Gottes Liebe trifft

Predigt über 1. Joh. 4,16-21 am 29. Mai 2016 in Geroldsgrün. Pastor i.R. Musiolik

Lesung Predigttext und Gebet.
Es folgt ein Anspiel. Requisiten: Mobiles Tor mit Netz. Ein Fußball. (Schaumstoff empfohlen)

Darsteller: Zwei Fußballer, einer mit kurzer Hose und Nationaltrikot, ein älterer im Trainingsanzug.

Trainer: Komm, ein letzter Versuch!

Spieler (läuft an, schießt daneben, hockt sich mutlos hin)

Trainer: Also das war gar nichts! Du triffst ja nicht mal das leere Tor!

Spieler: Ich weiß auch nicht, was los ist. Sie stellen besser jemand andern  auf fürs Elfmeterschießen.

Trainer: Du hast die meisten Länderspiele, die beste Elferquote, du kennst alle Nationaltorhüter. Du kannst es doch! Du wirst sehen, wir schaffen es ins Endspiel nach Paris.

Spieler: Keine Ahnung, was los ist. An der Technik kann es nicht liegen. Vielleicht stellen Sie besser einen anderen auf.

Trainer (nimmt den Spieler in den Arm)

Kommt nicht in Frage. Lass die Furcht nicht an dich ran. Wir stehen hinter dir. Du wirst sehen, wenn die Hymne ertönt, wenn du die Begeisterung der Zuschauer spürst. Dann lass dich entzünden. Dein Herz muss brennen. Dann triffst du. Mitten rein…

Danke dass ihr uns erinnert habt an die bevorstehende Fußball-Europameisterschaft. Der Sinn war sicher nicht, dass wir uns rechtzeitig Fahnen und Tröten besorgen. Ihr habt die Verbindung gezogen zum Thema des Sonntags. Weil Paris die Stadt der Liebe ist? Nein. Es geht um die Überschrift: „Gottes Liebe trifft“

So wie demnächst in Frankreich die deutschen Kicker sich alle Mühe geben, das Runde ins Eckige zu bringen. Das Tor zu treffen. So kennt Gottes Liebe auch nur ein Ziel: Er will dein Herz treffen. Und du kannst sicher sein: Anders als manche Trainer der Nationalmannschaften, die sich die Haare raufen, wenn ihre Konzepte nicht greifen. Wenn ihre Stars nicht treffen. Gott bleibt ruhig. Seine Liebe trifft immer. Er zielt richtig. Er trifft richtig. Wenn es dann doch nicht funktioniert, hat es andere Gründe.

Menschen können sich wegducken. Menschen können die göttliche Liebe abprallen lassen. Aus Gleichgültigkeit. Weil sie behaupten, sie seien religiös unempfänglich, unmusikalisch. Das passiert leider. Aber immer wieder passiert auch das andere: Menschen werden getroffen.

Überwältigt von der Liebe Gottes fallen sie auf die Knie. Krempeln ihr Leben um. Erleben Befreiung von vielem, was sie gebunden hielt. Brechen mit unguten Gewohnheiten. Werden aktiv für Menschen in Not um sie herum. Getrieben von Gottes Liebe. Getroffen von Gottes Liebe.

Die Liebe ist der Inbegriff des Christentums. Und auch außerhalb von Kirche ist sie das Top-Thema. „All you need is love“, sangen schon die Beatles. Wo Liebe ist, da schauen wir dem anderen ins Herz. Deshalb ist die Liebe der einzige Weg zu verstehen, wer Gott ist und was er will.

Was der Apostel Johannes hier über die Liebe schreibt, steht himmelhoch über dem, was an Banalitäten und abgedroschenem zu diesem Thema täglich zu hören und zu lesen ist. Ich hebe mal das zu Recht dick gedruckte hervor: „Furcht ist nicht in der Liebe!“ So lange steht dieser Satz schon in der Bibel. Aber wie selten wurde er ernst genommen. Wie viele haben das ganz anders erlebt und darunter gelitten, wenn Furcht mit Liebe gepaart war und du nie genau wusstest: Was erwartet mich jetzt?

Wie oft wird diese Methode in der Erziehung angewandt. So erging es Friedrich dem Großen. Sein überstrenger Vater Friedrich Wilhelm I hatte mit ihm viel vor: Der Sohn sollte ein ebenso gläubiger Christ, tüchtiger Soldat und sparsamer Haushalter werden wie er selbst. Aber die beiden waren völlig verschieden. Der Junge las gerne frz. Romane, er verschlang philosophische. Bücher. Er spielte Flöte, machte heimlich Schulden. Er hasste den Exerzierdrill. Der König hatte keinerlei Verständnis für die Neigungen seines Sohns und fürchtete um die Zukunft Preußens. In seinem Zorn schlug er den Prinzen sogar vor Dienern und Offizieren. Da macht der Junge zusammen mit einem Freund einen Fluchtversuch zu Verwandten nach England. Das misslsingt. Der Vater stellt die beiden vor ein Kriegsgericht. Erst Jahre später söhnen sie sich leidlich aus. Furcht ist nicht in der Liebe.

