Pfingsten heute: Fest der Verständigung und Kommunikation

Pfingsten in Jerusalem. Menschen aus vielen Völkern sind versammelt, Völkern, an denen sich viele die Zunge zerbrechen: Parther und Meder, aus Mesopotamien, Kappadozien, Phrygien und Pamphylien, aus Judäa, der Provinz Asien, Libyen und Rom. Die wenigsten sind Einheimische, die meisten stammen von anderswoher, aus anderen Kulturen, aus Asien, Afrika, Ägypten, dem Westen, also der Metropole Rom. Ein Sprachengewirr ist das, ein kulturelles Gemisch und auch eine Religionsvielfalt, jüdisch, christlich, viele, die sich keinem von beiden zuordnen. Der Wind der Verständigung erfaßt sie. Sie hören sich plötzlich in ihrer eigenen Muttersprache reden. Sie verstehen sich, sie werden eine Gemeinde, eine Gemeinschaft.
Der Geburtstag der Kirche ist ein Fest des Verstehens. Es überwindet die Grenzen von Herkunft, Sprache, Kultur und Religion. Die Kirche wird mit einem spontanen Fest von Verschwisterung geboren.

Menschen aus vielen Völkern sind in unserer Stadt versammelt, Menschen, an deren Sprachen wir uns die Zunge zerbrechen. Ein Sprachengewirr, ein kulturelles Gemisch und auch eine Religionsvielfalt und Konfessionsvielfalt. Plötzlich sind sie da, wie damals in Jerusalem, die Menschen aus Asien und Afrika, aus Libyen und Ägypten. Pfingsten kommt zu uns.

Und es geht wie damals um die Sprache. Sie wollen begreifen, wie wir leben. Sie würden gern Kontakt knüpfen zu Einheimischen. Sie würden auch gern mehr erzählen, was sie erlebt haben und woher sie ihre Kraft schöpfen. Doch für Sprachkurse sind die Wartelisten lang.

Wie können wir als Gemeindemitglieder Brücken bauen und Sprechen und Verstehen trainieren? Und wie können wir zugleich Brücken schlagen zu denen im Ort, die Berührungsängste haben, die sich vor allem Fremden fürchten und Menschen aus anderen Ländern ablehnen?

Zu Pfingsten in Jerusalem konnten sich die Menschen auf einmal in ihren Sprachen reden hören. Sich verstehen – das ist die Wurzel der Kirche und damit ist es zugleich ihr Auftrag. Das bleibt auch Aufgabe für Gemeinden heute.

Das Wunder von Pfingsten ist also eine Herausforderung für uns. Grenzen ziehen und Unterschiede betonen ist leicht. Auch die Kirchen haben früher eher das Trennende gesucht, haben Menschen wegen ihres Glaubens oder ihrer Lebensweise verurteilt, um ihr Glück betrogen, aus der Gemeinschaft ausgestoßen oder sogar umgebracht. Einander annehmen, Missverständnisse ausräumen, Konflikte lösen, Frieden säen – das braucht einen längeren Atem. Gottes Geistkraft verbindet Menschen und bringt sie zusammen.

So gesehen hat Pfingsten auch etwas damit zu tun, wie wir sprechen. Unsere Wörter können Klischees verstärken, sie können abwerten und ausschließen. Sprache kann Herrschaftssprache sein. Sie kann beleidigen und abwerten: Schwuchtel, Fidschi, Bimbo, Assi. Wie fühlen sich Kinder oder Erwachsene, die so tituliert werden? Sprache kann aber auch Ausgrenzung überwinden. Sie kann Menschen aus dem Schatten herausholen und deutlich machen: sie sind gemeint und nicht nur mitgemeint. Jesus hat sich als Geselle der Kinder und Frauen, der Behinderten und Verachteten zu ihnen gestellt. Er hat ihnen Licht gebracht und sie ans Licht gebracht. Er hat ihnen Würde und Ansehen gegeben und sie einbezogen. Wie sprechen wir also von ihnen? Wie werden z.B. Frauen, Behinderte, Fremde, Homosexuelle, Transmenschen in unserer Sprache sichtbar, im Alltäglichen, aber auch in unseren Bibelübersetzungen?

Pfingsten erinnert uns daran, daß wir sorgsam mit unseren Begriffen umgehen, daß wir unsere Sprache hinterfragen, unsere Worte abklopfen, ob wir mit ihnen die, die am Rand stehen, im Blick haben und mit ihnen solidarisch sind, so wie Jesus.

Pfingsten in Jerusalem. Eine Menge Leute kommt spontan zusammen, ein Menschenauflauf. In der DDR wäre das verdächtig vorgekommen und von den Ordnungskräften unterbunden worden, einige wären vielleicht sogar „zugeführt“ worden. Die Freund_innen von Jesus hatten sich kurz vorher noch versteckt, ein paar Wochen nach dem schrecklichen Mord an Jesus. Aber nun haben sie sich von den römischen Soldaten nicht mehr einschüchtern lassen. Ein Sturmwind göttlicher Freiheit erfaßt sie, und sie zelebrieren ein Happening der Völkerverständigung.

Diese ungenehmigte Versammlung ist das Gegenbild zu aufgehetzten, aufgeputschten Volksmengen in Pogromstimmung, wo sich die Stimmung aufschaukelt gegen einzelne, die anders aussehen, glauben oder lieben, als es die Menge für richtig hält, oder die einfach zur falschen Zeit am falschen Ort sind. Hier ertönen keine „Steinigt-sie“-Rufe gegen Frauen, sondern Rufe des Staunens, des Fragens, der Freude. So entsteht Gemeinde. Sie lassen sich taufen, beten und teilen miteinander.

Es ist nicht selbstverständlich, daß Kommunikation gelingt, schon im Deutschen nicht. Noch viel schwieriger ist es, sich über Sprachgrenzen hinweg zu verständigen. Pfingsten ist wirklich ein Wunder – und eine Aufgabe für uns als Christinnen und Christen unseren Dörfern, in dieser Stadt.

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