Himmelfahrt verstehen

Ihr Lieben,

Himmelfahrt ist das logischste Fest der Christenheit. Es ist der Beweis, dass Glaube und Vernunft sich nicht ausschließen, wie man uns immer mal wieder einzureden versucht, sondern dass sie ziemlich gut miteinander bestehen können und auch sehr interessante Verbindungen eingehen können.

Vielleicht denkt Ihr jetzt, der will uns auf den Arm nehmen. Himmelfahrt, das ist doch die Geschichte zu einem Fest, die von allen am schwersten zu glauben ist. Weihnachten, die Geburt Jesu – ja, dass Jesus gelebt hat ist als historische Tatsache kaum bestreitbar. Also wird er auch geboren worden sein. Ob das nun unbedingt in Bethlehem war oder ob Jesus nicht doch eigentlich aus Nazareth stammt, ob seine Mutter wirklich Jungfrau war, darüber kann man ja  streiten, aber dass er irgendwann um das Jahr 0 unserer Zeitrechnung in Palästina geboren wurde, daran gibt es kaum vernünftigen Zweifel.

Und wenn jemand geboren ist, dann muss er auch sterben. Das hätte vielleicht nicht unbedingt am Kreuz sein müssen, vielleicht hätte er auch alt und lebenssatt nach einem erfüllten Leben sterben können – wir hätten es diesem außergewöhnlichen Menschen sicherlich gewünscht, aber das war ihm nicht vergönnt, er wurde stattdessen zum Passahfest am Kreuz hingerichtet.

Selbst Ostern als Fest der Auferweckung hat noch einiges an Plausibilität. Viele Menschen haben immer wieder die Ostererfahrung gemacht, dass das wie Jesus Gott verkörpert hat nicht tot geblieben ist, dass Gott diesem Jesus Leben zugesprochen hat.

Das kleinste der Feste ist sicherlich Pfingsten (da sind bekanntlich die Geschenke am geringsten) aber auch dem können wir, als dem Geburtstag der Kirche, doch einiges an Sinn abgewinnen. Schließlich gibt es diese Kirche auch nach 2000 Jahren noch. Sicher, hatte sie hierzulande auch schon mal mehr Mitglieder, aber wir können uns heute hier ohne Furcht als Christen versammeln, singen, feiern unsern Glauben bekennen, etwas das vielen Geschwistern in nicht wenigen Ländern nicht so einfach vergönnt ist. Immer wieder hören wir von Christenverfolgungen, von Untergrundkirchen, nicht nur in manchen muslimischen Ländern, sondern auch in Ländern wie China oder Nordkorea. Aber selbst dort, selbst unter den widrigsten Umständen ist die Kirche Jesu Christi noch da. An Pfingsten, dem Geburtstag der Kirche, muss also doch was dran sein.

Aber Himmelfahrt, das ist doch nun eine zu merkwürdige Geschichte. Auf einer Wolke in den Himmel gefahren, was für ein Kinderglaube ist das denn? Nein, mit Himmelfahrt können wir kaum noch etwas anfangen. Das ist ein Relikt aus einer Zeit, die die naturwissenschaftliche Aufklärung noch nicht kannte.

Ich will das alles gar nicht bestreiten, aber ich will Euch eine andere Perspektive anbieten. In der kann man zeigen, dass Himmelfahrt das logischste dieser 4 Feste ist. Alle anderen Feste sind eigentlich ziemlich zufällig.

Sicher musste Jesus irgendwo geboren sein, wenn er ein Mensch war, wie wir ja im Glaubensbekenntnis bekennen. Aber ob das nun in Bethlehem, Nazareth, in einem Stall oder einem Haus stattfand, das scheint doch sehr zufällig. Unsere Geburt ist etwas, das wir nicht beeinflussen können, aber wenn wir geboren sind, dann können wir das nicht mehr ändern. Die Geburt bleibt also für uns Menschen zumindest ein Zufall, zumal damals, als es die technischen Möglichkeiten der pränatalen Medizin noch nicht gab.

Ähnlich ist es mit dem Tod. Auch den Zeitpunkt unseres Todes kennen wir nicht. Was, wenn Pilatus Jesus doch nicht zum Tode verurteilt hätte, sondern zu 5 Jahren Gefängnis wegen Beleidigung eines Staatsoberhauptes? Oder das Volk hätte sich nicht für Barabas sondern für Jesus entschieden und seine Freilassung gefordert? Vielleicht ist dieser Tod nicht wirklich ein Zufall, denn es gab viele, denen Jesus ein Dorn im Auge war, aber zwingend notwendig ist dieser Tod nicht.

