Die unmögliche Aufgabe: von Gott reden (1.Johannes 4, 7-12)

Der junge Mann wollte unbedingt andere mit der Begeisterung anstecken, die ihn schon seit Jahren erfüllte. Der Glaube an Jesus Christus, der Glaube an Gott – Gott konnte er sich nur wie Jesus Christus vorstellen – hatte ihm geholfen, nicht zu sehr mit dem Leben zu hadern, auch Handicaps seines Lebens anzunehmen, dabei das Beste aus seinen Möglichkeiten zu machen, sich am Geschenk des Lebens zu freuen und ein gesundes Maß an Selbstvertrauen zu entwickeln, selbst wenn andere viel eher auf der Sonnenseite des Lebens zu stehen schienen. Er hatte seinen Glauben, der ihm sagte: was auch passiert – Gott ist auf deiner Seite und an deiner Seite! Dieses Vertrauen hatten nicht alle und haderten deshalb manchmal ganz schön – egal mit wem ( ob mit dem Leben, dem Schicksal, oder doch Gott ?)

So begann er fröhlichen Herzens Theologie zu studieren. Denn kann es einen schöneren Beruf geben, als Menschen von Gott und seiner Liebe zu erzählen, wofür ja Jesus Christus mit seinem Namen und seinem Leben steht ? Ich weiß aus Erfahrung, dass ich mir keinen schöneren Beruf vorstellen kann, und gönne jedem von Herzen die gleiche Freude an seinem Beruf (es können ja schließlich nicht alle Pastor_innen werden). Das Studium hat seine Art zu denken und zu reden nachhaltig verändert. Wahrscheinlich muss das so sein, wie ja nichts im Leben unverändert bleibt, auch nicht der Glaube, denn er geht durch die Schule des Lebens. Und die verändert den Blick auf Gott und die Welt und beides zwingt, Vertrautes noch einmal anders zu denken und zu sagen.

Gott ist die Liebe: dieser Satz aus dem ersten Johannesbrief ist ihm ein Strohhalm gewesen: Jesus ist der Fels in der Brandung meines Lebens. Gottes Liebe mag manchmal vor lauter Krisen und Kämpfen verborgen sein, aber sie hört dennoch nicht auf und lässt mich nie los.

Aber er hatte ebenso die Erfahrung gemacht: so sehr ihm das alles in seinem Alltag einleuchtete, weil es ihn ja trug, er sein Leben so gut bewältigen konnte, ihm Gott nie fraglich , sondern eher immer vertrauter wurde, so wenig konnte er die anderen  einfach davon überzeugen, wie gut es sei, im Leben einen Gott zu haben, auf den man sich verlassen kann.

Er konnte Gott nicht einfach plausibel machen. Er konnte ihn nicht  ohne weiteres erklären. Er konnte nicht mit Vernunftgründen überzeugen und die Einwände überwinden. Die Kritiker fuhren schwere Geschütze auf, um ihn zu verunsichern. Der Glaube war halt nicht mehr selbstverständlich und unbestritten Konsens unter den Menschen. Er musste sich behaupten und rechtfertigen vor dem Leben und der Welt, inmitten all der Katastrophen und Entwicklungen, die allesamt gerade nicht die Sprache der Liebe sprachen: vom Hunger in der Welt, über die kriegerischen Neigungen der Menschen oder ungerechten Verhältnisse bis hin zu den Katastrophen, die gerade einmal nicht die Menschen produzierten, sprach doch alles gegen einen Gott, der allmächtig auf der einen Seite und die Liebe auf der anderen Seite und zugleich beides zusammen war.

Wo ist nun dein Gott?

Es war ein schwacher Trost, dass so schon gegen Jesus am Kreuz gespottet wurde, es sich also alles auf Erden wiederholt, wenn man nur lang genug wartet.

Im Laufe seines Studiums der Theologie wurden ihm zwei Sätze lieb und teuer, die miteinander zu tun haben und die auch heute noch Studierenden in ihrer Ausbildung begegnen und denen sie sich stellen müssen. Sie geben nicht unbedingt die Antwort auf die Frage, wie das alles sein kann, wenn Gott doch allmächtig und lieb ist, aber sie relativieren unsere eben so begrenzte Sicht der Dinge:

Wir sollen als Theologen von Gott reden. Wir sind aber Menschen und können als solche nicht von Gott reden. Wir sollen Beides, unser Sollen und unser Nicht-Können wissen und eben damit Gott die Ehre geben.“ Von Karl Barth stammt dieser erste Satz. Karl Barth hat in seinem ganzen theologischen Denken immer wieder durchbuchstabiert, was es heißt, dass Gott im Gegenüber zum Menschen eigentlich der ganz Andere ist, den ich nicht in den Griff bekomme, und damit eben auch der Fremde, der Unbegreifliche, der alles Denken und Verstehen Übersteigende: eben Gott und nicht Mensch. Er hat im Denken der Menschen Gott seinen Platz im Himmel zurückgegeben.

Es wäre Anmaßung so zu tun, als könnten wir Gott vor dem Tribunal der Welt erfolgreich verteidigen, wenn wir nur die richtige Strategie hätten; als könnten wir ihn rechtfertigen gegenüber den Angriffen, wenn wir uns nur anstrengen; als könnten wir ihn denken und damit der Welt beweisen.

