Der achte Tag

Predigt Römer 6,3-11, 6. Sonntag nach Trinitatis, von Pfarrer Johannes Taig

3 Oder wisst ihr nicht, dass alle, die wir auf Christus Jesus getauft sind, die sind in seinen Tod getauft?
4 So sind wir ja mit ihm begraben durch die Taufe in den Tod, damit, wie Christus auferweckt ist von den Toten durch die Herrlichkeit des Vaters, auch wir in einem neuen Leben wandeln.
5 Denn wenn wir mit ihm verbunden und ihm gleich geworden sind in seinem Tod, so werden wir ihm auch in der Auferstehung gleich sein.
6 Wir wissen ja, dass unser alter Mensch mit ihm gekreuzigt ist, damit der Leib der Sünde vernichtet werde, sodass wir hinfort der Sünde nicht dienen.
7 Denn wer gestorben ist, der ist frei geworden von der Sünde.
8 Sind wir aber mit Christus gestorben, so glauben wir, dass wir auch mit ihm leben werden,
9 und wissen, dass Christus, von den Toten erweckt, hinfort nicht stirbt; der Tod kann hinfort über ihn nicht herrschen.
10 Denn was er gestorben ist, das ist er der Sünde gestorben ein für alle Mal; was er aber lebt, das lebt er Gott.
11 So auch ihr, haltet dafür, dass ihr der Sünde gestorben seid und lebt Gott in Christus Jesus.


Liebe Gemeinde,

wo sollen wir heute abgeholt werden? Beim Wort vom Kreuz, über das wir am vergangenen Sonntag nachgedacht haben und das nach Paulus die Weisheit dieser Welt hinter sich lässt und uns nötigt, Gott und die Welt neu zu denken? Oder bei uns selbst und unseren Gedanken über das Leben? Wo befinden wir uns? Noch am Anfang wie unsere Konfirmanden, oder mittendrin wie die Jubilare, die heute in der Hospitalkirche ihre Silberne Konfirmation feiern, oder am Abend des Lebens mit seinen Beschwerden und schwindenden Aussichten? Denn das ist doch klar, dass unsere Perspektive auf das Leben mit der Geburt beginnt und mit dem Tod endet. So hat unser Leben seine hoffnungsfrohe und am Ende oft so bittere Ordnung. Aber Paulus nötigt uns auch heute nicht nur Gott und die Welt, sondern auch unser Leben neu zu denken und aus einer völlig neuen Perspektive zu betrachten.

Günter Klein in seiner furiosen Meditation zum Predigttext (GPM, 2/1998, Heft 3, S.356f.): „Unordentlich, wüst und turbulent, diese Neuinszenierung unseres Lebens. In den Tod lässt sie uns gestoßen sein zu unserm Herrn, begraben mit ihm, um uns dann hervorkommen zu lassen aus der Gruft als quicklebendige Springinsfelde. (…) Das provoziert unseren Ordnungssinn. Für den hat alles seinen unverrückbaren Platz. Ordnung muss sein. Da ist kein Drehbuch akzeptabel, das uns im ersten Akt sterben, im zweiten begraben werden, im dritten ins Leben treten lässt. (…)

