Der Kampf um die Herzen

Predigt Epheser 2,1-11, 11. Sonntag nach Trinitatis, von Pfarrer Johannes Taig

1 Auch ihr wart tot durch eure Übertretungen und Sünden,
2 in denen ihr früher gelebt habt nach der Art dieser Welt, unter dem Mächtigen, der in der Luft herrscht, nämlich dem Geist, der zu dieser Zeit am Werk ist in den Kindern des Ungehorsams.
3 Unter ihnen haben auch wir alle einst unser Leben geführt in den Begierden unsres Fleisches und taten den Willen des Fleisches und der Sinne und waren Kinder des Zorns von Natur wie auch die andern.
4 Aber Gott, der reich ist an Barmherzigkeit, hat in seiner großen Liebe, mit der er uns geliebt hat,
5 auch uns, die wir tot waren in den Sünden, mit Christus lebendig gemacht – aus Gnade seid ihr selig geworden –;
6 und er hat uns mit auferweckt und mit eingesetzt im Himmel in Christus Jesus,
7 damit er in den kommenden Zeiten erzeige den überschwänglichen Reichtum seiner Gnade durch seine Güte gegen uns in Christus Jesus.
8 Denn aus Gnade seid ihr selig geworden durch Glauben, und das nicht aus euch: Gottes Gabe ist es,
9 nicht aus Werken, damit sich nicht jemand rühme.
10 Denn wir sind sein Werk, geschaffen in Christus Jesus zu guten Werken, die Gott zuvor bereitet hat, dass wir darin wandeln sollen.


Liebe Gemeinde,

am vergangenen Dienstag schrieb der Schriftsteller Navid Kermani in der FAZ: „Die „New York Times“ veröffentlichte vergangene Woche ein Dossier, das allen 247 Menschen ein Gesicht gibt, die Mitte März etwa zur gleichen Zeit weltweit bei dschihadistischen Anschlägen umgekommen sind, in Belgien, in der Türkei, in Pakistan, in der Elfenbeinküste und in Nigeria, am Flughafen, in einer U-Bahn-Station, auf Straßen und Plätzen, in einem Bus, in einem Park, in einem vollbesetzten Fußballstadion, in einer Ferienanlage und in einer Moschee. Diese Opfer gehörten keiner einzelnen Kultur, Konfession oder Nation an – blickt man auf ihre Gesichter, schaut man auf ihre Kleidungen, lernt man ihre Biographien kennen, erfährt man von ihren Träumen und was sie in dem Augenblick beschäftigte, als sie aus dem Leben gerissen wurden, dann ergibt sich fast so etwas wie ein Panoptikum unserer Zeit und Menschheit. Auch als der Terror des Islamischen Staates Ansbach traf, hatte ein Selbstmordattentäter des IS wenige Stunden vorher in Kabul achtzig friedliche Demonstranten in die Luft gesprengt, 230 verletzt. Erst wenn wir begreifen, dass wir gemeinsam angegriffen werden, gleich ob wir in Mittelfranken oder Afghanistan leben, können wir uns auch gemeinsam wehren.“ (Navid Kermani, Was uns in dieser Lage möglich ist, FAZ vom 02.08.2016)

Was ist das, was uns alle angreift? Wir spüren, wie wenig unsere Versuche bringen, im Sinne der Aufklärung Gründe dafür zu finden, warum sich junge Männer in die Luft sprengen und andere mit in den Tod reißen. Was hat im letzten Jahrhundert junge deutsche Männer dazu gebracht, mit Freuden in den Krieg zu ziehen und für ihren Führer Adolf Hitler unsägliche Verbrechen zu begehen? Oder russische junge Männer, für Stalin die Gulags zu betreiben? Wir kommen nicht darum herum, zuzugeben, dass wir ohne mythische Rede nicht auskommen, um zu beschreiben, womit wir es zu tun haben. Immer bleibt da mehr zu beschreiben, als das, was einzelne Menschen aus welchen Gründen auch immer aus sich selbst hervorbringen. Wir haben es mit Mächten und Gewalten zu tun und deshalb leuchtet das, was unser Predigttext beschreibt, sofort ein: Der Teufel nicht in unterirdischer Quarantäne, sondern die Atmosphäre schwängernd. Die Hölle liegt wieder in der Luft.

Hier geht es eben nicht um Moral, sondern um eine Zustandsbeschreibung der Welt und des Menschen, die so viel mehr sagen kann, als die Vernünfteleien der Hilflosen. Deshalb sieht ein Ausleger uns von Selbstverdummung bedroht und fragt zurecht: „Ist unser Zeitalter etwa nicht zugewuchert von halb verwesten, scheintoten bis aggressiv-vitalen Mythen? Wirkt sich nicht die mythenkritischste Bewegung der Menschheit, die Aufklärung, längst als Mythos in Reinkultur aus? (…) Im Griff haben uns Mächte und Gewalten großräumiger geschichtlicher Situationen und ihre spezifischen Verheerungen, Zwänge und Verrückungen. Eine Identifizierung der Zeitmacht als mit dem Leben zuletzt unverträgliche, verwahrloste, herrenlose Gewalt lässt vielleicht begreiflicher werden: dass wir die Geister, die wir riefen, nicht mehr loswerden; dass es sich um eine schwer zu fassende Einheit von menschlichen und überlebensgroßen Möglichkeiten handelt, dass wir mit dem von uns je mitbeförderten Unwesen der Zeit nicht auf Augenhöhe kommen können, diese Macht im Grunde nicht verstehen, ihr mit unserer Sprache, aber auch mit unserem Verstummen nicht gewachsen sind. Also nicht: Die kosmischen Mächte – das Gemächte des Menschen, sondern: der Mensch – Schauplatz und Statthalter des kosmischen Chaos!“ (Günter Klein, GPM 3/1992, Heft 4, S.

