Dumm ist, wer glaubt, schon alles zu wissen

Für manche ist alles immer ganz einfach; für alle Fragen, Probleme und Herausforderungen haben sie einfache Antworten und Rezepte:

Es gibt zu viele Flüchtlinge, die bei uns Schutz suchen?

Dann einfach die Grenzen dicht machen! Wir sind schließlich nicht das Sozialamt der Welt!

Das christliche Abendland retten?

Moscheebauten und Kopftücher verbieten!

Den Bürgerkrieg, den IS oder den Terrorismus in Syrien, im Irak und in Afghanistan bekämpfen?

Mit Bodentruppen einmarschieren und militärische Stärke zeigen!

Den Hunger in der Welt bekämpfen?

Die sollen nur ordentlich arbeiten lernen und ihre korrupten Regierungen in die Wüste schicken. Wir haben mit unseren Problemen genug zu tun!

Die Klimaveränderung stoppen?

Ich kann doch eh nichts tun und das ganze Gerede von der Erderwärmung ist doch nur Propaganda: Klimaschwankungen hat schon immer gegeben – und am Ende folgt auf Sonnenschein auch wieder Regen und auf Regen wieder Sonnenschein.

Und: Mehrheiten mit Argumenten und Überzeugungen gewinnen, Probleme und strittige Fragen ausdiskutieren, Fakten sprechen lassen und nicht zurechtbiegen?

Viel zu mühsam! Wir brauchen entschlossene Menschen, einen starken Mann des Wortes und der Tat, also nicht immer nur Worte machen, sondern handeln…

Um nicht als politisch einseitig und auf einem Auge blind dazustehen, einfach klingen auch die Forderungen: für soziale Gerechtigkeit mit einer Vermögenssteuer ohne wenn und aber zu sorgen, das unbedingte Grundeinkommen einfzuführen und Harz IV abzuschaffen, mit Bürgerarbeit Arbeitslosigkeit zu bekämpfen und mit gesetzliche Quoten sofort für Gleichberechtigung und Teilhabe aller am gesellschaftlichen Leben zu sorgen, was sich alles durchaus vernünftig anhört und worüber dennoch erbittert gestritten wird. Manchmal ahnen wir, dass alles in Wahrheit viel komplizierter ist, man sich die Mühe machen muss, alles genau zu betrachten, weil alles mit allem zusammenhängt und einfache Antworten nur kurzfristig das Gefühl beruhigen und Stimmungen kanalisieren, dafür aber unversehens Ängste und Sorgen von Menschen instrumentalisiert und missbraucht werden.

Was lässt sich im Leben denn schon einfach erklären?

Warum werden die einen in einem friedlichen und reichen Teil der Welt geboren, die anderen ohne wirkliche Perspektive und Chance auf Veränderung in den zahlreichen Armenvierteln und Krisenregionen einer kleiner werdenden und medial gut vernetzten und damit stets präsenten Welt?

Warum haben auch in unsrem reichen Land so viele Kinder aufgrund ihres sozialen Hintergrundes von vornherein schlechtere Karten als die Kinder aus dem Bildungsbürgertum?

Warum können die einen ihr Leben in vollen Zügen gesund und unternehmungslustig bis ins hohe Alter auskosten, während andere durch Krankheit, Gewalt oder Unfall aus dem Leben gerissen werden, ehe dieses wirklich begonnen hat?

Wenn es Gott gibt, und wenn unser Glaube vernünftig ist, wenn Gott gerecht ist, wenn er liebt, wenn in seinen Augen alle Menschen gleich sind, wenn er die Welt erschaffen hat und zu dem Schluss kam: sie sei sehr gut: warum ist sie dann so, wie sie ist, warum sind Menschen so, wie sie seit alters her nun einmal in Erscheinung treten?

Und warum lässt Gott zu, dass in seinem Namen so viel Streit unter Menschen herrscht, in seinem Namen Krieg geführt und getötet wird.

Manche stehen dann schnell mit einfachen Antworten parat und wir haben diese Antworten alles schon einmal gehört oder ähnlich auch schon einmal gebraucht:

  • Gott hasst die Ungläubigen und will Gehorsam.

  • Die einen liebt er für ihre Treue und ihren Glauben und die anderen bestraft er für ihre Zweifel und ihr Misstrauen!

  • Er will dir mit deinem Unglück etwas sagen, du musst nur hinhören lernen.

  • Er lehrt dich Demut.

Und die Gottesleugner würden sagen:

  • Es gibt doch keinen Gott, es gibt nur das Recht des Stärkeren im Kampf ums Überleben.

  • Schuld sind doch gerade die Religiösen, zumindest die Juden oder die Moslems oder wer auch immer.

Das sind einfache Antworten, die aber deshalb noch lange nicht richtig und wahr sein müssen. Ich gebe zu: wer sich sein Misstrauen einfachen und schnellen Antworten gegenüber bewahrt hat, stößt schnell an Grenzen. Er kann eben nicht eben alles so einfach erklären. Er muss manche Fragen und Sorgen aushalten, ohne sie gleich beantworten zu können. Er kann auch Gott und damit die letzten Fragen des Lebens nicht klar und eindeutig erklären, verstehen und anderen plausibel machen. Manchmal bleibt ihm nicht mehr als ein zaghaftes : „dennoch bleibe ich an dir…“ und ein vertrauensvolles: „aber auf dein Wort hin will ich es wagen und versuchen.“

Es heißt also, nicht alles immer schon zu wissen und allen sagen zu können, wie man es besser, vor allem richtig machen kann.

