Kinder des Lichts

Liebe Gemeinde,

im heutigen Bibelabschnitt aus dem Brief an die Epheser geht es um das Gegensatzpaar Licht und Finsternis. Den Wechsel von Licht und Finsternis, den kennen wir natürlich aus unserem Alltag. Vor allem im Wechsel zwischen Tag und Nacht, oder auch zwischen hellen Sommernächten und dunklen Wintertagen.

Licht und Finsternis benutzen wir aber auch dazu, um Stimmungen oder Wertungen vorzunehmen. Helle Tage ziehen wir den dunklen vor. Und eine Lichtgestalt ist auch etwas anderes als ein Finsterling.

Mit diesen Stimmungen von hell und dunkel, von Licht und Finsternis arbeitet unser heutiger Bibelabschnitt. Und zwar bezieht er es auf die Menschen. Da gibt es auf der einen Seite die Kinder des Lichts, und da gibt es auf der anderen Seite die Kinder der Finsternis. Woran aber entscheidet es sich, zu welcher Seite man gehört? Schauen wir uns dazu einige Merkmale an, die hier genannt werden. Das Licht wird offenbar, so heißt es, während die Finsternis im Heimlichen zuhause ist. Es scheint so, als gehe es hier vor allem um die richtige Betrachtung: Was nehmen wir als Christen an anderen wahr? Und dann natürlich auch: Was gibt es an uns Christen zu sehen? Was ist das besondere daran ein Christ zu sein?

Diese Frage richtet sich zunächst einmal an die Gemeindeglieder in Ephesus. Denn dort war die Gefahr, wieder in die alten Kulte zurückzufallen, am Größten. Ephesus war die Heimat der Göttin Artemis. Der ihr zu Ehren gebaute Tempel zählte immerhin zu den Sieben Weltwundern der Antike. Ihre Anziehungskraft – auch in wirtschaftlicher Hinsicht – war enorm und ziemlich weitreichend. In jedem Fall aber eine große Konkurrenz zum jungen Christentum. Deshalb mussten sich die Vorsteher der dortigen Gemeinde ganz zwangsläufig die Frage stellen, worin sich das Handeln der Christen von anderen religiösen Praktiken unterscheidet. Und: was eigentlich das Besondere, das Attraktive an der Nachfolge Jesu Christi ist.

Das alles sind Fragen, die natürlich nicht nur damals die Gemüter erhitzten. Auf den ersten Blick ist das nämlich alles gar nicht so leicht zu beantworten. Die Christen leben ja zunächst einmal so wie alle anderen Menschen auch. Sie zahlen Steuern wie andere, sie treiben Handel zu ihrem Vorteil und bekommen nichts im Leben geschenkt. Was also gibt es an uns Christen zu sehen? Was ist das Besondere an uns? Etwas, das unmittelbar ein-leuchtend ist?

»Lebt als Kinder des Lichts« heißt es dazu in der Anleitung. Doch eine Erklärung dazu, was das beinhaltet, wird nicht geliefert. Hier sind wir auf eigene Überlegungen angewiesen. Vorhin sprach ich mal von „Lichtgestalten“. Solche gibt es natürlich auch im Glauben. Beispiele von echter Frömmigkeit und überzeugtem Handeln. Illustrationen beeindruckender Gestalten in der Kirchengeschichte. Doch damit erschöpft es sich nicht. Eine helle Außenerscheinung kann ja nur dann glaubwürdig sein, wenn sie mit der entsprechenden inneren Haltung übereinstimmt. Zurecht heißt es da: Nicht um unserer selbst willen sollen wir leuchten, sondern das Licht, das wir empfangen haben, wird durch uns offenbar. Kein eigenes Licht, das leuchtet, sondern das Licht des Glaubens in uns.

Das ist so wie mit dem Licht von Sonne und Mond: Auch der Mond hat kein eigenes Licht. Trotzdem scheint er einer klaren Vollmondnacht so hell, dass er Schatten wirft und man sogar im Dunkeln dabei lesen kann. Er strahlt das Licht, das er von der Sonne erhält, zu uns auf die Nachtseite der Erde weiter. Und so stellt sich der Epheserbrief das auch für uns Christen vor. Beschienen vom Licht Gottes leuchten wir für andere und erhellen so die um uns liegende Dunkelheit.

Neben dem Licht ist auch von Früchten die Rede, die an uns sichtbar werden sollen. Und diese Früchte werden benannt als: Güte, Gerechtigkeit und Wahrheit. Nun sind aber Güte, Gerechtigkeit und Wahrheit schillernde Begriffe, man zudem recht unterschiedlich interpretieren kann. Mit klaren Aussagen tut man sich da schwer. Deshalb spricht der Brief hier auch vom »prüfen«. Denn häufig kommt es in der Frage zum Streit, wie die Früchte des Lichts im täglichen Vollzug denn auszusehen haben. Welche Taten dem Glauben erwachsen. Eine für alle gültige Antwort gibt es hier nicht. Menschen sind unterschiedlich. Menschen haben unterschiedliche Gaben. Unterschiedliche Stärken und auch Schwächen. Nicht alle werden deshalb die gleichen Früchte tragen und sich in allem harmonisieren lassen. Deshalb spricht man hier vom »prüfen«. Es ist nämlich keineswegs immer so eindeutig, welches Handeln in welcher Situation dem Willen Gottes entspricht. Was – um im Bild zu bleiben – Licht ist und zur Erhellung der Welt beiträgt. Solange wir in eine unerlösten Welt leben, immer wieder in Schuld verstrickt sind und Gottes Vollendung noch aussteht, solange wird es dieses Ringen um die Wahrheit noch geben, ja geben müssen.

Welchen Maßstab wir dabei anlegen hängt von dem ab, was die Schrift uns als zeitlose Botschaften vermittelt, und inwieweit wir sie als solche erkennen. Andere Religionen mögen andere Maßstäbe setzen. Deren Werte zu beurteilen, steht mir nicht zu. Allerdings verwehre ich mich auch gegen die heutzutage politisch korrekte These: alles ist gleichwertig. Für mich nicht. Im Glauben treffe ich eine bewusste Entscheidung für einen Weg, der mir andere Wege nicht gangbar macht.

Damit erhebe ich mich jedoch nicht über andere. Es geht nicht darum, dass Christen bessere Menschen sind. Das stimmt im Übrigen auch gar nicht. Aber wir sollten uns unsere Maßstäbe bewusster machen. Prüfen, was gut ist, was wahr ist und was gerecht ist. Prüfen mit dem Maß des Glaubens. Und das Licht, das daraus scheint, an andere weitertragen. Zum Licht für andere werden, Licht vom Licht, das wir im Glauben empfangen. Licht in dem Herrn, und leben als Kinder des Lichts. Amen.

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