Schon Martin Luther hat darauf hingewiesen, „dass das Gegenteil zum geknechteten Willen nicht der freie Wille ist, sondern die Frage, wessen Knecht der Mensch sein wolle: der Sklave welches Herrn. Da denkt ein Mensch wie du und ich: Frei sein heiße, keinen Herrn haben oder sein eigener Herr sein, das liege klar auf der Hand, im Licht der Aufklärung. Armes Pferd! Was reitet dich dann? Wenn nicht der Teufel, reitest dich selbst, wahrscheinlich zu Tode reiten dich beide“ (L. Steiger, zitiert nach GPM, 3/2001, Heft 4, S.467).

Immer deutlicher wird, was selbst ein nicht gerade als fromm bekannter Journalist, wie Jakob Augstein, neulich im Spiegel schrieb: Dass der Kampf gegen den Terrorismus nicht mit Waffengewalt, Polizei, Militär im Inneren und dichten Grenzen gewonnen werden kann, weil der Kampf gegen den Terrorismus ein Kampf um die Köpfe und Herzen von Menschen ist. Das, was uns alle bedroht, steckt in den Köpfen und Herzen von Menschen. Und deshalb ist die Bibel auch eine lange Geschichte darüber, wie Gott um die Herzen und Köpfe seiner Kinder kämpft. Unser heutiger Predigttext betreibt Aufklärung darüber im Licht des Evangeliums.

Es wundert keinen, dass die jungen Attentäter in Bayern Ohrenbläser aus Saudi Arabien hatten, die ihnen beschreiben konnten, wie sie sich den Weg ins himmlische Bordell freischießen, freibomben und freimorden können. Da stehen sie dann mit ihrem weggeworfenen Leben vor dem Allmächtigen, der ihnen dieses Leben geschenkt hat zusammen mit denen, denen sie das Leben genommen haben, das Gott ihnen geschenkt hat. Da kann man nur sagen: Viel Glück! Solcher Irrsinn muss auch jedem Islamgelehrten die Scham- oder besser die Zornesröte ins Gesicht treiben. Das ist Gotteslästerung. Wer sie in seiner Religion findet, hat sie zu benennen und abzuwehren. Und wer sich immer noch wundert, wie der Diabolos, der große Durcheinanderbringer, auch unter Gläubigen seine Erfolge erzielen kann, der braucht nur in die Geschichte der eigenen Kirche und der eigenen Nation zu schauen. Für Überheblichkeit ist kein Platz. Denn auch der Teufel glaubt an Gott, und wie! Er sollte unter denen, die an Gott glauben, keine Chance haben. Und deshalb gehört er auch nicht ins Glaubensbekenntnis.

Dort gehört das hinein, was im Epheserbrief an die christliche Gemeinde geschrieben steht. Und eigentlich ist das, was wir heute so ausführlich betrachtet haben, für die Christenmenschen in Ephesus wie für uns nur noch die Erinnerung an einen bösen Traum. Und vielleicht kann man sich solchen Einblicken in ihrer ganzen Tragweite und scheinbaren Ausweglosigkeit nur stellen, weil Gott die Schlacht gegen die finsteren Mächte längst geschlagen hat; weil Gott in seiner großen Liebe und Gnade unser Herz längst an das seine gezogen hat. Nun gehören unsre Herzen ganz dem Mann von Golgatha, hat Friedrich von Bodelschwingh 1938 in finstrer Zeit gedichtet und wusste, wovon er im dritten Vers des Liedes sprach:

Doch ob tausend Todesnächte
liegen über Golgatha,
ob der Hölle Lügenmächte
triumphieren fern und nah,
dennoch dringt als Überwinder
Christus durch des Sterbens Tor;
und die sonst des Todes Kinder,
führt zum Leben er empor. (EG 93/3)

Dort gehören wir hin. Und wir vertrauen darauf, dass es nichts gibt, was uns von dieser Liebe des Christus wieder trennen kann (Römer 8/35 ff.). Denn wir sind sein Werk, geschaffen in Christus Jesus zu guten Werken, die Gott zuvor bereitet hat, dass wir darin wandeln sollen. Nicht einmal unsere guten Werke und den Kampf um die Köpfe und Herzen lässt Gott uns als kleine Chance der Selbsterlösung. Gott weiß, was er tut – auch durch uns – und wir dürfen gespannt sein. Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Die Predigt zum Hören

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