Vorreformatorische Verhältnisse?

Predigt 1. Korinther 1,18-25, 5. Sonntag nach Trinitatis, von Pfarrer Johannes Taig

18 Denn das Wort vom Kreuz ist eine Torheit denen, die verloren werden; uns aber, die wir selig werden, ist’s eine Gotteskraft.
19 Denn es steht geschrieben (Jesaja 29,14): »Ich will zunichte machen die Weisheit der Weisen, und den Verstand der Verständigen will ich verwerfen.«
20 Wo sind die Klugen? Wo sind die Schriftgelehrten? Wo sind die Weisen dieser Welt? Hat nicht Gott die Weisheit der Welt zur Torheit gemacht?
21 Denn weil die Welt, umgeben von der Weisheit Gottes, Gott durch ihre Weisheit nicht erkannte, gefiel es Gott wohl, durch die Torheit der Predigt selig zu machen, die daran glauben.
22 Denn die Juden fordern Zeichen und die Griechen fragen nach Weisheit,
23 wir aber predigen den gekreuzigten Christus, den Juden ein Ärgernis und den Griechen eine Torheit;
24 denen aber, die berufen sind, Juden und Griechen, predigen wir Christus als Gottes Kraft und Gottes Weisheit.
25 Denn die Torheit Gottes ist weiser, als die Menschen sind, und die Schwachheit Gottes ist stärker, als die Menschen sind.


Liebe Gemeinde,

schon 1986 schrieb ein Ausleger zum heutigen Predigttext: „Gegen Ende des 20. Jahrhunderts gibt es eine Erfahrung, die uns immer mehr zu schaffen macht und die sich möglicherweise lähmend auf unser Bewusstsein auswirken kann: die Erfahrung einer ungeheuren historischen Relativität, in der wir als einzelne wie als Menschheit weiterleben müssen. Die Lyrikerin Margarete Hannsmann verdichtet sie zu einem poetischen Bild, das mich tief anspricht:

‚Ich sah die wechselnden Wahrheiten wie
Wolken vorüberziehen und sich verändern (…)‘

Ja, auch ich habe sie gesehen. Oder waren es mehr wechselnde Torheiten? Kommt man jetzt in Erschöpfungszustände, wo einem die Worte, nicht nur die großen, auf die Nerven gehen, einem ausgesprochenermaßen Unbehagen bereiten?

Wir haben, auch in geistiger Hinsicht, immer nur verbraucht, von abgelegten Ideensplittern gelebt. Irgendwann kommt die Schlussbilanz. Da wird dann, wie bei einem Maskenball, abgeschminkt. Das wenige Rouge auf den fahlen Gesichtern täuschte nur Lebendigkeit vor. ‚War wirklich der Geist, aus dem das Wort gekommen war: Was hülfe es dir, wenn du die ganze Welt gewönnest, und nähmest doch Schaden an deiner Seele? (…) war er wirklich abgetan, überwunden, durch Besseres ersetzt, erledigt und lächerlich geworden? (…) War dieser heftige, wilde amokläuferische Hass einer neuen Zeit gegen alles und jedes, was ihr voranging, wirklich ein Beweis für die Stärke dieser neuen Zeit?‘ So fragte sich bereits 1928 Hermann Hesse. Wir werden, wissend geworden, noch die Grundtorheiten unseres Jahrhunderts durchmustern müssen und sie, ausgesprochen heiter verabschieden.“ (Martin Uhle-Wettler, GPM 2/1986, Heft 3, S. 356)