Ihm wurde so eine Frömmigkeit der schnellen und einfachen Antworten, ein pflegeleichter und einfach zu handhabender Gott, der aus allem auch ohne Blessuren heraus kommt, problematisch; er misstraute diesen Frommen. Manchmal braucht es im Leben eben schon ein sehr trotziges und dem Leben hart abgerungenes Dennoch, um seinen Glauben nicht zu verlieren. Aber dieses trotzige Dennoch braucht es in jedem Fall, um nicht gleichgültig oder verbissen, um nicht verzweifelt oder resigniert zu werden, um nicht gefühlslos oder abgestumpft die Augen auch vor der Not anderer zu verschließen. Mit meinem Trotz und meinem Dennoch darf ich Gott die Ehre geben.

Das setzt aber eine innere Beziehung und eine innere Haltung voraus. Man kann wunderbar tiefsinnige Gespräch über Gott und die Welt führen und sich befriedigt sagen: gut, dass wir heute einmal darüber geredet haben. Ein Stammplatz in den verschiedensten Talkformaten des deutschen Fernsehens für die Frage: „warum lässt Gott das zu und wie sieht er eigentlich aus oder: war Jesus Bartträger und verheiratet oder nicht“ wird an der Zukunft und der Gestalt der Kirchen und damit der Welt nicht wirklich etwas ändern. Es wird zu viel über alles mögliche geredet, aber nicht von den Dingen, die mich wirklich angehen und betreffen, wo man mir meine Leidenschaft und mein Engagement, weil es um mich geht, abspürt.

Deshalb gibt es einen zweiten Satz, der den jungen Theologen geprägt hat. Er stammt von Rudolph Bultmann. kaum ein Theologe war im frühen zwanzigsten Jahrhundert theologisch so umstritten und zugleich so prägend wie er: „Jedes „Reden über“ setzt einen Standpunkt außerhalb dessen, worüber geredet wird, voraus. …Man kann über Gott sinnvoll so wenig reden, wie man über Liebe reden kann….“ Mit anderen Worten: Ich kann nicht über Gott reden, wie über das Wetter und die Politik im Allgemeinen und Besonderen redet und dann mein Leben einfach weiterleben. Es geht mich etwas an, es hat etwas mit mir zu tun, es berührt mich oder stößt mich ab, es freut mich oder ärgert mich, es verändert mich: ich kann nur von Gott reden, und zwar als einem, der mich sieht und mich meint, mich anrührt oder aber: der mich liebt. Ich kann nicht Gott sagen, ohne zugleich zu betonen, dass er die Liebe ist, mich liebt, an mir Interesse hat, mich nicht aufgibt, mir nachgeht, mir aufhilft und mich auch einmal in Ruhe lässt, wenn ich erst einmal meine eigenen Wege gehen will.

Gott ist der ganz Andere, ja, aber er ist zugleich eben auch der, der ohne Beziehung zu uns Menschen nicht sein kann und sein will.

Wir können ihn nicht ernsthaft und nachhaltig verniedlichen und vermenschlichen, verharmlosen und dem Spott preisgeben, in dem wir ihn klein machen. Er bleibt der ganz Andere, mir Entzogene.

Aber er kann sich ganz tief zu uns herabbeugen,  uns auf Augenhöhe begegnen. Er kann Mensch werden, um uns seine menschlichen Züge der Liebe zu zeigen. Und genau das hat er in Jesus Christus getan. Er hat sich mit einem menschlichen Namen ansprechbar gemacht. Er hat gezeigt, worauf es ihm ankommt: auf Liebe und Barmherzigkeit und wie tief diese in seinem Wesen verankert sind. Er wartet auf nichts mehr, als das wir zu ihm in Beziehung treten.

Nichts schmerzt ihn mehr als die Gleichgültigkeit von Menschen, weil  Liebe und Sehnsucht nicht mehr abstrafen werden kann als durch Gleichgültigkeit und Ignoranz. Und dennoch hört er nicht auf, zu warten und zu lieben. Und eigentlich hört auch die Welt nicht auf, zu warten auf Liebe und Barmherzigkeit als einzigen Ausweg aus all der Härte und Kälte und Gewalt, mit der Leben schwer und brutal wird.

So hat der junge Theologe gelernt – und mit ihm zusammen ja vielleicht wir alle – : wir müssen nicht aufhören von Gott zu reden, wir dürfen ihm die Ehre geben, wenn wir trotzig  daran festhalten, dass ja viele glauben, Vieles gegen ihn, in ihrem Reden über ihn, aufführen zu können, weil sie nichts mit ihm zu tun haben wollen. Wenn wir aber anfangen, von ihm zu reden, weil wir uns ihm verbunden fühlen, dann werden wir von ihm reden als dem, der sich nichts sehnlicher wünscht, als mit uns verbunden zu sein, der sich als die Liebe und als die Barmherzigkeit zeigt, und gerade so, Wege zeigt, der Welt auch ein Gesicht voller Liebe und Barmherzigkeit zu geben. Denn daran wird sich am Ende unsere Glaubwürdigkeit zeigen, ob alles Reden und Tun von Liebe und Barmherzigkeit getragen ist.

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