Man muss doch mal sagen dürfen…

Es wurde sehr aufmerksam verfolgt, was da seit geraumer Zeit in der Nachbarschaft vor sich ging – Tag für Tag immer in den Abendstunden…

Allem Anschein nach spielten soziale Unterschiede überhaupt keine Rolle mehr. Die Herrin kam mit ihrem Sklaven und tat so, als gäbe es da keine Abhängigkeitsverhältisse mehr.

Da spielte der Herr mit den Kindern seiner Sklavin, als wären es seine eigenen – nun ja, wer weiß…..!

Die Gruppe der Tagelöhner plauderte angeregt mit den Gutsbesitzern, man hörte verschiedenste Mundarten und Sprachen – so als ob das alles keinen Unterschied mehr machen würde, als ob alle und alles gleich wäre: arm und reich, Mann und Frau, Freier oder Sklave, Römer oder Einheimischer…

Da in der Welt aber nicht alles gleich gültig ist, konnte nicht verborgen bleiben und erst recht nicht gleichgültig sein, was da nebenan passierte.

Wo kämen wir denn da hin, wenn es keine Unterschiede, keine Abgrenzung und keine Trennung mehr gäbe bei all dem, was nun einmal verschieden ist und verschieden bleibt.

Die Nachbarn, die man aus der Synagoge kannte, wunderten sich, zurückhaltend formuliert. Sie hatten doch über Generationen hinweg nur überlebt, ihre Kultur, ihren Glauben, ihre Identität bewahrt, weil sie sich immer deutlich abgegrenzt haben.

Jüdisch war, wer eine jüdische Mutter hatte. Denn an der Mutterschaft konnte es – zumindest damals – ja keinen Zweifel geben.

Und seine Glaubensgeschwister erkannte man an den Bräuchen und Sitten: Söhne wurden beschnitten, der Sabbat gehalten, die Speise- und Reinheitsgebote strikt eingehalten, von den heidnischen Kulten und ihren merkwürdigen Göttern und Riten hielt man sich fern…

Und wer von den anderen Nachbarn römischer Bürger war, der war zwar weltgewandt, sprach die damalige Weltsprache Griechisch, kannte sich auch ein bisschen mit der bunten Mischung verschiedener Kulturen aus und genoß sie, aber deshalb muss man sich doch nicht mit allen und allem verschwistern und verschwägern.

Und was da bei den Treffen im Schutz der Mauern in den Häusern passierte, darüber gab es nur Gerüchte…von rituellen Mahlzeiten und Opferungen war da die Rede. Fleisch und Blut soll da eine Rolle spielen, irgendeiner hatte da etwas aufgeschnappt von: das ist mein Leib und das ist mein Blut. Geheimnisvolle Tauchbäder sollen auch beobachtet worden sein! Das war alles ziemlich fremd und damit ziemlich befremdend und löste Unbehagen aus.

Wollte man so etwas wirklich in der Nachbarschaft haben, wollte man solche Nachbarn neben sich wissen? Keiner wollte direkt und laut etwas über die da nebenan sagen, aber hinter vorgehaltener Hand, wenn man unter sich war… wir kennen das ja: Man muss doch mal sagen dürfen, dass so ein Fußballer im Fernsehen und auf dem Platz ganz sympathisch sein mag, solange er erfolgreich das eigene Team nach vorne bringt, aber als Nachbar, mit dunkler Hautfarbe und so einem merkwürdigen Namen? Das ist natürlich nicht rassistisch gemeint, wie denn auch oder doch: warum eigentlich nicht?

Und überhaupt, musste das Heim für die Flüchtlinge direkt neben den Eigenheimen im Grünen gebaut werden?

Nicht, dass man den Leuten in Not nicht helfen will, aber direkt neben unserem Grundstück? Darauf haben wir nicht gewettet, als wilr hierhergezogen sind. Hinter dem Bahnhof steht doch auch ein Gebäude leer und da stören die Fremden doch niemanden. Nicht dass der Index für Grundstückspreise eine Rolle spielen würde, aber der Wert ist gleich gesunken…, falls man doch einmal verkaufen will.

Oder in der Nachbarschaft soll eine Moschee mit Minarett gebaut werden und dann gibt es einen Muezzim, der zum Gebet ruft. Als ob es nicht schon reicht, dass man den Lärm der Kirchenglocken erträgt, sie gehören doch wenigstens zur abendländischen Kultur, aber der Gebetsruf eines Muezzim – bestenfalls in die Urlaubserinnerung! Wer weiß, wozu der in unverständlichen Worten aufruft, aber man will ja nichts gesagt haben…

Ich habe das jetzt sehr allgemein gesagt. Ob das etwas mit uns zu tun hat?