Aber bevor wir dies tun können, muss ein Missverständnis gleich ausgeschlossen werden. Dieser Kerntext des Apostel Paulus ist kein Plädoyer für den Glauben auf Kosten der Vernunft. Er ist gerade in seinen paradoxen Sätzen höchste Aufforderung zum Denken, das dabei gehörig ins Schwitzen kommt. Und er will auch nicht in Poesie aufgelöst werden, wie manch heutiger Ausleger meint. Vielmehr gilt: „Das ist wenigstens keine Theologie, der man die Zähne ausgeschlagen hat und die nun, ins Ghetto abgedrängt, mit zahnlosem Mund vor sich hin mummelt.“ (aaO., S. 355) Die Worte des Paulus können nicht als Argument dienen, das 1000-jährige „Bündnis zwischen christlichem Glauben und der Vernunft (aufzukündigen), die nach Immanuel Kant das Organ ist, mit dem wir etwas vernehmen, was wir uns nicht selbst sagen können.“ (aaO., S. 36) Für diese Worte des Apostel Paulus gilt das in ganz besonderer Weise. Das Wort vom Kreuz kann sich die Vernunft nun wirklich nicht selber sagen. Aber nachdenken darüber soll sie – bitteschön!

Damit haben wir es nicht nur in der Kirche nicht mehr so sehr, mit dem Nachdenken. Und eine Grundregel des Denkens, die mir heute besonders wichtig erscheint, heißt: Korrelationen sind keine Kausalitäten. Ein heiteres Beispiel: In Bayern steigt die Geburtenzahl, gleichzeitig gibt es wieder mehr Störche. Das ist eine Korrelation, aber eben nicht der scheinbare Beweis, dass der Storch die Babys bringt. Nicht lachen, denn es geht viel schlimmer. 1933: Deutschland geht es schlecht und es gibt in Deutschland viele Juden, von denen auch noch etliche reich und erfolgreich sind. Das ist der scheinbare Beweis, dass die Juden schuld sind, dass es den Deutschen so schlecht geht. Es folgt das schlimmste Grauen der deutschen Geschichte. 2016: In England ist es schwierig, einen Arzttermin zu bekommen. Gleichzeitig sorgt die Freizügigkeit in der EU dafür, dass viele Menschen aus anderen Ländern nach England kommen. Das ist der scheinbare Beweis dafür, dass die EU nicht nur an den Missständen in den Arztpraxen schuld ist. Das Ergebnis ist bekannt. So argumentieren Populisten und sie haben auch bei uns wieder mehr und mehr Erfolg damit. Warum ist das für viele so schwer zu durchschauen?

Weil wir wieder in einer Zeit der Denkfaulheit leben? Weil inzwischen selbst Philosophen meinen, dass unsere Zeit die Aufklärung hinter sich gelassen hat und wir einsehen müssen, dass unsere Welt irrational ist, dass im Getriebe der Welt Gründe und Argumente und damit die Vernunft nichts mehr gelten? Wollen wir wirklich in so einer Welt leben?

Und was ist mit einer Kirche, die bekümmert auf geringe Besucherzahlen schaut und ihr Heil in niederschwelligen Angeboten sucht, bei denen die Menschen dort abgeholt werden, wo sie sind und genau dort, bestenfalls etwas heiterer, wieder abgesetzt werden? Wenn ich als Lehrer mit einer solchen Einstellung in meine Klasse gehe, dann habe ich den Beruf verfehlt, so wie eine solche Kirche ihren Auftrag verfehlt. Gerade Martin Luther war es ein Herzensanliegen, dass Christenmenschen nicht nur mit dem Herzen Gott und den Nächsten lieben, sondern auch verstehen, was sie glauben. Herz und Verstand gehören zusammen. Das Herz will verstehen und der Verstand will mehr lieben und glauben. Es ist ein unendlicher Prozess. Deshalb hat der Dominikaner Meister Eckhart den Streit zwischen den Franziskanern und den Dominikanern, ob denn die Liebe oder die Erkenntnis das höchste Gut wäre, für konstruiert und falsch gehalten.