(Denn) das alte Stück, unsere Fahrt durch die Zeit, wird verwegen neu inszeniert. Der Tod hat in Wahrheit nicht das letzte, sondern das erste Wort und uns längst ereilt. Hat sich doch Gott in seinem Sohn für uns in den Tod gegeben, regelrecht in den Liebestod. Echte Liebe hat immer etwas Verwegenes. Das ist schon so, wo zwei Menschen sich lieben. Erst recht Gott in seiner Liebe: Jesus Christus schreiend am Kreuz, tot im Grabe, bloß damit uns die Augen übergehen von Gottes tiefem Verlangen nach uns. Dieser Liebestod erhält das erste Wort. In ihn werden wir verwickelt. Gilt von menschlicher Liebe im besten Fall: ‚bis dass der Tod euch scheidet‘, so von Gottes Liebe: ‚Nichts kann uns scheiden‘, ja, dieser Liebestod hat uns überhaupt erst verbunden. Jetzt sind wir Schicksalsgefährten Jesu. Er hat unser aller Tod in seinem Sterben für uns vorwegerlitten. Fortan gilt: Gottes Tod – unser Tod, Jesu Grab – unser Grab. Was immer uns bevorsteht an eigenem Leiden und Sterben, das Schlimmste steht uns nicht bevor, sondern liegt hinter uns, ausgestanden von einem Stärkeren. Nun sind wir für Zeit und Ewigkeit verwickelt in das Geschick des Gekreuzigten. ‚Er reißet durch den Tod, durch Welt, durch Sünd, durch Not, er reißet durch die Höll, ich bin stets sein Gesell‘“ (heißt es im Osterlied (EG 112,6). Genau so hat der Christus seinen Tod bekanntlich verstanden: „Niemand hat größere Liebe als die, dass er sein Leben lässt für seine Freunde.“ (Johannes 15,13)

Können wir ein solches Geschenk annehmen, oder sagen wir: Das hätt’s doch wirklich nicht gebraucht!? Ist ein solches Geschenk nicht in der Tat ein fundamentaler Angriff auf unsere Autonomie und unsere Freiheit? „Du muss Dein Leben ändern“, so lautet ein Buchtitel des Philosophen Peter Sloterdijk und das Glaubensbekenntnis aller Selbst- und Weltverbesserer. Das verstehen wir. Und deshalb laufen wir lieber denen hinterher, die uns einen Weg zeigen, wie wir uns selbst optimieren und in höhere Sphären schwingen können.

Das Evangelium kennt nur die Bitte, dass wir uns zu dem bekehren, der uns liebt; uns von ihm Huckepack nehmen lassen und gespannt sind, wie er uns verändert und was dann geschieht. Das erste ist aktiv, das zweite ist passiv. Das erste ist verdient, das zweite ist ganz Geschenk. Das erste ist Gesetz und sagt, du sollst, das zweite ist ganz und gar Gnade. Und mit der tun wir uns so oft wirklich schwer. Denn: „Gnade kann man nicht nach Belieben in Besitz nehmen und auf ihr ausruhen. Geschenke wesentlicher Art verpflichten den Empfänger. Ein geschenktes Buch will gelesen, eine geschenkte Blume will gepflegt werden. Ist unser Leben Gottes Geschenk, dann ist es nicht unserer Willkür überlassen. Ist unser verwirktes Leben uns (…) neu geschenkt, dann wird der Dank gegen Gott zum bestimmenden Motiv unseres Lebens.“ (Herrmann Schmidt, GPM 2/1992, Heft 3, S. 312)

Denn wie weit ist es denn schon her mit unserer Autonomie? Wir sind doch immer „mit“ und „in“. Wir leben seit der Geburt in Beziehungen zu Menschen. Wie viele von ihnen konnten wir uns aussuchen? Wir sind immer irgendwie und irgendwo drin: In Hof, in einer Familie, in Schwierigkeiten, in Angst, in Trauer, in Liebe, in Hoffnung. Und selbst wenn wir dann mal weg sind, werden wir vielleicht den Alltag los, aber nicht uns selbst, unsere Welt und unsere Gedanken. Wir sind immer „mit“ und „in“, Zeitgenossen unserer Welt und unserer selbst. Und wir spüren gerade in diesen Tagen, wie sich Dinge zum Schlechteren verändern und spüren vor allem Ohnmacht. Was kann ich schon tun, um die Probleme der Welt zu lösen? Und dann sagen wir lieber nichts und tun lieber nichts und hoffen, dass es uns schon nicht betreffen wird. Wir leben in unserer Welt zwischen „noch“ und „nicht mehr“. Noch sind wir gesund, noch haben wir Arbeit, noch haben wir ein Dach über dem Kopf, noch haben wir Menschen, die uns lieben. Aber wir kennen so viele, die das nicht mehr haben. Wenn das nicht ein Grund zum Klammern, Geizen, Maulhalten und Wegschauen ist!

