Das Projekt der Versöhnung

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Soviel sei gesagt:

Paulus hätte Pegida nicht gemocht.

Nein, ganz sicher nicht!

Er hätte sich über diese Menschen geärgert.

Gerade wegen dem Kreuz!

Und ich ärgere mich auch.

Immer Dienstagmorgen, wenn ich sehen muss,

dass einer dieser Pegidisten

wieder sein schwarz-rot-gold lackiertes Kreuz hochgehalten hat.

Natürlich! Das tut er um zu zeigen, dass hier,

und genau hier und nach seinem Verständnis nur hier,

das christliche Abendland marschiert.

Dabei demonstriert er auf diese Art und Weise nur,

dass er keine Ahnung hat.

 

Solche Typen kennt Paulus zuhauf.

Bei ihm lebten die zwar in Korinth und nicht in Dresden oder in Erfurt.

Aber auch die wollten vermeintlich schlaue Kerle sein,

pochten auf ihre Weisheit

und trieben auf diese Art bloß die Spaltung der Gemeinde voran.

Paulus schüttelt darüber energisch den Kopf.

Es ist ihm fremd, dass Menschen so denken.

Es wäre ihm fremd,

wenn ein Mensch ein nationales Kreuz vor sich hertragen würde,

in dem Glauben dieses Kreuz würde seine Sicht auf die Dinge,

seine eigene Weisheit, untermauern.

 

Ein Kreuz.

Ausgerechnet ein Kreuz soll einen Herrschaftsanspruch legitimieren?

Dabei ist ein Kreuz ein Wegweiser in zwei Richtungen.

In der einen Richtung bleibt der Blick hängen am Abgrund des menschlichen Daseins

und erinnert daran, zu was der Mensch fähig ist.

In der anderen Richtung verweist es auf die Gewaltlosigkeit Gottes.

Beides ist sichtbar am Kreuz.

 

So etwas trägt man nicht einfach nur so

und man hält es nicht mal einfach so hoch- als Mittel zum Zweck.

Einfach weil es mir gerade gut in den Kram passt.

Ein Kreuz zu tragen setzt einen Denkprozess voraus.

Und am Ende dieses Denkprozesses muss herauskommen,

dass das Kreuz kein Herrschaftssymbol ist und niemals war und nicht sein kann.

Ein Kreuz bei einer Pegida-Demonstration vor sich herzutragen,

lässt allerdings nur darauf schließen, dass die christliche Botschaft,

das Wort vom Kreuz, überhaupt nicht verstanden worden ist.

 

Christlicher Glaube kann nie triumphalistisch sein,

weil er etwas weiß über die Demut gegenüber dem Leben.

Christlicher Glaube kann nie ausgrenzend sein,

weil er weiß wie verletzbar das Leben ist.

Und weil christlicher Glaube das weiß nimmt er Anteil am Leben anderer.

Kreuz und Macht – das geht nicht zusammen.

Kreuz und das Wissen um die Ohnmacht schon eher.

 

Wer sich unter dem Kreuz sammelt,

versammelt sich in einer Gruppe,

die ungerechte Strukturen durchbrechen will.

Aber nicht so, dass sie davon einen Vorteil hat.

Diese Gruppe bekennt sich zum gekreuzigten Christus

und solidarisiert sich mit ihm,

Das Kreuz steht für Jesus Christus, der sich eingesetzt hat für Schwache und Ausgegrenzte.

Das Kreuz steht für die Überwindung aller Unterschiede zwischen den Menschen.

Das Kreuz steht für Jesus Christus, an dessen Schwäche Gott höchst selbst Anteil nimmt.

Das mag manchem hier auf Erden töricht

und schwach erscheinen,

das ist nichts Neues.

Aber das hat Gott so bei der Erschaffung der Welt auch schon geahnt

und dem Menschen darum vorab Verstand und Weisheit verliehen.

