Liebe statt Hass

Liebe Gemeinde,
vorletzte Woche hat Außenminister Steinmeier starke Worte gegenüber dem amerikanischen Präsidentschaftskandidaten Donald Trump gewählt. Er sei ein Hass-Prediger, sagte er. Er spiele mit den Ängsten der Menschen und mache mit Angst Politik. Hass-Prediger scheint es in unseren Tagen immer mehr zu geben. Seit dem Jahr 2006 gibt es das Wort sogar im Duden. Hass-Prediger stacheln Menschen zu Hass und Feindschaft auf und manche direkt auch zu Gewalttaten. Zu welchen verheerenden Folgen Hass-Predigten führen können, davon haben wir gerade in den vergangenen Monaten hier bei uns in Europa erschreckende Beispiele mitansehen müssen. Die Attentate in Paris, Brüssel, Nizza mit ihren Hunderten von Toten und Verletzten stehen dafür genauso wie die Attentäter von Würzburg und Ansbach, die aufgewiegelt von IS-Propaganda und von Hass erfüllt ihr zerstörerisches Werk verrichten.
Wie kommt es eigentlich zu solchem Hass? Hass hat immer mit einer extremen Ablehnung und Abneigung gegenüber anderen Menschen oder Institutionen zu tun. Hass entwickelt sich meist aufgrund einer tiefen seelischen Verletzung. Wenn man verlassen wird, wenn ein Erbe ungerecht verteilt wird, wenn wir von einer uns wichtigen Person nicht geliebt werden, wenn wir uns zutiefst verletzt fühlen und verbittert sind, dann entwickelt sich häufig Hass. Wenn wir hassen, dann haben wir meist vermeintlich gute Gründe für den Hass. Wir sehen den anderen dann als Bedrohung an und der Wunsch macht sich breit, ihm zu schaden oder sich zu rächen. Vielleicht kennen wir solche Gefühle noch aus Kinder- und Jugendzeiten. Wenn der Bruder oder die Schwester ständig bevorzugt wird, wenn in der Schule der Lehrer seine Lieblingsschüler hat und diese immer die bessere Noten bekommen obwohl ihre Leistungen auch nicht besser waren als unsere. Das Verärgert und das Wütendsein darüber, ja es kann so stark werden, dass sich daraus richtiggehend Hass entwickelt. Und wir wissen: Hass macht blind. Wer hasserfüllt ist, der hat sich gegenüber vernünftigen Argumenten verschlossen. Wer hasserfüllt ist, der sieht auch nicht mehr die positiven Eigenschaften von dem Menschen, auf die sich der Hass bezieht.
Leben wir also in unseren Tagen, liebe Gemeinde, in einer Welt, die in besonderer Weise von Hass erfüllt ist? In einer Welt, in der es an immer mehr Orten Hass-prediger gibt? Hass-Prediger, die festlegen, wer Freund und wer Feind ist, wer gut und wer böse? Ist es etwa der Hass, der diese Welt und auch unser Leben immer mehr bestimmt? Haben vielleicht auch wir schon seine anziehende Kraft gespürt?
Unser heutiger Predigttext ist ein Text gegen den Hass. Genau genommen gesagt predigt er das Gegenteil von Hass. Er predigt die Liebe. Wir wollen einander lieben, heißt es darin zu Beginn. Denn die Liebe kommt von Gott. Wer liebt ist ein Kind Gottes und zeigt, dass er Gott kennt. Wer nicht liebt, kennt Gott nicht, denn Gott ist Liebe.
Gott ist Liebe. Das sind starke Worte gerade gegenüber all denen, die meinen Gott rufe auf zum Kampf gegenüber den Ungläubigen. Das sind starke Worte gegenüber all denen, die Gott vereinnahmen wollen für ihre Zwecke, für ihre Abgrenzungen, die sich moralisch erheben über andere und meinen das Recht und die Wahrheit immer auf ihrer Seite zu haben. Der 1.Joh.-brief sagt: Wer nicht liebt, kennt Gott nicht, denn Gott ist Liebe. Oder anders gesagt: Wer hasst, kennt Gott nicht, denn Gott ist die Liebe. Hass und Gott passen nicht zusammen. Hass und Gott haben nichts miteinander gemein.
