Erster!

Predigt am 12. 6. 2016. Johanniskirche Röslau.
Pfarrer i.R. Joachim Musiolik

Vielleicht kennen Sie einige Gesichter  auf dem Titelfoto vom Gottesdienstblatt. Es sind Kinder der Grundschule Röslau. Gerade empfangen sie die Auszeichnung zur Umweltschule in Europa. Zum vierten Mal bereits. So sehn Sieger aus.

Wer bei der EM in Frankreich den Pokal kriegt, muss sich noch zeigen. Die deutsche Mannschaft greift heute abend ins Geschehen ein. Alle Teilnehmer eint ein Ziel: Sie wollen Erster sein.

Überall das gleiche Bild. Die Deutschen wollen den ersten Platz behaupten als Exportnation. Die Amerikaner ihre Führungsrolle als Weltmacht.

Der Wettlauf um den ersten Platz ist auch unter uns täglich im Gange. Im Supermarkt zunächst bei der Parkplatzsuche. Dann bei den Sonderangeboten der Woche und schließlich an der Kasse.

Die Jungen wollen die ersten sein vor der Bühne, wenn der Teeniestar auftritt. Die Alten drängen zeitig auf das Sonnendeck, wenn es gilt die Liege mit dem Handtuch zu markieren. Nicht nur auf der Aida ist Gedränge. Manchmal sogar in der Kirche. Spätestens beim Krippenspiel, wenn die lieben Kleinen mitwirken.

Toll wäre es natürlich, wenn du sagen könntest: Ja, so war ich auch mal. Aber dann hat Jesus mich verändert. Hat die Prioritäten neu gesetzt. Jetzt lass ich die Drängler vor. Ich kann die Spur wechseln, weil mir Jesus eine neue Einstellung gegeben hat.

Früher war ich der erste Sünder, sagt Paulus. Der Oberschuft. Aber dann hat Jesus mich umgekrempelt. Vom Saulus zum Paulus.

Mit Schrecken und Scham erinnert sich der Apostel an jenen dunklen Nachmittag vor den Mauern Jerusalems. Die Stimmen von damals klingen ihm dann wieder im Ohr.

He, wer macht den Kleiderständer? Saul, was ist mit dir?“ Der junge Mann springt bereitwillig herbei. Er war auch sonst der erste, wenn man einen Freiwilligen brauchte.

Was war geschehen? Die Hardliner hatten sich durchgesetzt in der Hauptstadt. Jetzt würde es den Reformern an den Kragen gehen. Eile war geboten. Bevor sich weitere Anhänger dazu gesellten.

Die Eiferer waren sich ihrer Sache sicher. Von der Regierung würde sich keiner einmischen. Die Staatsmacht kam den Wächtern über die reine Lehre nur ungern ins Gehege.

Aber was war mit den Gemäßigten in den eigenen Reihen? Viele hatten genickt, als sich dieser Ketzer aus den Reihen der Urchristen wortgewandt verteidigt hatte. War das nur Mitleid oder schon Zustimmung? Schnelles Handeln war angesagt. Einen Henker musste man nicht holen. Hier herrschte Selbstjustiz. Sie hielten schon die Steine in den Händen. Dumm nur, dass die langen Gewänder so hinderlich waren beim Werfen.

„Gut dass du da bist Saulus! Streck die Arme aus!“ Die Männer vom Exekutionskommando legen ihre Obergewänder ab und hängen sie dem jungen Mann um. Im Nu ist er von Stoffen eingehüllt. Willig und kaltblütig erfüllt der junge Mann seine Aufgabe. Dann geht alles ganz schnell.

„Wer ist denn der Verurteilte?“ fragt Saulus einen der Fanatiker. „Vergiss seinen Namen! Ein Diakon namens Stephanus. Er hat gemeinsame Sache gemacht mit den Jesusjüngern. Das ist ein dicker Fisch, einer der Anführer. Wenn er verstummt ist, schweigen auch die andern!“

Längst liegt das unglückliche Opfer am Boden, vielfach getroffen. Endlich ist es vorbei, denkt Saulus. In diesem Moment stößt der Sterbende mit letzter Kraft die Worte aus: „Herr, rechne ihnen diese Sünde nicht zu!“

Noch Monate später gehen diese Sätze dem Saulus durch den Kopf. „Sünde? Geht’s noch? Das Recht ist auf unserer Seite!“ Saul ist auf dem Weg nach Damaskus an der Spitze einer kleinen Reitertruppe.

