Nachdrücklich auffordern, dringend einladen.

Im Lukas-Evangelium erfahren wir, dass Jesus einmal an einem Sabbat bei einem vornehmen Pharisäer zu einem festlichen Essen eingeladen war.

Und wie das so Sitte ist, unterhält man sich angeregt mit dem Gast über seine religiösen Ansichten. Besser gesagt: Man fühlt ihm auf den Zahn, um herauszufinden, wo er denn so steht.

Bei diesem Fest ist auch ein kranker Mann.

Jesus heilt ihn und fragt seine Gastgeber:

Ich würdet doch auch sicher am Sabbat bei einem Notfall helfen, oder?

Und sie sagen nichts dazu.

Dann warnt Jesus davor, sich selber auf die Ehrenplätze zu platzieren, ohne dazu aufgefordert zu sein. Denn so riskiert man die Blamage, von diesem Ehrenplatz vertrieben zu werden.

Und dann setzt Jesus dem ganzen noch die Krone auf: Seinem Gastgeber sagt er: Wenn du ein Fest macht, dann sollst du nicht die oberen Zehntausend einladen, und auch nicht deine Familienmitglieder, Freunde und Nachbarn. Denn die können sich alle mit einer Gegeneinladung revanchieren. Lade Arme, Verkrüppelte, Lahme und Blinde ein. Gott wird dich dafür belohnen.

Nein, Jesus ist absolut kein Meister des unverbindlichen, netten Small-Talks.

Eher ist er schon ein Experte im Sticheln, im Provozieren, im Leute-vor-den-Kopf-stoßen.

Ich kann mir das richtig gut vorstellen, wie die Stimmung so langsam, aber sicher in den Keller geht.

Wie sich frostiges Schweigen ausbreitet.

Und wie das oft so ist, versucht jemand, das Eis zu brechen und das Gespräch wieder in gute Bahnen zu lenken. Lukas schreibt:

Das hörte einer von den Gästen, die dort mit zu Tisch saßen. Er sagte zu Jesus: „Wirklich glücklich zu nennen ist der, der beim Festmahl in Gottes neuer Welt dabei ist!“

Leider geht Jesus nicht ein auf diesen Versuch, sich wieder nett und unverbindlich zu unterhalten. Stattdessen setzt er noch eins drauf:

Jesus antwortete mit einer Geschichte: „Ein Mann bereitete ein großes Festessen vor, zu dem er viele Gäste einlud. Als alles fertig war, schickte er seinen Boten zu den Eingeladenen: ‚Alles ist vorbereitet, kommt!‘ Aber niemand kam. Jeder hatte auf einmal Ausreden. Einer sagte: ‚Ich habe ein Grundstück gekauft, das muss ich unbedingt besichtigen. Bitte entschuldige mich!‘ Ein anderer: ‚Es geht leider nicht. Ich habe mir fünf Gespanne Ochsen angeschafft. Die muss ich jetzt ansehen!‘ Ein dritter entschuldigte sich: ‚Ich habe gerade geheiratet. Du wirst verstehen, dass ich nicht kommen kann.‘ Der Bote kehrte zurück und berichtete alles seinem Herrn. Der wurde sehr zornig: ‚Geh gleich auf die Straßen, auf alle Plätze der Stadt, und hole die Bettler, Verkrüppelten, Gelähmten und Blinden herein!‘ Der Bote kam zurück und berichtete: ‚Es sind viele gekommen, aber noch immer sind Plätze frei!‘ ‚Geh auf die Landstraßen‘, befahl der Herr, ‚und wer auch immer dir über den Weg läuft, den bring her! Alle sind eingeladen. Mein Haus soll voll werden. Aber von denen, die ich zuerst eingeladen habe, wird keiner auch nur einen einzigen Bissen bekommen.'“

Warum erzählt Jesus diese Geschichte?

Das war doch offensichtlich ein frommer Mensch, der diese Bemerkung gemacht hat.

Und Jesus erzählt diese hammerharte Geschichte.

Warum?

Ich glaube, um drei Dinge klarzustellen:

  1. Gott ist jemand, der alle Menschen ohne jede Bedingung zu ihm einlädt, und zwar nicht um sie fertigzumachen oder exerzieren zu lassen oder sie zu bestrafen, sondern um ihnen Gutes zu tun, um sie bei einem Fest zu verwöhnen.
  2. Es gibt Menschen, die meinen: Da bin ich todsicher dabei – und sie täuschen sich dabei gewaltig. Denn nur wer kommt, ist auch dabei.
  3. Die, die sich einladen lassen und da sind, sollen nicht nur an sich selber denken, sondern auch an die, die von der Einladung noch nichts gehört haben oder die noch zögern zu kommen.

