Zwischen Himmel und Erde ist ein Riss

Predigt Auffahrt 2016

 

Liebe Gemeinde!

 

„Es gibt mehr Dinge zwischen Himmel und Erde, als unser Schulweisheit sich träumen lässt.“

 

Vielleicht haben habe nicht nur ich Teile dieses Satzes schon einmal gesagt.

 

Es gibt die Welt, die wir sehen, die reale Welt.

Und es gibt – ja, wie würdet ihr es formulieren?

 

Etwas darüber hinaus?

Dinge, die wir nicht sehen können, die aber trotzdem da sind.

 

Manchmal gelingt es der Wissenschaft dann, solche Dinge sogar zu beweisen.

Haben Generationen vor uns noch über die Vorstellung vom schwarzen Loch im Universum gelacht, oder sie vielleicht gar nicht gehabt,

so kann ich heute sogar am Computer Tante Google Fragen und schon kann ich Bilder dazu sehen.

 

Und trotzdem, egal wie weit die Wissenschaft kommt, es gibt immer noch ungelöste Fragen. Wird sie immer geben.

Immer wird es Dinge geben, die über unser Vorstellungsvermögen und auch über unsere Erfahrung hinausgehen.

 

Und in dieser Sphäre bewegen wir uns natürlich auch im Bereich des Glaubens.

Denn das es einen Gott gibt, dass wird der Mensch wohl niemals beweisen können.

Genauso wenig, wie es richtig ist zu behaupten, man könne beweisen, dass es ihn nicht gibt. Denn auch Atheismus ist letztendlich eine Glaubensentscheidung.

Ich entscheide mich dazu nicht zu glauben.

Diese Freiheit haben wir, doch damit ist noch keine Form einer objektiven Wahrheit erreicht, auch wenn manche Menschen uns dies versuchen weis zu machen.

 

 

„Es gibt mehr Dinge zwischen Himmel und Erde, als unser Schulweisheit sich träumen lässt.“

 

Dabei gibt es wohl Menschen, die haben eine Auge, oder auch einen besonderen Fühler für Dinge, die sich ausserhalb der realen Welt bewegen.

 

Das was wir wohl alle kennen ist das Gefühl der Sehnsucht.

Und ich glaube, dass dieses Gefühl immer auch ein Ausdruck dafür ist, das unsere Welt nicht vollkommen ist.

 

 

Jeder Mensch erlebt dieses Gefühl in seinem Leben.

Hat Sehnsucht nach etwas.

Der eine hat Fernweh, der andere sehnt sich nach seiner Familie, oder seinem Partner.

Manchmal erleben wir das Gefühl der Sehnsucht auch ohne, dass sie an etwas gebunden ist. Mir zumindest geht das so.

Es ist schwer das in Wort zu fassen.

Ein Gefühl, das auftreten kann beim Betrachten von schöner Natur, oder auch in der Stille.

 

Genauso wie man auch ein Gefühl von Verbundenheit erleben kann. Von aufgehoben sein.

 

 

Können wir von unseren Gefühlen, von unserer Erfahrung her auf Gott schliessen?

Versuche dazu gibt es immer wieder.

Verschiedene Theologien versuchen zu beschreiben, wie der Mensch eben einen Ankerpunkt in sich hat, an dem er mit Gott verbunden ist.

 

Schleiermacher nennt es im 18/19 Jahrhundert das „Gefühl der Schlechthinnigen Abhängigkeit“.

 

Das ist eine uns sehr fremde Beschreibung. Ausdruck auch ihrer Zeit.

Und doch finde ich es eine treffende Beschreibung.

Denn, wenn ich es nicht mit negativen Geschmäckle betrachte, ist es vielleicht gar keine so schlechte Beschreibung.

Ein anderes Wort für Sehnsucht.

 

 

Der dänische Philosoph Kirkegaard, versucht es über das Gefühl der Angst.

Das ist sehr schräg, und gerade darum auch so faszinierend.

 

Indem er die ganz verschiedenen Dimensionen der Angst auffächert wird sie letztendlich auch die Triebfeder um eine Verbindung zu Gott zu erhalten.

