Von der anderen Sicht auf die Dinge

Ach weißt du, ich komme auch ohne Gott ganz gut zurecht…“

Das hatte er im Gespräch schon oft gesagt. Und allem Anschein nach war er ganz zufrieden. Er war erfolgreicher Akademiker in gut bezahlter und sicherer Stellung, glücklich verheiratet, so schien es jedenfalls, und hatte zwei entzückende Kinder, die allen nur Freude machten. Er war stolz auf das, was er erreicht hatte. Er hatte eine klare Vorstellung von der Welt und von seinem Leben, war politisch  engagiert, stand also mit beiden Beinen fest im Leben.

Wozu also brauchte er Gott? Er kam offensichtlich alleine gut zurande!

Sein Freund seit Kindertagen, war dann immer sprachlos. Er war in der Kirchengemeinde groß geworden, war über die Jungschar oder Christenlehre in eine lebendige und engagierte junge Gemeinde gekommen, sie hatten sich für Projekte in der einen Welt, für Umweltfragen, aber für auch für friedensethische Anliegen engagiert, das gottesdienstliche Leben der Gemeinde mitgestaltet und ihm war der Glaube immer selbstverständlicher Begleiter. Sein Lebensweg war sicher nicht so reibungslos und glatt verlaufen wie der seines Freundes.

Sein Familie war immer in gewisser Weise das Problem. Er kam nicht nur aus bescheidenen Verhältnissen, das wäre ja keine Schande, die Beziehung seiner Eltern war gescheitert, dieses Los teilte er mit vielen Gleichaltrigen, nein viele unbearbeitete Konflikte, Streit und Auseinandersetzungen, Erfahrungen von Scheitern und Ohnmacht angesichts dieser Hilflosigkeit der Generation, die ihm doch eigentlich auf dem Weg ins Leben beistehen sollte, forderten ihn früh und ließen ihn sehr früh erwachsen werden. Halt und festen Boden unter den Füßen gab ihm der Glaube an Gott. Ihn beschäftigte gar nicht so sehr die Frage „warum“ als vielmehr die Erfahrung: „in meinen Augen bist du – so wie du bist – unendlich wertvoll.“ Das musste er sich nicht verdienen, darum musste er nicht kämpfen, dass konnte er auch nicht durch einen dummen Zufall oder einen unvorhersehbaren Schicksalsschlag verlieren, das war ihm tief ins Herz gelegt und hatte dort Wurzeln geschlagen: ein Grundvertrauen ins Leben, ein Grundvertrauen in die Quelle allen Lebens.

Das wusste der Schulfreund natürlich. Dazu kannte sie sich ja lang genug. Aber der Hinweis, dass dann der Glaube etwas für die Benachteiligten und Zukurzgekommenen im Leben sei, war ägerlich und belastete ihn. Er hätte gerne sein Gottvertrauen mit ihm geteilt, so wie sie als gute Freunde vieles an Erfahrungen und Erinnerungen von der ersten Liebe bis zu den tiefsten Enttäuschungen miteinander geteilt hatte und immer noch teilen. Er wünschte seinem Freund, dass er nie in so eine Situation käme, wo er solchen Glauben dringend bräuchte. Aber wer kann sich dessen schon sicher sein?

Irgendwann und irgendwo kommt jeder in die Verlegenheit die Frage nach Gott, die Frage nach dem Leben, die Frage nach dem Sinn und nach der Zukunft, also all die Fragen gewissermaßen mit Ewigkeitswert, die Fragen nach dem „Mehr als alles“ zu stellen.

Bert Brecht hat die berühmten Geschichten von Herrn Keuner aufgeschrieben. Eine geht so:

Einer fragte Herrn K., ob es einen Gott gäbe. Herr K.

sagte: »Ich rate dir, nachzudenken, ob dein Verhalten je

nach der Antwort auf diese Frage sich ändern würde.

Würde es sich nicht ändern, dann können wir die Frage

fallenlassen. Würde es sich ändern, dann kann ich dir

wenigstens noch so weit behilflich sein, daß ich dir

sage, du hast dich schon entschieden: Du brauchst einen Gott

Ich kann sie natürlich bissig und mit Spott lesen,also deutlich religionskritisch: wenn der Glaube wenigstens dafür sorgt, dass du ein besserer Mensch wirst, dann ist es ja gut. Dann taugt er wenigstens etwas.

Vielleicht bricht sich aber auch heimlich die Erkenntnis Bahn, dass wir Menschen uns mit Veränderungen aus eigener Kraft, mit Perspektivwechseln, die wir vornehmen und die die Verhältnisse und Leben ändern, schwer tun und sie entweder von außen aufgenötigt bekommen gegen unseren Willen, oder wir von außen eine Kraft erfahren, die uns Mut und Entschlossenheit gibt, Dinge beim Namen zu nennen und zu ändern, in der Sprache der Bibel „Buße zu tun“.

Ich glaube die andere Sicht auf die Verhältnisse, auf Gott und deshalb auf die Welt ist der tiefe Sinn dieses uns verloren gegangenen Trinitatisfestes, das wir heute eine Woche nach Pfingsten begehen. Wir glauben an den einen Gott: Vater, Sohn und Heiliger Geist. Und das verändert unsere Sicht und Wahrnehmung entscheidend.