Auf die ersten beiden Punkte gehe ich nur kurz ein, zum dritten möchte ich etwas mehr sagen.

Zum ersten Punkt:

Es gibt immer noch erstaunlich viele Menschen, die sehen in Gott vor allem den großen Aufpasser, den großen Kontrolleur, den großen Verbieter.

Alles was Spaß macht, das verbietet Gott.

Und jeden Fehler notiert er und wird ihn schließlich bestrafen.

Erstaunlich viele Menschen haben so ein Bild von Gott.

Jesus aber sagt:

Mein Vater kann nur lieben.

Mein Vater will Freude schenken.

Mein Vater will Gutes tun.

Und im Orient, da passt dazu das Bild von einem Festmahl.

Da wird an nichts gespart.

Da biegen sich die Tische.

Da ist Freude pur.

So ist Gott.

Das ist das Erste.

Und das zweite:

Es genügt nicht, das gut zu finden. Wir müssen auch hingehen.

Eine Einladung zu einem großen Fest ist nur ein Stück Papier, wenn ich mich nicht aufmache und hingehe.

Ich erkläre das bei den meisten Taufgesprächen auch so:

In der Taufe wird einem Menschen ganz feierlich, ganz offiziell mit Urkunde und Siegel und Orgelmusik und Pfarrer und Wasser und Brimborium ganz unwiderruflich zugesagt und versprochen:

Ich, Gott, bin dein Vater, ich biete dir meine Freundschaft an, meine Begleitung, meine Gemeinschaft, meine Hilfe. Ich lade dich ein, bei mir Heimat zu haben und Geborgenheit zu finden und mit mir einmal ein großes Fest zu feiern. Und dieses Angebot werde ich niemals zurückziehen.

Die Taufe ist wie eine ausgestreckte Hand.

Aber wenn jemand, der getauft ist, diese Hand nicht ergreift und sagt:

Ja, das will ich. Ich will mit dir leben, ich will mit dir Gemeinschaft haben, ich will auf dich hören – dann bleibt diese Hand einfach in der Luft hängen.

Dann nützt die Taufe so viel wie ein Scheck über 1.000.000 Euro, den ich in die Schublade lege und nie zur Bank bringe.

Oder so viel wie wenn ich einen Gutschein habe über eine 14-tägige Flugreise nach Hawaii, all inclusive, und ich steige nie in das Flugzeug.

Dann ist das nur ein Stück Papier.

Sonst nichts.

Gott lädt ein.

Und viele Menschen kommen einfach nicht.

Besitz und Vergnügen halten sie davon ab, sagt die Geschichte, die Jesus erzählt.

Wobei, wenn wir genauer hinschauen, dann ist das eigentlich immer nur ein Vorwand.

Wer kauft denn ein Grundstück, ohne es vorher anzuschauen?

Wer kauft denn ein Haus, ohne es vorher gesehen zu haben?

Oder 5 Gespanne Ochsen, die nur einen Wert haben, wenn sie gut trainiert sind, ohne sie vor dem Kauf zu begutachten?

Wer kauft ein teures Auto, ohne es vorher Probe gefahren zu sein?

Und ein Grundstück und Ochsen abends begutachten? Wenn es dunkel wird?

Und wer verheiratet ist, kann auf einmal auf keine Feste mehr gehen?

Das sind doch alles Ausreden!

Letztlich sagen die Eingeladenen:

Lieber Gott, wir brauchen dich nicht.

Wir kommen auch ohne dich sehr gut zurecht.

Lieber Gott, wir wollen dich nicht.

Sünde ist nicht das, was man falsch macht.

Sünde ist, Gott anzuschauen und zu sagen:

Du bist nicht gut genug.

Ich werde einen Weg finden, ohne dich ein gutes Leben zu führen.

Ich lebe ohne dich besser.

Ich lebe besser, wenn du mir nicht in mein Leben hineinredest.

Und das komische dabei ist:

Es gibt jede Menge Menschen, die gehören auf dem Papier zur Kirche, gehören auf dem Papier zu Gott, aber in der Praxis des Alltags leben sie gottlos.

Du lädst mich ein, um mit mir Gemeinschaft zu haben. Ich komme nicht. Ich mach lieber anderes.

