Zwischen Wasserfluten und neu geschenktem Leben

Dicht gedrängt standen die Kinder um den alten Taufstein in der ehrwürdigen, alten Stadtkirche. Man wusste nicht genau wie alt die alte aus Sandstein gehauene und gearbeitete Taufe wirklich war. Romanisch sei sie, konnte man nachlesen und sie mutete in ihrer Figürlichkeit aber durchaus modern an.

Das war Taufe buchstäblich zum Anfassen.

Außen war unter anderem Johannes der Täufer in Stein gearbeitet zu sehen, ein wilder Geselle in rauhem Gewand. Und bei ihm Jesus halb im Jordanwasser stehend, wie er auf seine Taufe wartete, während vom Himmel herab die Taube als Symbol für Gottes Geist und seine Botschaft vom geliebten Sohn schwebte. Das war nur eine Geschichte, die der Stein erzählte, aber wohl die, die unmittelbar mit dem zu tun hatte, was seit unzähligen Generationen an diesem Ort geschah.

Die größeren Kinder konnten einen Blick hinein wagen in das Innere der Taufe, die einem tiefem Becken, einem Kelch ähnlich, glich. So einfach ließ sie sich nicht mit Wasser füllen und, war sie einmal gefüllt, dann wieder leeren.

Ob das Wasser wohl das Jahr über im Taufstein blieb?

So habe ich es mir jedenfalls immer wieder vorgestellt und vor meinem inneren Auge gesehen, wie die Täuflinge zur Taufe gebracht, in das Wasser getaucht und wieder aus der Taufe gehoben wurden. Sicher nicht sehr angenehm für ein Kind, wenn es unvorbereitet in ungewärmtes Wasser getaucht und so getauft wird, auch wenn Neugeborene sich im Wasser wie in ihrem Element bewegen können, kannten sie bis dahin doch nichts anderes als Lebenswelt.

Vielleicht geht ja auch nur meine Phantasie mit mir durch, aber sinnbildlicher als manche unserer Taufhandlungen ist diese Vorstellung allemal. Hier wurde nicht nur angedeutet, auf Reste einer symbolischen Handlung reduziert, sondern untergetaucht, ersäuft, aus der Taufe gehoben, geprustet, erschrocken, aufgeweckt und hoffentlich inniglich getröstet.

Da sollte auch etwas ersäuft und ertränkt und damit der Garaus gemacht werden. Hatte doch gerade die Taufgesellschaft bekannt: Gott will, das wir im Glauben an seine Macht den bösen Mächten entsagen und ihnen widerstehen. Unseren Kinder möge dieser Glaube zuwachsen, wir Erwachsenen widersprechen diesen Mächten mit unserem Leben, unserem Glauben und unserem Tun. Dem Bösen, den bösen Gedanken und den bösen Taten, wollen wir gestorben sein und zu allem Guten den Nahen und den Fernen gegenüber neu geboren werden. Heute, immer wieder heute ist der Anfang meines neuen, anderen und besseren Lebens, egal wie alt ich mittlerweile geworden bin.

Dieser Bruch, den die Taufe im Leben immer wieder markieren will, sollte deutlich werden, der alte Adam, so ein geflügeltes Wort Luthers die alte Eva, sollten ersäuft werden. Das mag vielleicht für ein neugeborenes Kind noch nicht so relevant sein, aber im Laufe eines Lebens kann die Erfahrung, nicht aus seiner Haut zu können, immer wieder in alten Bahnen, alten Fehlern und alten Verhaltensmustern gefangen zu sein, sehr schmerzhaft werden.

Und die Gesundung auf dem Weg, sein Leben neu zu entdecken, neue Bahnen zu beschreiten, für das alte Leben eine neues Drehbuch zu schreiben, alte Wunden der Seele endlich heilen zu lassen und nach vorn zu schauen statt immer nur Schuld bei sich und anderen in der Vergangenheit zu suchen, kann ein langer schmerzhafter Prozess sein, der professionelle Hilfe braucht. Es kann aber auch eine Glaubenserfahrung sein. Es ist so oder so am Ende wie eine Neugeburt, der Anfang eines neuen Lebens.

Aber Zeiten ändern sich und die Praxis damit auch.

Die Taufe wird selten mit dem Tod in Verbindung gebracht, eher mit der tiefen Sehnsucht nach behütetem und gelingendem Leben und so ist es eigentlich überhaupt nicht verwunderlich, dass die Taufsprüche unserer Zeit nicht lauten: „so sind wir mit ihm begraben durch die Taufe in den Tod, damit, wie Christus auferweckt ist von den Toten durch die Herrlichkeit des Vaters, auch wir in einem neuen Leben wandeln (Römer 6, 4)“

sondern eher: „Denn er hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen, dass sie dich auf den Händen tragen und du deinen Fuß nicht an einen Stein stoßest!“ (Psalm 91, 11)

Wer wollte das Taufeltern verdenken, dass sie ihren Kindern nicht weniger als solch einen Engel und solch einen Gott für ihren Lebensweg wünschen?

