Wer ist dieser Gott?

Wer ist dieser Gott, mit dem wir Gottesdienste feiern, dieser Gott, dem unsere Gebete gelten und dieser Gott, zu dem wir gehören.

Können wir das immer so genau benennen. Oder liegt ein Problem im Umgang mit dem Islam nicht darin, dass ChristInnen immer kleinlauter werden, wenn sie von ihrem Glauben erzählen sollen, wenn sie sagen wollen, warum ihnen christliche Kirchen, christliche Gemeinde wichtig sind.

Ich glaube tatsächlich, dass dieses kleinlaute Auftreten zur christlichen Wesensart gehört. Jedenfalls geht es schon Paulus so, wenn er in seinem Brief an die Gemeinde in Rom versucht, die Größe Gottes zu beschreiben:

33 O welch eine Tiefe des Reichtums, beides, der Weisheit und der Erkenntnis Gottes! Wie unbegreiflich sind seine Gerichte und unerforschlich seine Wege! 34 Denn »wer hat des Herrn Sinn erkannt, oder wer ist sein Ratgeber gewesen«? (Jesaja 40,13) 35 Oder »wer hat ihm etwas zuvor gegeben, dass Gott es ihm vergelten müsste«? (Hiob 41,3) 36 Denn von ihm und durch ihn und zu ihm sind alle Dinge. Ihm sei Ehre in Ewigkeit! Amen.

Paulus erzählt von seinem unbändigen Staunen. Er kriegt den Mund nicht mehr zu, weil er die Größe Gottes überhaupt nicht erkennen kann und noch viel weniger beschreiben kann. Er kann nur schauen, aber er kann weder beschreiben, was er schaut noch kann er ausdrücken, was sein Glaube wirklich ist.

Er sieht nur die Größe Gottes und die Schönheit seiner Schöpfung. Und er sieht die Menschen, er sieht sich selber und weiß nicht, wie das Ganze zusammengehört.

Wer ist dieser Gott, dass er sich den Menschen erwählt. Den Menschen, der Kriege führt, der andere Menschen quält, die Schöpfung, die Gott ihm anvertraut hat, versaut. Wer könnte Gott nur im Ernst zu solch einem Blödsinn geraten haben. Und Paulus erkennt mit Staunen die Güte Gottes, der ihn gerettet hat, obwohl er die Gemeinde Gottes verfolgt hat, und ihn zu einem, wertvollen Baustein in seiner Gemeinde gemacht hat und darum: O welch eine Tiefe des Reichtums.

Ich weiß, dass ich nichts weiß, hat Sokrates gesagt und sagt hier im Grunde auch Paulus. Er sieht, dass er nicht genug Verstand hat, die Liebe und Zuwendung Gottes zu begreifen. Er weiß, dass er mit seinen Möglichkeiten an Grenzen stößt, wenn es darum geht, Gott zu verstehen. Und erspürt, dass sein Verstand ihn zwar zu Vielem befähigt, aber dass er nicht reicht, um die Wunder Gottes und seiner Schöpfung zu erkunden.

Es geht ihm wie dem Liederdichter Gerhard Tersteegen vor knapp 300 Jahren, der nur staunend dichten konnte, was wir vorhin gesungen haben: Gott ist gegenwärtig – lasset uns anbeten.

Der Sonntag Trinitatis versucht davon zu erzählen mit uralten Bildern und verwendet das Bild der Trinität. Gott als Vater, Sohn und Heiliger Geist. An diesem Bild haben sich Generationen festgebissen. Was denn nun ein Gott oder drei Götter. Oder ein Gott, der in verschiedenen Gestalten auftritt, wie manchmal ein Schauspieler im Theater?

Ich glaube wir dürfen nicht unsere Vorstellungen nicht einfach so, auf Gott übertragen, als wäre er auch ein Mensch. Es ist zwar so, dass Menschen Bild Gottes sind, aber eben nicht umgekehrt. Der Mensch in all seiner Beschränktheit versucht, Gott zu beschreiben; und die Trinität ist ein wertvolles Bild, weil sie klar macht: Gott ist nicht einfach, sondern er hat vielfältige Perspektiven. Er kann uns auf vielfältige Art und Weise begegnen. Aber das macht es eben manchmal auch schwierig von diesem Gott zu erzählen, zu beschreiben, wer er ist.

Und wir können mit unseren begrenzten Möglichkeiten nur versuchen, das Unbegrenzte zu verstehen, zu erfassen.

Und da ist dann hilfreich, wenn wir Bilder von Gott malen, wie er zu den Menschen  kommt in Gestalt des Vaters und Schöpfers, in Gestalt des Sohnes, der Menschen in sein reich ruft und in Gestalt des Geistes, der die Gemeinde begleitet, dort lebendig ist, wo Menschen auf das Wort Gottes hören, Gemeinschaft halten und beten.

Paulus staunt darüber, dass Gott sich selbst nicht genug ist, sondern sich in seiner Macht und Vollkommenheit an den Menschen bindet, der doch so begrenzt ist.

Und wir dürfen heute genauso staunen, dass Gott sich an uns bindet, obwohl er uns nun wirklich nicht nötig hat – und wir dürfen staunen über die Schöpfung, die Gott uns anvertraut hat, wie  Paul Gerhardt es schon in seinem schönen Lied getan hat: Geh aus mein Herz und suche Freud (503)

Dem geht es ja wohl zu gut, meinen Manche. Der hat ja wohl keine Ahnung von Katastrophen, von CO2 und Umweltverschmutzung, von Flugzeugabstürzen und Kriegen. Der kennt keine Flüchtlingskatastrophen und atomare Bedrohungen

Da haben sie ja Recht: Mit manchen unserer selbst fabrizierten Katastrophen wusste Paul Gerhardt wirklich nichts anzufangen. Dafür hat er den 30-jährigen Krieg erlebt. Hat Leid und Tod in der eigenen Familie erlebt, vieles ertragen. Trotzdem hätte er wahrscheinlich gesagt: Mir geht es gut.

Und manche unserer Katastrophen waren so oder so ähnlich auch damals bekannt. Und er persönlich hat Leid erfahren, Bedrohung erlebt.

Und gerade deswegen geht er mit offenen Augen durch die Welt, die grausam verwüstet ist. Er sieht, wie die Natur im Frühling erwacht. Er nimmt Blumen und Tiere wahr, sieht wie sich ein neuer grün-bunter Teppich über verwüstete Landschaften legt und kann nur noch staunen. Wenn Gott die Natur schon so üppig ausgestattet hat, ihr so großzügig immer aufs Neue Leben einhaucht, um wie viel mehr sollte er nicht immer wieder aufs Neue für uns Menschen da sein, uns neuen Grund zur Hoffnung schenken, unserem Leben immer wieder neu Grund unter die Füße geben.

Und aus diesem Gottvertrauen heraus kann er nur noch singen von dieser Welt, die Gott so großartig geschaffen hat. Kann staunen wie Paulus staunt über diesen Gott, der trotz allem bei den Menschen bleibt. Und er kann Dank sagen, weil Gott seine Welt nicht im Stich lässt, auch dann, wenn Menschen versuchen, sie kaputt zu machen.

Mit diesem Vertrauen und dieser Hoffnung kann er für sich die Depression des 30-jährigen Kriegs überwinden. Vielleicht hilft er uns auch, unsere Depressionen angesichts des Zustandes der Welt, in der wir leben, zu überwinden. Und darum wollen wir aus diesem Lied nun singen: 503,1-3+13+14 Geh aus, mein Herz, und suche Freud.

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