Du redest mit mir, um mir den Weg zum Leben zu zeigen. Ich höre nicht einmal hin.

Das ist die Realität.

Und jetzt kommt der dritte Punkt:

Denn jetzt geht es um uns.

Wir sind heute Morgen da.

So wie in dem Gleichnis die Diener da sind.

Wir sind heute Morgen da, um die Gegenwart Gottes zu feiern.

In jedem Gottesdienst feiern wir die heilsame Gegenwart Gottes.

Wir gehen aus unserem Alltag heraus, hören auf mit unserer Betriebsamkeit, und setzten uns ganz bewusst in die Gegenwart Gottes.

Wir lassen den Lärm des Alltags hinter uns, um uns auf die feine, leise Stimme Gottes zu konzentrieren, um zu hören, was Gott zu unserer Seele sagt.

Und jedes Mal, wenn wir miteinander das Heilige Abendmahl feiern, dann begegnen wir Gott auf eine ganz intensive Art und Weise.

Und da, wo Menschen sich in die Gegenwart Gottes begeben, da geschieht etwas.

Und zwar etwas Heilsames.

Manchmal auch etwas beunruhigendes, wenn uns klar wird, was wir ändern sollen.

Aber auf lange Sicht ist auch das immer heilsam.

Wir sind heute Morgen da.

So wie in dem Gleichnis die Diener da sind.

Und die Diener bekommen einen Auftrag:

Sie sollen hinausgehen und einladen.

Sie sollen hinausgehen und einladen.

Ja mehr noch: Sie sollen die Menschen „nötigen“ hereinzukommen.

So hat es Luther übersetzt.

Im Griechischen steht da anangkazo:

Nachdrücklich auffordern, dringend einladen.

Wir sollen zu den Menschen gehen und sie nachdrücklich auffordern und dringend einladen, in die Gegenwart Gottes zu kommen.

Wir – das sind nicht die Pfarrer, sondern alle Christen.

Wir sollen zu den Menschen gehen und sie nachdrücklich auffordern und dringend einladen, in die Gegenwart Gottes zu kommen.

Wie könnte das aussehen?

Vielleicht so:

Wenn Du nächsten Sonntag mit mir in den Gottesdienst kommst, bekommst du von mir 5 Euro.

Oder:

Wenn Du nächsten Sonntag mit mir in den Gottesdienst kommst, dann lade ich dich danach zum Mittagessen ein.

Aber nicht umgekehrt: Nur wenn du mit in die Kirche kommst, kriegst du was zu essen. Das ist nicht nachdrücklich auffordern, das ist Erpressung und so ist das nicht gemeint!

Aber vielleicht so:

Komm mit, und ich mache mir dir am Nachmittag einen schönen Spaziergang oder Ausflug oder Wanderung.

Oder:

Das wünsche ich mir zum Geburtstag, dass Du mit mir in den Gottesdienst kommst.

Und das alles nachdrücklich und dringend, also nicht beim ersten „Nein, danke“ aufgeben. Sondern hartnäckig dranbleiben und es immer wieder versuchen.

Nachdrücklich auffordern, dringend einladen.

Vielleicht indem wir immer wieder davon erzählen und vorschwärmen, was wir aus einem Gottesdienst mitnehmen.

Wie gut das tun kann.

Oder indem wir die Menschen um uns herum, bei uns zuhause, in der Nachbarschaft, unsere Freunde, unsere Kollegen einmal ganz ernsthaft fragen:

Sag doch mal, wann nimmst du dir eigentlich einmal Zeit für Gott?

Und lasst nicht so schnell locker, wenn der Frage ausgewichen wird.

Hakt nach.

Fragt: Wie schaut denn das konkret aus?

Oder: Was genau hindert Dich eigentlich mitzukommen?

Meine Theorie ist: Viele Menschen wagen es nicht in die Kirche zu kommen, weil sie davor Angst haben. Angst, dass da was geschehen könnte, was sie aus ihrem gewohnten Leben herausreist.

Und alles, was neu ist, was Veränderung bringt, das macht uns halt erst einmal Angst und versuchen wir zu vermeiden.

Und damit sind wir wieder beim ersten Punkt:

Gott ist jemand, der alle Menschen ohne jede Bedingung zu ihm einlädt, und zwar nicht um sie fertigzumachen oder exerzieren zu lassen oder sie zu bestrafen, sondern um ihnen Gutes zu tun, um sie bei einem Fest zu verwöhnen.

Und darum ist Angst völlig fehl am Platz.

Denn Gott ist gut.

Amen.

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