Der Zusammenstoß zweier Welten

Der Geist des Herrn ist auf mir, weil er mich gesalbt hat, zu verkündigen das Evangelium den Armen; er hat mich gesandt, zu predigen den Gefangenen, dass sie frei sein sollen, und den Blinden, dass sie sehen sollen, und den Zerschlagenen, dass sie frei und ledig sein sollen, zu verkündigen das Gnadenjahr des Herrn.

Keine Angst, das sage nicht ich über mich.

Das hat Jesus gesagt, als er begonnen hat durch Israel zu ziehen. Und das hat er dann auch gemacht. Er hat Gnade verkündet.

Und das hat eingeschlagen wie eine Bombe. Das hat für Aufruhr gesorgt.

Und die Menschen haben darauf total unterschiedlich reagiert.

Da waren auf der einen Seite die moralischen Versager, die, die genau wissen, dass ihr Leben eine einzige Katastrophe ist, dass sie viel mehr falsch machen als richtig, dass sie nicht gut sind und schon oft vergeblich versucht haben das zu ändern und die doch wieder in alte Muster zurückgefallen sind und die darunter leiden und verzweifeln.

Und die hören: Gott verachtet sie nicht. Sondern Gott vergibt. Einfach so. Aus Gnade. Er löscht die ganze Vergangenheit aus und schenkt einen neuen Beginn.

Super.

Aufatmen.

Freiheit.

Und dann waren da auf der anderen Seite die ehrbaren Leute, die, die sich Mühe gegeben haben, ein gutes, ehrbares Leben zu führen. Die den Ehrgeiz hatten, sich an Regeln und Gebote zu halten. Die dafür auf vieles verzichten, viele Kämpfe mit sich ausfechten.

Und die haben gesagt: Moment mal. So einfach soll das gehen? Keine Bußübung, keine Kerze anzünden, keine Wallfahrt oder größere Spende oder das Versprechen, besser zu werden oder eine Zeit der Bewährung. Einfach so, ohne Bedingungen. Wo kommen wir denn da hin?

Und manche wurden darüber echt zornig. In Nazareth wollten sie Jesus gleich einmal lynchen, als er damit angefangen hat.

Meistens sind diese beiden Gruppen von Menschen schön säuberlich getrennt.

So wie das eben bei uns Menschen ist.

Gleich und gleich gesellt sich gerne. Und so bleibt man unter sich.

Zwei schön säuberlich getrennte Welten.

Aber manchmal treffen diese beiden Welten aufeinander.

Lukas berichtet in seinem Evangelium von so einem Aufeinandertreffen.

Simon war ein ehrbarer, wohlhabender Pharisäer.

Pharisäer haben bei uns einen schlechten Ruf. Das sind scheinheilige Heuchler, denken wir. Damit tut wir ihnen Unrecht. Pharisäer, das waren die, die ihren Glauben ernst genommen haben. Die jeden Sabbat in der Synagoge waren. Die in der Bibel gelesen haben und versucht haben, nach ihr zu leben. Das waren die Leute, die man zu Stadträten und Kirchenvorständen gemacht hat. Zu einem Kaufmann, der Pharisäer war, sind die Leute gerne gegangen. Denn da konnten sie sicher sein: Der haut mich nicht übers Ohr. Dem seine Waage ist nicht manipuliert. Und wenn der sagt, der Fisch ist frisch, dann ist das so. Ein Pharisäer lügt und betrügt nicht.

Simon war so ein Pharisäer, einer, der diesem Sündenvergeber und Gnadenverkünder kritisch-distanziert gegenübersteht und er hat Jesus zu einem Festmahl bei sich eingeladen.

Um ihn einmal kennenzulernen.

Um ihm auf den Zahn zu fühlen.

Um ihm zu zeigen, dass es so einfach ja wohl nicht geht.

Um ihn auf den rechten Weg zurück zu bringen.

Aber hören wir lieber erst einmal, was Lukas berichtet:

Einmal wurde Jesus von einem Pharisäer zum Essen eingeladen. Er ging in das Haus dieses Mannes und legte sich zu Tisch. Da kam eine Prostituierte herein, die in dieser Stadt lebte. Sie hatte erfahren, dass Jesus bei dem Pharisäer eingeladen war. In ihrer Hand trug sie ein Fläschchen mit wertvollem Salböl. Die Frau ging zu Jesus, kniete hinter ihm nieder und weinte so sehr, dass seine Füße von ihren Tränen nass wurden. Mit ihrem Haar trocknete sie die Füße, küsste sie und goss das Öl darüber. Der Pharisäer hatte das alles beobachtet und dachte: „Wenn dieser Mann wirklich ein Prophet wäre, müsste er doch wissen, was für eine Frau ihn da berührt. Sie ist doch eine stadtbekannte Hure!“

Es war damals so, und es ist heute immer noch so:

Wie wir über Menschen denken, was wir von ihnen halten, das sagen wir normalerweise nicht.