Unser heutiger Predigttext ist damit ein Aufruf, sich nicht einlullen zu lassen von dem Hass und Hassaufrufen unserer Tage. Sich nicht einlullen zu lassen von Schwarz- Weiß- Einteilungen, von einfachen Gut und Böse Kategorien, von Argumentationen, die sich der Vernunft mehr und mehr entziehen wollen.
Unser Predigttext ist aber noch mehr. Er ist eine Einladung zum lieben. Das mag beim ersten Hören kitschig klingen, ist es aber nicht. Denn wer es mit dem lieben ernst meint und das lieben ernst nimmt, der stellt fest, dass das alles andere als einfach ist. Beim lieben im biblischen Sinn geht es nicht in erster Linie um schöne oder erotische Gefühle anderen Frauen oder Männern gegenüber, es geht nicht um Sympathien, die ich für bestimmte Menschen empfinde. Nein. Sondern lieben im biblischen Sinn meint mich von Gottes Liebe mehr und mehr verwandeln zu lassen.
Ja, Gott ist Liebe. Und unser Prediggtext sagt dazu: Gottes Liebe zu uns hat sich darin gezeigt, dass er seinen einzigen Sohn in die Welt sandte. Durch ihn wollte er uns das neue Leben schenken. Das Besondere an dieser Liebe ist: Nicht wir haben Gott geliebt, sondern er hat uns geliebt. Er hat seinen Sohn gesandt, der sich für uns opferte, um unsere Schuld von uns zu nehmen.
Gottes Wesen ist Liebe und sie sucht uns Menschen und in Jesus Christus können wir sie entdecken und erkennen. Gottes Liebe ist auf der Suche nach uns Menschen, sie will uns gewinnen, sie will uns berühren und nahe kommen und erfüllen, sie will uns Menschen verwandeln.
Wir wollen einander lieben. Das, liebe Gemeinde, heißt nicht einen klebrigen, frommen Zuckerguss auf all das gießen, was uns begegnet, sondern das in mir verwandeln zu lassen, das der liebenden Verwandlung bedarf. Stück um Stück, Schritt für Schritt mich sozusagen von Gottes Liebe durchleuchten zu lassen.
Denn Hand aufs Herz, liebe Gemeinde: In einem jeden, in einer jeden von uns gibt es so etwas wie einen bitteren Kaffeesatz, der sich in unserem Leben abgesetzt hat. Da mag es aggressive Gefühle einem anderen Menschen gegenüber geben. Da gibt es Wut über etwas und Enttäuschung. Da ist eine Eifersucht, die mich beherrscht. Da sind Verletzungen aus früheren Tagen. Da sind Ängste, die sich immer wieder einschleichen und mir die Luft zum Atmen wegnehmen wollen. All das, was da ist, will Gottes Liebe in uns verwandeln. Nach und nach. Mehr und mehr. Und verwandeln heißt: All das, was da ist, all die negativen Gefühle nicht zu unterdrücken oder unter Verschluss zu halten oder sie klein- oder wegzureden. Sondern sie im Lichte der Liebe Gottes anzuschauen. Das, was schwierig und schwer und konflikthaft ist, das wird dabei nicht einfach verschwinden und sich in Luft auflösen, aber es kann sich verändern. Es kann etwas von seiner Kraft verlieren. Vielleicht gelingt es mir in dem Menschen, mit dem ich mich so schwer tue, neben all dem Negativen, das ich in ihm sehe, auch eine positive Eigenschaft zu entdecken und zu würdigen. Und das, das wird meine Beziehung zu ihm verändern.
Ja, Liebe kann große Kraft entwickeln. Sie kann unser Leben und Zusammenleben umgestalten, neuen, frischen Wind hereinbringen. Es tut gut gerade in unseren Tagen der Liebe eine Chance einzuräumen. Es tut gut gerade in unseren Tagen, wo wir schnell im Urteilen und Verurteilen sind und Vorurteile geschürt werden, die Dinge im Lichte der Liebe Gottes anzuschauen. Mahatma Gandi hat einmal gesagt: Wo Liebe wächst gedeiht Leben – wo Hass aufkommt, droht Untergang.
Noch einmal unser Predigttext: Niemand hat Gott je gesehen. Aber wenn wir einander lieben, lebt Gott in uns. Dann hat seine Liebe bei uns ihr Ziel erreicht. Amen.
Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere menschliche Vernunft, er bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

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