder geboren, gelacht, gefeiert, bezwungen und überwunden wird. Das Leben bleibt das Leben mit all seinen Facetten, mit all seinen Licht- und Schattenseiten. Aber über allem steht eine viel stärkere und größere Gewissheit und damit endet dieses wunderbare Kapitel aus dem Römerbrief: nichts kann uns von der Liebe Gottes trennen. Das Leben und die Liebe Gottes sind allemal stärker und am Ende wirklicher als alles Leiden, Vergehen und Sterben, egal wie groß unsre Angst und Furcht auch ist.

So wie Kinder sich in der Regel ein Leben lang der Liebe ihrer Eltern gewiss sein können, so können auch Christen gewiss sein, dass Gottes Liebe nicht aufhört, selbst wenn sie Haltungen und Verhalten nicht gutheißt oder einfach darüber hinwegschaut. Es bleibt das liebende Einverständnis Gottes zu seinen Kindern und damit zu seiner Vaterschaft. Statt der „German Angst“ dürfen wir also viel eher von „christian Hoffnung“ reden. Und vielleicht macht sie dann ja ebenso weltweit von sich reden. Lähmende Angst jedenfalls kann die Welt und das Leben nicht zum Besseren wandeln. Aktive Hoffnung, die auf die Kraft der kleinen Tat setzt und auch kleine Schritte nicht verachtet, gepaart mit Geduld/Ausdauer und der geballten Kraft einer Hoffnungsgemeinschaft, die zusammenhält und zusammenführt – da können all die Menschen um das alte Joachimsthaler Gymnasium durchaus ein leuchtendes Vorbild für uns als Gemeinde sein – lassen uns dagegen heute schon etwas von der Herrlichkeit der neuen Gotteswelt ahnen. Schenke uns Gott dazu immer ein ausreichendes Maß seines Geistes und der Kindschaft und ein ausreichendes Maß an Gottvertrauen und Zuversicht auf den guten Ausgang aller Dinge und helfe uns in allen Lagen beieinander zu bleiben! Amen

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