Von heiliger Unruhe und anderen pfingstlichen Erscheinungen

Es war seine erste Pfarrstelle.Und er freute sich, dass er in einer Kleinstadt mit einem, wenn auch älteren, Pfarrkollegen und einem Team von Mitarbeitern würde arbeiten können. Voller Elan wollte er für den Glauben begeistern, wollte junge Familien erreichen, Jugendlichen Lust auf Kirche machen, fröhliche und moderne Gottesdienste feiern und ausprobieren, was ihm auf seinem Weg ins Pfarramt alles an innovativen Ideen begegnet ist.

Und es gab in seiner Gemeinde genügend Anknüpfungspunkte: fast fünfzig Kinder konnten wöchentlich in der Christenlehre begrüßt werden.

Im Jugendkeller gab es eine Junge Gemeinde, die sich zu besonderen Anlässen auch in der Gemeinde tatkräftig einbrachte, organisierte, aufbaute, und ansonsten ein fröhliches Eigenleben in den Jugendräumen führte.

Es gab eine große kirchenmusikalische Arbeit: Kinderchor, Kantorei, Bläser, Flötenkinder, Volksliedersingen, Gospelchor und viele Konzerte in der Kirche mit großer Ausstrahlung in der Öffentlichkeit fanden sich im Flyer der Kantorei.

Und der Gemeindebrief verriet: man traf sich auch in einem Bibelkreis, in der Frauenhilfe, junge Mütter hatten ein Erzählcafe…und noch vieles mehr!

Von der wunderbar sanierten Stadtkirche schwärmten alle Besucher.

Aber dann kam die Ernüchterung im Alltag:

Die Eltern der Christenlehrekinder waren zu nicht mehr zu motivieren, als ihre Kinder von A nach B zu fahren. Die Erwachsenen, brauchten nach eigener Überzeugung momentan keine Kirche; es reichte, wenn die Kinder frühkindliche religiöse Erziehung genossen. Fußball, Ballett, Reiten oder andere Freizeitbeschäftigungen waren zu oft aus der Perspektive der Eltern für ihre Kinder wichtiger. Er nahm das sehr genau wahr, aber darüber zu reden, erschien wie ein Erweis beruflichen Versagens mangels Begeisterungsfähigkeit. Wo blieb da der Heilige Geist?

Misstrauisch schauten alle: wer, und gemeint war nicht der Heilige Geist, hat denn die größte Mobilisierungsrate: die Kirchenmusik, die Arbeit mit Kindern, die Jugendlichen? Statt dessen wurde gezählt, wer mehr tauft, traut und beerdigt.

Als die ersten Flüchtlinge im letzten Jahr in der Gemeinde auftauchten , als von Abschiebung bedrohte Afghanen und Iraker um Hilfe baten, kam es zu deutlichen Spannungen. Sollte man Kirchenasyl gewähren? Kann die Kirche hier Sonderrechte geltend machen, gebietet die Menschlichkeit auch Widerstand gegen die Entscheidungen eines demokratischen Rechtsstaates. Grundsätzliche und politische Unterschiede brachen auf.

Weil dann auch noch die Gottesdienste sehr unterschiedlich besucht wurden, gab es plötzlich gute theologische Gründe, im Gemeindebrief nicht mehr zu schreiben, wer den nächsten Gottesdienst leitet. Es geht doch allein um Gottes Wort, oder?

Lauter Diskussionen über das, was man schon alles versucht hatte oder was auf gar keinen Fall aus guten Gründen gerade hier an diesem Ort mit dieser Geschichte nicht sein durfte, endeten in der Sackgasse.