Wie verlockend ist da die Perspektive, die uns der Apostel Paulus in Christus anbietet. Auch der Christenmensch lebt zwischen „noch“ und „nicht mehr“, aber mit umgekehrtem Vorzeichen. Noch müssen wir sterben, noch ist das Leben ein einziges Abschiednehmen, noch gibt es Hunger und Leid. Aber der letzte Horizont ist nicht mehr der Tod, sondern der neue Himmel und die neue Erde, von denen es am Ende der Bibel heißt: „Und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen. Und der auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu!“ (Offenbarung 21,4f.)

Und eigentlich gehören wir dieser Perspektive längst an. Oder wisst ihr nicht, oder habt ihr’s vergessen, dass alle, die wir auf Christus Jesus getauft sind, die sind in seinen Tod getauft? So sind wir ja mit ihm begraben durch die Taufe in den Tod, damit, wie Christus auferweckt ist von den Toten durch die Herrlichkeit des Vaters, auch wir in einem neuen Leben wandeln.

Nein, im neuen Himmel und auf der neuen Erde sind wir noch nicht, aber in einem neuen Leben. Denn beide qualifizieren das Leben auf dieser Welt neu: Jeder Tag zählt, wie viele oder wie wenige wir auch noch haben mögen. Der Wurm in unserem Herzen, das Bewusstsein unserer Endlichkeit, verliert seine negative Kraft, die uns dazu bringt, uns immer schneller um uns selbst zu drehen. Es gibt gerade keinen Grund zum Klammern, Geizen, Maulhalten und Wegschauen mehr. Und wenn morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen, soll Martin Luther gesagt haben. Wir leben nicht nur als Zeitgenossen dieser Welt und unserer selbst, sondern gleichzeitig als Zeitgenossen des Christus und seiner Geschichte.

Wenn wir so leben, sterben wir in der Tat dem immer mehr ab, was die Bibel Sünde nennt. Sünde ist alles, was ohne Liebe geschieht. Sünde ist alles, was aus Gleichgültigkeit geschieht. Sünde ist der unheimliche Drang des Menschen in die Verhältnislosigkeit – zu Gott, seinem Mitmenschen und der ganzen Schöpfung. Sünde betreibt paradoxerweise aus Angst vor dem Tod und in der Sucht nach Steigerung des eigenen Lebens dessen Geschäft, denn der Tod ist vollendete Verhältnislosigkeit. Aber das hat der Christus längst verhindert. Leben heißt nicht länger auf den Tod hin leben, sondern wir leben Gott in Jesus Christus.

Denn er schafft den achten Tag. Ich geb’s zu: Ich bin gestern extra nochmal in die Kirche gegangen, um nachzuschauen, ob der Taufstein wirklich acht Ecken hat. Er hat. Jeder Taufstein hat in der Regel acht Ecken. Das bedeutet, dass „der Taufstein mit der achten Ecke über die anfängliche Schöpfung hinaus(reicht). Er verweist vom Anfang aufs Ziel, von der Zeit auf die Ewigkeit, vom neuen auf das ewige Leben. Die achte Ecke erinnert an den achten Tag, an die Gotteszeit jenseits von Uhr und Kalender, an die neue Schöpfung, daran, dass ich, geboren in die Welt, bereits in Christus getauft bin und mit ihm auf die Auferstehung zugehe. Wie viele Jahre an neuem Leben in der Welt mir geschenkt sind, weiß ich nicht. Was ich weiß: dass es über die sieben Tage der Woche hinaus reicht und auf den achten Tag zuläuft.“ (Martin Nicol, GPM 2/2010, Heft 3, S. 323)

Paulus erinnert uns heute an unsere Taufe, die uns in die Geschichte des Christus einräumt. Sie sagt uns am Anfang unseres Lebens und mittendrin und erst recht am Ende unseres Lebens und unserer Welt immer und immer wieder: Fürchte Dich nicht!

Die Predigt zum Hören

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