Ich weiß, dass in vielen Gemeinden Fremde und Flüchtlinge gastfreundlich aufgenommen werden und oft auch eine geistliche Heimat gefunden haben. In Oranienburg sind letzten Sonntag 21 Iraner getauft worden, nachdem sie schon in der Heimat mit dem christlichen Glauben beschäftigt und sich ein halbes Jahr auf dieses Ereignis vorbereitet haben. Und auch in Templin bitten immer wieder Iraner um die Taufe, in Gransee sind vor einigen Wochen sechs getauft worden.

Aber ich kann mich auch gut daran erinnern, wie nach der Wende so viele aus den alten Bundesländern in die Dörfer und Städte nicht nur in der Nähe Berlins gezogen sind und mit einem Mal die Mehrheit oder zumindest eine starke und aktive Minderheit in den Kirchengemeinden darstellten. Und sie brachten als neue Nachbarn so merkwürdige Vorstellungen vom kirchlichen Leben mit, dass so gar nichts mit Bibel und Gesangbuch zu tun hatte, wobei sie sich dafür ständig mit dem Staat und der Gesellschaft gemein machten. Das störte die vertrauten Bahnen und die vertrauten klaren, wenn auch nicht immer einfachen Verhältnisse. Und so wurden auch diese neuen Nachbarn misstrauisch beäugt, obwohl sie die gleiche Sprache mit nur einer anderen Mundart sprachen und einen merkwürdigen Speisezettel mitbrachten.

Das Fremde, das Unbekannte, das Gewohntes infrage stellt, macht eben nicht nur neugierig, sondern auch ängstlich und reserviert oder gar misstrauisch.

Und jetzt stört der Apostel die so vertraute, liebe Empörung der in ihrer Ruhe aufgescheuchten Mitbürger und Mitchristen.

„Ihr ward Fremdlinge, ihr ward fern, ihr ward Gäste, ihr ward im Streit und Konflikt, ihr ward draußen und nicht drinnen…ihr ward…Heiden!“

Manchmal spüren wir noch den irritierenden und befremdenden Klang dieses Wortes: Heiden.

Über die Heiden von Kummerow und ihre Bräuche wie Heidendöppen im Frühjahr, wenn der Bach noch eiskalt ist, lachen wir.

Aber für die Menschen ohne Anstand und Gefühl, ohne Sitten und Respekt, für die Gewalttätigen, für die Rücksichtlosen und Verächtlichen haben wir immer das eine Schimpfwort: das sind doch alles Barbaren, Wilde, Kultur- und Niveaulose. Barbaren, also Heiden… Das ward ihr…

Heute seid ihr Hausgenossen, Mitbürger, Heilige..

Zu Hause in der einen Welt, die doch immer nur das eine sein kann: Gottes Welt und offen für alle. Auch wenn wir die Welt in Arm oder Reich, in Kontinente und Länder, in Blöcke und Interessen- und Herrschaftsbereiche einteilen, gibt es nur eine Welt, die allen Menschen, allen Geschöpfen des einen Gottes zu Hause sein will und zu Hause sein muss.

Es ist kein Verdienst und kein Anrecht in einem reichen, sicheren und friedlichen Teil der Welt geboren zu sein, sondern Geschenk und Auftrag zu gleich. Es ist keine Bevorzugung Gottes für einige wenige, sondern Auftrag, die Verantwortung anzunehmen, dass das aufgerichtete Kreuz über aller Welt steht, um sie unter Gottes Anspruch und Gottes Verheißung zu stellen. Wir wohnen in dem einen Haus Gottes, das allen Menschen ohne Unterschied offen steht – das meint Ökumene.

Es ist also kein Zufall, wenn auf Kirchentagen und Katholikentagen deutlich und nicht nur hinter vorgehaltener Hand gesagt wird, was man eben auch einmal sagen muss, damit es alle von Ausgrenzung und Neid, von Gewalt und Hass bewegten und verblendeten Gemüter hören: in Jesus Christus haben wir Frieden mit Gott und das bedeutet zwangsläufig Frieden untereinander, es gibt keine Unterschiede zwischen Menschen, keinen Anspruch auf privilegierte Partnerschaft mit Gott auf Kosten anderer. Gott ist nicht mit den einen gegen die anderen. Gott ist Mensch geworden für alle, und die eine Menschheit ist lebendiges Gleichnis für die Schönheit und Buntheit Gottes in der Welt. Und die Sehnsucht nach Frieden und Gerechtigkeit, die – Gott sei Dank – immer noch und immer wieder Menschen umtreibt, ist Ausdruck der Liebe Gottes zu dieser Welt und seiner Verheißung einer heilen Welt, in der alle zu Hause sein können ohne Leid und ohne Streit.

Wo heute schon etwas davon gelebt wird, da ist Gott gegenwärtig, da ist er Zuhause, da ist das Haus Gottes, ein Heiliger Tempel des Herrn, Vorgeschmack auf das Reich Gottes. Und wir alle sind Mitbürger und Hausgenossen. Amen

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