Mehrmals kontrollierte er die Satteltaschen. Er geht die Adressen durch. Alles solide recherchiert. Fast in jeder Straße gibt es einen verdächtigen Haushalt. Die Taschen sind brechend voll. Mit Drohbriefen, Anklageschriften. Saulus prüft seinen Dienstausweis. Geht die Vollmachten durch. Sie sind alle autorisiert. Mit Brief und Siegel der Inquisition. Der Fahnder genießt volle Immunität. Die Opfer sind rechtlos.

Am Horizont taucht die Silhouette der Stadt auf. Im Geist geht Saulus noch einmal die Aktion durch.

Als erstes würden die Rollkommandos bei Nacht und Nebel die Häuser der Christen durchsuchen . Fand sich bei denen, die auf der Liste standen, Beweismaterial, oder Zeugenaussagen der Nachbarn, würde man sie schnell nach Jerusalem schaffen. Die Obrigkeit würde keine Schwierigkeiten machen. Zurück in Jerusalem, könnte Saulus dann Vollzug melden. Vielleicht würde man ihn befördern.

Wobei – im Grunde hatte er Auszeichnungen genug: Er war stolz auf seinen Status als römischer Bürger. Er war stolz auf seine Unabhängigkeit. Als gelernter Zeltmacher konnte er sich selbst versorgen, war nicht angewiesen auf Vitamin B.

Er war stolz auf seine Herkunft: Tarsus, der Ort, wo einst Antonius und Cleopatra sich kennen lernten und ihr Schicksal miteinander verbanden.

Er war stolz auf seinen akademischen Titel, auf das Examen beim weisen Gamaliel.

Er war der erste auf vielen Gebieten. Das machte Eindruck überall. Nur nicht bei den Christen. Wie ihn das wurmte!

Was maßten diese Leute sich eigentlich an?! Ein Haufen Fischer und Zöllner. Dazu leichte Mädchen, Sklaven mit revolutionären Ideen. Sie stellen die gewohnten Unterschiede von Mann und Frau, von Herr und Knecht in Frage. Setzen sich über die heiligen Ordnungen hinweg. Sprechen untereinander über die heiligen Schriften im Wohnzimmer statt im Tempel. Begehen dort sonntäglich das Abendmahl, singen in diesen Hausgottesdiensten selbstverfasste Lieder. Waren die Psalmen und die bestehenden Feiertage mit genau vorgeschriebenem Ablauf nicht genug? Nicht gut genug?

Dass diese Menschen im Tempel und im Gesetz nicht die entscheidenden Heiligtümer sahen. Dass sie eine Autorität hatten, von der ihm, Saulus, nichts gelehrt worden war. Das macht ihn so wütend.

In Damaskus hatten sich Anhänger der neuen Lehre niedergelassen. Es gab dort eine große jüdische Kolonie. Mehrere Synagogen zeugen vom Wohlstand und dem religiösen Ernst der Juden von Damaskus.

Diese Gemeinde durfte der neuen Lehre nicht zum Opfer fallen. Das bewegte den jungen Saul. Die Christen waren ihm im Grunde egal. Die jüdische Gemeinde sollte vor Ansteckung geschützt werden. Und dazu wollte er alles in Bewegung setzen.

Später hat er selbst diese Zeit so beschrieben:

„Ich meinte, ich müßte viel gegen den Namen Jesu von Nazareth tun. Das habe ich in Jerusalem auch getan. Dort brachte ich viele Heilige ins Gefängnis, wozu ich Vollmacht von den Hohepriestern empfangen hatte. Und wenn sie getötet werden sollten, gab ich meine Stimme dazu. Und in allen Synagogen zwang ich sie oft durch Strafen zur Lästerung. Und so wütete ich maßlos gegen sie, verfolgte sie bis in die fremden Städte.

