Vom Ruf, den man hat, und anderen Dingen…

Er hatte schon eine ganze Reihe von Diensten hinter sich, oft länger, als er verpflichtet gewesen wäre und hatte sich dennoch auch für die nächsten Bereitschaftsdienste wieder eingetragen. Ihm ging es nicht um die zusätzliche Vergütung für die Bereitschaftsdienste und die Nachtdienste, in denen nicht wirklich Zeit für eigene Bedürfnisse oder Interessen blieb. Ihm ging es darum, dass er für Menschen da sein wollte und sich mit seinem Beruf als Arzt ein Kindheitstraum erfüllt hatte. Solange er denken konnte, wollte er Mediziner werden, und auch wenn viele lange Zeit darüber geschmunzelt haben, so hat er doch sein Ziel hartnäckig und konsequent im Blick behalten. Jetzt schüttelten seine Freunde manchmal den Kopf, wenn er wieder eine gemeinsame Aktivität mit Hinweis auf seinen Dienst -genau so verstand er es auch: Dienst – dankend ablehnte, aber das war eben sein Beruf, von dem er oft genug sagte: dazu muss man berufen sein, sonst hält man das nicht durch. Er war nicht wie sein Mutter in eine Landarztpraxis gegangen. Auch dazu musste man berufen sein, nach den langen Praxistagen noch über die Dörfer zu den vielen Hausbesuchen zu fahren und sich nicht nur Krankengeschichten, sondern auch Familien- und Lebensgeschichten anzuhören und die eigene Familie immer ein wenig hinten anzustellen.

Wie das mit einer eigenen Familie sein würde, wusste er überhaupt noch nicht. Momentan war er glücklich, dass ihm sein Tun und sein Beruf zutiefst sinnvoll vorkamen. Er hatte keine Angst vor der Frage nach dem Sinn seines Lebens. Ihm war eher unverständlich, wie manche seiner früheren Weggefährten und Schulfreunde in ihren Berufen nur nach den Verdienstmöglichkeiten Ausschau hielten und nicht nach persönlichen Interessen und Begabungen: wenn nur die Kohle stimmt, ist mir alles andere egal, hörte er oft… Da konnte er nur den Kopf schütteln. Er war verliebt in seinen Beruf am Menschen.

Ebenso wie der Musiker, für den es Ausdruck von Erholung ist, auch in seiner Freizeit oder in seinem Urlaub am Instrument zu sitzen und dabei die Welt und ihre Sorgen um sich herum zu vergessen, oder anderen Vergessen zu schenken, wie der Künstler, der mit seinem Händen über das Holz fährt und den Formen und Maserungen nachspürt, um daraus eine Skulptur werden zu lassen, die lebendig erscheint, voller Ausdruck von Gefühl und Leidenschaft und Botschaft. Was für ein Glück ist es im Leben seiner Berufung folgen und sie womöglich auch zum Beruf machen zu können.

Arbeit und Leben bedingen einander. Und es ist ein Geschenk und ein Privileg, wenn die Arbeit ein positiver Teil des Lebens sein darf, also dem Leben eine Tiefe und eine Bedeutung gibt, die über den Broterwerb und den Lebensunterhalt hinausgeht und nicht im Widerspruch zum Leben steht, weil sie nur das Überleben kennt. Nicht jedem ist dies geschenkt und auch nicht für jeden liegt diese Berufung auf der Hand. Mancher findet sie außerhalb seines Berufes in seinem Engagement in der Freizeit oder im Ehrenamt. Viele Institutionen leben vom Ehrenamt, nicht nur die Kirche, sondern viele Hilfswerke, viele NGO´s, Parteien, Stiftungen und Vereine.

Wann hat ein Leben seinen Sinn, wann ist man seiner Berufung gefolgt, wann kann man alle Zweifel endlich fahren lassen?

Einmal las ich: wenn es gelingt, einem Menschen einmal aufhelfen oder weiterhelfen zu können, wenn man einem Menschen einmal ein Lächeln auf das Gesicht zaubern konnte, dann war das eigene Leben sinnvoll , dann war es gut, gelebt und Menschen begegnet zu sein. Was für eine wunderbare Sicht auf das Leben, die alle Zweifel und alle Skepsis, alles Misstrauen und allen Kleinmut verwandeln kann.

Berufung und Beruf müssen also nicht immer identisch sein – auch wenn es Berufe gibt, in denen ich ohne innere Berufung wohl scheitern oder den Ansprüchen zumindest nicht wirklich genügen kann. Von uns Pfarrern kann man es zurecht erwarten, dass neben der Liebe zu den Menschen, mit denen man unterwegs sein will, der Liebe zu Gott, die mich dazu bringt, meinen Glauben, den viele für eine Privatangelegenheit halten, den sie wie ein Geheimnis hüten, zu einer öffentlichen Angelegenheit zu machen, auch eine innere Berufung kommt, eine Gewissheit, nicht im eigenen Namen und im eigenen Auftrag zu handeln.