Aber wir zeigen es mit unserem Verhalten, mit unseren Blicken, wir zeigen es mit dem, was wir tun und wie wir es tun und was wir nicht tun.

In jeder Kultur gibt es so Regeln der Gastfreundschaft.

Wenn wir Besuch bekommen, und ihn gut behandeln wollen, dann begrüßen wir ihn an der Tür, geben ihm die Hand, sagen ein paar freundliche Worte, bitten ihn herein, nehmen ihm die Jacke ab und hängen sie auf, zeigen ihm, wo er sich frisch machen kann, führen ihn ins Wohnzimmer, bieten ihm einen bequemen Sitzplatz an und fragen ihn, ob er was zu trinken möchte.

In der Welt, in der Jesus gelebt hat, war das so: Wenn jemand zu Besuch kam, dann hat man ihn mit einem Kuss begrüßt, ihm die Füße gewaschen, und salbt den Kopf mit Öl, damit die Haare wieder glänzen.

Das alles hat Simon nicht gemacht. Und er hat es nicht aus Versehen nicht gemacht, sondern aus Absicht, aus Berechnung.

Um Jesus zu zeigen, was er von ihm hält. Nämlich gar nichts.

Interessant ist, wie Jesus reagiert.

Eine Möglichkeit wäre gewesen einfach sich umzudrehen und wieder zu gehen, denn hier ist er offensichtlich nicht willkommen. Aber Jesus ist keiner, der sich beleidigt zurückzieht.

Eine andere Möglichkeit wäre gewesen, das einfach ganz still und demütig zu ertragen und hinzunehmen. Aber im stumm und demütig etwas hinnehmen war Jesus ganz schlecht. Das hat er nie gemacht.

Eine andere Möglichkeit wäre, eine Debatte, einen Streit zu beginnen. Sag mal, warum gibst du mir nicht mal Wasser zum Füßewaschen?

Jesus wählt eine vierte Möglichkeit:

Er sagt kein Wort, aber er spiegelt Simon sein Verhalten zurück.

Er legt sich als erster zu Tisch.

Das macht man nicht. Der Gastgeber lädt zu Tisch, er weist die Plätze zu und der Älteste darf sich zuerst zu Tisch legen.

Jesus war Anfang 30, mit Sicherheit nicht der Älteste der Anwesenden.

Was er tut, ist genauso unhöflich wie das, was Simon tut.

Interessant.

Und es gibt eine Menge Zuschauer dafür. Damals, im Orient, war es üblich, dass bei einem Festmahl auch Hinz und Kunz kommen konnte, arme Leute, die am Rand saßen und zuschauen durften und staunen durften und am Ende die Reste aufessen durften.

So kam es, dass auch diese Frau, die stadtbekannte Hure dabei war.

Auch die Frau sagt nicht, was sie von Jesus hält, sondern sie zeigt es mit dem, was sie tut.

Sie ist Jesus von Herzen dankbar, weil er ihr Leben heil gemacht hat.

Weil er ihr mit seiner Botschaft wieder Würde und Hoffnung gegeben hat.

Selbstachtung. Ich habe vor kurzem einen Bericht gelesen von Christen, die unter Prostituierten arbeiten. Sie sagen: Das wichtigste, das diese Frauen hören müssen ist, dass sie wertvoll sind. Dass sie Menschen sind, die einen Wert haben – auch wenn sie ihren Körper billig an jeden verkaufen.

So ging es auch dieser Frau. Sie hat Heilung erlebt.

Und Sie wollte ihm ihre Dankbarkeit zeigen mit dem teuren Salböl.

Und jetzt hat sie von Anfang an mitbekommen, wie mies Jesus behandelt worden ist, und beschließt das auszugleichen.

Es tut ihr weh zu erleben, wie mies Jesus behandelt wird, der so gut zu ihr war, und darum weint sie.

Haben wir eigentlich schon einmal darüber geweint, wie mies Jesus in unserer Welt behandelt wird?

Er liegt zu Tisch, darum kommt sie nicht zu seinem Kopf, aber zu seinen Füßen kommt sie.

