Beziehungskiste

Predigt Epheser 3/14-21, Sonntag Exaudi (zugleich Jubelkonfirmation) von Pfarrer Johannes Taig

14 Deshalb beuge ich meine Knie vor dem Vater,
15 der der rechte Vater ist über alles, was da Kinder heißt im Himmel und auf Erden,
16 dass er euch Kraft gebe nach dem Reichtum seiner Herrlichkeit, stark zu werden durch seinen Geist an dem inwendigen Menschen,
17 dass Christus durch den Glauben in euren Herzen wohne und ihr in der Liebe eingewurzelt und gegründet seid.
18 So könnt ihr mit allen Heiligen begreifen, welches die Breite und die Länge und die Höhe und die Tiefe ist,
19 auch die Liebe Christi erkennen, die alle Erkenntnis übertrifft, damit ihr erfüllt werdet mit der ganzen Gottesfülle.
20 Dem aber, der überschwänglich tun kann über alles hinaus, was wir bitten oder verstehen, nach der Kraft, die in uns wirkt,
21 dem sei Ehre in der Gemeinde und in Christus Jesus zu aller Zeit, von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.


Liebe Jubilare, liebe Gemeinde,

„Vom Himmelfahrtstag her“, schreibt ein Ausleger, „kennen wir die Geschichte der Jünger, wie sie Lukas erzählt. Wir wissen von dem Nachsehen der Jünger und von ihrem Warten darauf, dass das geschieht, was ihnen Jesus Christus verheißen hat: Das Kommen seines Geistes, das Kommen des Trösters. Es ist eine Zeit wie zwischen Karfreitag und Ostern, eine Zeit des Seins ohne Christus, eine Zeit der Sehnsucht nach ihm oder eine Zeit, in der einem der Glaube an ihn abhandenkommen kann. Es ist eine Zeit, in der der inwendige Mensch eine Stärkung gebrauchen kann, das Wort auch, das in ihm die Sehnsucht wach hält. Vielleicht auch einen, der für ihn betet. Wir kennen solche Zeiten in unserem Leben, Zeiten der Sehnsucht nach einem Zeichen von Gott, Zeiten des Wartens auf eine Stärkung des Glaubens, der Liebe in uns.“ (Dr. Lothar Vosberg, GPM 1/2004, Heft 2, S. 307)

Wer von uns wollte dem Ausleger widersprechen. Jeder kennt solche Zeiten im Leben. Und je älter wir werden, desto gründlicher lernen wir, wie groß oder sagen wir besser wie klein die Wahrheit des Sprichwortes ist, wonach jeder seines eigenen Glückes oder Unglückes Schmied ist. Und so wahr es ist, dass man im Leben immer am besten bei sich selbst anfangen sollte, um etwas zum Guten zu wenden, so wenig wahr ist es, dass wir das in den meisten Fällen auch alleine schaffen. Allem modernen Gerede von der Selbstkompetenz und Selbstverwirklichung des Menschen zum Trotz: Wir leben nun einmal seit unserer Geburt in Beziehungen. Wir sind Beziehungswesen durch und durch vom ersten Schrei bis zum letzten Atemzug. Das Leben ist nun einmal – ob uns das gefällt oder nicht – eine einzige Beziehungskiste.

Wie schwer ist das und wie lange brauchen wir, bis wir das wirklich verstehen? Bis wir verinnerlichen, dass Beziehungen etwas Lebendiges sind, die man im eigentlichen Sinn nur zu lebendigen Wesen haben kann. Dinge soll man benutzen, Menschen und andere lebendige Kreaturen soll man lieben. Unsere Welt und unsere Gesellschaft schaut in vielen Bereichen so gruslig aus, weil es leider sehr viele gibt, die das genau anders herum machen: Menschen benutzen und Dinge lieben. Aber wie tragisch und ungerecht wir das finden mögen: Das schöne Auto und das fette Bankkonto lieben nicht zurück.

Deshalb tun wir nicht nur an einem Jubiläum gut daran, uns zu besinnen, wonach wir in diesem Leben eigentlich suchen. Diese Besinnung kann schmerzlich sein. Sie kann Enttäuschungen wieder fühlbar machen und an verlorene Träume erinnern. Das Dumme ist, dass Beziehungen eben nicht aus Glas sind. Eine Liebe zerbricht nicht, sie ist etwas Lebendiges. Und Lebendiges kann nur sterben, vertrocknen, verwesen, verrotten. „Du erinnerst dich noch an das Magendrehn und hast Angst nochmal so kaputtzugehn“, hat Udo Lindenberg, der dieser Tage 70 wird, in dem Lied „Bitte keine Lovestory“ gesungen. Aber auch er weiß, dass wir alle der Wahrheit trotzdem nicht entkommen, dass das Leben eine einzige Beziehungskiste ist.

Deshalb ist es eigentlich immer an der Zeit, dass der inwendige Mensch eine Stärkung gebrauchen kann, und Worte, die in ihm die Sehnsucht wach halten. Vielleicht auch einen, der für ihn betet. Wir kennen solche Zeiten in unserem Leben, Zeiten der Sehnsucht nach einem Zeichen von Gott, Zeiten des Wartens auf eine Stärkung des Glaubens und der Liebe in uns.