Und Martin Luther hat sich geweigert zu widerrufen, es sei denn er werde widerlegt aus Gründen der Heiligen Schrift und der Vernunft. Diese Gründe haben in der Kirche zu entscheiden und anhand dieser Gründe hat die Kirche immer wieder zu überprüfen, ob das, was sie tut auch zu ihrem Wesen passt oder eben nicht. Gerade wird auch in unserer Landeskirche ein neues kirchliches Finanzwesen eingeführt, dass auf doppelte Buchführung, die sogenannte Doppik setzt. Hierzu schreibt die Vorsitzende des bayerischen Pfarrvereins Corinna Hektor im aktuellen Korrespondenzblatt: „Das HGB, das Handelsgesetzbuch, wurde faktisch zu einer Art heiligem Gesetzbuch – und zwingt, quasi kanonisch geworden, nicht nur unsere Finanzen in eine bestimmte Form, sondern bestimmt auch Inhalte. Es formt Kirche um. Die Folgen: Handlungsspielräume werden eng, Entscheidungen bekommen noch längeren Vorlauf, (…) Rücklagen als Planungsgröße haben ausgedient. Die Angst vor der Armut wächst – trotz aller Rekordergebnisse bei den Kirchensteuern. (…) Was ist Volkskirche? Was sind wir? Eine Organisation? Ein Unternehmen? Unsere Sprache verrät uns: Wir reden plötzlich von Produkten und Gewinn – oder gar von Kunden. Orientieren uns an den Maßstäben von Wirtschaftsbetrieben. Wir haben aber keine Kunden, sondern Mitglieder (Prof. Chr. Möller) – und so soll es bitte bleiben.“ (Korrespondenzblatt Nr. 6/7, Juni/Juli 2016, S. 81ff.)

Denn zu was ist eine Kirche noch gut, die sich dieser Welt gleichstellt und der die Fragestellungen moderner Menschen und der modernen Wirtschaft wichtiger sind als das Nachdenken über ihre ureigenste Botschaft? Und was ist eine Kirche noch wert, in der nicht mehr über ihren Weg durch diese Welt anhand dieser Botschaft leidenschaftlich gestritten wird, in der schon die leise Kritik als Störung der innerkirchlichen Harmonie gebrandmarkt wird und in der so gerade nicht der Liebe, sondern der Bequemlichkeit, Angst und Feigheit Vorschub geleistet wird? „Allzu schnell ist der christliche Glaube zur Weltweisheit gemacht worden, überangepasst, konfliktscheu, stets auf Ausgleich bedacht.“ (Uhle-Wettler, aaO., S. 355) Martin Luther würde heute, ein Jahr vor dem 500. Jubiläum seines Thesenanschlags in Wittenberg, von vorreformatorischen Verhältnissen in der evangelischen Kirche sprechen!

Auch Paulus hatte sich in Korinth mit manchen Spinnereien der christlichen Gemeinde auseinanderzusetzen. Deshalb hält er Kurs und verweist auf den Gott des Alten Testaments, der die hochfahrenden Pläne seiner gesalbten Könige zunichtemachte und sich durch seine Propheten auf die Seite der Witwen und Waisen, der Armen und um ihr Recht Gebrachten stellte. Deshalb nötigt uns Paulus durch das Wort vom Kreuz, den Sohn Gottes dort zu denken, wo er nach der Weisheit und den Vorstellungen der Welt nichts verloren hat: Am Kreuz, wo man Verbrecher aufhängt und in den Tod schickt.

Im April 2016 erschien ein Buch mit dem Titel „Der Wurm in unserem Herzen – Wie das Wissen um die Sterblichkeit unser Leben beeinflusst“ (Sheldon Solomon, Jeff Greenberg, Tom Pyszczynski, DVA, 2016). Darin weisen drei amerikanische Psychologen anhand empirischer Forschungen nach, dass nicht die Sexualität, sondern das Bewusstsein der eigenen Endlichkeit die Triebfeder für alles ist, von Fremdenfeindlichkeit bis zum Genozid, von der Hochkultur bis zur Religion. Ein beeindruckendes Buch. Und wen soll das dann eigentlich wundern, dass uns Paulus mit dem Wort vom Kreuz genau dort abholt, wo all unsere Hoffnung und Weisheit endet? Bis dort hinunter in den bitteren Tod reicht die Liebe Gottes und seine Gegenwart. Wo unser Latein endet, sammelt sich Gottes ganze Kraft. Dort muss auch unser Herz und unser Verstand Gott und die Welt völlig neu denken. Gott sei Dank!

Die Predigt zum Hören.

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