Was mögen sie gezittert haben, die Christen in Damaskus. Das Reisevorhaben des Paulus war ja durchgesickert. Hananias, ein einfaches Gemeindemitglied, hat auch davon gehört. Paulus ist schon unterwegs, mit starkem Gefolge. Was sollen sie jetzt noch tun? Alles verstecken, was im Hause darauf hindeutet, daß hier Christen wohnen? Für einige Wochen umziehen zu den Verwandten auf dem Lande? Die nächsten Gottesdienste ausfallen lassen, um Paulus über die schon erreichte Größe der Gemeinde zu täuschen?

Nichts von all dem tun sie. Sie warten ab und beten.

Inzwischen ist das Kommando  nahe vor der Stadt. Die Reiter traben gemächlich dahin. Die ruhig klappernden Hufe lassen Saulus vor sich hin dösen.

Hilfe, was geschieht da?“ Die Schreckensrufe kommen von hinten. Von den Gefährten. Saul blickt um sich, aber er kann nichts sehen. Er ist geblendet, als hätte ein Blitz eingeschlagen. Das Pferd bäumt sich auf. Er stürzt aus dem Sattel.

Deutlich hört er eine Stimme: „Saul, Saul, was verfolgst du micht?“ „Wer bist du“, stammelt der Gestürzte. „Ich bin Jesus, den du verfolgst!“

Ist das die wunderbare Erhörung der Gebete aller Christen aus Damaskus in ihren Verstecken? Greift Gott so ein? Macht er so dem Schrecken ein Ende?

Er hätte es tun können. Jesus hätte viele Möglichkeiten gehabt, den Saulus zu stoppen. Mit einem Schlangenbiß. Mit einem Hitzschlag. Mit einem gebrochenen Hals nach dem Sturz vom Pferd. Der liebe Gott kriegt sie alle. Vom hohen Roß herunter in den Staub.

Wenn Saulus in unseren Tagen gelebt hätte, und er wäre auf dem Flugplatz von Damaskus gelandet mit seinen Vollmachten. Dann hätte vielleicht auf dem Weg in die City ein Sprengsatz mit Lichtschranke und Fernzündung seine Limousine in die Luft gejagt.

Aber so ist Jesus nicht. Er löscht den Saulus nicht aus. Er will ihn zu sich ziehen. Er will dich zu sich ziehen.

Jesus zeigt sich einfach, und da gehen dem Saulus vor Helligkeit die Augen über. Dabei hört er Worte aus dem Himmel. Was für Worte?

O, wenn er gehört hätte: „Saulus, du Schwein, jetzt zeige ich es dir“. Er hätte sich nicht gewundert. Denn Saulus wußte mit einem Schlag, ich hab es ja verdient. Dafür, daß ich unschuldige Menschen verfolgt habe. Dafür daß ich Jesus, den Sohn Gottes bekämpft habe.

Aber Jesus beschimpft ihn nicht. Er macht ihn nicht kaputt. Jesus fragt ihn einfach: „Warum, Saul? Warum verfolgst du mich?“

So ist es geblieben bis auf den heutigen Tag. Warum? Warum verfolgst du mich mit dem, was du tust? Mit deinem Lebensstil, dieser permanenten Vergeudung anvertrauter Gaben? Warum hast du die Ehre gestohlen, die mir zusteht, und nimmst sie für dich selbst? Warum antwortest du nicht auf meine Liebe mit deiner Liebe? Warum sitzt du auf dem hohen Roß deiner Vernunft? Warum auf dem hohen Roß deiner verschlissenen Frömmigkeit. Warum auf dem hohen Roß deiner selbstgebastelten Rechtschaffenheit?“

Alle, denen Jesus so in den Weg getreten ist, sind darüber zu Boden gegangen. Alle sind in die Knie gegangen und einige auch auf die Knie. Sie haben Jesus dann nicht nur als den Herrn, sondern als ihren Herrn erkannt.

Am Unfallort vor Damaskus wird inzwischen erste Hilfe geleistet. Der Verletzte wird verbunden und vorsichtig in die Stadt transportiert. Der Mann ist orientierungslos. Die Gefährten hören, wie er zu Christus betet. Kein Grund zur Besorgnis. Das wird noch der Schock sein.

