Selbstverlust

Predigt Apostelgeschichte 9,1-20; 12. Sonntag nach Trinitatis, von Pfarrer Johannes Taig

1 Saulus aber schnaubte noch mit Drohen und Morden gegen die Jünger des Herrn und ging zum Hohenpriester
2 und bat ihn um Briefe nach Damaskus an die Synagogen, damit er Anhänger des neuen Weges, Männer und Frauen, wenn er sie dort fände, gefesselt nach Jerusalem führe.
3 Als er aber auf dem Wege war und in die Nähe von Damaskus kam, umleuchtete ihn plötzlich ein Licht vom Himmel;
4 und er fiel auf die Erde und hörte eine Stimme, die sprach zu ihm: Saul, Saul, was verfolgst du mich?
5 Er aber sprach: Herr, wer bist du? Der sprach: Ich bin Jesus, den du verfolgst.
6 Steh auf und geh in die Stadt; da wird man dir sagen, was du tun sollst.
7 Die Männer aber, die seine Gefährten waren, standen sprachlos da; denn sie hörten zwar die Stimme, aber sahen niemanden.
8 Saulus aber richtete sich auf von der Erde; und als er seine Augen aufschlug, sah er nichts. Sie nahmen ihn aber bei der Hand und führten ihn nach Damaskus;
9 und er konnte drei Tage nicht sehen und aß nicht und trank nicht.
10 Es war aber ein Jünger in Damaskus mit Namen Hananias; dem erschien der Herr und sprach: Hananias! Und er sprach: Hier bin ich, Herr.
11 Der Herr sprach zu ihm: Steh auf und geh in die Straße, die die Gerade heißt, und frage in dem Haus des Judas nach einem Mann mit Namen Saulus von Tarsus. Denn siehe, er betet
12 und hat in einer Erscheinung einen Mann gesehen mit Namen Hananias, der zu ihm hereinkam und die Hand auf ihn legte, damit er wieder sehend werde.
13 Hananias aber antwortete: Herr, ich habe von vielen gehört über diesen Mann, wie viel Böses er deinen Heiligen in Jerusalem angetan hat;
14 und hier hat er Vollmacht von den Hohenpriestern, alle gefangen zu nehmen, die deinen Namen anrufen.
15 Doch der Herr sprach zu ihm: Geh nur hin; denn dieser ist mein auserwähltes Werkzeug, dass er meinen Namen trage vor Heiden und vor Könige und vor das Volk Israel.
16 Ich will ihm zeigen, wie viel er leiden muss um meines Namens willen.
17 Und Hananias ging hin und kam in das Haus und legte die Hände auf ihn und sprach: Lieber Bruder Saul, der Herr hat mich gesandt, Jesus, der dir auf dem Wege hierher erschienen ist, dass du wieder sehend und mit dem Heiligen Geist erfüllt werdest.
18 Und sogleich fiel es von seinen Augen wie Schuppen und er wurde wieder sehend; und er stand auf, ließ sich taufen
19 und nahm Speise zu sich und stärkte sich. Saulus blieb aber einige Tage bei den Jüngern in Damaskus.
20 Und alsbald predigte er in den Synagogen von Jesus, dass dieser Gottes Sohn sei.


Liebe Gemeinde,

vielleicht war es ihm peinlich. Oder warum sonst hat Paulus in seinen Briefen über die Ereignisse dieser Tage kaum eine Bemerkung fallen lassen? Warum muss Lukas uns davon berichten? Weil Paulus selbst nicht wusste, wie er davon erzählen sollte? Und selbst wenn – wie sollte er eine solche Geschichte erzählen in der Hoffnung, dass seine Zuhörer ihn auch nur ansatzweise verstanden? Also tat er’s lieber nicht. Etwas warf ihn vom Pferd, auf dem er den Christen in Damaskus entgegenschnaubte. Er lag im Dreck. Auf allen Vieren. Dann stellte er fest, dass er nichts mehr sehen konnte. Alles gelöscht. Man musste ihn an die Hand nehmen wie ein Baby. Man würde ihm einen neuen Namen geben. Wären seine Begleiter gefragt worden, was denn eigentlich mit Saulus passiert ist, hätten sie nur die Achseln gezuckt. Irgendwas hätten sie gehört, eine Stimme von irgendwoher, aber es sei weit und breit nichts zu sehen gewesen. Irgend so eine Krankheit vielleicht.

