Beharrlich beten

Predigt für den 1.Sonntag nach Trinitatis, den 29.Mai 2016

Text: 1.Mose 18,16-33 – Predigtreihe 2 nach der Perikopenrevision

 

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen.

Liebe Gemeinde!

In Leipzig ist bis heute einschließlich noch Katholikentag. Haben Sie gehört, wie schwer dieses Christentreffen diesmal zu organisieren war? Soviel Ablehnung schlug den Organisatoren entgegen. Und ebenso viel Ablehnung bekommen die Christen in Leipzig jetzt aktuell zu spüren.

Eigentlich rühmt sich Leipzig mit seiner langen Messetradition, dass sie gastfreundlich und weltoffen wären. Aber jetzt fanden sich viel zu wenige Gastgeber, die ein Bett für die Gäste aus aller Welt angeboten haben.

In Leipzig leben nur 20 Prozent getaufte Menschen. Die meisten Bewohnerinnen und Bewohner von Leipzig sind sehr skeptisch gegenüber jeglicher Religion.

Es gab im Vorfeld des Katholikentages viele Diskussionen darüber, dass die Stadt diese christliche Großveranstaltung nicht unterstützen sollte. Heute morgen parallel zum großen Schlussgottesdienst soll es sogar eine Gegenveranstaltung geben.

Mich erschreckt das, wie sehr der christliche Glaube heute in Frage gestellt und angegriffen wird. Ich bin mir aber sicher, dass die Christen in Leipzig und anderswo viel für die Stadt beten werden. Und ich vertraue darauf, dass das etwas in den Köpfen und Herzen der Menschen in Leipzig verändern wird.

Mein Vertrauen wird gestärkt durch den heutigen Predigttext. Er steht im 1.Buch Mose im 18. Kapitel, 16-33: lesen

Wie ein orientalischer Basar mutet diese Szene an. Wie ein Handel um einen Gegenstand oder um ein Stück Vieh. Dabei geht es um Grundlegendes. Es geht um die beiden Städte Sodom und Gomorrah. Sie sollen vernichtet werden. So hat Gott es vorgesehen, weil die Menschen in dieser Stadt nicht nach Gottes Willen leben.

Bewegen wir uns einmal aus dieser Geschichte heraus und betrachten sie von Ferne. Dann nützt uns vielleicht die wissenschaftliche Sicht, dass die Erzählung eine Ätiologie ist. Sie soll erklären, wie es dazu kam, dass die Städte zerstört wurden. Und so kam es zu der Begründung: Sie wurden eben zerstört, weil das ein Gottesurteil über die bösen Menschen war.

So weit die Sicht von außen.

Jetzt begeben wir uns wieder in die Geschichte hinein. Wir sehen das beeindruckende Handeln Abrahams mit Gott: Wenn noch 50 Gerechte in der Stadt sind, willst du die wirklich umbringen? 45 Gerechte? Dreißig Gerechte? Zwanzig? Zehn?

In geradezu frecher Weise spricht Abraham Gott auf seine eigenen, von ihm gesetzten Grundordnungen an. Er fügt sich nicht demütig in sein Schicksal und genau so wenig in das Schicksal anderer Menschen.

Der Anlass dafür ist, dass Lot in der Stadt ist, sein Neffe. Als er hört, dass Sodom und Gomorrha zerstört werden sollen, hat er Angst um seinen Verwandten. Deswegen setzt er sich so sehr ein. Er kämpft für Lot und für die Stadt.

Heute wird uns Abrahams Verhandeln mit Gott als Vorbild hingestellt.  Sein konsequenter Einsatz für die Menschen wird zum Beispiel für Feindesliebe. Denn Abraham spricht sich ja auch für die Menschen aus, die es der Geschichte nach zu urteilen gar nicht verdient haben.

Für jede Woche gibt es ja einen Wochenspruch aus der Bibel. Oft ist dieser Spruch auch so etwas wie eine Zusammenfassung des Sonntagsthemas und manchmal auch eine Zusammenfassung der Predigt.

Interessanterweise ist in der neuen Perikopenordnung auch ein neuer Wochenspruch für diesen Sonntag ausgesucht worden. Er heißt: Wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott.

Gemeint ist also, dass Abrahams Verhandeln mit Gott ein Zeichen der Liebe ist. Es wird nicht gesagt: So kann man doch nicht mit Gott reden. Das ist unverschämt, forsch. Er müsste sich Gottes Willen unterordnen und es hinnehmen.

Sondern im Grunde genommen wird gesagt: Nehmt euch mal ein Beispiel an Abraham und liegt Gott in den Ohren, wenn ihr anderen etwas Gutes tun wollt. Lebt in der Liebe und setzt euch für andere ein, auch und gerade vor Gott!

In einer Reihe für den Kindergottesdienst ist diese Geschichte von Abraham auch vorgesehen. Dort heißt die Überschrift „Ganz schön frech- ganz schön mutig“. Damit wird uns vermittelt: Ihr könnt euch an Gott wenden. Ihr könnt ihm alles sagen, auch wenn die Lage aussichtslos zu sein scheint. Ihr könnt mit Gott reden. Ihr könnt zu ihm beten. Er hört euch zu. Er will für euch da sein. Er hilft euch. Seid so mutig, eure Bitten vor ihm auszusprechen- auch wenn euch das ganz schön forsch vorkommt. Wagt es ruhig, eure Träume Gott anzuvertrauen. Habt das Vertrauen, dass sich durch Gott etwas ändern kann. Ihr sollt nicht resignieren.

Schaut, wie Abraham es macht. Er ist beharrlich und erwartet alles von Gott. Nicht für sich, sondern für andere.

Die Sache ist die, dass Sodom und Gomorra nachher doch zerstört werden. Lot und seine Töchter können fliehen. In diesem Zusammenhang steht in der Bibel: Gott gedachte an Abraham und leitete Lot aus den Städten, die er zerstörte. Allerdings: Lots Frau dreht sich um und erstarrte zur Salzsäule.

Ich finde: Es bleibt ein bitterer Beigeschmack. Gott hat das Gebet erhört, das Abraham für seinen Neffen Lot gesprochen hat. Lot überlebt. Aber die Städte werden vernichtet mit allen Bewohnern.

Darüber kann man doch nicht so ganz glücklich sein. Es bleibt ein ungutes Gefühl. Die Frage nach der Gerechtigkeit. Auch die Frage nach Gottes Gerechtigkeit. Wie gehen Gottes Wege?

Eigentlich entspricht Abrahams Erfahrung auch unserer Erfahrung. Wir haben Wünsche und Träume. Wir sehnen uns nach Gerechtigkeit, nach Liebe und Frieden. Wir beten zu Gott. Und manche Gebete werden erhört, andere nicht. Manches wird gut, anderes nicht. Wir wissen nicht, welchen Sinn manches hat, was wir erleben.

Die Geschichte von Abraham sagt uns: Bei allen Zweifeln und bei allen Fragen haltet fest an Gott. Setzt auf ihn! Vertraut ihm! Und eben nicht nur für euch selbst, sondern für die Menschen, die euch lieb sind und auch für andere. So hat Abraham ja auch für die Menschen gebetet, die nach seiner Meinung böse und ungerecht waren. Wir können uns von Abraham dazu anregen und bewegen lassen, dass wir zu Gott beten für unsere Umgebung, für unseren Ort, unser Land, für die Welt. Im Sinne von Gottes Liebe können wir beten um gute Gemeinschaft, um Gesundheit, Arbeit und Wohlergehen, um Gerechtigkeit für uns, aber gerade auch für andere. Amen.

 

 

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