 

Die offiziell anberaumten Briefings kann Saulus natürlich nicht wahrnehmen. Er möchte allein sein. In der Hauptstraße wird er in einer Pension einquartiert zwecks baldiger Genesung.

Unterdessen sind die Ereignisse durchgesickert bis zum Gebetskreis um Hananias. Der fasst einen Entschluss: Ich werde Saulus aufsuchen. Sein Sturz war kein Unfall und kein Zufall. Das war Fügung. Saul ist ins Fragen gekommen. Wir müssen ihm helfen.“

„Bist du von Sinnen, Hannanias? Die werden dich überwachen und deine Spur verfolgen. Dann sind wir alle geliefert!“

„Ich habe keine Furcht! Jesus ist bei mir. Jetzt oder nie!“

Hananias geht los. Unbemerkt gelangt er in das Gasthaus. Kaum zu glauben, was er da sieht. Wen er da sieht. Der von allen Gefürchtete hockt am Boden. Ein Häufchen Elend.

„Wer da?  Ich kann nichts sehen!“

„Mein Name ist Hananias!“

Dann ist es wahr! Ich hatte eine Vision. Ein Christ namens Hananias wird kommen, mich segnen und mich heilen. Er wird mir sagen, warum das alles passiert ist und was Gott mit mir vor hat.“

Saul kniet sich hin. Hananias legt ihm die Hände auf. „Bruder Saul, der Herr hat mich geschickt. Jesus, der dir auf dem Weg hierher erschienen ist. Du sollst wieder sehend und mit dem Heiligen Geist erfüllt werden!“

„Nanu?! Das gibt’s doch nicht! Ich kann wieder sehen. Danke, danke! Und Appetit hab ich auch. Bleib zum Essen, du bist mein Gast. Und dann nimm mich mit zu den Euren. Ich will alles über Jesus wissen. Ich will zu euch gehören!“

Der Blick von Hananias fällt auf das Bett. Da liegen die offenen Taschen. Mit den Briefen, mit den Haftbefehlen. Hätte er sie nicht  besser an sich genommen? Unbemerkt, vorhin, als Saul noch blind war, und alle vernichten.

Saul spürt den Blick. Er lacht. „Die kannst du alle haben! Die sind jetzt überflüssig. Die Todesbriefe. Ich werde bald ganz andere Briefe schreiben. Lebensbriefe. Wenn ich alles über euren Glauben erfahren habe, werde ich das Evangelium verbreiten. Mit Wort und Schrift.“

Das hat er später getan. Die Briefe sind erhalten. So wie dieser, an Timotheus, in dem Paulus von sich sagt

„Ich bin die Nummer 1! Aber nicht prahlerisch nach dem Motto „Wo ich bin, ist oben.“

Nicht selbstgerecht. Sondern selbstkritisch: „Ich bin der erste, der oberste aller Sünder. Aber Jesus hat mich verändert. Vom Bedränger zum Beschützer. Vom Gemeindezerstörer zum Gemeindegründer. Vom Fanatiker zum Friedensboten“

Das ist der Ehrgeiz, nach dem Gott Ausschau hält. Wenn er uns fragt, wer der erste sein will. Wenn Helfer dringend gebraucht werden. Für den Catering Service beim Kirchkaffee oder Gemeindefest. Für Kurierdienste bei Behördenwegen der Flüchtlinge. Für die Unterbringung der Praktikantin oder der Musiker vom Chor, der zum Gastspiel angereist ist. Für die Zustellung vom Gemeindebrief. Für die Diakoniesammlung von Haus zu Haus.

Dann ist es nicht unhöflich, sich vorzudrängeln. Dann dürfen wir die Seiten wechseln wie einst der Apostel.

Vom Abwinker zum Anfeuerer. Vom Bewerter zum Beweger. Vom Zauderer zum Zugpferd.

Angespornt von kindlichem Ehrgeiz wie die Grundschüler auf dem Titelbild. Zur Zeit bin ich jede Woche in einer Grundschule, ein Musical einüben. Als da die Sprechrollen zu besetzen waren, schnellten die Finger hoch. Solchen Ehrgeiz brauchen wir.

Angespornt von Christus und seiner Verheißung:

„Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch alles Übrige zufallen.“

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