Den anderen Blick wagen

Wer eine Reise macht, kann hinterher nicht nur  viel erzählen, er kommt oft auch mit einer veränderten Wahrnehmung seiner eigenen Wirklichkeit zurück.

Was ist eigentlich Reichtum?

Ihm fiel der Wohlstand, um nicht gleich zu sagen: der Reichtum, der ihn umgab, schon gar nicht mehr auf. Er sah nicht mehr die Farbenpracht in der Stadt, in der er zu Hause war. Das war nicht alles nur Fassade, sondern in den letzten Jahren und Jahrzehnten quasi neu in den Mauern der alten Häusern und Gassen gebaut worden. Straßen und immer noch einige öffentliche Verbindungen führten bis in die abgelegenen Vororte, die soziale und kulturellen Infrastruktur wie Schule, Kindergarten, Krankenhäuser, Altenclubs und Sportvereine, Kino und wenn man wollte auch erreichbare Theater und Konzerthäuser, waren für ihn selbstverständlich. Dennoch dachte er oft, alles würde immer weniger und schlechter, als wäre er abgeschnitten und alles ungerecht verteilt.

Sicher gab es auch Armut um ihn herum, aber er begriff mit einem Mal, dass Armut ein relativer Begriff ist. Die Reichtümer waren nicht gleichmäßig verteilt, aber keiner musste hungern, auf der Straße leben oder konnte sich den Schulbesuch der Kinder nicht mehr leisten.

Armut hieß nicht verhungern, sondern sich mit dem Lebensstandard einer großen Mehrheit nicht vergleichen zu können und auf manches oder vieles verzichten zu müssen. Wer sich mit anderen vergleichen muss, nicht mithalten kann, fühlt sich zurecht nicht wohl in seiner Haut.

Und dennoch: was für ein Reichtum, für viele so selbstverständlich, wie ein Menschenrecht, Also was ist Reichtum?

Ich bin reich, reich beschenkt und reich gesegnet, sagte der über Siebzigjährige in seinem Dorf in Simbabwe und befremdete die Reisegruppe zumindest damit doch sehr, dass es in seinem Kulturkreis nicht ungewöhnlich war, mehrere Frauen zu haben.

Vier Ehefrauen hatte er, dreißig Kinder und siebzig Enkelkinder. Den reichen Kindersegen glaubte man ihm also sofort. Aber sie, Söhne und Töchter, mussten alle ernährt und für ihre Bildung Schulgeld bezahlt werden. Der Weg zur Schule ging oft über mehrere Kilometer und auf den Sandwegen, die mühsam von Hand angelegt oder von Wildtieren freigetrampelt waren, fuhren nur sehr selten geländetaugliche Autos. Es wurde gelaufen, gerannt und wieder gelaufen, immer in demselben afrikanischen Trapp, oft über viele Kilometer, schon von frühen Kindesbeinen an.

Die Böden waren in der Trockenzeit kärglich, das Wasser für die Gärten mussten aus den Brunnenlöchern wie das Wasser zum Trinken und Waschen dorthin getragen werden, wo es gebraucht wurde, oft über Kilometer hinweg und natürlich überwiegend von Frauen. Aber in normalen Zeiten wuchs genügend Mais und Hirse auf den Feldern und ernährte die Familien. In den Dörfern suchten sich Ziegen und Hühner ihr Futter eigenständig, ebenso die wenigen Rinder. Mit den Tieren konnte ein wenig gehandelt werden. Denn manchmal, besonders nach den Dürrezeiten und Jahren, in denen der Regen nicht wie erwartet kam, mussten Lebensmittel dazugekauft werden. Strom kam nur tagsüber aus Solarpallets, in den Hospitälern schaute vielleicht einmal im Monat ein Arzt vorbei, ansonsten gab es die männliche Krankenschwester. Dennoch dankten siemorgens und abends Gott mit fröhlichem Herzen, wie reich beschenkt sie doch waren inmitten der Sippen, in denen alle alle kannten und auch miteinander verwandt waren. Jung und alt feierten sonntags fröhlich und ausgelassen Gottesdienst. Diese fröhliche und dem Leben zugewandte Dankbarkeit hat beschämt, gerade weil man sehen konnte, dass alles noch viel besser hätte sein können in diesem fernen Land im südlichen Afrika: ein fruchtbares Land und junge begabte und gut ausgebildete Menschen, die ihre Begabungen, ihre Reichtümer gar nicht ausschöpfen und einbringen konnten.

Was also ist Reichtum wirklich? Und wer ist deshalb reich zu nennen?