Es gibt die Angst vor dem Bösen, aber auch vor dem Guten, sagt Kirkegaard.

Es gibt die Angst zu versagen, es gibt die Angst vor Schuld.

Wer sich aber traut, diese Angst „auszuhalten“ kann damit in einem positiven Sinne die Endlichkeit der Welt entlarven.

Wer zu seiner eigenen Fehlerhaftigkeit und Unvollkommenheit stehen kann, wer auch glauben kann wie destruktiv der Mensch sein kann, der ist für Kirkegaardt ein wahrhaft freier Mensch.

Weil eben nur der Glaube den Menschen befähigen kann seinen Leben in verantwortungsvollem Umgang mit der Angst zu leben.

 

Gefühle als Verbindungspunkte zwischen Mensch und Gott.

Sehnsucht.

Das Gefühl der schlechhinnigen Verbundeneit.

Das Gefühl der Angst.

 

Und neuere Theologien versuchen es über die Gefühle von Liebe und Vertrauen.

 

So definiert der Theologe Wilfried Härle  Gott als Liebe. Und so ist der Mensch eben auch nur fähig zu lieben, weil er diese Gabe von Gott her hat.

 

Das ist einleuchtend. Führt aber dazu, dass  wir mit zu rosaroter Brille hilflos werden, wenn wir Dingen begegnen, die mit Liebe nichts zu tun haben.

 

 

Das ist Theologie treiben.

Eine Verbindung suchen, zwischen Himmel und Erde.

 

Über die ganze Zeit, zu allen Orten, haben Menschen das immer wieder getan.

Sehr eindrücklich habe ich das am Dienstag mit der KUW 4 Klasse noch einmal im Bibel und Orientmuseum gesehen.

Schon vor über 4000 Jahren – und länger – haben Menschen sich ihre Vorstellungen von Gott, damals von ihren Göttern gemacht. Und viele davon begegnen uns immer wieder in allen Religionen, in verschieden Formen.

 

Ein Verbindung suchen zwischen Himmel und Erde.

Scheinbar ein urmenschliches Bedürfnis.

 

 

Und das Ereignis der Auffahrt spielt genau hinein in dies Gemengelage.

 

 

4) Als Jesus wieder einmal bei ihnen war und mit ihnen aß, schärfte er ihnen ein: »Bleibt in Jerusalem und wartet auf den Geist, den mein Vater versprochen hat.«

8) Denn ihr werdet mit dem Heiligen Geist erfüllt werden, und dieser Geist wird euch die Kraft geben, überall als meine Zeugen aufzutreten: in Jerusalem, in ganz Judäa und Samarien und bis ans äußerste Ende der Erde.«

9) Während er das sagte, wurde er vor ihren Augen emporgehoben. Eine Wolke nahm ihn auf, sodass sie ihn nicht mehr sehen konnten.

10) Als sie noch wie gebannt nach oben starrten und hinter ihm hersahen, standen plötzlich zwei weiß gekleidete Männer neben ihnen.

11) »Ihr Galiläer«, sagten sie, »warum steht ihr hier und starrt nach oben? Dieser Jesus, der von euch weg in den Himmel aufgenommen wurde, wird auf dieselbe Weise wiederkommen, wie ihr ihn habt weggehen sehen!«

 

 

„Was steht ihr da uns starrt in den Himmel!“

 

Das ist der Satz an dem ich dieses Jahr hängen geblieben bin.

Und ich muss schmunzeln.

 

Denn, egal wie wir uns drehen und wenden, wir kommen nicht weiter.

 

Es gibt den Himmel, an den wir glauben,

den Ort, von dem die Bibel uns erzählt es sei der Ort, in den Jesu aufgefahren sei, wo er nun zur rechten Gottes sitzt.

Es ist der Ort, wo wir hoffen auch einmal hin zu gelangen, wenn wir, am Ende unseres Lebens eingehen in die Ewigkeit.

 

Der Himmel, das ist der Ort, von dem es heisst: „Gott wird abwischen alle Tränen, und es wird kein Leid, keine Geschrei und kein Schmerz mehr sein.“

 

Und das sind wunderbare Hoffnungen, die uns da geschenkt werden.

