Versuch es doch einfach…

Ihm war es peinlich, dabei beobachtet zu werden. Er dachte, seine Freunde könnten es peinlich finden, uncool, wie sie es freundlich ausdrückten. Und er sah schon vor sich, wie sie tuschelten, darüber redeten und sich lustig machten. Guck mal der Spinner….

Er tat es aber dennoch. Im Stillen und für sich, er faltete die Hände, schloss die Augen, manchmal in den Bankreihen einer Kirche oder zu Hause, wenn er für sich allein war, in seinem Zimmer, verborgen auch vor den Blicken seiner Eltern und …. betete.

Er legte einfach los, erzählte alles, was ihm durch den Kopf ging oder was ihn beschäftigte, er schimpfte und beklagte sich, er schmunzelte und amüsierte sich, er freute sich und hoffte, er dachte an Alltägliches und Privates, wie die Mathearbeit am nächsten Morgen oder das Spiel seiner Mannschaft am Wochenende, oder spürte der Angst vor dem Leben und der Zukunft nach, die junge Leute so manches Mal haben, wenn sie das ganze Leben noch vor sich wissen und mit den Gefahren und Konflikten in der Welt nicht so richtig umgehen können.

Manchmal schweiften seine Gedanken ab und er wusste gar nicht mehr so genau, ob er jetzt betete oder einfach nur „nachdachte“, aber eigentlich war es ihm egal, weil es ihm gut tat und er diese Zeiten brauchte. Ihm war dann leichter um das Herz, er sah manchmal klarer, konnte Entscheidungen treffen, machte sich nicht mehr so große Sorgen und hatte auch das Gefühl, nicht so allein und hilflos in diesem Leben und dieser Welt unterwegs zu sein. Er fand es überhaupt nicht uncool, für ihn war es das Selbstverständlichste von der Welt.

Und vor allem bekam er keine klugen Ratschläge, keine erhobenen Zeigefinger, keine rollenden Augen als Antwort und wusste, alles bleibt ganz vertraulich und ganz privat.

Ob seine Beten etwas verändert?

Das hatten sie ihn schon einmal gefragt und ihm war nicht wirklich eine „Gebetserhörung“ eingefallen, mit der er hätte seine Kritiker beeindrucken können. Aber er wusste, dass es ihn verändert, und damit sein Denken und sein Handeln. Und damit veränderte es auch die Welt.

Und was heißt schon Erhörung…. Manche denken, Gott müsse alle Wünsche erfüllen. Ihm reichte es zu spüren, dass ihm einer zuhörte – ohne dumme Bemerkungen und Blicke. Ihm reichte das Gefühl Verständnis zu finden. Deshalb betete er, egal, was die anderen davon hielten. Manchmal auch nur ein Vater unser, aber meist, wie es ihm gerade durch den Kopf ging, frei von der Leber.

Und wie ist es bei Ihnen?

„Die Not lehrt beten“ haben die Alten gesagt und auch wer das nicht mehr behauptet oder darüber als moderner und aufgeklärter Mensch lächelt, schickt dennoch sein Stoßgebet zum Himmel, wenn es darauf ankommt: kurz bevor der Brief mit der Antwort auf die Bewerbung geöffnet wird oder in der Zeit im Wartezimmer des Hausarztes, der angekündigt hat, die Untersuchungsergebnisse jetzt vorliegen zu haben…

Man weiß ja nicht, wofür es gut ist, oder schaden tut es ja auch nichts, so ein Gebet. Und es kostet nichts, ist in dem Sinne tatsächlich umsonst, und vielleicht ja doch nicht vergeblich.

In manchen Familien gehört das Gebet noch zum festen Ritual: „Komm, Herr Jesus, sei du unser Gast und segne, was du uns bescheret hast.“

Oder Luthers Morgensegen: „Ich danke dir, mein himmlischer Vater, durch Jesus Christus, deinen lieben Sohn, dass du mich diese Nacht vor allem Schaden und Gefahr behütet hast, und bitte dich, du wollest mich diesen Tag auch behüten vor Sünden und allem Übel, dass dir all mein Tun und Leben gefalle. Denn ich befehle mich, meinen Leib und Seele und alles in deine Hände. Dein heiliger Engel sei mit mir, dass der böse Feind keine Macht an mir finde.“

Viele Gottesdienstbesucher am Sonntag morgen bleiben beim Eintreffen in der Kirche an ihrem Platz in den Reihen erst einen Augenblick stehen und sprechen ein kurzes Gebet oder verharren zumindest einen Moment schweigend und in sich gekehrt.