Uns ist so etwas doch eher fremd. Und wenn es passiert? Notarzt rufen. Den Mann mal ordentlich durchchecken, körperlich und seelisch, Auszeit nehmen, dann wird’s schon wieder. Der kommt schon wieder in die Spur. Das sollte allen sogenannten bekehrten Christen, die gar nicht müde werden, ihr Bekehrungserlebnis wieder und wieder in immer neuen Ausschmückungen zu erzählen, doch ein wenig zu denken geben. Und erst recht all jenen, die versuchen, derartiges zu inszenieren auf Missionsveranstaltungen aller Art. Die stehen dann in unmittelbarer Nähe zu all jenen Veranstaltungen, auf denen Menschen erzählt wird, was sie unbedingt machen müssen, um bessere, liebenswertere, fröhlichere, ja erlöste Menschen zu werden. „Ich weiß nicht, wie die anderen das machen“, schrieb Elisabeth Raether im ZEIT-Magazin, „Sie hören auf, Milch zu trinken, und fühlen sich wie ein neuer Mensch. Dabei ist es doch wie mit neuen Frisuren: Kurz glaubt man, alles wäre möglich, bis man feststellt, dass man immer noch man selbst ist, nur mit Ponyfransen.“ (zitiert nach Kathrin Oxen, GPM 2/2016, Heft 3, S. 387)

Schier unübersichtlich ist der Markt der Gurus und Propheten, die dem modernen Menschen den Weg zur Selbstfindung, Selbstoptimierung und Selbsterlösung weisen. Wer sich für dieses Thema interessiert, lese bei Kierkegaard nach über die große Verzweiflung, in der der Mensch er selbst, bzw. nicht er selbst sein will (Sören Kierkegaard, Die Krankheit zum Tode, 1849). Die Kirche, ja Glauben und Religion allgemein, haben auf diesem Markt nichts verloren, denn das alles hat mit der Geschichte des Paulus nicht das Geringste zu tun! Paulus hatte keine Probleme. Er wusste, wer er war. Er war mit sich im Reinen. Er hatte eine Mission. Er war in der Spur. Jesus löste keines seiner Probleme. Mit der Christusbegegnung fingen sie alle erst an. Ein guter Grund für Paulus, sich in seinen Briefen nicht über Damaskus auszulassen, sondern seinen Mitschwestern und Mitbrüdern lieber von etwas anderem zu schreiben: Von der großen Liebe! (vgl. 1. Korinther 13)

Was Saulus widerfuhr, kann nicht inszeniert und gemacht werden. Es ist die Geschichte einer Überwältigung, einer fundamentalen Unterbrechung seines bisherigen Lebenszusammenhangs. Er wird von etwas, von jemand anderem ergriffen. Und am Ende steht nicht das gesteigerte, gebesserte, prachtvollere Ich, im Gegenteil: es bleibt gar nicht mehr viel von ihm übrig. „In seiner Religionsphänomenologie hat der Philosoph Hermann Schmitz eine These formuliert, die dem spezifischen Wirklichkeitscharakter unserer Szene gerecht wird: ‚Eine Atmosphäre, die ein Gefühl (oder eine Konstellation von Gefühlen) als ergreifende Macht ist, ist göttlich, wenn ihre Autorität für den Ergriffenen unbedingten Ernst besitzt.‘ Saulus ist der Übermacht einer göttlichen Atmosphäre begegnet, die ihn mit ihrer Strahlungskraft körperlich attackiert, seelisch affiziert und (…) umgepolt hat.