Wir feiern ein Geheimnis tief in Gott verborgen, dass uns ein neues Verstehen der Welt und unseres Lebens ermöglicht und am Ende wie den Apostel Paulus erstaunt ausrufen lässt:

Welch eine Tiefe des Reichtums, beides, der Weisheit und der Erkenntnis Gottes! Wie unbegreiflich sind seine Gerichte und unerforschlich seine Wege! Denn »wer hat des Herrn Sinn erkannt, oder wer ist sein Ratgeber gewesen«? (Jesaja 40,13)

Oder »wer hat ihm etwas zuvor gegeben, dass Gott es ihm vergelten müsste«? (Hiob 41,3) Denn von ihm und durch ihn und zu ihm sind alle Dinge. Ihm sei Ehre in Ewigkeit! Amen.

Das Geheimnis Gottes als Schatz in seinem Herzen zu tragen ist ein unbezahlbares Geschenk und ist ein wunderbar anderer Blick auf das Leben und die Welt, ist fester Boden unter den Füssen, wenn alles ins Wanken gerät, ist Richtschnur im Leben, wenn eigentlich keiner mehr weiß, wo es langgeht. Die Frage nach den Werten, die uns ausmachen, ist längst beantwortet. Bedroht sind diese Werte erst, wenn wir sie links liegen lassen, sie uns nichts mehr wert sind. Die Tiefe des Reichtums, der Weisheit und der Erkenntnis Gottes , also den Glauben an Vater, Sohn und Heiligen Geist, kann man vielleicht für meine beiden Freunde und für uns so beschreiben:

Gott ist so viel größer als wir uns vorstellen können. Deswegen gibt es so viele verschiedene Vorstellungen von ihm unter Menschen. Und er hat so ganz unterschiedliche Weisen, sich zu zeigen, zu wirken und Menschen zu begegnen.

Im Frühling sehe ich das Erwachen der Natur und bin beeindruckt von der Schönheit der Schöpfung. Ich kann mit allen Sinnen wahrnehmen, wie wunderbar das Leben ist und komme aus dem Staunen wie von allein zum Schöpfungslob. Deshalb reden übrigens nicht nur Glaubende von der Schöpfung, sondern eigentlich alle Staunenden, weil sie von den Wundern des Lebens überwältigt werden. Darin zeigt sich den Glaubenden aber Gott. Ihm gilt unser Staunen, das zum Loben und Danken wird.

Weil diese Welt aber auch bedroht und bedrohlich ist, weil das Leben nicht nur Loben, sondern auch Klagen, nicht nur Geboren werden, sondern auch Sterben, nicht nur Gelingen , sondern auch Scheitern kennt, weil Angst sich breit machen und Dunkelheit unsere Herzen gefangen nehmen kann, fragen wir manchmal, wo Gott denn auf den Schattenseiten des Lebens bleibt und finden Trost bei dem, der das Leben geliebt, gefeiert und am Ende den bitteren Tod durchlitten hat, um dann zu neuem verwandelten Leben aufzustehen. Und dann können wir uns daran festhalten und aufrichten, dass Gott ein Freund und Liebhaber des Lebens ist und deswegen der Dunkelheit und dem Tod nicht das letzte Wort überlässt. Wer fragt: sag mir, wie Gott ist, dem kann ich die Geschichten des menschgewordenen Gottessohnes erzählen, denn Gott hat sich ja mit seinem menschlichen und menschenfreundlichen Gesicht längst allen, die es sehen wollen, gezeigt.

Und das die Erinnerung daran bis heute lebendig ist, dass Menschen Feuer und Flamme für Jesus und seine Sache sein können, dass die, zarte Pflanze Glauben im Leben wächst und bei allem Wandel trägt, dass Menschen sich verbunden fühlen und Grenzen mit einem Mal keine Rolle mehr spielen müssen, dass Menschen Mut finden, jedem Ungeist zu widerstehen und für ihre Überzeugung einzustehen, oft genug mit ihrem Leben, das Mut zur Versöhnung kein frommer Wunsch, sondern gelebte Praxis ist, dass Sehnsucht nach Gerechtigkeit und Frieden immer neu entfacht wird, dass wir uns über die Grenzen des Lebens hinaus nach Ewigkeit ausstrecken und erwarten, dass Gott nicht in Vergessenheit gerät, sondern auf wunderbare Weise sich immer wieder in Erinnerung bringt, dass Trost gelingt, obwohl uns die Worte fehlen und Liebe zwischen Menschen entflammt, dass alles ist das Wunder des Geistes mitten unter uns und in uns.

Es mag ja sein, dass viele ganz ohne gut ohne Gott meinen zu recht zu kommen, ich möchte diesen Reichtum des Glaubens und diese Perspektive auf das Leben nicht missen und fühle mich durch meinen Glauben unendlich reich beschenkt. Deswegen stimme ich ein, mein guter Freund Paulus: Ihm, Gott, sei Ehre in Ewigkeit: Denn von ihm und durch ihn und zu ihm sind alle Dinge.

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