Es war eine Gemeinde, in der ( auch ) der Geist der Missgunst, der Eifersucht und der gekränkten Eitelkeiten zu Hause war. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen und real existierenden Gemeinden sind natürlich rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Gehen wir einmal zurück in die fünfziger Jahre des ersten Jahrhunderts. In Korinth gab es eine junge christliche Gemeinde, eine kleine religiöse Splittergruppe, die man noch nicht so genau einordnen konnte. Aber es war bemerkenswert, dass Menschen aus aller Herren Länder und unterschiedlicher Stände nicht nur zum interessierten Rand der Gemeinschaft gehörten, sondern voll integriert waren. Armut oder Reichtum spielten ebensowenig eine Rolle, wie der Status als Freier oder als Sklave. Die Gemeinde wurde von einem gewissen Paulus um das Jahr 50 gegründet, der ca. anderthalb Jahre in der Stadt gelebt hatte und eigentlich Tuchmacher von Beruf war und damit seinen Lebensunterhalt bestritt. Allerdings hatten auch andere Charaktere und Persönlichkeiten Spuren hinterlassen.

Korinth war aufgrund seiner Lage und Bedeutung als Hafenstadt, auch wegen der Infrastruktur im römischen Reich, das, was man heute multikulturell nennen würde. Es gab einen intensiven kulturellen und religiösem Austausch der Völker. Es gab verschiedenste Frömmigkeiten, sehr praktisch orientierte und sehr verkopfte Menschen. Patchworkreligiosität war keine Seltenheit eher die Regel, wohin auch man auch schaute…

Und vor diesem Hintergrund schreibt dann sehr eindrücklich der Apostel: Es gibt viele verschiedene Gaben, aber es ist ein und derselbe Geist, ´der sie uns zuteilt`.

Es gibt viele verschiedene Dienste, aber es ist ein und derselbe Herr, ´der uns damit beauftragt`.

Es gibt viele verschiedene Kräfte, aber es ist ein und derselbe Gott, durch den sie alle in ´uns` allen wirksam werden.

Bei jedem zeigt sich das Wirken des Geistes ´auf eine andere Weise`, aber immer geht es um den Nutzen ´der ganzen Gemeinde`.

Dem einen wird durch den Geist die Fähigkeit geschenkt, Einsichten in Gottes Weisheit weiterzugeben. Der andere erkennt und sagt mit Hilfe desselben Geistes, was in einer bestimmten Situation zu tun ist.

Einem dritten wird – ebenfalls durch denselben Geist – ´ein besonderes Maß an` Glauben gegeben, und wieder ein anderer bekommt durch diesen einen Geist die Gabe, Kranke zu heilen.

Einer wird dazu befähigt, Wunder zu tun, ein anderer, prophetische Aussagen zu machen, wieder ein anderer, zu beurteilen, ob etwas vom Geist Gottes gewirkt ist oder nicht. Einer wird befähigt, in Sprachen zu reden, ´die von Gott eingegeben sind,` und ein anderer, das Gesagte in verständlichen Worten wiederzugeben.

Das alles ist das Werk ein und desselben Geistes, und es ist seine freie Entscheidung, welche Gabe er jedem Einzelnen zuteilt. (1.Korinther 12, 4-11  NGÜ)

Wie nun las mein junger Entsendungspfarrer dieses Gemeindeschreiben? Vielleicht so: Es ist doch wunderbar, dass es für die Generationen in einer Gemeinde so unterschiedliche und altersgerechte Angebote gibt. Die Kinder haben ihre Zeiten und ihren Orte, wo sie die Geschichten des Glaubens kennenlernen und Menschen begegnen können, die diesen Glauben leben. Noch Jahre später erzählen die Kindern von den Rüstzeiten. Sehen sie ihre Katechetin auf der Straße, winken sie fröhlich und auch in der Schule macht es immer schnell die Runde, was in der Christenlehre gerade los ist. Der Konfirmandenunterricht kann nahtlos anknüpfen an die Arbeit mit Kindern, da findet sich immer eine schon gewachsene Gruppe und auch wenn die Eltern nicht zum Gottesdienst kommen, weil sie den Sonntag Vormittag zum Ausschlafen oder für die Familie nutzen, so sind sie doch für besondere Aktionen als Helfer ansprechbar. Und an die Zeit in der jungen Gemeinde – die Gruppe will sich nicht so schnell aufgeben – denken viele gern zurück.

Mit den Gottesdiensten, die die Pfarrer jeweils eigen und auch im gleichen Formular anders feiern, werden ganz unterschiedliche Menschen angesprochen. So findet jeder etwas, der nur sucht und sich auf Vielfalt einlässt. Wie wunderbar ist das denn!

