Es bleibt ein Wunder

Wie träume ich christliche Gemeinde. Als eine WG, in der alle liebevoll miteinander umgehen, jeder seine Fähigkeiten einbringt und alle alles miteinander teilen? Oder doch eher als lockerer Verein, zu dem man gehört, aber in den man sich nicht einbringen muss?

In der Apostelgeschichte, die Lukas erzählt, zeichnet er ein besonderes Bild von Gemeinde, wie sie lebt oder leben sollte:

41 Die nun sein Wort annahmen, ließen sich taufen. 42 Sie blieben aber beständig in der Lehre der Apostel und in der Gemeinschaft und im Brotbrechen und im Gebet. 43 Es kam aber Furcht über alle Seelen und es geschahen auch viele Wunder und Zeichen durch die Apostel. 44 Alle aber, die gläubig geworden waren, waren beieinander und hatten alle Dinge gemeinsam. 45 Sie verkauften Güter und Habe und teilten sie aus unter alle, je nachdem es einer nötig hatte. 46 Und sie waren täglich einmütig beieinander im Tempel und brachen das Brot hier und dort in den Häusern, hielten die Mahlzeiten mit Freude und lauterem Herzen 47 und lobten Gott und fanden Wohlwollen beim ganzen Volk. Der Herr aber fügte täglich zur Gemeinde hinzu, die gerettet wurden.

Die Gemeinde wird geleitet durch Apostel, sie besteht in der Gemeinschaft im Brotbrechen und Gebet. Alles, was die Menschen besitzen wird verkauft und friedlich geteilt.

Die genaue Schilderung ist wohl die eines Ideals, das es so nie gegeben hat. Aber mit Sicherheit ein gutes Ziel wäre. Und darum ist unser Text eine Ermutigung dort, wo der Wille zu erschlaffen droht.

Lukas schreibt seine Apostelgeschichte ungefähr 60 Jahre nach Tod, Auferstehung und Himmelfahrt Jesu. Und er möchte die Ideale der Gemeinde in Erinnerung rufen und überzeichnet da wohl bewusst, aber er zeichnet wenigstens, weil er ein Bild hat davon, wie Gemeinde leben und lieben sollte. Und dieses Bild will er damals und will er heute vermitteln.

‚Urchristlicher Kommunismus‘ ist ein Schlagwort, das gerne gebraucht wird für diese Lebensform. Dieses Schlagwort trifft es nicht ganz, weil das, was Lukas erzählt kein politisches Gebilde ist, sondern eher eine Kommune ist, in die Menschen freiwillig eintreten und alles miteinander teilen.

Das Wesen solcher Gemeinschaft ist es, dass freie Menschen Entscheidungen treffen, sich einzubringen, damit etwas Gemeinsames entsteht. Ohne diese freien Entscheidungen kann nichts werden. Durch Freiheit entsteht Weite in der Gemeinschaft.

Lukas stellt mir die Frage: Wie weit geht Gemeinschaft, was bist du bereit, einzubringen, dass Gemeinschaft funktioniert.

Für ihn ist wichtig, dass Gemeinde gemeinsam betet und darauf vertraut, dass der Heilige Geist in ihr wirkt, etwas bewirkt.

Solche Mythen wie der vom alles Teilen, alles miteinander besitzen und Keiner leidet Not, erzählen auch von Träumen und von Schuldgefühlen gegenüber dem, was wirklich ist.

Daran dürfen wir uns auch heute orientieren. Unser Miteinander Sein macht viel Freude und manche Mühe. Manches dürfen wir genießen, manches müssen wir gestalten und manche Kompromisse zwischen unseren Idealen und der Wirklichkeit eingehen.

Und es bleibt das schale Gefühl, dass es nicht das ist, was dem Willen Gottes entspricht wie wir leben. Dass wir immer wieder aufs Neue unseren eigenen Lebensstil überprüfen müssen, ob wir das, wie wir leben verantworten können: vor Gott, vor dem eigenen Gewissen und vor den Mitmenschen.

Es geht nicht um den Konformitätsdruck: wenn du Christ sein willst, dann ….

… musst du dich so oder so verhalten. Jesus hat solche Regeln nicht formuliert, sondern uns eine größere Verantwortung übertragen. Du darfst dein Leben leben und du darfst es mit deinem Gewissen vereinbaren und du darfst daran arbeiten, dass du immer zufriedener und glücklicher damit wirst, wie du lebst mit deinen Mitmenschen.

‚Ama et fac quoi vis‘ – Liebe und tu, was du willst. So hat Luther das einmal ausgedrückt. Und damit skizziert, wie christliches Leben sein kann: Ein Leben aus Liebe, die Wege sucht, Gemeinschaft zu erfüllen, dass alle Schwestern und Brüder ihren Glauben gut leben können. Die Liebe vermag das Leben neu zu ordnen. Die Liebe hört nicht auf, danach zu fragen, was andere brauchen. Und die Liebe erlaubt mir, Fehler zu machen.

Nur so kann wirklich Gemeinschaft entstehen: wenn Menschen aufeinander zugehen, einander vertrauen und lieben und dann tun, was sie für richtig halten, diese Gemeinschaft weiterzubringen.

Christliche Gemeinde ist mehr als eine WG und mehr als ein Verein. In christlicher Gemeinde kann ich immer wieder neu meine Fähigkeiten, meine Möglichkeiten einbringen. Ich darf aber auch meine Schwächen zulassen und aushalten, das manches nicht rund läuft und dass ich das auch nicht hinbekomme.

Und ich darf darauf vertrauen, dass in christlicher Gemeinde der Heiligen Geist wirkt. Und dann ist es wie bei Jesus. Einer fängt an den Tisch zu decken und plötzlich werden alles satt und dann ist es unwichtig, ob es ein Wunder ist oder deswegen gelingt, weil die Menschen  sich lieben.

Es bleibt ein Wunder, wenn Menschen füreinander da sind und miteinander Gemeinde bauen.

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