Einmal sprach ich mit einer Frau, die den Vater mit 9 Monaten, die Mutter mit 8 verloren hat. Ihre ganze schwere Jugend hat sie im Ruhrgebiet in einem Waisenhaus verlebt. Die Ordens-Schwestern hielten jeden Morgen die Andacht. Anschließend wurden alle Kinder, die sich etwas hatten zuschulden kommen lassen, hart bestraft. Furcht ist nicht in der Liebe.

Zwei ehemalige Konfirmanden von mir waren für das Missionswerk Operation Mobilisation in Osteuropa tätig. Sie haben biblische Geschichten, veranschaulicht mit Puppenspiel in Schulen und Kinderheimen in Rumänien erzählt. Einer Mutter war es gar nicht recht, dass ihre Tochter von Jesus erfuhr. Das Mädchen erzählt: Meine Mutter hat gesagt: Wenn ich mich bekehre und Christ werde, würde ich vom Auto überfahren!“ Furcht ist nicht in der Liebe.

Du sagst: Alles weit weg! In meiner Schule, in unserer Familie ist das gottseidank anders. Die Prügelstrafe ist abgeschafft. Heute kann jeder in Freiheit seiner Wege gehen. Und das jüngste Gericht ist nur noch etwas, womit die klassischen Sekten ihren Opfern Angst einjagen. Wir wissen ja, Gott ist großzügig und läßt alles durchgehen. Schließlich heißt es ja: Furcht ist nicht in der Liebe.

Wie denn nun? Wie ist Gott wirklich? Lieb oder furchtbar? Die landläufigen Auffassungen bewegen sich zwischen diesen Extremen. Für die einen ist er der liebe Gott. „Lieber Gott, laß die Sonne wieder scheinen!“ Dieser liebe Gott ist irgendwie harmlos. Man kann ihn nicht recht ernst zu nehmen. Eine Art gutmütiger Großvater, der die Welt nicht mehr versteht. Der seinen Enkeln alles durchgehen läßt. So ganz ernst nimmt ihn keiner. Wenn er sagt, ich habe euch lieb, das klingt wie Guildo Horns „Der Meister hat euch lieb!“ Das nimmt keiner ernst.

Darum ist es so wichtig, jedes Sätzchen Bibel genau zu betrachten. Es heißt hier nicht: „Gott hat euch lieb“, oder „Gott ist lieb“. Es heißt: „Gott ist die Liebe.“

Aber wie ist das dann mit dem Gericht? Stellt das Gottes Liebe nicht in Frage? Das Evangelium des Sonntags ist die Geschichte vom armen Lazarus, der vor der Tür eines Reichen sein Dasein fristete. Beide sterben. Lazarus ist im Himmel, der Reiche ist am Ort der Gottesferne. Ist das nicht lieblos?

Also erst mal müssen wir uns lösen von so mittelalterlichen Vorstellungen, wo die verdammten Seelen da in irgendwelchen Töpfen schmoren. Die Lage des Reichen im Jenseits ist einfach die konsequente Fortsetzung seiner irdischen Einstellung. Er wollte mit Gott nichts zu tun haben. Mose und die Propheten, die ihm jetzt auf einmal wertvoll erscheinen, waren ihm zu Lebzeiten lächerlich. Die Armen ließ er vor seiner Haustüre verschmachten. Gott nimmt diese Einstellung ernst. Wir können uns der Liebe Gottes verschließen. Es ist eigentlich töricht, darum sagt der Reiche auch im nachhinein: „Wie konnte ich nur so blöd sein! Wenn doch wenigstens meine Brüder ein Wunder oder irgendwas Gewaltiges erleben, damit sie zur Besinnung kommen!“. Aber die Antwort lautet: „Ihnen wird die Botschaft von der Liebe Gottes gesagt werden!“ Das ist ihre Chance. Das ist auch deine Chance.

Diese Liebe hat rein gar nichts zu tun mit erotischem Kitsch und auch rein gar nichts mit religiösem Schmus. Diese andere Art Liebe ist eine knallharte Angelegenheit. Da geht die Romantik flöten. Da fließt Blut. Da müssen wir entsetzliches Elend anschauen: Der Todeskampf Jesu. Da verblutet der Heiland am Kreuz. Davon zutiefst bewegt, hat Tersteegen den Vers gedichtet: „Ich bete an die Macht der Liebe, die sich in Jesu offenbart.“ Hinter dieser Liebe steht ein fester Wille und Treue voller Hingabe. Gott hat sich entschlossen, uns zu lieben und er bleibt dabei. „Gott ist die Liebe und wer in der Liebe bleibt“ heißt es.

Ein Haufen Menschen läuft durch die Welt und hat bisher noch nicht erkannt: dass Gott uns liebt. Aber das ist die entscheidende Erkenntnis. Nicht Geld regiert die Welt, sondern die Suche der Menschen nach Liebe, und wer sein ganzes Leben lang Geld zusammenrafft, der sucht in Wirklichkeit auch nur das eine: Liebe.