In einem waren sich beide, der reiche Europäer und der anders reiche Afrikaner schnell einig: Gott muss aus der Fülle seines Reichtums geschöpft haben, als er dieses Land wie so viele andere wunderbare Landschaften, die Menschen in diesem Sommer entdecken, gezaubert hat. Weite Landstriche im Wechsel der Ebenen mit Bergen, verzauberte Wüsten und Steppen, plötzlich von Wasser in blühende Landschaften verwandelt, Tiere in freier Laufbahn, die sich perfekt an ihre Umgebung angepasst haben, atemberaubende Sonnenuntergänge mit Farbspielen, die man gar nicht einfangen, sich nur einprägen kann und ein Sternenhimmel, den das Dunkel der Nacht freigibt, das wir, Lichter gewohnt, schon gar nicht mehr zulassen. Ehrfurcht, Staunen, Ergriffenheit, mit Friedrich Schleiermacher gesprochen: das Gefühl der schlechthinnigen Abhängigkeit haben dort ihre Wurzeln. Und dann nicht zuletzt die riesigen Viktoriawasserfälle…Gott muss ein großer, ein großartiger Künstler sein, der aus der Fülle allen Reichtums schöpfen und so etwas schaffen kann, wie es sich kein Mensch erdenken kann. Dieser Glaube an Gott den Schöpfer will die Welt gar nicht in ihrer Entstehung erklären. Der Schöpfungsglaube will zu dem Staunen führen, ohne das Respekt und Achtung vor der Schöpfung endgültig verloren zu gehen droht.

Und aus was für einem unerschöpflichem Vorrat an Liebe muss Gott schöpfen, dass er uns Menschen all dies immer noch anvertraut, und Menschen so einmalig, unverwechselbar und vielfältig schaffen kann.

Was für einer Schönheit kann man in der reichen Vielfalt menschlicher Gesichter und Geschichten rund um die Welt entdecken, wenn man sich auf Begegnungen und die Lebenswirklichkeiten anderer ohne Hochmut und dafür voller Demut und voller Neugierde einlässt.

Ich fange also an vieles mit anderen Augen zu sehen, eben weil man alles auch ganz anders verstehen und wahrnehmen kann.

Was für ein Reichtum, wenn ich den Spuren Gottes nachgehe, seine Welt und seine Schöpfung wahrnehme und mich von meinen Bildern und meinen festgefügten Gewissheiten einmal löse. Was ein Reichtum an Gnade, dass wir so reich beschenkt sind und reich beschenkt werden.

Der andere Blick fällt ja am Ende auch wieder auf mein Leben. Und da wird schnell die Lebensfreude und Dankbarkeit, die Bescheidenheit und Gastfreundschaft, der Zusammenhalt der Familien und Gemeinschaften, in die Menschen eingebunden sind, zu einem Geschenk, das ich in mein Leben mitnehmen kann, während ich etwas von meinem Leben und meinem Reichtum, von den Möglichkeiten, die mir hier geboren und aufgewachsen, anvertraut sind, dort zurücklasse. So können wir uns gegenseitig bereichern und beschenken. Gottes Liebe ist so groß, dass sie alle Menschen einschließt und die ganze Welt umfasst.

Der Apostel erzählt mit dem Predigttext von nichts anderem als genau davon: Gott ist reich an Barmherzigkeit, Liebe und Güte und sein Herz ist voller Ideen von Leben und Vielfalt. Jeder und jede ist diesem überfließendem Herzen als Gedanke entsprungen und dem Leben und damit der Welt geschenkt worden. Ich wünschte uns allen die Herzensweite dieses Glaubens, weil darin kein Platz mehr für Engherzigkeit und Angst voreinander und Angst vor dem Unbekannten und Fremden ist , auch keine Furcht etwas zu verlieren, wenn ich einmal nicht alles krampfhaft festhalte, sondern verschwende.

Vor allem aber leben wir alle aus dem Reichtum der unendlichen Geduld Gottes, der in seinem Herzen dem Gedanken keinen Raum mehr gibt, dass es doch nun endgültig genug damit sein müsse, wie wir mit dem Geschenk unseres Lebens, mit seiner geliebten Welt und seinen geliebten Kindern in dieser Welt umgehen. Gott überlasst uns nicht den Gedanken und Mächten des Todes. Nichts muss so bleiben wie es ist. Ich darf Zeit meines Lebens den anderen Blick und den anderen Weg wagen. Ich muss nicht so bleiben wie ich bin. Leben ist Veränderung. Leben ist Gott sei Dank Neuanfang. Leben ist Begegnung. Leben ist voll der Liebe Gottes. Und der Reichtum seiner Gnade wird nicht in Dollar oder Euro gezählt, sondern in der Währung der Barmherzigkeit, die mir widerfährt, die ich mir erlauben darf im Umgang miteinander und mit der Gott mich am Ende anschauen möge.

In Brot und Wein feiern wir heute schon einen Vorgeschmack dieses Reichtums mit den Früchten der Erde, Geschenk Gottes und Werk menschlicher Arbeit. Möge Gott uns gnädig sein und uns gnädig stimmen in dem Reichtum seines Mitgefühls.

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