Das kommt in den besten Familien vor…

Es ist schon eine merkwürdige Sache mit den Brüdern und Schwestern, die man sich im allgemeinen ja nicht ausgesucht hat, sondern mit denen man in eine Familie hineingeboren wird. Da hat man die gleichen Eltern – jedenfalls in den meisten Fällen – , – die auch immer sagen würden, ihre Kinder gleichermaßen zu lieben und sie nach den gleichen Grundsätzen erzogen zu haben: und dennoch sind Geschwister so verschieden.

Manchmal sieht man sofort, dass sie Geschwister sind, manchmal mag man es gar nicht glauben.

Manchmal sind sie ein Herz und eine Seele und manchmal leben sie in völlig verschiedenen Welten und haben außer den Eltern und Großeltern nicht wirklich etwas gemein.

Manchmal höre ich: Blut ist doch dicker…

Und manchmal: meine Freunde kann ich mir aussuchen, meine Familie allerdings nicht.

Und da habe ich noch gar nicht an die Patchwork- oder Regenbogenfamilien gedacht, von denen es immer mehr gibt, und die zeigen, dass es gar nicht mehr so eindeutig und gleichförmig zugeht, wenn ich von der Familie rede. Wo hört unter Geschwistern die Freundschaft auf, wer muss klären, was nicht mehr friedlich geschlichtet werden kann?

Wer führt zusammen, wo die Bindeglieder, die Mitte der Familie verloren gegangen sind, wenn Kinder hin- und hergerissen sind zwischen widerstreitenden Interessen der Eltern oder der Angehörigen im Familienverbund?

Welche Rolle Familien auch einmal bei uns gespielt haben, welche Rolle Familien in anderen Kulturen immer noch spielen und die einzige Sicherheit in einer immer unübersichtlicheren und friedloseren Welt zu bieten scheinen , zeigen uns die vielen Flüchtlinge und ihr dringlicher Wunsch, die Familien – oft genug Großfamilien – nachholen und zusammenführen zu können.

Mir dagegen fallen nicht nur die Geschwister ein, die ein Herz und eine Seele sind, sondern auch die, die sich seit Jahren nicht mehr gesprochen oder gesehen haben und betonen, dass sie nicht wirklich etwas dabei vermissen…

Und kommt es zum Streit, wahrscheinlich um das Erbe , dann müssen Gerichte klären, ob man den Erblassern in ihrem letzten Willen trauen und dem Bruder oder der Schwester etwas lassen kann, was man selber gern in Besitz nehmen würde.

Jeder und jede besteht auf seinem Recht, egal ob zu Recht oder zu Unrecht.

Ob am Ende jeder zu seinem Recht kommt, wenn er Recht bekommt, dass steht noch auf einem ganz anderen Blatt…

Was richtest du mit deinem Bruder?“

Paulus ist wahrlich kein Vorreiter der inklusiven und geschlechtergerechten Sprache, Streit mit den Schwestern ist also nicht ausdrücklich ausgeschlossen, nur weil er die Schwestern nicht erwähnt, denn er kennt das Leben schon ziemlich genau.

Sicher hat er dabei nicht Familienverbünde im Blick, da waren in seiner Zeit Rechte und Pflichten auch zwischen älteren und jüngeren Geschwistern, zwischen Söhnen und Töchtern eindeutiger geklärt, als das heute bei uns der Fall ist. Nicht die Gerichte legten die Grundsätze immer wieder mal neu fest, sondern die Traditionen galten seit der Zeit der Väter immer weiter.

Aber in den Gemeinden und christlichen Gemeinschaften, gerade wenn sie kleiner und überschaubar sind, geht es manchmal auch wie in Familien zu. Und es ist mehr als nur religiöse Lyrik, wenn Christen zu Gott Vater und dem Menschenbruder Jesus beten und sich als Geschwister im Glauben anreden.

Als ich in jungen Jahren mit 18 in Berlin an der Kirchlichen Hochschule nach dem Abitur als Student der evangelischen Theologie eingeschrieben und der Berufswunsch Pfarrer geklärt war, da war ich mit einem mal in meiner Heimatgemeinde nun der Bruder Simon, nicht mehr nur Uwe, jedenfalls in den Augen meines Pfarrers, denn ich wollte ja Amtsbruder werden. Das war schon etwas exclusives und ein Privileg, nun auch mit Bruder angeredet zu werden, egal ob das unserem evangelischen Amtsverständnis entspricht oder widerspricht … so war nun einmal der Brauch.

Warum ich sie, die Katechetin, nicht als Schwester, sondern immer nur mit ihrem Namen anrede, also anders als ihren Ehemann, den Bruder Kantor, wurde ich dann später einmal gefragt und gewissermaßen eiskalt dabei erwischt, es unbewusst genauso gehandhabt zu haben, wie mein Pfarrer aus Jugendtagen.