Was wäre der Gottesdienst ohne Gebet…

Sicher, der Pfarrer spricht oft nicht mit eigenen Worten, aber dafür Gebete, die womöglich so in diesem Augenblick woanders auch gesprochen werden. Ich finde diesen Gedanken ebenso tröstlich, wie die Gewissheit , dass ein Band an Gebeten diese Welt umspannt und sie zusammenhält.Im Gottesdienst wird mir geholfen, mit Gott in Kontakt zu kommen. Ich bin mit meiner Hilflosigkeit, Gefühle, Gedanken, Sorgen oder Freude in Worte zu kleiden, nicht allein, ich stehe in einer großen Gemeinschaft in Zeit und Raum, in der Nachfolge meiner Vorfahren und in der einen Welt und darf mir deren Worte ausborgen, als wären es meine eigenen.

Ich bin aber nicht nur mit Menschen konkret verbunden, weil ich mit ihnen oder mit ihren Worte beten, sondern auch, weil ich für sie bete.

Es ist leicht, Vergeltung zu fordern für das, was andere mit angetan haben. Es ist üblich auf die kleinen Bosheiten und Verletzungen des Alltags mit Ärger und Zorn, mit Verachtung und manchmal auch mit ein klein wenig Vergeltung zu antworten, denn Strafe muss doch bekannterweise sein. Ich kann aber auch für die, die mir nicht wohlgesonnen sind, und die mir nicht guttun, die mir nicht Gutes tun, beten und mich so in Beziehung zu ihnen setzen, in dem ich sie zu meinem Anliegen vor Gott mache und ihm überlasse, mein Anwalt ihnen gegenüber zu sein.

Menschen, die füreinander beten, werden nicht aufeinander einschlagen. Völker, die füreinander beten, oder die reiche Welt, die sich der armen Welt erbarmt, werden den Worten zu Gott und vor Gott hoffentlich auch Taten folgen lassen.

Eine Kirche, die die Trauernden Gott anbefiehlt, wird den Traurigen einen Ort zum Weinen gewähren,

eine Kirche, die sich vom Schicksal der Menschen in Not und auf Flucht berühren lässt, wird die Hand nicht vor den Bittenden zur Faust verschließen.

Ich kann, mit Bonhoeffer gesprochen, Beten und Tun des Gerechten nicht voneinander trennen.

Wer betet, kann auch Klartext reden…

Beten wir für die, die für uns und unsere Gesellschaft Verantwortung tragen, lassen wir sie nicht allein, sondern nehmen Anteil an ihrer Aufgabe und ihrem Amt für Frieden und Gerechtigkeit, aber auch Sicherheit und Ordnung zu sorgen. Wir können aber auch unser Unverständnis und unsere Kritik auf ganz anderer Ebene, vor einer himmlischen Instanz konstruktiv und konkret aussprechen und erinnern so zugleich  Regierende und Regierte an die Verantwortung vor Gott, der sich keiner wird entziehen können.

Die Friedensgebete in der Wendezeit waren eine starke und gewaltfreie Form der Regierungs- und Regimekritik, aber ganz anders als der Zorn vieler sogenannter Wutbürger heute auf der Straße.

„Für die Obrigkeit beten“ heißt, nicht obrigkeitshörig werden und sich gleich und genehm machen mit den Mächtigen, sondern durch Beten und Tun des Gerechten die Verhältnisse zum Guten zu verändern.

Und nicht zuletzt verändert Gebet die eigene Haltung und die eigene Wahrnehmung. Ich komme vom Bitten und Klagen zum Danken. Ich entdecke nicht nur, was mir fehlt, sondern auch, was mir geschenkt ist, was ich längst besitze, oft nicht verdient, aber anvertraut und zugefallen.

Und wer beten nie gelernt hat, muss sich nicht schämen. Es braucht dafür kein Diplom, sondern lediglich ein Herz und den Mut, es zu wagen. Die Jünger waren sich nicht zu schade, Jesus zu bitten: HERR, lehre uns beten. Der Apostel fasst sich ein Herz und traut uns zu: dass man vor allen Dingen tue Bitte, Gebet, Fürbitte und Danksagung für alle Menschen, für die Könige und für alle Obrigkeit, damit wir ein ruhiges und stilles Leben führen können in aller Frömmigkeit und Ehrbarkeit.

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