Weil er will, dass der Mensch logisch denkt.

Dass er nach der Wahrheit sucht.

Das er fragt und ahnt,

dass die Wahrheit oft nicht einfach zu haben ist.

Drum hütet euch vor denen,

die allzu einfache Antworten auf schwierige Fragen anbieten.

Gerade wenn es um absolute Sichtweisen geht.

 

Das Kreuz aber verbindet Menschen die das ahnen.

Das Kreuz verbindet Menschen,

die etwas gehört haben von der Versöhnung gerade durch das Kreuz.

Das Kreuz Christi kann also nicht spalten.

Aber heilen.

Weil es eine „scharfe Medizin gegen allen Fundamentalismus“ unserer Zeit ist

(Vgl.: M. Schilling, GPM 70/3, II,3, 2016, S. 349).

Denn Fundamentalisten grenzen sich ab, verweigern das Gespräch

und setzen sich und ihre Meinung absolut.

Ein Dialog kann so nicht stattfinden.

 

Eine Gemeinde, die sich unter das Kreuz stellt

muss sich aber hinterfragen,

ihre eigenen Ansprüche prüfen

und die eigene Beziehung zu den Dingen

und der Welt stets neu bedenken.

Über Gottes Weisheit, soviel ist klar,

verfügt keine Gruppe, keine Gemeinde.

Wenn Paulus das Wort vom Kreuz im Munde führt,

dann ruft er zu einer Lebenshaltung auf,

die andere nicht ausgrenzt.

 

Mit dem Wort vom Kreuz

ruft Paulus erneut das „Projekt der Versöhnung“ ins Gedächtnis.

(Vgl.: K.-H. Bieritz, PSt. PR II, 2Hb, 1998, S. 90)

Erinnert so an den Gott am Kreuz, verwundbar und schwach.

Und gibt so die Richtung vor, in die wir blicken sollen:

Gewiss nicht nach Dresden an einem Montagabend!

In den Abgrund menschlichen Daseins.

In Richtung Mittelmeer,

in Richtung Griechenland,

in Richtung Ukraine,

in Richtung Syrien,

in Richtung Irak,

in Richtung Afghanistan.

Und immer in die Richtung

in der der Mann am Kreuz mit Füßen getreten wird.

 

So wie in Orlando.

Nach dem Anschlag dort, als 49 Menschen ihr Leben verloren haben

und beinahe nochmal so viele Menschen schwerverletzt wurden,

erdreistete sich ein evangelikaler Prediger in den USA,

in Anspielung auf die Homosexualität der Opfer,

in einer Predigt seiner Gemeinde zu verkünden:

Er glaube,

dass das eine tolle Tat gewesen sei und die Straßen in Ohio nun nachts wieder sicherer seien.

 

Ich stelle mir vor, wie Jesus angesichts solcher Worte vom Kreuz steigt

und diesem Mann eine schallende Ohrfeige verpasst.

Aber natürlich weiß ich, dass er das nie tun würde.

Das Kreuz ist immerhin auch das Zeichen des Respektes vor der Würde jedes Menschen,

sei er krank,

sterbend,

gedemütigt,

erfolgreich,

leistungsstark, glücklich oder einfach nur dumm, wie der evangelikale Prediger aus den USA.

 

Aber Jesus würde zu ihm gehen und ihn fragen,

was genau er nicht verstanden habe an seiner Botschaft?

Ob er nicht auch denke, dass die Rede von Gott,

dass die Rede vom Kreuz,

immer auch bedeute mit

„Hingabe,

Offenheit,

Verzicht,

Demut,

Solidarität“ und Liebe zu leben? (Vgl.: M. Schilling, a.a.O.)

 

Und Jesus würde ihm sagen:

Wer am Leid der Menschen keinen Anteil nimmt,

hat auch nicht das Recht, das Wort vom Kreuz im Mund zu führen,

geschweige denn, es zu tragen.

AMEN.

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