Begegnungen auf Augenhöhe brauchen die Bereitschaft, aufeinander zu hören, einander wahrzunehmen, die jeweilige Situation verstehen zu wollen, Traditionen, Lebenserfahrungen, Kulturen zu respektieren, ihnen mit Neugierde und echtem Interesse als Lernende begegnen und den eignen Blick und die eigene Wahrnehmung hinterfragen und gegebenenfalls korrigieren lassen zu wollen. Es braucht die Offenheit, sich als Teil eines Größeren und Ganzen zu verstehen.

So möchte ich jedenfalls die Begegnungen mit Partnern in Simbabwe in den kommenden Wochen erleben. Ich bin neugierig auf ein mir unbekanntes Land, auf die Herausforderungen, mit denen seine Bewohner umgehen müssen, auf ihr Leben und ihren Glauben, auf ihre Hoffnungen und ihre Fragen. Ich möchte hören, was an Unterstützung und Begleitung erhofft und erbeten wird und schauen, wo wir dann unterwegs genauso Lernende und Empfangende sein können, wenn wir uns aufmachen in ein Land, einen Teil der Erde, den Gott Menschen anvertraut hat, die dort zu Hause sein wollen , auch wenn die politischen und wirtschaftlichen , die ökologischen und klimatischen Verhältnisse es so schwer machen, dort zu Hause zu sein. Die ehrliche Frage, wo wir mit unserem Leben und unserem Verhalten daran und dafür Verantwortung tragen, gehört dazu.

Auch hier gibt es keine einfachen Antworten.

Natürlich ist neben der Neugierde auch der gesunde Menschenverstand gefragt und gerade er kann ja vor simplen Rezepten bewahren und dennoch manchmal einfache Möglichkeiten aufzeigen im Alltag etwas zu verändern.

Der Apostel Paulus verrückt in seinem Brief an die Korinther auf ganz eigene Art die Maßstäbe zwischen behaupteter Weisheit oder Klugheit auf der einen Seite und vermeintlicher Torheit oder Dummheit auf der anderen Seite. Er hält die einfachen Antworten nicht für die klugen, sieht aber das die komplizierten Antworten manchen töricht erscheinen.

Ich musste nicht nur an Forrest Gump denken: Dumm ist, wer dummes tut…

Ich las auch: Dumm ist nicht, wer nichts weiß, sondern wer glaubt, schon alles zu wissen.

Das gilt auch für unsere Meinung und unser Reden von Gott, das manchmal so daherkommt, als müsste Gott sich gar nicht mehr verhalten, weil wir schon alles wissen und längst an seiner Statt sagen, was er denkt und meint.

Das Kreuz durchkreuzt aber diese menschliche Haltung, widerspricht es doch allen landläufigen Meinungen von Gott, er sei lieb und harmlos dort inmitten seiner Schar vor allem Übel bewahrender Engel. Dumm nur, wenn gerade ich nicht die Bewahrung vor Gewalt, Krieg, Krankheit oder Hunger erleben darf, sondern bestenfalls inmitten alles Leides spüren darf, nicht losgelassen, fallengelassen zu sein.

Das Kreuz mag in unseren Augen, mit den Mitteln menschlicher Vernunft wahrgenommen, ein Zeichen der Gewalt sein, es ist auch ein Ort tiefster Leidenserfahrung, es ist das Todessymbol schlechthin geworden. Es zeigt eine Seite menschlichen Lebens und der diesseitigen Wirklichkeit, vor der wir die Augen nicht verschließen können und dürfen. Es durchkreuzt aber auch alle Vorstellungen, die wir uns von Gott machen als einem Gott der Stärkeren und der Sieger, der Reichen und der Bestimmer, als einem Gott, der die immer wieder bestätigt, die glauben, alles schon zu wissen.

Ihnen allen wird es zur Torheit, zum Anstoß, zu einem Skandal, wird Gott anstößig, vielleicht sogar abstoßend, weil sie ihn so nicht wollen.

In Wahrheit aber ist das Kreuz der Ort, an dem Gott sich ganz tief hinabbeugt, um selbst hinzuschauen, hinzuhören, wahrzunehmen. Er hat den Perspektivwechsel längst gewagt, auf den wir uns erst noch einlassen müssen.

Das Kreuz ist der Ort, an dem wir alle als Lernende verbunden werden zu Schwestern und Brüder, zu Kindern Gottes, ohne Unterschied, zu Hause in der einen Welt, die Gott geschaffen und unseren Händen anvertraut hat.

Am Ende ist diese Einsicht eigentlich ganz einfach: es gibt nur die eine Welt und die eine Familie der Kinder Gottes. Und sie ist nicht gott-los, sondern voller Gottesgegenwart.

Die Einsicht ist einfach, aber die Antworten, die sich daraus ergeben sind sehr komplex.

Der ist weise, der als Kind Gottes lebt, und darum aus Gottes Kraft Mut zu „Veränderung in sich“ und „für andere“ schöpft

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