Und da trifft es sich gut, dass kein Geringerer als der Apostel Paulus heute für uns, ja für jeden einzelnen Christenmenschen auf die Knie geht, um für dich und mich zu beten. Das ist schon mal nichts anderes, als eine Geste der Liebe. Jemanden zu haben, der für mich betet und jemanden zu haben, für den man auf die Knie gehen und beten kann, das ist eine Angelegenheit höchster Liebe. Und wir merken an seinem Gebet, das ein einziges großes Loblied ist, dass er dich und mich sehen kann, wie wir uns selbst vielleicht schon lang nicht mehr sehen können. So vieles hat uns im Lauf der Jahre den Blick verstellt dafür, wer wir in Wahrheit sind.

Deshalb sagt gleich die erste Strophe, dass wir Kinder Gottes sind, die einen himmlischen Vater haben. Du bist ein Kind Gottes. Du bist ein Gottesgeschenk. Wenn das keine Liebeserklärung ist! Ja, du bist Asche und Staub. Aber das ist nur die eine Hälfte der Wahrheit. Die andere heißt: Wegen dir hat der himmlische Vater die Welt erschaffen. Wertvoller kannst du für ihn gar nicht sein! Das ist der Grund dafür, warum dein Leben eine einzige Beziehungskiste ist, die im Herzen Gottes begonnen hat und eine Liebesgeschichte ist. Und dann ist Paulus in seinem Gebet gar nicht mehr zu bremsen.

Wir alle wissen, wie eine Liebe einen Menschen zum Blühen bringen kann. Er wächst über sich hinaus. Man kennt ihn gar nicht wieder. Und ganz genauso kann die Liebe Gottes seine Kinder als Christenmenschen zum Blühen bringen und sie über sich hinauswachsen lassen. Auch wenn sie alt und grau werden, kann er ihnen Kraft geben am inwendigen Menschen. Meister Eckhart meinte sogar, dass Christenmenschen mit zunehmenden Alter des Körpers in der Seele immer jünger werden. Sie wachsen wieder ihrem Anfang entgegen. Denn in Gott ist kein Ende, sondern unendliches Beginnen. Meister Eckhart ist der Professor für Theologie und Philosophie, der ein Leben lang den Christus gepredigt hat, der nicht nur im Stall von Bethlehem alle Jahre wieder geboren werden will, sondern der dies nur aus dem einen Grund getan hat: Damit er auch in der Seele und im Herzen eines jeden Menschen geboren werden und dort wohnen kann.

Denn nur so können wir Gott und uns selbst erkennen und begreifen. Glauben ist nicht nur Gefühlssache. Der Verstand darf schon mit, wenn es um die Breite und die Länge und die Höhe und die Tiefe Gottes geht. Und da fällt sofort auf, dass die Liebe Gottes nicht drei, sondern vier Dimensionen hat. Nicht nur Länge, Breite und Höhe, sondern auch Tiefe.

Je älter ich werde, desto weniger kann ich all die verstehen, die mit dem Kruzifix Probleme haben und meinen, das mit dem Kreuzestod des Christus sei nicht nur überflüssig, sondern auch schrecklich und zumindest für Kinder schädlich. Dabei wissen wir doch alle, dass wahre Liebe nicht aufgibt, auch wenn sie vielleicht unerfüllt bleibt und mit Entbehrungen und Schmerzen und Leiden verbunden ist. Was ist eine Liebe wert, die nur lebt, solange es Spaß macht? Und was hilft mir ein Christus, der fröhlich in seiner himmlischen Herrlichkeit sitzt, während ich durch die Hölle muss? Eben! Das meint die Tiefe der Liebe Christi, dass ich auch dort nicht alleine bin oder gottverlassen und beziehungslos.

Dieser Tage schrieb mir nachdenklich ein Freund selbstkritisch über unsere Kirche: „Wer platt in erster Linie das eigene Tun, Machen und aktive Gestalten kommuniziert, exkommuniziert damit schon sprachlich jene, über die gerade eine Zeit des Erleidens, der Kontemplation, der Klagepsalmen oder des bloßen Aushaltens hereingebrochen ist. In solchen Einbrüchen indes verbirgt sich mit Vorliebe der Ruf des dreieinigen Gottes ins Leben.“

Ja, wann haben wir das vergessen? Denn auch daran erinnert uns der Apostel Paulus, dass wir unserem Schöpfer doch gar nichts zu geben haben, was er uns nicht zuvor geschenkt hat. Daher ist der Appell an unsere Anstrengung in der Kirche meistens fehl am Platz. Die Autoritätsform der frohen Botschaft ist die Bitte. Deshalb betet Paulus heute für uns, dass Gott uns so reichlich beschenkt, dass wir gar nicht anders können, als diese Geschenke im Glauben auszupacken und uns an ihnen zu erfreuen. Denn mit dem Glauben ist es ja nicht viel anders, als mit einem guten Witz. In dem Moment wo wir ihn hören und verstehen, überlegen wir nicht erst, ob wir lachen sollen. Und wenn uns jemand freundlich und liebevoll anlächelt, was machen wir dann? Eben!

Predigt zum Hören (folgt)

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