Als Kinder Gottes in der Familie Gottes sind wir alle Schwestern und Brüder – und: mag es auch irritieren und das DU persönlicher und näher, verbindlicher und klarer wirken, ist es eigentlich eine wunderbar geistliche Art der Rede, die sich sicher von der Alltagssprache unterscheidet, aber zugleich viel über das Miteinander ausdrücken will.

Und im nächsten Augenblick wird die so ganz andere geistliche Art zu reden, wieder ganz alltäglich, weil es auch unter uns wie unter Geschwistern zu gehen kann: man sucht sich seine Verwandtschaft nun einmal nicht aus, sondern bekommt sie an die Seite gestellt und darf sie tragen oder soll ich sagen: ertragen? Natürlich habe ich meine guten und unwiderlegbaren Gründe, den einen zu mögen und den anderen zu meiden, den einen ins Vertrauen zu ziehen, dem anderen gegenüber dagegen skeptisch zu bleiben, den einen vor jemandem zu warnen und dem anderen genau auf die Finger zu schauen.

Und genauso werde auch ich aus der Perspektive anderer beurteilt, eingeschätzt, wertgeschätzt oder gemieden…

Warum sollte es unter uns anders sein als in allen anderen Gemeinschaften und Familien?

Wahrscheinlich nur, weil wir es eigentlich besser wissen könnten….

Besser wissen, dass keiner besser ist…

Wir sind ja keine Familie der Besserverdienenden, der Besserkönner, keine geistliche Oberschicht der weltlichen Gesellschaft, oder die Untadeligen inmitten einer Welt der Unfähigen, wir verstehen von Gott und der Welt nicht wirklich mehr, als alle anderen da draußen, auch wenn wir uns am Sonntag und manchmal auch im Alltag anders und vielleicht auch mehr um Gott bemühen.

Wir haben eigentlich keinen Grund aus einer geistlichen Überlegenheit und Überheblichkeit heraus immer zu wissen und darauf zu bestehen, was in Kirche und Gottesdienst geht und was überhaupt nicht geht, wenn Menschen wieder einmal mit ihren ausgefallen und zugegebenermaßen etwas schrägen Wünschen für Taufe, Trauung oder Beerdigung kommen, sondern sollten erst einmal hinschauen und hinhören, was da an Sehnsucht oder Lebensfreude, an Glück oder Unsicherheit uns gegenübertritt. Wir sollten nachspüren, wo es uns womöglich ganz ähnlich geht…

Was richtest du deinen Bruder…

oder: was weißt du es immer gleich besser?

Was sieht denn Gott, wenn er uns alle zusammen ansieht?

Und er sieht uns an!!! Darauf hoffen wir ja im Alltag, wenn es uns gut geht oder wir in den großen Krisen des Lebens stecken: das er uns ansieht.

Wir werden alle vor den Richterstuhl Christi gestellt werden

oder : Christus schaut schon genau hin und er sieht längst hinter die Fassade.

Ich muss und ich kann mich nicht verstellen. Er sieht in mein Herz, wo andere noch immer die Rolle sehen, die zu spielen sie von mir erwarten oder, die zu spielen, ich mich entschieden habe, um nicht wirklich zu zeigen, wer oder was ich bin..

Er sieht meine Ängste, meine Grenzen, meine Unsicherheit, meine Stärke, meine Liebenswürdigkeit und meine Abgründe.

Er sieht mich und er sieht dich und da machen wir alle in seinen Augen keinen Unterschied – Gott sei Dank, denn wir sind alle gleich begabt und gleich bedürftig, wie verschieden wir in Wirklichkeit auch sind. Und das wird vor ihm ein für alle Mal offenbar.

Wir könnten es eigentlich besser wissen und uns besser und damit auch gerechter ansehen.

Denn in seinen Augen und vor ihm kommt jeder zu seinem Recht und fallen Recht haben und Recht bekommen und Gerechtigkeit erfahren endlich in eins zusammen. Und wenn Gott hinschaut, dann sieht er,, anders als wir nicht nur, was gewesen ist, was einer dem anderen getan hat und was auf Vergeltung wartet. Er legt auch nicht nur auf die unerfreuliche Vergangenheit fest, sondern kann sehen, was in jedem an unentdeckten Möglichkeiten und buchstäblichen Liebenswürdigkeiten steckt. Er sieht, was er sich bei jedem und jeder gedacht, und warum er jeden und jede gemeint hat.

Muss ich davor, also vor seinem Richterstuhl, Angst haben?

Muss mein Nachbar davor Angst haben?

Müssen wir mit solchen Wissen voreinander Angst haben?

Entdecken wir viele lieber, wie schön es ist, Geschwister in so bunter Verschiedenheit an der Seite zu haben und feiern wir wie groß und wunderbar unser Gott ist. Und sein Friede bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen

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