Alltagsliebe

Liebe ist ein Grundpfeiler christlicher Verkündigung, aber was ist Liebe und wie lebe ich sie?

Liebe ist nicht einfach ein Gefühl. Sie ist eher eine Lebenseinstellung.

Es gibt wichtige Texte zum Thema Liebe in der Bibel. Einer, der fast allen bekannt ist, ist unser heutiger Predigttext:

16b Gott ist die Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm. 17 Darin ist die Liebe bei uns vollkommen, dass wir Zuversicht haben am Tag des Gerichts; denn wie er ist, so sind auch wir in dieser Welt. 18 Furcht ist nicht in der Liebe, sondern die vollkommene Liebe treibt die Furcht aus; denn die Furcht rechnet mit Strafe. Wer sich aber fürchtet, der ist nicht vollkommen in der Liebe. 19 Lasst uns lieben, denn er hat uns zuerst geliebt. 20 Wenn jemand spricht: Ich liebe Gott, und hasst seinen Bruder, der ist ein Lügner. Denn wer seinen Bruder nicht liebt, den er sieht, der kann nicht Gott lieben, den er nicht sieht. 21 Und dies Gebot haben wir von ihm, dass, wer Gott liebt, dass der auch seinen Bruder liebe.

Es fällt auf, dass Gottesfurcht, die vielen so heilig scheint, nicht in der Liebe ist. Zumindest wird das nicht ausdrücklich ausgenommen: Furcht ist nicht in der Liebe.

Menschen erzählen mir mitunter das Gegenteil. Sie erzählen von Verlustängsten. Und das meint nicht nur Eifersucht. Das meint auch Eltern, die Angst haben, wenn ihre Kinder ausziehen. Was soll denn dann aus der Liebe werden? Menschen, die Angst haben hintergangen zu werden.

Ich denke auch Johannes weiß, dass es solche Ängste rund um die Liebe gibt. Und trotzdem ist er sich sicher, dass sie nicht zu Liebe dazugehören, nicht zum Wesensbestandteil. Wer wirklich liebt, kann auch freigeben, wird nicht klammern, hat auch keine Angst vor Strafe.

Aber zu solcher Liebe muss man erst einmal kommen – und Johannes will uns einladen, ihm auf dem Weg zur wirklichen Liebe zu folgen.

Liebe als Lebenseinstellung. Daran muss ich wohl mein Leben lang arbeiten. Das betrifft die Liebe in der Ehe, in der Familie. Das betrifft auch die Liebe zu denen, die mich brauchen.

Symptomatisch für die Liebe ist die Geschichte vom barmherzigen Samariter. Jesus erzählt sie, weil er gefragt wird, wer denn mein Nächster ist, also um wen es geht bei der Liebe. Und das ist der Mensch, der unter die Räuber gefallen ist und am Wegesrand liegt und jemanden braucht, der für ihn da ist.

Gottes Liebe und menschliche Resonanz stehen hier in Spannung. Beide gehören zusammen, aber wir spüren, dass es uns selten gelingt auf Gottes Liebe in angemessener Weise zu reagieren. Manchmal müssen wir uns wohl auch fragen: Wollen wir überhaupt eine angemessene Antwort auf die Liebe Gottes finden, oder sind wir da eher wie trotzige Kinder, die sich die Liebe der Eltern zwar gerne gefallen lassen, aber trotzdem machen, was sie wollen,  und was die Eltern ärgert.

Liebe kann die Überschrift über unser Leben sein. Wenn wir das wollen.

Dann erkennen wir die Liebe Gottes und versuchen mit unserem Leben, ihr zu entsprechen. Das wird vermutlich nicht immer gelingen, aber wenn wir uns erst einmal auf einen guten Weg begeben, werden wir unterwegs wachsen in der Liebe.

Das TV-Programm ist voller Liebesfilme. Kitsch mit vorhersehbarem Ausgang. Vielleicht gerade deswegen so beliebt. Wir wünschen uns eine Gesellschaft, in der vorurteilsfrei geliebt wird und die Machenschaften derer, die Liebe zerstören wollen, mit Einfallsreichtum ausgehebelt werden. Wir wünschen dieses und erleben eine andere Realität. Aber Träume können ja vielleicht Berge versetzen.

Liebe kann Furcht besiegen. Aus Liebe wagen wir Aktionen, zu denen wir sonst zu feig wären. Viele Lebensrettungen beginnen damit, dass jemand nicht nur Not sieht, sondern auch eigene Sicherheitsbedenken hintenan schiebt. Nicht nur in den Kitschfilmen.

Furchtlosigkeit wird bekanntlich leicht zum Übermut. Die Liebe muss Leitmotiv bleiben. Nicht Furcht an sich ist schlecht. Im Gegenteil: Furcht kann Menschenleben retten und Furcht kann dazu führen, dass wir besser aufeinander Acht haben. Aber Furcht ohne Liebe wird schnell zur Panik. Erst die Liebe macht Furcht zu etwas Wertvollem, erst die Liebe macht unser Leben wertvoll.

Mit der christlichen Liebe ist es wie mit der Liebe insgesamt: Alltag ist der Ort, an dem sie lebt und sich bewährt. Eine tolle Hochzeit mit allem Schnickschnack, mit Stehgeiger und Pferdekutsche, mit Stretchlimousine und Band ist schön, aber sie ist nur ein Fest auf dem Wege – und der Weg ist das Ziel, nicht das Fest. Im Alltag unseres Lebens werden wir immer wieder spüren, was unsere Liebessschwüre wert sind und im Alltag unseres Lebens werden wir immer wieder die Grenzen unserer Fähigkeiten zu Lieben spüren. Wir spüren, dass wir nicht immer können, wie wir wollen. Wir spüren, dass es auch in uns Widerstand dagegen gibt, die Liebe zu leben. Wir sind Teil all dessen, was Liebe zerstört im mitmenschlichen Leben. Wir stehen manchmal der Liebe im Weg. Unserer eigenen Fähigkeit, andere zu lieben, wie auch den Angeboten anderer Menschen mit ihrer Liebe.

Kitsch ist Teil der Liebe. Kitsch wird gebraucht, wo Liebe leben soll. Aber Liebe ist kein Kitsch. Sie ist Wirklichkeit. Sie will gelebt werden. Aber der Kitsch in den Familien und der Kirche und in unserem Gemüt können uns helfen zu träumen von einer Welt, in der Liebe lebendig ist.

Und das ist glaube ich entscheidend, dass wir die Liebe suchen in unserem Leben, bei uns und in der Art wie uns Schwestern und Brüder begegnen. Dass wir die Liebe versuchen zu leben – auch gegen Widerstände, innere und äußere. Und dass wir uns nicht deprimieren lassen von Fehlschlägen, sondern Mut holen bei Situationen, die gelungen sind, wo wir Liebe erfahren haben oder Liebe erfahrbar machen konnten.

Und dass wir in Allem, was ist, vertrauen auf Gottes Geist, der immer wieder neu in uns das Feuer der Liebe entzündet. Wir müssen dieses Feuer nur brennen lassen in uns und in anderen. Und dann wird ein Segen daraus.

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