Ohne die Musik wäre das kulturelle Leben in der Stadt deutlich ärmer und nirgendwo sind so viele Nichtgemeindeglieder erreichbar wie durch Musik. So kann man auch die Bibel und ihre wunderbaren poetischen, tröstlichen, tragenden Texte kennenlernen, ohne sie zu lesen, weil man sie ja singt oder gesungen hört. Auch so wirkt der Geist Gottes, erklärt der Apostel.

Es ist noch nicht alles gut, unbestritten: verschiedene Gaben, verschiedene Kräfte, verschiedene Ämter in der Kirche können auch auseinanderlaufen.

Unterschiedliche Ansichten können manchmal schwer auszuhalten sein. So tun sich manche schwer mit den neuen, alten Gottesbildern, die die Frauenbewegung in die Rede von Gott wieder eingebracht hat: Mutter; Geistkraft, Trösterin, Quelle des Lebens, Freundin,..

Für manche ist es schwer auszuhalten, dass sich Familienbilder ändern , nicht mehr alle Paare heiraten und dennoch Kinder haben, dafür aber zwei Männer oder zwei Frauen um Gottes Segen bitten und ihre Liebe als ein Geschenk Gottes erleben; den einen ist die Kirche zu fromm, den anderen zu politisch, den einen zu links, den anderen zu weltlich.

Die einen bringen ihre Kinder zur Taufe, die anderen können das nicht akzeptieren, weil ihnen die Glaubensentscheidung fehlt, und trauen nur der Erwachsenentaufe.

Die einen Wachsen im Glauben ihrer Eltern und Großeltern auf, die anderen erleben ihr persönliches Damaskus und können Tag, Stunde und Ort benennen.

Die einen leben öffentlich sichtbar als Christen, die anderen im Verborgenen.

Die einen brauchen alte Riten und Gesänge, Weihrauch und Liturgie, Gregorianik und Gotik, die anderen eher Kirchentag und Olympiastadion, Waldgottesdienst und Taufe am See.

Die einen sind evangelisch-lutherisch, andere evangelisch-reformiert. Es gibt Baptisten und Methodisten, Pfingstler und Charismatiker und das unter Protestanten und Katholiken und bunt durcheinander.

Die einen schütteln darüber den Kopf, dass sich die Christen nicht einmal einig sein können , andere freuen sich darüber, dass der Glaube so vielfältige bunte Formen annehmen kann .

Unruhe und Leidenschaft, Bereitschaft zum inhaltlichen und sachlichen Streit, können auch das Werk des Heiligen Geistes sein, der nicht nur Heilige Ruhe und Stille verbreitet, sondern auch heilige, leidenschaftliche Unruhe wachruft. Wichtig ist, dass bei allen Unterschieden das eine Verbindende aber erfahrbar und glaubwürdig bleibt: ein Geist, ein HERR, eine Kraft, ein Gott, der da alles wirkt in allem.

Und wenn Gott alles in allem wirkt – wie verhält es sich dann Pfingsten 2016 eigentlich mit dem so unterschiedlichen Glauben der Menschen, dem Glauben der Christen, Juden und Muslime? Können wir gemeinsam glauben, hoffen, singen und beten für den Frieden und die Gerechtigkeit in dieser Welt? Oder können wir das nur nebeneinander, dann wenigstens am gleichen Ort in guter Nachbarschaft? Was wissen wir eigentlich voneinander und von unseren Weisen zu glauben? Warum haben wir Angst voreinander und lassen zu, dass der Glaube und die Angst von Menschen für allzu irdische Zwecke im Namen eines Gottes missbraucht werden?

Verbindet uns der Gottesgedanke womöglich viel stärker, als uns seine unterschiedlichen Ausprägungen und die verschiedenen Gottesbilder und –vorstellungen trennen können? Ich bin froh, dass ich manche Entscheidung Gott überlassen kann. Er ist Gott, er zeigt sich und den Seinen und er wirkt durch den Heiligen Geist, wie er will und durch den Wandel der Zeiten hindurch. Auch das ist Pfingsten!

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