Kontrastgesellschaft

Predigt Philipper 3,7-14, 9. Sonntag nach Trinitatis, von Pfarrer Johannes Taig

7 Aber was mir Gewinn war, das habe ich um Christi willen für Schaden erachtet.
8 Ja, ich erachte es noch alles für Schaden gegenüber der überschwänglichen Erkenntnis Christi Jesu, meines Herrn. Um seinetwillen ist mir das alles ein Schaden geworden, und ich erachte es für Dreck, damit ich Christus gewinne
9 und in ihm gefunden werde, dass ich nicht habe meine Gerechtigkeit, die aus dem Gesetz kommt, sondern die durch den Glauben an Christus kommt, nämlich die Gerechtigkeit, die von Gott dem Glauben zugerechnet wird.
10 Ihn möchte ich erkennen und die Kraft seiner Auferstehung und die Gemeinschaft seiner Leiden und so seinem Tode gleich gestaltet werden,
11 damit ich gelange zur Auferstehung von den Toten.
12 Nicht, dass ich’s schon ergriffen habe oder schon vollkommen sei; ich jage ihm aber nach, ob ich’s wohl ergreifen könnte, weil ich von Christus Jesus ergriffen bin.
13 Meine Brüder, ich schätze mich selbst noch nicht so ein, dass ich’s ergriffen habe. Eins aber sage ich: Ich vergesse, was dahinten ist, und strecke mich aus nach dem, was da vorne ist,
14 und jage nach dem vorgesteckten Ziel, dem Siegespreis der himmlischen Berufung Gottes in Christus Jesus.


Liebe Gemeinde,

„Da war doch der Herr Godard, der Vorstandschef eines Chemiekonzerns, der eines Tages einfach ausstieg und sich einen Weinberg in der Provence kaufte. Kaum nachvollziehbar, wie einer alles aufgibt, was er sich mühsam erkämpft hat: die Position in der Firma, den Dienstwagen, die Jacht an der Adria, die jährlichen Boni, die Entscheidungsvollmacht, die Macht. Oder doch? Wofür das alles, fragt er sich. Was nützt das Geld, wenn man keine Zeit mehr hat, es auszugeben? Was nützt die schönste Urlaubsreise, wenn man sich beziehungsmäßig schon lang nichts mehr zu sagen hat? Das kann nicht alles sein. Wo sind die Kindheitsträume geblieben? Jetzt gilt’s, entschlossen das Ruder herumzureißen!“ (Martin Hoffmann, GPM, 2/2010, Heft 3, S. 336) „Wie war denn ihr Leben als Vorstandschef, Herr Godard?“, fragt der Journalist. Darauf Godard: „Ich sage es mal mit dem Wort des Apostels Paulus aus Philipper 3, Vers 8: Scheiße!“

Du liebe Zeit, denken wir jetzt vielleicht. So ein Wort darf man doch in der Kirche nicht sagen! Ja, vielleicht liegt es in der Kirche gerade auch daran, dass zwar immer wieder beteuert wird, dass man die Dinge beim Namen nennt. Aber dann ist halt doch alles irgendwie christlich und biblisch, was in der Kirche so getrieben wird, solange die, die es tun, ein Kreuz um den Hals haben. Genau, hätten diejenigen, denen Paulus da so wacker übers Maul fährt, gesagt. Wir wollen schon Christen sein, aber ein bisschen jüdische Speisegebote einhalten und die Säuglinge beschneiden lassen, das schadet doch keinem und außerdem ist es ja biblisch. Und ganz im Sinne der notwendigen Ökumene in einer heidnischen Welt. Deine Äußerungen, lieber Paulus, wirken auf uns leider polemisch, übertrieben und nicht würdigend, wertschätzend oder konstruktiv-kritisch. Wir halten eine andere Form des Miteinanders für angemessen. Deshalb bitten wir dich, wieder nach anderen Formen des Gesprächs im Interesse einer guten Zusammenarbeit mit allen anderen Mitgliedern zu suchen.

Paulus denkt nicht daran. Er riskiert sogar, als Antisemit, als Judenhasser dazustehen. Dabei geht es ihm darum nun wirklich nicht. Dass das Gottesvolk, aus dem Paulus selbst stammt, den Messias nicht erkennt, war der Schmerz des Paulus bis an sein Lebensende. Aber hier in Philippi ist der Mischmasch im Anzug. Die junge christliche Gemeinde, der die Purpurhändlerin Lydia, der Gefängnisaufseher des Gefängnisses, in dem Paulus einsaß, eine vom Wahrsagegeist befreite Wahrsagerin, und viele andere aus allen Schichten und Ständen angehörten, und die in ihrer Umgebung eine christliche Kontrastgesellschaft bildete, drohte in die Anpassung zurückzufallen. Da kann Paulus nicht zusehen, auch nicht um des lieben Friedens willen.

