Sendungsbewusstsein

Ich gehe mal davon aus, dass wir alle getauft sind, die wir uns heute zum Gottesdienst getroffen haben. Aber was bedeutet das für unser Leben – für unseren Alltag? Können wir uns überhaupt erinnern? Und ziehen wir irgendwelche Konsequenzen daraus?

Oder bedeutet getauft zu sein, dass man ab und zu in die Kirche geht, die wichtigen Handlungen wie Konfirmation, Trauung und Beerdigung mitnimmt und ansonsten Gott einen guten Mann sein lässt?

Paulus beschreibt in seinem Brief an die Gemeinde in Rom, was für ihn die Taufe bedeutet:

3 Oder wisst ihr nicht, dass alle, die wir auf Christus Jesus getauft sind, die sind in seinen Tod getauft? 4 So sind wir ja mit ihm begraben durch die Taufe in den Tod, damit, wie Christus auferweckt ist von den Toten durch die Herrlichkeit des Vaters, auch wir in einem neuen Leben wandeln. 5 Denn wenn wir mit ihm verbunden und ihm gleich geworden sind in seinem Tod, so werden wir ihm auch in der Auferstehung gleich sein. 6 Wir wissen ja, dass unser alter Mensch mit ihm gekreuzigt ist, damit der Leib der Sünde vernichtet werde, sodass wir hinfort der Sünde nicht dienen. 7 Denn wer gestorben ist, der ist frei geworden von der Sünde. 8 Sind wir aber mit Christus gestorben, so glauben wir, dass wir auch mit ihm leben werden,

Für Paulus ist die Taufe etwas todernstes. Das hing natürlich auch mit seiner Zeit zusammen: Erwachsene Menschen ließen sich ganz bewusst taufen, obwohl sie wussten, dass das gefährlich war, weil viele in der römischen Gesellschaft Christen und christlichen Glauben ablehnten.

Und sie hatten eine ganz bewusste Entscheidung getroffen, gegen alle Widerstände aus der Gesellschaft – und aus der Familie.

Wir kennen so etwas aus arabischen Ländern, wo ChristInnen drangsaliert werden und die Taufe von Menschen aus muslimischem Umfeld äußerst streng verfolgt und oft auch bestraft wird. Wir erinnern uns auch an die DDR, wo Eltern vor der Gewissensfrage standen, weil die Taufe ihres Kindes bedeuten konnte, dass ihre Schulkarriere damit beschränkt werden würde. Solche Informationen verstärken die Frage: Was macht das mit mir, dass ich getauft bin?

Paulus drückt sich sehr krass aus: Wer getauft ist, ist mit Christus in den Tod getauft. Er gebraucht damit ein Bild. So wie Christus an der Grausamkeit der Menschen gestorben ist – um Gottes Willen, so waren auch zu seiner Zeit Menschen bereit, an den Menschen zu sterben – um Gottes Willen. Diese Tatsache hilft ihm seine Vision zu entwickeln, dass eine Gemeinde, die so in der Nachfolge Christi lebt, auch eine Zukunft hat. Eine Zukunft in dieser feindlichen Welt, die nur auf Profit und Eigeninteresse achtet. Eine Zukunft aber auch bei Gott, der ihr Leben schenkt, das über den Tod hinausgeht. Das alles hat mit der Taufe begonnen.

Die Taufe zu seiner Zeit geschah mit Eintauchen, so wie es heute noch manchmal bei Tauffeiern an einem Fluss oder einem See geschieht. Bildlich wird dabei der ‚alte Mensch‘ ersäuft. All das, was uns daran hindert wirklich christlich zu leben – in der Nachfolge Christi. Die Taufe schenkt uns einen neuen freien Geist. Eine Existenz in der Liebe Gottes, die uns frei machen will mit schädlichen Eigenarten zu brechen – wir können das. Weil wir den Heiligen Geist haben.

In unserer Taufe ist es Christus selber, der uns einlädt in seine Nachfolge. Und so wie er stellvertretend für uns gelebt hat, dürfen wir stellvertretend für ihn leben. Mit unserem Tun und Lassen, mit unseren Worten und unserem Sein können wir Zeugnis ablegen, dass Christus mitten unter uns lebt.

In Christus und in der Taufe bindet Gott seine Gegenwart an die Menschen und die Menschen an sich. Wir gehören zu Christus, dürfen in seinem Auftrag Menschen von ihm erzählen, ihnen Schuld vergeben und Gottes Liebe leben.

Und wir dürfen darauf vertrauen, dass unser Leben mehr ist, als Menschen wahrnehmen können. Dass es eine höhere Qualität hat, weil es gehaltenes und geliebtes Leben ist. Und dass es mehr ist, weil es Zukunft hat, die über den Tod hinausgeht. Das ist unsere Verheißung, die wir mit jeder Taufe neu vermitteln.

Dazu gehört auch die Aussage: Du bist ChristIn – werde es! Du bist getauft, lebe es!

Darum ist Taufe mitten im Gottesdienst der Gemeinde so wichtig. Dass wir als Zeuginnen und Zeugen jeder Taufe auch immer wieder nachvollziehen, dass wir selber getauft sind und dieses Bewusstsein aufsaugen: Ich bin getauft in Christi Namen.

Das kann Folgen haben für meine Gegenwart und meine Zukunft. Ich lerne, dass ich nicht einfach auf der Welt bin, um irgendwann wieder mein Leben zu beenden. Ich habe eine Sendung in diese Welt. Ich darf der Welt das Evangelium bringen, mit den Menschen streiten für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung. Ich darf das Leben, was Jesus Christus auch gelebt hat. Ich darf mich denen zuwenden, die Hilfe brauchen, darf reden von Gott, der nicht will, dass ein Mensch verloren geht, darf mattbauen an der Gemeinde dieses Herrn.

Aber ich muss das alles nicht alleine machen. Ich darf mich darauf verlassen, dass Gott seine Engel sendet, dass sie mit uns gehen, mit uns leben. Ich darf mich darauf verlassen, dass es viele Schwestern und Brüder gibt, die mit mir an dem Tisch des Herrn sich versammeln und so Gemeinde erlebbar machen. Und ich darf mich darum auch mal zurücklehnen und es genießen, dass ich leben darf als Getaufter und Geliebter Gottes, als Mensch mit Fehlern, der geliebt wird. Darum darf ich diese Liebe auch genießen.

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