Füße, das sind unreine Körperteile. Die fasst man normalerweise nicht an. Die Frau küsst sie ab. Sie wäscht sie mit ihren Tränen. Handtuch hat sie keins dabei, eine Waschung hat sie ja nicht geplant, ihr Kleid könnte sie nehmen, aber sie nimmt ihre Haare.

Das ist skandalös. Frauen dürfen Männer nicht in der Öffentlichkeit berühren, fremde Frauen schon zehnmal nicht, und eine Frau öffnet ihr Haar nur im Schlafzimmer, auf dem Ehebett, um ihrem Mann zu zeigen: Ich gehöre nur Dir!

Diese Frau investiert eine Menge Geld, sie tut, was sich nicht gehört, und sie blamiert diesen Simon, einen angesehenen, wohlhabenden und einflussreichen Mann in ihrem Ort.

Sie zeigt ihre Liebe und Dankbarkeit, die sie für Jesus hat.

Und was Simon von dem Ganzen hält, ist ihm offensichtlich so deutlich ins Gesicht geschrieben, dass es leicht zu lesen ist.

Wenn dieser Mann wirklich ein Prophet wäre, müsste er doch wissen, was für eine Frau ihn da berührt. Sie ist doch eine stadtbekannte Hure! Anständige Leute halten Abstand von Sündern, und lassen sich nicht von ihnen befummeln.

Und was tut Jesus?

Eine Möglichkeit wäre, dem Ganzen die Spitze zu nehmen und zu sagen:

Also Leute, mir ist das auch peinlich. Ja, ich habe schon Kontakt zu Sündern, aber nur bis zu einem gewissen Punkt, und um sie auf den rechten Weg zurückzuführen, und diese Frau muss auch noch lernen, was sich gehört und was nicht.

Aber das tut er nicht.

Sondern er stellt sich ganz und gar auf die Seite der Frau.

Er wiegelt nicht ab, er beruhigt nicht, sondern er spitzt das Ganze noch zu. Er polarisiert.

Lukas berichtet folgendes:

Da sagte Jesus: „Simon, ich muss dir etwas sagen.“ Da antwortete Simon: „Sprich, Meister!“ Jesus sagte: „Ein reicher Mann hatte zwei Leuten Geld geliehen. Der eine Mann schuldete ihm fünfhundert Silberstücke, der andere fünfzig. Weil sie das Geld aber nicht zurückzahlen konnten, schenkte er es beiden. Welcher der beiden Männer wird ihm nun am meisten dankbar sein?“ Simon antwortete: „Bestimmt der, dem er die größte Schuld erlassen hat.“ „Du hast Recht!“, bestätigte ihm Jesus. Dann blickte er die Frau an und sagte: „Schau diese Frau an, Simon! Ich kam in dein Haus, und du hast mir kein Wasser für meine Füße gegeben, was doch sonst selbstverständlich ist. Aber sie hat meine Füße mit ihren Tränen gewaschen und mit ihrem Haar getrocknet. Du hast mich nicht mit einem Kuss begrüßt. Aber seit ich hier bin, hat diese Frau immer wieder meine Füße geküsst. Du hast meine Stirn nicht mit Öl gesalbt, während sie dieses kostbare Öl sogar über meine Füße gegossen hat. Ich sage dir: Ihre große Schuld ist ihr vergeben worden; und darum hat sie mir so viel Liebe gezeigt. Wem aber wenig vergeben wird, der liebt auch wenig.“ Zu der Frau sagte Jesus: „Deine Sünden sind dir vergeben.“ Da tuschelten die anderen Gäste untereinander: „Was ist das nur für ein Mensch! Kann der denn Sünden vergeben?“ Jesus aber sagte zu der Frau: „Dein Glaube hat dich gerettet! Geh in Frieden.“

Hat jemand von euch schon einmal bei einem Festessen teilgenommen, bei dem ein Gast den Gastgeber öffentlich kritisiert und vorgeführt hat?

Ich nicht, und ich kann es mir auch kaum vorstellen, dass das passiert.

Doch genau das macht Jesus.

Simon will Jesus öffentlich blamieren – am Ende wird er von Jesus öffentlich blamiert.

Er macht es aus zwei Gründen:

Erstens, um die Wut auf sich zu lenken. Simon und seine Freunde waren wütend auf die Frau, die sie öffentlich blamiert haben. Nach diesem Vortrag waren sie wütend auf Jesus.

Das macht Jesus immer. Er lenkt den Zorn auf sich, er nimmt die Schuld auf sich.

Und zweitens: Nur klare Worte haben die Chance, den rechtschaffenen, ehrbaren, anständigen Simon aufzurütteln, ihn aufzuwecken, ihn zum Nachdenken zu bringen.