Denn darin sind sich ja dann beide Sichtweisen überraschend einig: das Leben bleibt bedroht und bedrohlich, man kann Lust auf Leben haben, aber auch Angst vor dem Leben und dem, was damit verbunden ist: Entscheidungen, Irrtümer, Fehler, Verletzungen, Enttäuschungen, Abschiede…

Ich bin bedroht von dem, was Menschen an Gedanken in ihrem Herzen tragen, davon, dass Böses Macht über sie gewinnen kann, dass ihre Gedanken und ihr Tun verblendet und von Hass geprägt ist.

Was treibt Menschen dazu, in wessen Namen auch immer mit Waffengewalt in Lokale wie in Orlando einzudringen und wahllos um sich zu schießen, nur weil hier andere Lebensentwürfe gelebt werden und ich andere Vorstellungen von Anstand und Moral habe?

Was denken Menschen in ihrem Herzen und was ist das für ein Gottesglaube, der dazu führt, Flughäfen zu erstürmen und sich in die Luft zu sprengen und dabei Unschuldige, Lebenshungrige und Lebenslustige mit in den Tod zu reißen?

Und ich kann mich nicht wirklich vor solchen mir bis zur Tat verborgen bleibenden Menschen schützen – bei aller Vorsicht, die ich üben mag!

Aber ich bin im Leben ebenso bedroht von Unfall oder Krankheit, von Naturgewalten und Schicksalsschlägen – und vom ersten Atemzug an ist mir der letzte Atemzug heute schon gewiss.

Der Tod mag mir manchmal wie das Böse und manchmal wie ein guter Freund erscheinen, er stellt aber immer alles und damit auch Gott in Frage. So wie er gewiss ist, sehnen sich Menschen nach Gewissheiten jenseits des Todes, mag das manchen auch naiv erscheinen oder frommer Wunschtraum bleiben. „Aus und vorbei und endlich Ruhe“ ist doch keine wirkliche Alternative zu diesem wunderbaren Erleben und Geschenk, lebendig zu sein und lebendig zu bleiben, sich an aneinander und miteinander zu freuen und das Fest des Lebens zu feiern oder in Schmerz und Trauer diese ganz andere Dimension von Lebendigkeit zu spüren.

Den Alten, unseren Vätern und Müttern, war die Taufe eine solche Gewissheit: So wie Christus gestorben und begraben wurde, wie Gott ihn von den Toten auferweckt hat, so werden auch wir sterben und begraben werden und zu neuem Leben auferstehen – egal wie und wann… entscheidend ist, dass wir nicht mehr und nicht weniger von Gott erhoffen und erwarten und dabei immer wieder darauf pochen: Gott hat es in der Taufe verheißen, in die Hand und ins Leben hinein versprochen, das haben wir zeichenhaft erlebt und gefeiert : begraben und zu neuem Leben aus der Taufe gehoben.

Und beiden Sichtweisen gemeinsam ist dann wohl auch die Erwartung, dass wir nicht über etwas reden, was irgendwann einmal vielleicht so oder auch ganz anders sein wird.

Leben geschieht heute.

Auferstehung erlebe ich heute.

Glaube, Liebe und Hoffnung, alles schon für sich viel stärker als alles Böse zusammen, kann ich heute erfahren und leben: Auferstehung, Lebendigkeit pur!

Der Glaube ist kein Spiel, kein Hobby, das ich haben kann, aber nicht ausüben muss.

Er ist kein überflüssiger Luxus, auf den ich gut verzichten kann, ohne dass mir dann etwas fehlen würde.Er ist eine Angelegenheit auf Leben und Tod, denn in ihm geht es um den rechten Blick auf das Leben und den Tod.

Und das eine Welt voller Glaube, Liebe und Hoffnung eine bessere Welt wäre, die dem Bösen absagen und den Todesmächten absterben kann, da bin ich mir ganz sicher.

Vielleicht sollten wir uns auch alle so manches Mal um einen alten Taufstein herum stellen und seine Botschaft mit den Worten einer Taufwassermeditation begreifen:

Das Wasser, mit dem wir taufen, erinnert an die Wasserfluten, von denen die Bibel erzählt:

An die Sintflut, Gottes Gericht und die Bosheit der Welt, und doch die Rettung in der Arche, die Noah baute;

an das Schilfmeer, das die Verfolger verschlang, aber Israel in die Freiheit ziehen ließ;

an den Jordan, in dem Johannes die Bußfertigen taufte, auch Jesus Christus, unseren Herrn, der ohne Sünde war und sich doch zu den Sündern stellte.

So hat Gott geführt: durch das Todeswasser zu neu geschenktem Leben. So führt Gott noch immer durch die Taufe zu neuem Anfang unter einem geöffneten Himmel.

Jetzt gießen wir Wasser in den Taufstein – zur Erinnerung an das Wasser, das uns bedroht, und zur Erinnerung an das Wasser, das uns belebt:

1. Wasser – das ist der Ozean, stürmische See, unendliche Tiefe, in der wir uns verlieren.

2. Wasser – das sind die Tränen, die wir weinen vor Trauer und Sehnsucht. das sind die Tränen, die wir weinen vor Freude.

3. Wasser – das ist die Quelle, erfrischende, sprudelnde Quelle, die den großen Durst nach Leben stillt.

4. Wasser – das ist das Bad der Reinigung, aus dem wir wie neugeboren steigen.

Das ist das Wasser des Lebens.

(Quelle: Gottesdienstinstitut der Nordkirche;

http://gottesdienstinstitut-nordkirche.de/wassermeditationen-bei-der-taufe/)

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