 

Und doch, wir sind hier. In der Welt, im realen Leben.

Im Hier und Jetzt – nicht in der Ewigkeit.

 

„Was steht ihr da uns starrt in den Himmel!“

 

Was also soll es uns nützen, wenn wir uns wegträumen in eine ferne Realität, die wir nicht sehen, nicht haben, die mit unserem Leben im hier und jetzt nichts zu tun hat?

 

 

Ist das so?

 

Das Gedicht vom Anfang des Gottesdienstes hat von einem Riss gesprochen.

 

Zwischen Himmel und Erde ist ein Riß
Mitten in dieser Welt, doch nicht von dieser Welt
Wir gehören zu dir und doch sind wir noch hier.

(Quelle: http://www.songtexte.com/songtext/feiert-jesus/zwischen-himmel-und-erde-7b89bab8.html)

 

Das ist eine Formulierung mit der ich viel anfangen kann.

 

Denn das ist auch ein Gefühl das wir alle kennen.

Das Gefühl der inneren Zerrissenheit.

 

Wir wollen glauben, und können doch nicht.

Wir wollen vertrauen, doch die alten Verletzungen sind zu stark.

Wir wollen und festhalten, doch finden kein Halteseil.

 

 

Auf der Wolke wird Jesus vor den Jüngern emporgehoben in den Himmel.

Und damit Jesus aufsteigen kann in den Himmel, muss es ihn doch wirklich geben, diesen Riss, oder?

 

 

Wenn Gott jemanden in den Himmel aufnehmen will, so muss er ihn auftun.

Und das hat er getan.

 

Und dank Jesus ist dieser Riss bis heute hin offen.

 

Gott hat nämlich nicht einfach den Himmel wieder verschlossen, sondern er hat ihn offen gehalten.

Hält ihn auch heute noch offen.

 

Es ist ein Riss zwischen Zeit und Ewigkeit. Nicht eine Wand, keine Mauer.

Es gibt Durchlässigkeit.

 

Um das auszudrücken kann ich ein Bild malen von Jesus, wie er in den Himmel auffährt.

Und wenn Kinder Gott malen, so malen sie ihn auch oft auf der Wolke, von der er herabschaut.

 

Manchmal wünschte auch ich mir,

das dieser blöde Riss zwischen Himmel und Erde grösser wäre.

 

Das wir den Kopf schon mal ganz rüber recken könnten in die Ewigkeit.

Einfach um zu wissen: da ist alles wirklich so, wie es versprochen ist.

 

„Was steht ihr da uns starrt in den Himmel!“

 

Das ist auch die Aufforderung uns nicht nur an dem auszurichten was den einst und irgendwann sein könnte.

Das ist auch die Aufforderung sich nicht an dem festzuhalten, was wir nicht loslassen wollen.

 

Es ist nicht die Zukunft, es ist nicht die Vergangenheit in der wir leben.

 

Es ist das hier uns jetzt.

 

Und damit wir in der Lage sind, in diesem hier und jetzt zu leben, darum schickt Gott uns sein Geist.

Legt ein Band von der Erde in den Himmel,

das uns immer wieder aufrichtet.

 

Denn ihr werdet mit dem Heiligen Geist erfüllt werden, und dieser Geist wird euch die Kraft geben.

 

 

Es geht um die Kraft, die wir nötig haben für unser Leben.

Und es geht auch um die Liebe, das Vertrauen das Gott in uns legt, damit wir es in die Welt tragen.

In die Welt, die uns nötig hat.

 

Das Leben liegt vor uns. Wir sind untereinander verbunden.

Und wir sind verbunden mit Gott,

der seinen Segen und seinen Geist auf uns nieder schickt.

 

Damit wir verantwortungsvoll und mit Hoffnung für und in dieser Welt leben können.

 

Und wir treten in diesen Riss mit dir, Gott

Du machst Himmel und Erde einmal neu
Denn dein Reich ist schon da und du bist treu

 

Und der Friede Gottes, der Höher ist als all unsere Vernunft, der bewahre unser Herzen und Sinne in Jesus Christus.

Der da war, der da ist, und der wiederkommt.

AMEN

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