Freundlichkeit, Nettigkeit und Sanftheit bringen gar nichts.

Jesus ist ein Freund klarer Worte. Auch wenn sie weh tun.

An dieser Stelle ist es vielleicht gut, auf etwas hinzuweisen, was viele falsch verstehen.

Viele verstehen die Geschichte so: Dieser Frau wird viel vergeben, weil sie viel Liebe gezeigt hat.

Das ist völlig falsch. Es ist genau umgekehrt.

Ihr ist viel vergeben worden. Und darum zeigt sie viel Liebe.

Wie dem Menschen in dem kleinen Gleichnis.

Erst kommt das Erlassen der Schuld, dann die Dankbarkeit.

Vergebung, Gnade, das ist immer gratis. Ohne jede Voraussetzung. Ohne Kleingedrucktes.

Außer Vertrauen, dass das gilt, was Jesus sagt.

Die göttliche Logik heißt:

Wer viel liebt, dem ist viel vergeben worden.

Und die falsche Logik von vielen Menschen heißt:

Wer wenig oder nicht liebt, der hat wenig oder gar keine Sünde, die vergeben werden müsste.

Die richtige Logik muss heißen:

Wer nicht oder wenig liebt, hat seine Sünde noch gar nicht erkannt und hat darum auch keine Vergebung gesucht und geschenkt bekommen.

In dem Gleichnis geht es um 500 Silberstücke und um 50 Silberstücke. Nicht um ein halbes oder ein viertel Silberstück. 50 Silberstücke, das sind zwei Monatslöhne für einen Arbeiter, also eine ganze Menge.

Und darum gilt:

Wer nicht oder wenig liebt, der hat nicht keine Sünde, sondern der hat seine Sünde nur noch gar nicht erkannt und hat darum auch keine Vergebung gesucht und geschenkt bekommen.

So wie Simon der Pharisäer.

Er ist ein Mensch, der sich große Mühe gibt, Gott zu gefallen.

Er versucht sich an alle Gebote zu halten.

Er hält sich fern von Situationen und Menschen, die ihn herunterziehen und in Versuchung bringen könnten.

Er reißt sich am Riemen.

Und er hält sich für einen guten Menschen. Für einen Vorzeigegläubigen.

Und er ist total auf dem Holzweg.

Denn er ist hartherzig und lieblos.

Er ist ein Mensch, der andere verurteilt und verachtet.

Er ist ein Mensch, der zu Menschen, die er nicht für ehrbar hält, auf Abstand geht, jeden Kontakt vermeidet und für unmöglich hält.

Er ist ein Mensch, der nicht über seinen Schatten springen kann, der einem Menschen, den er kritisch sieht, nicht gastfreundlich begegnen kann.

Er hält sich für einen guten Menschen und verhält sich wie ein selbstgerechter Arsch – und er erkennt es nicht.

Jesus knallt ihm eine vor den Latz.

In der Hoffnung, dass Simon aufwacht und umkehrt.

Wie die Geschichte weitergegangen ist, erfahren wir nicht.

Das ist für uns auch völlig unwichtig.

Denn in der Geschichte geht es wie immer um uns.

In dieser Geschichte prallen zwei Welten aufeinander, die auch bei uns vorkommen:

Offensichtliche Sünder und Sünder, die sich für ziemlich gute Menschen halten.

Und die Frage ist: Wer sind wir?

Und der Lakmustest, der das anzeigen kann, heißt:

Wie viel liebe ich?

Nicht, weil ich mir es vorgenommen habe, sondern weil mein Herz voll davon ist, so voller Dankbarkeit, dass es überfließt und gar nicht anders kann.

Du Liebe, das zeigt diese Geschichte auch, Liebe, das ist nicht Gefühlsduselei, sondern das sind Worte und Taten, und zwar kostspielige Taten.

Zu welcher der beiden Gruppen gehören wir?

Wie viel lieben wir?

Das ist die Frage.

Die Antwort darauf findet am besten jeder für sich selber.

 

Viele Anregungen verdanke ich Kenneth E. Bailey, Jesus trough middle eastern eyes, Downers Grove 2008, S.239-260
Dieses Buch wird 2017 unter dem Titel „Jesus war kein Europäer“ auch auf Deutsch erscheinen – ich kann es nur wärmstens empfehlen!!! https://www.amazon.de/Jesus-war-kein-Europäer-Lebenswelt/dp/3417266483/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1471699107&sr=8-1&keywords=kenneth+bailey+jesus+europäer

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