Was von außen mehr nach einem Unfall aussieht, was als Lebenskrise Unsicherheit und Mitleid auslöst, ist in der persönlichen Heilsgeschichte von Menschen oft der harte, schmerzliche, aber letztlich segensreiche Weg in das Leben. (…) Das muss nicht immer so dramatisch und katastrophal geschehen wie im hier beschriebenen Fall. Manchmal gewinnt ein einziges Wort, ein kurzer Augenblick, ein winziger Einfall einen solchen Einfluss, dass das Leben des Betroffenen davon immer mehr (…) infiziert wird und sich allmählich grundlegend verändert.“ (Manfred Josuttis, GPM 2/1998, Heft 3, S. 399) Und manchmal haut uns auch ein kleiner Seufzer, ein kleiner Blick vom Pferd.

Wer groß liebt und groß trauert, weiß, dass das nicht mit Selbststeigerung, sondern mit Selbstverlust verbunden ist. Paulus sieht nichts mehr. Er weiß nicht, wie es weitergehen soll. Er isst und trinkt drei Tage lang nichts. „Das sind Reaktionen, die zu großer Trauer passen – oder auch zu sehr großer Liebe. In beiden Fällen bin ich selbst nicht wichtig, sondern nur der Andere, dessen Abwesenheit oder Gegenwart mein Leben bestimmt. Paulus erlebt die Begegnung mit Jesus Christus überwältigend, wie ein Sterben und eine neue Liebe auf einmal. ‚Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir. Denn was ich jetzt lebe im Fleisch, das lebe ich im Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt hat‘. So erzählt er später selbst vom Danach seines Damaskuserlebnisses“ im Brief an die Galater (2,20, Oxen, aaO. S. 390). Paulus wird zum Christusmystiker, denn Christus lebt in ihm dort, wo vorher sein Ich war. Paulus hat das nie bereut. Er hat es als große Befreiung und als große Freiheit erlebt (2. Korinther 3,17). Und er ist in einem Maße furchtlos geworden, das kaum begreiflich ist.

Der Theologe Manfred Josuttis hat seine vor 20 Jahren geschriebene Meditation mit dem Satz begonnen: „Das ist ein Text gegen kirchliche Zukunftsängste und christliche Minderwertigkeitsgefühle.“ (Josuttis, aaO. S. 397) Wir haben ihn in den letzten 20 Jahren zu selten gehört. Wir haben uns zu lange von unseren Zukunftsängsten bestimmen lassen und leben heute in einer Kirchenorganisation, die in vielen Bereichen völlig überreguliert und überverwaltet ist und in der zwischen den Verordnungen des Kirchenrechts kaum noch Platz bleibt für den Heiligen Geist. Halten wir noch Ausschau nach Menschen, durch die Gottes Geist bläst, egal welche Vergangenheit und Gaben sie mitbringen? Auch Hananias muss gehörig über seinen Schatten springen, um dem neuen Bruder Saulus die Hände aufzulegen. Aber er begreift, dass seine Gedanken nicht Gottes Gedanken sind und nicht er, sondern Gott die Macht hat.

Noch schlimmer wäre es freilich, wenn wir selbst in unserem Leben gar nicht mehr empfänglich wären für die kleinen und großen Dinge, die geeignet sind, uns vom Pferd zu hauen. Noch schlimmer wäre es, wenn wir als Christenmenschen blind, taub und stur durchs Leben gehen und es mit Helmut Schmidt halten, der gesagt haben soll: Wer Visionen hat, solle zum Arzt gehen. Dieser Satz gilt nur für Menschen in ihrer Eigenschaft als Politiker. Die müssen nicht fromm, in jedem Fall aber vernünftig sein. Auch der Apostel Paulus hat viel von der Vernunft gehalten und von der Erkenntnis. Noch mehr hat er aber seinem Herrn Jesus Christus zugetraut und damit dem Glauben, der Hoffnung und der Liebe. Und wer würde es für unvernünftig halten, Gott eben darum zu bitten, um Glauben, Hoffnung und Liebe – für uns selbst, für unsere Kirche und für alle Welt?

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