Ostern ist ein Fest, das für uns Christen überzeugend ist. Wir haben erfahren, dass das wofür Jesus mit seinem ganzen Leben einstand nicht im Tod geblieben ist, dass es größer ist als der Tod, dass Gott selbst sich zu diesem Jesus und seinem Leben bekannt hat. Früher konnte man diese Erfahrung am besten dadurch ausdrücken, dass man sagte, Gott selbst hat Jesus von den Toten auferweckt, sein Grab war leer, er wandelte wieder unter den Menschen auch wenn selbst seine Freunde ihn nicht erkannten. Schon damals hatten aber viele auch Schwierigkeiten mit dieser Erklärung. Selbst manche seiner engsten Freunde wollten sie nicht glauben, wie wir von Thomas wissen. Und Paulus spielt wohl nicht zuletzt darauf an, wenn er sagt, dass dieser Glaube den Heiden wie eine Torheit erscheint.

Dass diese Überzeugung, dass das wofür Jesus stand, Leben hat, selbst wieder Menschen beflügelte, sie tröstete und ihnen die Kraft verlieh, von ihren Erfahrungen zu berichten, ist vielleicht das erstaunlichste Fest. Wer hätte das denken können, dass diese kleine Schar solche Auswirkungen haben konnte, dass die Freunde Jesu auf dem ganzen Globus Gemeinden gegründet haben und sich noch immer von ihm inspirieren lassen. Pfingsten also, ist vielleicht das unwahrscheinlichste aller dieser Feste.

Himmelfahrt dagegen ist logisch nahezu zwingend. Denn wenn man alle diese doch eher zufälligen oder unwahrscheinlichen Feste zusammensieht, dann wird ganz schnell klar, dass ein Bindeglied fehlt. Wenn Jesus geboren, gestorben, auferstanden ist von den Toten dann müsste er ja noch immer hier unter uns leben, wenn er nicht doch gestorben und endgültig begraben ist. In manchen muslimischen Traditionen wird auch tatsächlich davon berichtet, dass Jesus nach seinem Scheintod nach Indien ausgewandert sei und dann dort Jahre später unerkannt gestorben sei. Das war für die altkirchlichen Konzilien aber eine inakzeptable Lehre. Wenn Jesus aber gestorben war und auferweckt wurde und dennoch nicht mehr physisch unter uns weilt, dann muss er zwangsläufig auf andere Weise von der Erde entrückt worden sein. Das ist die einzig logische Erklärung. Man kann es da mit Sherlock Holmes halten, wenn alles Unmögliche ausgeschlossen wurde, dann muss das was übrig bleibt, so unwahrscheinlich es auch ist, die Wahrheit sein.

Sicher muss man nicht alle Voraussetzungen für diesen logischen Schluß teilen. Aber wenn man es tut, dann ist eine Himmelfahrt die einzig mögliche Konsequenz, so unwahrscheinlich sie auch ist.

Müssen wir deshalb an die Himmelfahrt glauben, von der uns die Apostelgeschichte erzählt, mit  Wolken und Männern in weiß? Das ist nicht nötig. Es ist dann nicht nötig, wenn wir die Erfahrung, dass Jesus mit allem wofür er einstand, nicht ein für alle Mal gestorben und begraben ist, sondern dass es Leben hat und eine Zukunft, wenn wir diese Erfahrung nicht mehr so ausdrücken müssen, dass in den toten Körper des Mannes von Nazareth wieder Leben eingehaucht wurde und er leibhaftig unter seinen Zeitgenossen wandelte. Für die Menschen damals war das eine nicht unplausible Erklärung, sie konnten so ihre Erfahrungen mit dem lebendigen Jesus gut ausdrücken. Für uns sind sie vielleicht eher befremdlich und wir denken dabei an Zombi-Serien, die ja zuhauf unser Fernsehprogramm bereichern. Wir können unsere Erfahrungen mit dem lebendigen Jesus anders ausdrücken, als dass wir ihn uns als wiedererweckten Toten vorstellen müssen. Insofern können wir heute Himmelfahrt verstehen. Wir verstehen, welchen Sinn es damals hatte, dass es ein nahezu zwingend logisches Fest war. Wir können in seinen Sinn einstimmen. Den Sinn, dass Jesu Leben untrennbar mit Gott verbunden bleibt, weit über seinen Tod hinaus. So fühlen wir uns verbunden mit unseren Altvorderen, wir stimmen mit ihnen überein in dem, was sie mit Himmelfahrt ausdrücken wollten und müssen doch nicht mehr an eine Wolke glauben, auf der Jesus gen Himmel fuhr.

Amen.

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