Seiner Berufung muss man manchmal auch nachspüren. Sie ist nicht immer eindeutig. Man kann auch mal völlig daneben liegen. Denn das Recht auf Irrtum ist und bleibt ein Leben lang ein Menschenrecht. Oder reformatorisch gesprochen: wir leben immer aus der Vergeltung, wir bleiben ein Leben lang gerechtfertigt und Sünder zugleich, also eben Menschen, weil wir oft genug den eigenen Ansprüchen und Bedürfnissen nicht gerecht werden.

Aber noch einmal: die Berufung muss nicht immer der Beruf sein, das scheint mir ein Glücksfall zu sein, auf den es allem Anschein nach keinen Rechtsanspruch gibt, den ich Gott gegenüber einklagen kann.

Dafür, wie man daneben liegen kann, ist der Apostel Paulus ein lebendiges Beispiel.

Hätten wir ihn am Morgen seines Aufbruchs gefragt, was seine innere Mission, sein Auftrag, also seine Berufung ist, dann hätte er mit dem Eifer, von dem Lukas berichtet, gegen die Anhänger des gekreuzigten Jesus gewettert und mit innerer Überzeugung voller Leidenschaft für den Glauben der Väter vom Auftrag berichtet, alle Anhänger Jesu zu verfolgen. Das war seine Berufung — so dachte er zumindest, bis ihm, wie er später eigenhändig schreiben wird, ein Licht aufging, sein Sinn sich wandelte, er den sprichwörtlichen Wandel vom Saulus zum Paulus erlebte. Dabei hat der Namenswechsel nicht wirklich etwas mit der Berufung zu tun, sondern zeigte eher, dass man im römischen Raum oft mit anderen Namen auftrat als im innerjüdischen, und Lukas irgendwann aufhörte den Namen Saulus zu verwenden.

Paulus glaubte sich schon längst berufen und erlebte, wie sich ihm ein anderer, ein neuer, ein entgegengesetzter Ruf in den Weg stellte.

Muss man also seiner Berufung, muss man seinem Ruf treu bleiben?

Diese Frage ist nicht umsonst doppeldeutig…

Paulus blieb seinem Ruf nicht treu: er war seit Damaskus nicht mehr der beauftragte Christenverfolger, mit amtlichen Papieren ausgestattet, sondern öffentlicher Christusbekenner. Aber viele trauten diesem Wandel zunächst nicht, denn wir wissen ja: ist der Ruf erst ruiniert…

Einmal Christenverfolger, immer Christenverfolger

einmal Lügner, Betrüger , immer Lügner und Betrüger….

Einmal straffällig geworden, immer und immer wieder im Mitelpunkt des Verdachtes und des Misstrauens…

Paulus ist seinen Ruf nicht treu geblieben: seine Zeitgenossen haben sich getäuscht.

Paulus hat sich eines besseren belehren, von einem anderen bekehren lassen: der Auferstandene hat ihn überwunden und berufen, er hat ihn in den Dienst genommen und mit einem Auftrag unter die Menschen geschickt.

Es ist ein Glücksfall einen eindeutigen Ruf zu spüren oder zu hören,

man sollte dafür offen bleiben, aber nicht davon ausgehen.

Wenn einem nicht so eindeutig ein Licht aufgeht oder eine Stimme aus dem Nichts eine klare Ansage macht, heißt das nicht, dass Gott mit mir nicht rechnet, nichts vorhat, mich nicht gebrauchen will…

er braucht Menschen vor allem genau da, wo er sie hinstellt, ohne großes Drama drum herum.

Er braucht Menschen, die in ihrem bescheidenen Alltag leben mit den Möglichkeiten und den Menschen, die ihnen gegeben sind.

Er braucht Ärzte, Rechtsanwälte, Entwicklungshelfer ebenso wie Tischler und Heizungsmonteure, oder Verkäuferinnen und Busfahrer, oder Landwirte und Großeltern und viele, viele, viele Berufungen mehr.

Nicht immer ist der Ruf laut,

nicht immer ist die Berufung offensichtlich und öffentlich, aber oft genug dann doch sichtbar im Lächeln, in der Dankbarkeit, in der Zweisamkeit oder in der Gemeinschaft, die ich erfahre.

Es lohnt sich also, der eigenen Berufung nachzugehen, dem Ruf nachzuspüren und nicht aufzuhören, zu erwarten, dass Gott etwas von mir erwartet. Es sind nicht nur die Sackgassen, aus denen Gott ruft. Und er ruft gewiss!

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