Und deshalb erinnert er seine Glaubensgeschwister leidenschaftlich daran, dass sie eine Kontrastgesellschaft sind und bleiben sollen. Nicht in dem Sinn, dass sie sich für etwas Besseres halten sollen. Nicht in dem Sinn, dass sie sich in eine religiöse Sonderwelt zurückziehen sollen. Nein, sie sollen nicht aufhören, eine Christusgemeinschaft zu sein, eine Gesellschaft Jesu, die Herde der Schafe, die ihres guten Hirten Stimme hören, solche, die wie Paulus von Christus ergriffen sind. In der christlichen Gemeinde ist der, der geglaubt wird, nicht nur Objekt des Glaubens, er ist Subjekt. Der Christus ist der, der durch die christliche Gemeinde in der Welt reden und handeln will. Schon der Jüngerschar schärft Jesus ein, dass es unter ihnen deshalb anders zugehen soll, als in der Welt üblich (Markus 10,35ff.). Und in diesem Sinne waren die ersten christlichen Gemeinden, wie in Philippi Kontrastgesellschaft, in der Machtstrukturen, Herkunft, Hautfarbe, soziale Schicht und gesellschaftlicher Stand keine Rolle mehr spielten. Menschen kamen zusammen, die sich vorher auf der Straße nicht einmal gegrüßt hätten.

Und es wird sofort klar, warum Paulus von all dem, was ihm in seinem früheren Leben Ansehen, Macht und Stellung brachte, nun als Christ absolut nichts mehr hält. Es ist wertlos geworden und Abfall gegen den Schatz des Evangeliums von Jesus Christus. Deshalb schickt Paulus seine Mitgeschwister hinaus zum vernünftigen Gottesdienst im Alltag der Welt mit den Worten: Stellt euch nicht dieser Welt gleich. (Römer 12,2) Werdet und bleibt Kontrastgesellschaft.

Wir können leicht raten, was Paulus deshalb heute von diesem „Wir-auch-Protestantismus“ gehalten hätte, der jeder Mode mit fünfjähriger Verspätung hinterherrennt auf der Suche nach gesellschaftlicher Relevanz und Modernität. Und er würde andererseits unter Kontrastgesellschaft etwas anderes verstehen, als eine Kirche, in der es noch hierarchischer, autoritärer, undurchsichtiger, ungerechter und willkürlicher zugeht, als in der sie heute umgebenden Gesellschaft.

Welches Wort hätte er wohl gewählt, wenn er heute von Richtungs- und Personalgemeinden, zu deutsch: christlichen Neigungsgruppen und geistlichen Fanclubs gehört hätte, die allen Ernstes um ihre Anerkennung als Kirchengemeinden kämpfen? Mit der vielbeschworenen Zielgruppenorientierung breitet sich eine neue Milieuverengung aus, die die ersten christlichen Gemeinden damals so eindrucksvoll durchbrochen haben. „Gleich und Gleich gesellt sich gern“ ist und bleibt ein untaugliches und falsches Motto für eine christliche Gemeinde. Was hätte Paulus wohl davon gehalten, wenn Pfarrer heute mehr Animateure und Filialleiter als Prediger, Seelsorger und Sakramentsverwalter sind? Und Dekane und Bischöfe mehr Politiker, Manager und Medienstars sind, anstatt geistliche Lehrer und Hirten?

Gut würde Paulus finden, wenn wir einmal in der Zeitung stünden mit der Meldung, dass uns Christenmenschen angesichts von Wirtschaftskrisen, demographischem Wandel, finanziellen Engpässen, Terror und anderen Katastrophen nicht bange wird und wir deshalb auch keine neuen und innovativen Strukturen, Methoden und Konzepte brauchen, solange nur Christus gepredigt wird auf jede Weise. Und das würde auch dann noch gelten, wenn Hof 150 Einwohner hätte, von denen noch 20 evangelisch sind.

So hat es Paulus gehalten, der in unserem Predigttext so leidenschaftlich und im Ton nach heutigem Empfinden daneben für die Konzentration seiner Mitgeschwister auf das Evangelium von Gottes Liebe und Gnade in Jesus Christus streitet. Gott sei Dank hat er sich durchgesetzt, während das Judenchristentum, das von allem etwas mitnehmen wollte, bald im Nebel der Geschichte verschwand. Das könnte uns auch blühen.

Das könnte uns auch blühen, wenn wir vergessen, dass unsere Kirche, unsere Gemeinde nur einen Sinn hat: Dass wir eine Christusgemeinschaft sind, die sich um Christus und sein Wort und Sakrament versammelt, um ihm nachzudenken, nachzujagen, nachzuleben – bis er uns alles geworden ist und alles andere nichts. Bis wir auch im Kopf und im Herzen ganz eingemeindet sind in seine Geschichte vom Geborenwerden und Sterben und Auferstehen. Bis wir zuhause angekommen sind bei ihm im Himmelreich.

Das ist unser Weg. Und davon müsste doch schon das ein oder andere in unserem Leben und Zusammenleben als Christenmenschen erzählen können. Z.B. durch das, was wir für wichtig und für nicht wichtig halten. Bestimmt gleicht der Weinberg in der Provence eher dem Himmelreich als die Vorstandsetage eines Chemieriesen. Und deshalb sollte auch eine christliche Gemeinde eher dem Weinberg in der Provence als einer Vorstandsetage gleichen. Das wäre doch wirklich eine schöne Kontrastgesellschaft. Eia, wär’n wir da!

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