Edle Taten und schreckliche Verbrechen. Herrliche Bauten und barbarische Zerstörungen. Sucht nach Essen, Trinken und Geld. Kleine Gemeinheiten und große Dummheiten. Alles, was die Welt bewegt, es hat eine Wurzel: Menschen möchten hören, dass jemand zu ihnen sagt: Gut, dass du da bist! Ich freue mich über dich. Wie schön, dass es dich gibt, du bist ok.

Das ist etwas, was wir uns nicht selbst sagen können, das kann uns nur jemand anders sagen, und deshalb ist es so kostbar.

Könnt ihr euch vorstellen, wieviele Menschen das hören möchten, und sie hören es nicht, oder sie glauben es nicht. Vielleicht warten sie ja auch darauf, dass jemand sagt:

Du bist ein toller Hecht, wie du das hinkriegst, kein anderer kann das so.

Du bist so schlau, es ist enorm, auf was für Ideen du kommst.

Du siehst so gut aus, hast du schon mal gemerkt, wie sie dir alle hinterhergucken?

Ich glaube, wir wissen alle, dass man so was nur sehr, sehr selten hört. Aber irgendwie träumen wir alle davon, dass wir das mal über uns hören. Aber noch mehr ist es, wenn uns einer sagen würde:

Wie gut, dass es dich gibt. Ich freue mich so darüber. Ich will nie ohne dich sein. Und wir wünschen uns, dass der richtige Mensch das zu uns sagt.

Und weißt du was? Gott wünscht sich auch, dass ihm jemand das sagt. Diesesr jemand bist du. Darauf wartet Gott.

Hast du das womöglich übersehen? Du kennst deine Bibel, auch dieses berühmte Gleichnis hier. Und du hast es vielleicht immer so verstanden: Okay, klare Verhältnisse. Gott bestraft die  Bösen und belohnt die Guten. Das sind, die die Gebote achten und befolgen. Gott gibt einem jeden, was er verdient.

Du verstehst dich als gläubig, sagst, ich gehör zu Jesus, hab mich bekehrt, ist doch alles okay. Deine Beziehung zu Gott ist aber keine Liebesbeziehung. Es ist eine Rechtsbeziehung. Sie fußt auf den Kategorien von Lohn und Strafe. Gott wird mich strafen, wenn ich sündige, er wird mich belohnen, wenn ich treu bleibe im Glauben.

So wie der durchschnittliche Nichtchrist auch in rechtlichen Kategorien von Gott denkt. Der lehnte den Glauben ab und sagt sich: Also ich kann mir einen Gott nicht vorstellen, der über allem waltet. Aber wenn es ihn doch geben sollte, so wird er mich nicht strafen, denn ich habe mich stets bemüht, anständig zu leben.

Nun bist du vielleicht weiter, du hast Gottes Vergebung in Jesus erfahren, du hast ein Ziel bekommen für dein Leben. Aber die lebendige Beziehung zu Gott ist nicht wie sie sein sollte eine Beziehung der Liebe, wo du immer mehr mit ihm in Verbindung trittst und ihn immer besser kennen lernst. Sondern es ist geblieben eine Rechtsbeziehung, nur unter andern Vorzeichen.

Du bemühst dich das Rechte zu tun, aber nicht um deinem Herrn eine Freude zu machen, sondern aus dem Pflichtgefühl heraus, Gott verlangt es ja, da muß ich mich halt anstrengen. Du meidest das Böse, aber nicht weil du Gott traurig machst, wenn du falsche Wege gehst. Sondern aus der Furcht, Gott könnte es mir heimzahlen, wenn ich sündige.

Johannes dagegen schreibt: „Furcht ist nicht in der Liebe. Sondern die vollkommene Liebe treibt die Furcht aus. Denn die Furcht rechnet mit Strafe. Laßt uns lieben, denn er hat uns zuerst geliebt.“

Wenn Johannes also betont, dass mehr Liebe unter uns, in uns sein müsse, dann meint er nicht: Du musst noch mehr tätig sein sozial, du mußt dir mehr Freundlichkeit abringen zu Geschwistern, dir dir unsympathisch sind. Er wünscht sich vielmehr, dass Gottes Geist, der heilige Geist, in uns mehr bewirkt. Damit uns Jesus, der Gekreuzigte größer wird, wichtiger wird. Uns im innersten bewegt.

Allein darum geht es. Gottes Liebe trifft. Mitten in dein Herz will sie treffen. Jesus will da regieren. Er allein kann dich wandeln zu jemand, den andere liebenswert finden. Der die Kraft und Geduld aufbringt, Gottes Liebe in diese Welt zu tragen. Zu jemand, der von diesem einen Ziel ergriffen ist: „Ich will, anstatt an mich zu denken, ins Meer der Liebe mich versenken.“ Amen.

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